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Al Shaqab in Doha, wie aus 1001 Nacht

13.03.2019 14:43
von  Sascha P. Dubach //

Das Pferd hat in der arabischen Kultur generell einen hohen Stellenwert. Dem zu Ehren gründete der Emir von Katar 1992 das Reitzentrum «Al Shaqab» inmitten der boomenden Region am persischen Golf. Mit den Petrodollars wurde eine Anlage aus dem Boden gestampft, die auf der Welt wohl einzigartig ist. Eine Tatsache überschattet jedoch alles und das ist auch mit all den investierten Dollars nicht herzu­zaubern – es fehlen die Zuschauer.

Hier begann 1992 alles: Die Stallungen des Emirs von Katar für seine Araberzucht.

Es fühlt sich ein bisschen an, als ob man in einem «Disneyland» aus 1001 Nacht gelandet ist. Die «PferdeWoche» durfte auf Einladung des Veranstalters den CHI5* auf der rund einen Quadratkilometer grossen und in Hufeisenform angelegten Pferdesportanlage «Al Shaqab» in Doha (Katar) besuchen. Das kleine Grüppchen Journalisten aus allen Ecken dieser Welt konnte sich am ersten Tag einer Touristentour, die hier oft angeboten werde, anschliessen.

Die hufeisenförmig angelegte Anlage mit dem grossen Stadion in der Mitte.

Es war eine Klasse von Kunststudenten aus Virginia (USA). Gleich neben der riesigen Pferde­sportanlage befindet sich die «Education City» mit verschiedenen Universitäten. Und da der Emir von Katar, Hamad bin Chalifa al Thani, als einer der wichtigsten Verbündeten der USA gilt, hat er gemeinsam mit seiner Frau gleich selbst sechs US-Universitäten in seinem eigenen Land gegründet. «Es sind Austauschschüler, die wäh­rend zwei Wochen hier in Doha studieren», berichtet die Lehrerin während der Besichtigung. Tourguide Rashid aus Pakistan erklärt zuerst das Gelände. Und dies anhand eines Miniaturmodels in der Lobby des grossen, an eine Sanddüne erinnernden Stadions.

Dem Pferd gewidmet

Mit dem Ölboom kam das Geld in die nur 11500 Quadratkilometer grosse Halbinsel im Persischen Golf, die westlich an Saudi Arabien grenzt. Die Schweiz ist flächenmässig rund viermal so gross. Einwohner zählt das arabische Land rund 2.6 Millionen, wobei die Ausländerquote bei 88 Prozent (2015) liegt. Das Pferd hat in der arabischen Kultur seit jeher einen hohen Stellenwert und die Zucht des arabischen Vollblüters ist Tradition und in der DNA der Herrscherfamilie. So wurde der Grundstein der Anlage 1992 vom Emir persönlich für die Zucht seiner edlen Araberpferde gelegt. «Los gehts», meint Rashid, und zeigt auf den Bus und die bereitstehenden Golfkarts.

Die Journalisten-Gruppe unterwegs zur «Touristentour». 

«Und ja, unterwegs werden wir Pferde sehen und es dürfen auch Selfies gemacht werden.» Die Studenten freut es – zumal die meisten von ihnen noch nie ein Pferd aus der Nähe gesehen haben. Erste Station, die Trainings- und Rehabilitationsanlage. Im Inneren des klimatisierten – ohne geht es nicht im heissen Wüs­tenstaat – Gebäudes gibt es eine grosse Führanlage und ein rund 100 Meter langes Schwimmbad für die Vierbeiner. Der gesamte Boden, wie praktisch alle Untergründe auf der Anlage, auf der sich die Vierbeiner bewegen, ist mit Gummimatten ausgelegt.

Das rund 100 Meter lange Therapieschwimmbad.

Die Kunststudenten sind überrascht, freuen sich, endlich ein Pferd zu sehen. Es handelt sich um ein Endurancepferd aus den eigenen Stallungen. Ruhig hält es die Nüstern den entgegengestreckten Händen hin. Es wird zaghaft und mit Respekt gestreichelt. Und natürlich werden auch die obligaten Selfies gemacht. Es steht ebenfalls ein gross­­rahmiges Springpferd bereit, um den Laien den Unterschied zum eher kleinen, drahtigen Araber zu zeigen. Und schon ruft Rashid zur nächsten Station, dem Laufband, und anschliessend zum «Whirlpool». Die Hydrotherapie (zwei Grad kaltes Salzwasser) wird für die Regeneration der Beine der Vierbeiner eingesetzt.

Marmor und Edelstahl

Weiter geht es mit dem Bus zu den Stallungen des Emirs. Auf dem Gebiet Al Shaqab wurde einst eine Schlacht gewonnen, die zur Unabhängigkeit von Katar führte. Und genau hier wollte der Emir dem arabischen Pferd ein Denkmal setzen und es für die Zukunft bewahren. Der Grundstein für seine Zucht wurde gelegt. Die Anlagen suchen seinesgleichen. Der Boden, wie immer und überall, ist gummiert und federt. Die grosszügigen Einzelboxen sind mit Marmor ausstaffiert, das Boxengestänge ist aus Edelstahl, verbunden mit beleuchteten orientalischen Ornamenten.

Die riesigen Boxen für die Araberpferde sind mit Marmor geschmückt.

Betreuer schauen Tag und Nacht zu den Tieren und ja, sie haben auf der Rückseite auch einen Auslauf – können sich täglich frei nach draussen bewegen. Zum Komplex gehört auch eine Art «kleiner» Palast, in dem sich der Emir ab und zu auf das weisse Ledersofa setzt und seinen Pferden auf dem Paddock zusieht. Er entspanne sich gerne hier, heisst es, aber auch «Fotografieren verboten!».
Und schon endet die Tour der Touristen. Natürlich nicht ohne den Vermerk des Tourguides: «Wenn es euch gefallen hat, vergesst nicht, eine positive Bewertung auf ‘Tripadvisor’ zu hinterlassen. Wir freuen uns immer, wenn wir Gäste haben und sich jemand für die Anlage interessiert.»

Nachwuchsförderung

Für die Journalisten geht es weiter über die Anlage, die auch über eine Reitschule verfügt. Hier im «Education Center» können Kinder ab drei Jahren Reiten lernen. Wurden vor ein paar Jahren noch die Profireiter mit Unmengen an Geld unterstützt, so konzentriert man sich heute mehr auf den Nachwuchs. Während der Global Tour/League, die eine Woche zuvor durchgeführt wurde, und jetzt während dem CHI gibt es ein Camp für Juniorenreiter, die aus der ganzen Welt eingeladen wurden, um gegen den eigenen Nachwuchs anzutreten.

Unzählige Aussenplätze, teilweise überdacht, mit Gras oder Sand, säumen das rund einen Quadratkilometer grosse Gelände.

Aber auch der kulturelle Austausch ist den Kataren wichtig. «Es ist doch toll für unsere Jungen, wenn sie die grossen Idole wie Scott Brash oder Steve Guerdat einmal live sehen können und sich gegen Gleichaltrige aus Europa und Übersee messen können. Wir haben im Gegensatz zu Europa nicht so oft hochkarätige Turniere in unserem Land», erzählt Mohammed Sultan Al Suwaidi, Manager der Abteilung für Ausbildung. Die jungen Reiter profitierten im zweiwöchigen Camp auch von Kursen mit Profis wie Scott Brash, Nicola Philippaerts oder Alberto Zorzi. «Unser Ziel ist es, von unseren Nachwuchsreitern einen oder zwei Ausnahmetalente an die internationale Spitze zu fördern. Ebenso möchten wir in Zukunft die Einladung für unsere ausländischen Gäste dereinst über die nationalen Föderationen vergeben lassen», so der Manager, der dieses Camp in diesem Jahr zum ersten Mal organisierte. Er erzählt aber auch, dass man der am Reitsport interessierten Jugend in Katar zuerst einmal die grundlegendsten Dinge beibringen muss. Beispielsweise, was und wie viel füttert man überhaupt einem Vierbeiner. Um das Reiten zu lernen, stehen Schulpferde und Ponys zur Verfügung. «Wir haben aktuell rund 140 Reiter bei uns im Training, dafür stehen uns 200 Boxen zur Verfügung. Im Reitcamp sind total 400 Reiter aus 36 Nationen.» Dabei gehe es auch um Mentaltraining und Theorie sowie die Zusammenarbeit mit den Veterinären.

Futuristisch

Das futuristische Hauptstadion mit seiner speziellen Architektur, die an eine Sanddüne erinnern soll, überstrahlt alles und wirkt auf Fotos viel kleiner, als es in Wirklichkeit ist. Der Aussenplatz misst 120 mal 80 Meter, der gedeckte Abreitplatz dahinter ist 80 mal 50 Meter gross.

Der überdachte Abreitplatz.

Das Hauptstadion ist auf den Stirnseiten offen – auf der einen ist ein VIP-Zelt, auf der anderen haben die lokalen Fernsehstationen ihre Kommentatorenstudios. Auf den Tribünen haben rund 6000 Personen Platz – wenn denn überhaupt welche im Stadion sind. Es duftet an allen Ecken und Enden nach Kaffee und es scheint, dass dies das Lieblingsgetränk während dem Turnier ist. Nach dem Motto «Wennschon, dennschon» wurde auch gleich ein internationaler Wettbewerb für «Barista» (Kaffeezubereitung) durchgeführt. Der Sieger freute sich über einen Check über 10000 US-Dollar.
Im gleichen Komplex ist auch eine klimatisierte Halle, wo während dem CHI die Dressur- und Paradressurwettbewerbe stattfinden. Die Reitfläche beträgt hier 60 mal 90 Meter.

Das geschlossene und klimatisierte Stadion für Dressur und Para-Dressur.

Während dem internationalen Turnier werden zudem Stallzelte installiert, dabei misst eine Boxe drei mal vier Meter. Auch diese sind klimatisiert. Jetzt Anfang März liegen die Tagestemperaturen bei angenehmen 25 Grad bei leichtem Wind – am Abend wird es aber kühl, ein Pul­lover ist Pflicht. Im Sommer hingegen wird es brütend heiss mit Spitzenwerten bis zu 50 Grad!
Zum gesamten Komplex, der nahezu eine Milliarde US-Dollar (!) gekostet haben soll, gehören zahlreiche Aussentrainingsplätze, eine Galoppsandbahn, Weideflächen, verschiedenste Stallungen, eine Gartenanlage, ein Hotel (in dem während dem CHI die Grooms untergebracht sind), ein Besucherzentrum, eine Pferdeklinik sowie Verwaltungs- und weitere Gebäude.

Zur Anlage gehört auch eine Galopppiste, die von den Reitern geschätzt wird.

2004 übergab die Herrscherfamilie die gesamte Anlage an die «Qatar ­Foundation» – eine private, gemeinnützige Institution. Geleitet wird die Stiftung, die vom Emir 1995 gegründet wurde, von seiner Frau. Investiert wird in Bildung, Wissenschaft und Forschung. Dazu soll das «Gemeinwohl» in Katar gefördert werden. Bekannt ist die Institution auch durch die Werbung auf den Trikots der Spieler des Fussballclubs Barcelona.


Schattenseiten

Katar wird 2022 auch Austragungsstätte der Fuss­ball-WM sein. Und die Baustellen sind omnipräsent, sei es bei den Stadien, die aus dem Wüstensand gestampft werden, oder bei der Infrastruktur, bei der primär das Auto im Mittelpunkt steht. Ausserhalb des Wüstenstaates gibt es viele negative Schlagzeilen zu Korruption, miserablen Arbeitsbedingungen für die Bauarbeiter der Stadien und so weiter. Katar gehört aber auch im Pferdebereich mit den jüngsten Entwicklungen im Endurancesport nicht zu den Topdestinationen. Ein weiteres grosses Problem sind die Zuschauer. «Es ist so eine tolle Arena, würde diese in Frankreich oder Deutschland stehen, wäre sie pausenlos ausverkauft. Hier herrscht aber meist gähnende Leere», meint beispielsweise Pius Schwizer, der zwischen dem «Global-Weekend» und dem CHI kurz zu Hause trainierte. Auch die aktuelle Nummer eins der Welt, Steve Guerdat, empfindet das Gleiche: «Die Anlage ist absolut top für die Pferde und Reiter, sie steht einfach am falschen Ort. Ohne Zuschauer fehlt die Ambiance, die wir Reiter schätzen.» Und Schwizer ergänzt schmunzelnd: «Man muss die Anlage aber auch gleich wieder vergessen, wenn man nach Hause fliegt, sonst bekommt man Komplexe, wenn man die eigene Anlage sieht. Grundsätzlich muss ich aber auch sagen, habe ich es lieber, wenn meine Pferde auf die Weide können, anstatt sie in riesigen Boxen mit Marmorwänden zu halten.»
Und so bleibt die Anlage «mitten in der Wüste» doch irgendwie nur eine Art Disneyland, in dem jährlich nur während wenigen Tagen der «Pferdezirkus» kurz Halt macht, bevor es irgendwo auf der Welt weitergeht.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 10/2019 )

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