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Erika, René (oben), Maurice und Justine Tebbel.
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Alles dreht sich um Pferde

04.12.2018 12:56
von  Birgit Popp //

Wenn der Vater mit dem Sohne und der Tochter – dann regnet es bei Familie Tebbel Medaillen im Springsport! Zumindest ist die Chance gross! Wie bei Vater René erst im Jugendsport und heute für den 24-jährigen Maurice Tebbel mit Mannschaftsbronze bei den WEG im US-amerikanischen Tryon erstmals auch bei den Senioren!

René Tebbel in den Farben der Ukraine auf Cooper am CSI Wiesbaden.

Vor genau 18 Jahren bei den allerersten Weltreiterspielen 1990 in Stockholm hatte Vater René Tebbel mit damals 21 Jahren Mannschaftssilber gewonnen. Jus­tine Tebbel, die 20-jährige Schwester von Maurice, hat in diesem Jahr bei der EM der Jungen Reiter mit dem neunjährigen Light-On-Sohn Light Star, mit dem sie im Vorjahr Einzelvizeeuropameisterin bei den Jungen Reitern geworden war, mit Teamsilber bei der EM der Jungen Reiter ebenfalls auf dem Podium gestanden. Fast alle heutigen Erfolge finden auf Hengsten statt, denn seit 2012 besitzt Tebbel mit seiner EU-Hengststation in Emsbüren neben seinem Ausbildungs-, Turnier- und Handelsstall ein weiteres Standbein, wobei, gezüchtet wurde bei Tebbels auch zuvor schon.

Pferde-Gen in der Familie

Wenn man sagt, es dreht sich bei Familie Tebbel – und dies bereits in der vierten Generation – alles um die Pferde, dann trifft das den Nagel auf den Kopf. Weder bei René Tebbel noch bei seinen Kindern hat sich jemals ernsthaft die Frage gestellt, ob sie nicht aktiv den Springsport auf höchstem Niveau und Pferdezucht und -ausbildung betreiben würden. Tatkräftig dabei immer, wenn auch mehr im Hintergrund bleibend, unterstützt von Mutter Erika, die ebenfalls bis zur schweren Klasse Springen ritt, heute vor allem für Haushalt und Büro zuständig ist und nur noch selten in den Sattel steigt.

Justine und Maurice Tebbel beim Training in der hofeigenen Reithalle.

Schon Renés Vater Joseph, der noch heute seinen Sohn und die Enkel auf die Turniere begleitet, auch die anderen Disziplinen neben dem Springsport aufmerksam verfolgt und zu Hause wie sein Sohn Ansprechpartner für die Züchter ist, war früher im Parcours unterwegs und hat mit Pferden gehandelt, wie auch schon sein Vater Wilhelm. So begann die reiterliche Karriere für René bereits im frühen Kindesalter. Internationale Championatsmeriten sammelte der heu­te 49-Jährige erstmals 1986 mit Teambronze bei der Junioren-EM. Zwei Jahre später wurde er Vizeeuropa­meister bei den Jungen Reitern. 1990 folgte WM-Teamsilber bei den Senioren mit Urchin. Noch einmal für Deutschland ritt er bei der EM 1993 mit Dexter und wurde Vierter mit dem Team. Um die Jahrtausendwende war sein Erfolgspferd Radiator, mit dem er 1999 Dritter im Weltcupfinal wurde und mehrere Grosse Preise und Weltcupspringen wie in Dortmund, Verona, Stuttgart, Spruce Meadows und London gewann und im Grossen Preis von Aachen 2001 Platz zwei belegte. In den Jahren 2005 bis 2007 gelang es mit René Tebbel überhaupt einem Reiter erstmals, dreimal hintereinander Deutscher Meister der Springreiter zu werden. In die deutsche Mannschaft wurde er dennoch nicht wieder nominiert. 2007 bei der EM in Mannheim war er zwar als Reservereiter mit dem später von Ludger Beerbaum übernommenen Coupe de Coeur aufgestellt, doch der Schimmelhengst zog sich noch vor Turnierbeginn eine Kolik zu.

Trainer und Starter für die Ukraine

2013 übernahm René Tebbel die Trainerfunktion für das ukrainische Springreiterteam. 2015 wechselte er dann auch seine Staatsbürgerschaft in die Ukraine, die im Springsport immer wieder gute Leistungen erbringt, aber im Fokus der Weltöffentlichkeit wegen des Bürgerkriegs in den grenznahen Gebieten zu Russland steht. Mit der schwierigen politischen Lage beschäftigt sich René Tebbel nicht. «Anfangs war ich ja nur als Trainer engagiert, aber dann habe ich doch wieder Gefallen da­ran gefunden, selbst zu reiten. Eigentlich hatte ich schon aufgehört. In Deutschland in die Mannschaft zu kommen, ist schwierig, aber, wenn ich ein qualitätsvolles Pferd zum Reiten habe, dann kann ich für die Ukraine an jedem Championat teilnehmen. Für Politik inte­ressiere ich mich nicht.» So startete Tebbel 2015 für sein neues Heimatland bei der EM in Aachen mit Cooper, mit dem Maurice 2016 seinen Aachen-Einstand mit einem zweiten Platz im NRW-Preis gab, und 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, wo er sich mit Zipper als einziger Reiter der Ukraine für den Einzelfinal qualifizierte und dort 19. wurde. Weniger gut lief es 2017 bei der EM in Göteborg. 2018 hat er sich ganz auf seine Kinder konzentriert. «Sie haben Priorität», und so stieg er auch in Tryon nicht selbst in den Sattel, sondern stand seinem Sohn als Trainer zur Seite. «Aber», so René Tebbel, «die Olympischen Spie­le 2020 in Tokio würden mich als Reiter noch einmal reizen, dann am liebsten mit einem selbst ausgebildeten und am bes­ten auch noch selbst gezogenen Pferd.»
Die Chancen hierzu stehen gut, denn auf dem Tebbel’schen Anwesen, das sich in die Reitanlage mit mehreren Stalltrakten, zwei Reithallen, zwei Aussenplätzen, Longierhalle, Paddocks und einen etwa einen Kilometer entfernten Zuchthof aufteilt, zu dem für die Sommerzeit noch Weiden am Nordseedeich hinzukommen, befinden sich acht, neun vor allem im Spring­sport erprobte Zuchthengste (von weiteren wird TG-Samen angeboten), acht meist auch zuvor im Springsport eingesetzte Mutterstuten, deren Nachzucht und zusätzlich pro Jahr mehrere zugekaufte Fohlen. «In der Aufzucht befinden sich 30 bis 40 Pferde», so Tebbel. «Weitere 25 bis 30 im Ausbildungs- und Turnierstall.» Rund zehn Hengste pro Jahr stellt er zu Hengstkörung und -markt vor. So war auch Maurices EM-Pferd Chacco’s Son bereits als Fohlen auf seinen Hof gekommen.

Familie Tebbel lebt in Emsbüren, 60 Kilometer westlich von Osnabrück.

René Tebbel selbst hat schon immer am liebsten Hengste geritten, Maurice ist ein weniger eingeschworener Hengstreiter. «Ich reite Hengste auch sehr gerne, aber es muss nicht unbedingt ein Hengst sein. Bei uns ergibt es sich durch die Hengststation aber meis­tens so und ich schätze an den Hengsten, dass, wenn man sie auf seine Seite bringen kann, sie sehr ehrgeizig sind und unheimlich für einen kämpfen.» Das trifft auch auf seine beiden derzeitigen Toppferde zu, Chacco’s Son und Don Diarado.

Fohlen müssen auf den ersten Blick gefallen

Die wichtigsten Auswahlkriterien für seine Zucht- und Sporthengste sind für René Tebbel «Springvermögen und Springtechnik, aber ebenso Körperbau, Grundgangarten, Galoppiervermögen, wobei wir mit Fürst Larino auch einen Zuchthengst im Angebot haben, der in der Dressur bis Klasse S platziert ist und auch bei ihm zu Hause steht. Aus welchem Zuchtgebiet ein Hengst stammt, ist mir gleich. Wichtig ist, dass er genug Blut hat, über fünf Runden bei einem Championat durchzuhalten. Wich­tig ist, dass mir ein Hengst oder ein Fohlen auf den ersten Blick gefällt und sich gut präsentiert. Von meinen Hengsten bin ich überzeugt. Unsere Turnier- und Ausbildungspferde stammen zu 90 Prozent von ihnen ab. So haben wir viele Light-On-Nachkommen im Stall, den ich früher selbst erfolgreich im internationalen Sport geritten habe.» Und er fährt fort: «Wie erfolgreich ein Hengst am Ende im Sport wird, hängt aber von vielen Faktoren ab, Glück und Talent zählen auf jeden Fall dazu.»

Der Perfektionist

Ebenso eine gute Ausbildung – als Trainer besitzt René Tebbel einen sehr guten Ruf und sagt von sich selbst: «Ich bin Perfektionist. Im Training muss man alles zu 100 Prozent auf die Reihe bekommen, dann hat man auf Championaten weniger Druck. Fehler passieren dort ohnehin schnell, denn dort ist alles anders als zu Hause. Auf den Championaten darf man nur noch Kleinigkeiten korrigieren müssen. Reiter und Pferd müssen vom Kopf her so sein, dass sie alles abspulen können.» Dass sein Vater auf die kleinste Kleinigkeit achtet, das schätzt auch sein Sohn, der bereits als Junior und Junger Reiter Einzel- respektive Teameuropa­meister war und zahlreiche Medaillen gewann, besonders an ihm. «Das zeichnet meinen Vater vielleicht am meisten aus und auf jedes Detail zu achten, das ist sehr wichtig, um weiterzukommen. Das wissen viele Leute an ihm zu schätzen und bitten ihn um Rat. Er kann sich auf jedes Pferd einstellen und ist sehr ehrgeizig.»

Justine Tebbel gewann 2013 EM-Teamgold bei den Ponyreitern und EM-Einzelsilber 2017 bei den Jungen Reitern.

Maurice Tebbel holte im Nachwuchs drei EM-Goldmedaillen und bei der Elite bereits WM-Bronze mit der deutschen Mannschaft.

Kein Konkurrenzkampf in der Familie

Bei drei Reitern im Spitzensport in einer Familie, wer entscheidet da, wer welches Pferd reitet? «Meis­tens ergibt sich das automatisch», so René Tebbel, «ich teile die Pferde ein, wie ich meine, dass sie am bes­ten passen, und das bleibt dann meistens auch so.» Ein Konkurrenzkampf bestän­de dabei weder zwischen ihm und Maurice noch zwischen Maurice und seiner Schwester Justine. «Wir unterstützen uns immer gegenseitig und gehen auf den Turnieren gemeinsam die Parcours ab. Wenn der Erste von uns gestartet ist, dann ändern wir manchmal noch Kleinigkeiten, aber meis­tens ist der erste Gedanke der richtige und wir reiten den Parcours so durch, wie wir es uns beim Parcoursabgehen vorgenommen haben.»

Steile Karriere von Sohn Maurice

Nachdem Maurice 2017 beim CHIO Aachen mit einer Doppelnullrunde auf dem mittlerweile elf Jahre alten Chacco-Blue-Sohn Chacco’s Son entscheidend zum deutschen Nationenpreissieg beigetragen hatte – und 2018 mit einer Null- und Viererrunde zum erneuten Sieg ebenfalls auf Chacco’s Son – war er für das deutsche EM-Team nominiert worden. Bei seinem Championatsdebüt bei den Senioren in Göteborg konnte er allerdings – eben­so wie sein Vater für die Ukraine mit dem Niederländerhengst Cossun – nicht an seine Vorleistungen anknüpfen. «Ich denke, für Chacco’s Son war der Boden in Göteborg nicht fest genug und hatte ausserdem ein Gefälle. Er hat Fehler wie am Wassergraben gemacht, die er zuvor noch nie gemacht hatte, aber er hat sich dort nicht wohlgefühlt. Vor Göteborg ging die Karriere von Maurice und Chacco’s Son drei Monate lang steil nach oben. Es ist nur normal, wenn es dann auch wieder mal einen Schritt zurückgeht. Nur bedauerlich, wenn dies gerade bei einem Championat der Fall ist», so René Tebbel über das letztjährige Abschneiden seines Sohnes. Danach ging sie denn auch weiter nach oben!

Maurice Tebbel (auf Don Diarado) gewann in diesem Herbst mit dem deutschen Team (v. l. Marcus Ehning, Laura Klaphake, Simone Blum) WM-Bronze in Tryon. Den Einzelfinal verpasste er als einziger Deutscher.

Allerdings, bei den Weltreiterspielen in Tryon lief es erneut nicht ganz optimal im Vergleich zur Vorleistung und Maurice konnte sich als einziger der vier deutschen Springreiter nicht unter die 25 besten für das Einzelfinale qualifizieren. Hätten seine Ergebnisse aus dem Zeitspringen und den beiden Umläufen des Nationenpreises für das Mannschaftsergebnis gezählt, dann hätte das deutsche Quartett mit Laura Klap­hake, Simone Blum und Marcus Ehning an seiner Seite ebenfalls Bronze gewonnen, denn Maurice Tebbel hatte in beiden Umläufen des Nationenpreises nur einen Zeitstrafpunkt mehr als der drittbeste Reiter des Teams. Dieses Mal hatte sich der begeisterte Fuss­ballspieler, der sich nicht nehmen lässt, einmal die Woche selbst auf dem Platz zu stehen, nicht für den Westfalen Chacco’s Son entschieden, mit dem er Zweiter im GCT-GP von Hamburg im Mai geworden war, sondern für den erst neunjährigen Don Diarado, mit dem er die Qualifikation zum Grossen Preis in Hamburg gewonnen hatte. «Wir haben uns so entschieden, dass Don Diarado nach Tryon geht und Chacco’s Son zum Nationenpreisfinal nach Barcelona.»

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 48/18)

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