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Für viele Pferde heisst es am Zoll warten.
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Ärger über verschärfte Zollkontrollen

07.02.2017 11:53
von  Angelika Nido Wälty //

Wer seit Beginn des Jahres ein Pferd privat oder gewerblich über den Basler Grenzübergang Weil am Rhein importieren will, sieht sich offenbar mit drastisch verschärften Zollkontrollen konfrontiert. Zahlreiche Betroffene berichteten der «PferdeWoche» von einer überbordenden Behördenbürokratie, die an Schikane grenze und von Pferden, die stundenlang in ihren Transportern am Zoll stehen mussten. Doch gibt es erste Anzeichen, dass sich die Situation demnächst beruhigen dürfte.


Der Andrang an den Schweizer Grenzen ist zurzeit gross: Seit dem 1. Januar stehen für den privaten und den gewerblichen Import von Pferden wieder 3000 Kontingente zur Verfügung (eine zweite Tranche von 822 Kontingenten wird am 1. Oktober ausgegeben). Mehr als ein Viertel ist bereits weg: Bis am 6. Februar wurden 766 Pferde importiert. Der Grossteil davon kommt über den schweizerisch-deutschen Grenz­übergang Weil am Rhein bei Basel, der unmittelbar an der Autobahn liegt. Einerseits aus geographischen Gründen: Die meis­ten ausländischen Pferde werden aus dem Norden importiert, kommen also aus Deutschland, Holland, Belgien, Irland usw. Anderseits hat die Firma Interfracht Speditions AG, die 2012 die Pferdespedition von Hans Brändlin übernahm, Büros im Zollgebäude in Weil am Rhein. Die meisten gewerblichen Pferdehändler, aber auch zahlreiche Privatpersonen, wickeln die komplizierten Zollformalitäten über den Schweizer Marktführer ab.

Die Beschwerden häufen sich

Im Grossen und Ganzen war der Pferdeimport in Weil am Rhein in den vergangenen Jahren ein gut eingespielter Prozess. «Wir haben stets sehr gut zusammengearbeitet», sagt Daniel Hägler, Leiter der Division Pferdeverzollungen der Interfracht. Das hat sich offenbar ab 1. Januar 2017 drastisch geändert. «Seither scheint die Bürokratie etwas zu überborden und die Beschwerden häufen sich», sagt Beat Hodler, Präsident des Verbandes Schweizer Pferdeimporteure VSP. Rolf Tschudi, Leiter der Zollstelle Weil am Rhein, bestätigt auf Anfrage der «PferdeWoche», dass zurzeit bei den Kontrollen genauer hingeschaut werde, vor allem in Fällen, bei denen Ungereimtheiten vorliegen. «Es haben sich aber auch Praktiken etabliert, die nicht mit den geltenden Zollbestimmungen konform sind», erklärt Tschudi. Zahlreiche Betroffene berichten jedoch von einer Situation, die «aus dem Ruder gelaufen ist», von «schikanösen Kontrollen», «Verhältnisblödsinn» und Zöllnern, die «komplett den Bezug zur Realität verloren haben» sowie von Pferden, die stundenlang in ihren Transportern am Zoll stehen, während die Beamten immer noch mehr Dokumente, Nachweise und Belege einfordern würden. «Mir sind offiziell nur vier Pferde bekannt, die in den letzten Wochen länger warten mussten und dafür gab es berechtigte Gründe», relativiert Rolf Tschudi. Man habe nicht die Absicht, die Pferde unnötig lange am Zoll festzuhalten, sondern könne allenfalls fehlende Unterlagen auch nachträglich noch einreichen. Dies bekräftigte der Zollstellenleiter auch in einem Gespräch mit VSP-Präsident Beat Hodler.

Lange Wartezeiten und Beamtenwillkür

Die Unzufriedenheit der privaten und gewerblichen Pferdeimporteure beschränkt sich jedoch nicht auf einige Einzelfälle, wie nur schon die zahlreichen Beispiele zeigen, die der «PferdeWoche» vorliegen.
So stand zum Beispiel Peter Scotton, Vizepräsident und Finanzchef von Galopp Schweiz, mit zwei Jährlingen während zweieinhalb Stunden am Zoll: «Man liess mich nicht über die Grenze, weil man mir nicht glaubte, dass die Pferde mir gehören.» Die Fohlen hatte er aus seinen Zuchtstuten gezogen, die in Deutschland stehen. «Natürlich kann ich dafür keine Bankbelege vorlegen, oder hätte ich mir meine Fohlen selber verkaufen sollen?», ärgert sich Scotton.

Daniel Hägler (Interfracht) begleitet einen Groom bei der Einreise in die Schweiz.

Auch den Wert der Jährlinge, den er deklariert hatte, sei von den Zollbeamten angezweifelt und neu festgelegt worden. Denn sie hatten im Internet den Vater der Jungpferde ausgemacht: den vierfachen Gruppe-I-Sieger Soldier Hollow, der in seiner Laufbahn weit über eine Million Euro gewonnen hatte. «Dabei weiss jeder, der mit Pferden zu tun hat, dass eine gute Abstammung noch kein Garant für Erfolg ist», sagt Peter Scotton, der die fehlende Sachkenntnis am Zoll bemängelt und eindringlich für klare Regelungen und das Festsetzen von Mindestpreisen plädiert: «Damit könnten manche unschöne Situationen am Zoll vermieden werden.» Davon erlebte er im Januar gleich mehrere. So hatte es auch ein «Riesentheater» am Zoll gegeben, als er seinen ehemaligen Steepler Melcastle als Reitpferd für sich aus Frankreich in die Schweiz bringen wollte. Der Schimmel gewann in seiner Laufbahn über eine halbe Million Euro, was man am Zoll ebenfalls rasch herausfand. Aber die Zöllner wollten erst nicht berücksichtigen, dass Melcastle inzwischen elfjährig und nicht mehr aktiv ist. «Erst nach langen Diskussionen glaubte man mir, dass das Pferd heute nicht mehr den gleichen Wert hat», sagt Peter Scotton, der für die gegenwärtige Situation kein Verständnis aufbringt.
Das tut auch Renata Fuchs nicht. Die Ehefrau von Pferdehändler und Meis­tertrainer Thomas ärgert sich ausserdem über den vorherrschenden Tonfall. Sie wollte ein nach eigenen Angaben «richtig teures» Springpferd in die Schweiz importieren und obwohl sie die Rechnung und den entsprechenden Zahlungsnachweis vorlegte, beharrte man am Zoll darauf, dass das Pferd noch mehr Wert habe, als angegeben. «Ich wurde wie eine Verbrecherin hingestellt und man unterstellte mir zu ­lügen», sagt Renata Fuchs. Sie sei sich bewusst, dass es Pferdeimporteure gibt, die sich nicht immer ehrlich verhalten: «Doch wegen ein paar schwarzen Schafen kann man uns doch nicht alle so behandeln!»

Zoll zeigt sich gesprächsbereit

Der Kragen platzte auch Gerhard Etter, dem gröss­ten Händler von Sportpferden in der Schweiz: «Ich habe mich in den letzten Wochen unglaublich aufgeregt.» Seit Anfang Jahr hat der Berner Seeländer rund zwei Dutzend Pferde importiert – und bei der Hälfte davon habe der Zoll den angegeben Wert nicht akzeptieren wollen. «Und zwar ohne Begründung, das ärgerte mich am meisten», erklärt Etter. Er bat deshalb den zuständigen Abteilungsleiter um eine Unterredung.

Man tauscht sich aus – bereit für die Weiterreise.

Diese fand am vergangenen Freitag statt – und verlief, zu seiner eigenen Überraschung, sehr positiv: «Dabei fuhr ich genervt und negativ eingestellt nach Basel.» Der Zollbeamte, der die Leitung der Abteilung auf 1. Januar übernommen hatte und nun von vielen für den raueren Wind in Weil am Rhein verantwortlich gemacht wird, hätte sich sehr inte­ressiert und gesprächsbereit gezeigt. Zwei Stunden dauerte die Unterhaltung, in der Gerhard Etter nicht nur seine pendenten Fälle klären, sondern dem Beamten auch erläutern konnte, wie sein Tagesgeschäft als Pferdehändler funktioniert. «Ich bin nun zuversichtlicher und habe ein gutes Gefühl für die künftige Zusammenarbeit mit dem Zoll in Weil am Rhein.» Ob sich dieses bestätigt, wird sich bereits diese Woche zeigen, in der Etter 15 weitere Pferde importieren will.

Sonntagsausreise: Abgeschafftes Gewohnheitsrecht

Neben den strengeren Kontrollen stösst eine weitere Zollmassnahme, die vor allem den internationalen Sport betrifft, auf wenig Verständnis in der Schweizer Pferdebranche. Viele internationale Turnierreiter reisen mit einem so genannten Freipass für ihre Pferde in die Schweiz ein. Da es sich dabei nicht um einen Import handelt, profitiert der Reiter von einem Zollverfahren zur vorübergehenden Verwendung (ZAVV). Nach dem Turnier muss die Ausreise der Pferde vom Zoll bestätigt werden. Am Zollübergang Weil am Rhein war das dank einer Sonderregelung, die fast drei Jahrzehnte lang galt, auch an rund einem Dutzend Sonntagen im Jahr nach Grossveranstaltungen (CSIs, White Turf usw.) möglich. «Wir hatten dafür extra unsere Büros geöffnet», erklärt Daniel Hägler von der Speditionsfirma Interfracht. Seit vergangenem Sommer ist das nicht mehr möglich: Im Sinne der Gleichbehandlung aller Zollämter hat die Oberzolldirektion verfügt, dass keine entsprechenden Bewilligungen mehr erteilt werden dürfen. Sehr zum Ärger der betroffenen Turnierreiter und ihren Pferdepflegern, die einen Tag verlieren, wenn sie erst am Montag abreisen können. Dieses Problem, kontert Rolf Tschudi, Leiter der Zollstelle Weil am Rhein, lasse sich mit einem Carnet ATA einfach lösen: «Damit können Pferde während 24 Stunden an jedem Wochentag ein- und ausreisen.»

Beim Grenzübertritt Weil am Rhein wurde das Gewohnheits­recht der sonntäglichen Ausreise abgeschafft.

Für viele Reiter ist das Carnet ATA aber die schlechtere Lösung. «Es ist ein absolutes Ärgernis», sagt beispielsweise der ägyptische Springreiter Abdel Said, der in Holland aufgewachsen und in Belgien stationiert ist. Während es in der Schweiz relativ einfach ist, über die Handelskammern ein solches Zolldokument für die vorübergehende Ein- respektive Ausfuhr von Pferden zu bekommen, ist das in der EU umständlicher – und vor allem wesentlich teurer. Ausserdem blockiert es Kapital: Als Bürgschaft für die Wiederausfuhr der Pferde werden Kautionen von bis zu 40 Prozent des «Warenwerts» fällig. Besitzt ein Springreiter zehn Turnierpferde im Wert von 100000 Franken, die er abwechselnd einsetzt, muss er für jedes einzelne ein Carnet ATA lösen und bis zu 400000 Franken Kaution hinterlegen.
Verkomplizieren sich die Zollformalitäten weiter, dann bleiben – so die allgemeine Befürchtung – den einheimischen Turnieren bald einmal die ausländischen Reiter weg: Europaweit gibt es so viele Turniere, dass niemand mehr auf Startmöglichkeiten in der Schweiz angewiesen ist. Der CSI Basel hat das in diesem Jahr bereits gespürt: Die süddeutschen Starter, die stets rege an der Amateurtour teilnahmen, blieben diesmal weg.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 5/2017)

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