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Ueli und Madeleine Huber, die stolzen Pächter des Angloarabers Fandzi de Saint Paul.
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Angetan von blutstarken Pferden

16.02.2016 13:21
von  Melina Haefeli //

Mit dem Anglo-Aaraber Fandzi de Saint Paul und den beiden Selle Français Romando de l’Abbaye und Orphée de Nantuel brachten Ueli und Madeleine Huber drei starke Vererber in die Schweiz. Bereits vor diesen drei Cracks stellte das Ehepaar aus Huttwil BE der Schweizer Züchterschaft elf Hengste zur Verfügung. Dennoch habe die eigene Zucht gegenüber der Hengsthaltung bis vor kurzem Überhand genommen. Für das Blut französischer Pferde und die Philosophie der dortigen Züchter ver­spüren die beiden Hochachtung.

Romando de l’Abbaye (Flipper d’Elle – Diamant de Semilly – ­Ro­cky du Carel) wie auch Orphée unter Timo Heiniger in Bern.

Orphée de Nantuel (Diamant de Semilly – Quidam de Revel – ­Ka­olin de Lyre) an der Hengstpräsentation in Bern.

Mit San Fernando begann Ueli und Madeleine Hubers Hengsthaltung im Jahr 1988. Den Selle Fran­çais von Arthy und einer Nankin-Mutter konnten sie vom deutschen Züchter Wer­ner Scho­cke­möh­le für die Schweizer Züchterschaft pachten. Damals wussten sie noch nicht, dass künftig die Hengsthaltung einen wichtigen Bestandteil ihres Züchterlebens einnehmen würde. Es folgten Grössen wie Irac de l’Ile, Lysander oder Ishan, der Vater von Karin CH, mit der der Elitespringreiter Martin Fuchs seine ers­ten internationalen GP-Erfolge und insgesamt rund 300'000 Fran­ken Preisgeld erzielte. Die Zucht mit den eigenen Stuten habe gegenüber der Hengsthaltung immer überwogen. «Für uns persönlich war die Fohlengeburt und die Ausbildung von Jungpferden der Schwerpunkt.» Die Hengsthaltung sei etwas aus dem hohlen Bauch heraus entstanden. Mit den ers­ten Erfolgen sei die Motivation gekommen, sie weiterzubetreiben. «In unserer Euphorie kauf­ten wir auch den einen oder anderen Hengst», erzählt Ueli Huber, «wie beispielsweise Tocuyo xx.» Aus ihm kam unter anderen erfolgreichen Springpferden auch Câline de Grand’Pré CH. Die Stu­te gewann zweimal den Superpromotionsfinal in Aven­ches: 2005 unter Faye Schoch und 2007 unter Pierre Kolly. Zudem war sie international bis 155 Zentimeter siegreich. Von diesem Vollbluthengst waren die beiden besonders angetan – und zwar nicht nur als hervorragender Vererber, sondern genauso als aussergewöhnliches Reitpferd im Alltag. «Er war so anständig, dass wir ihn als Begleitpferd für das Anreiten unserer Dreijährigen nutzten.» Sogar jungen Stuten an seiner Seite habe er enorm viel Sicherheit gegeben und sie keineswegs unkonzentriert umworben, erinnert sich Madeleine gerne. Er habe eine ganz eigene Überlegenheit und Allwissenheit ausgestrahlt. «Das Gleiche erleben wir heute mit Fand­zi», ergänzt Ueli. Der temperamentvolle Angloaraberhengst Fandzi de Saint Paul, der seit der CH-Kö­rung im Herbst 2015 bei ihnen in Huttwil steht, sei mit seinen 23 Jahren voller Energie und gleichzeitig im Umgang wie auch unter dem Sattel extrem anständig.

Fandzi-Fans durch und durch

Fandzi habe trotz seines Alters nach wie vor das Bedürnis, etwas zu leisten und gebraucht zu werden. Das habe er Ueli und Made­leine Huber sofort zu verstehen gegeben. «Wenn er auf dem Sattelplatz steht und weiss, dass es gleich losgeht, dann freut er sich richtig. Wir müssen ihn eher daran erinnern, dass es nun etwas langsamer zu und her geht.» Er wird noch täglich geritten, vor allem im Ge­lände.

Der 23-jährige Anglo-Araber Fandzi de Saint Paul (Ultra du Rouhet – Carnaval xx – Laurier aa) im «Ziegelacher» in Huttwil BE.

«Er hat heute noch die gleiche selbstbewusste Ausstrahlung wie damals im Parcours.» Die Hubers geraten wie bei Tocuyo ­sogleich ins Schwärmen, wenn sie von Fandzi sprechen. Da sind sie auch nicht die Einzigen. Die französischen Experten halten ihn für einen der bes­ten Anglo-Vererber; nach seiner Kö­rung folgten begeis­terte Aussagen: «Ein wirklich interessanter Anglo­araber­hengst, der eine gu­te Technik mit gewaltiger Kraft vereint.» Er habe wirklich alles, um ein exzellenter Vererber zu werden. Und das wurde er schliesslich auch. Die wenigen Nachkommen, die er bisher hat – er lief lange und intensiv im Sport und wurde später nach Italien exportiert – zeigen die fantastische Springbegabung ihres Vaters, gute Grundgangarten und ein korrektes Exterieur. Doch nicht nur die Hubers und die französischen Zucht­experten sind Fans von Fandzi, sondern auch sein eins­tiger Reiter Her­vé Godignon. «Noch nie hat ein Pferd, das ich unter meinem Sattel hatte, das Publikum durch seine Manier mehr begeistert, als es Fandzi tat. Und ich habe in meinem Leben sehr viele Pferde geritten», klare Wor­te des Olympia­reiters, unter dem Fandzi seine internationale Karriere debütierte.
Die CH-Körung bestand Fandzi ohne Wenn und Aber. «Seine Röntgenbilder wurden sehr gut bewertet – wohlbemerkt nachdem er seine ganze Karrie­re lang um die Welt flog und die höchsten Prüfungen bestritt», so Ueli Huber. «Er ist ein harter Ker­li.» Und seine Frau Madeleine sagt: «Mein Mann konn­te seine Finger einfach nicht von Fand­zi lassen. Also ich woll­te ihn ja auch.»

Von der Normandie ins Oberaargau

Nach rund fünf Jahren Hengst-Pause stellen die Hubers der Schweizer Züchterschaft nun wieder drei vielversprechende Vererber zur Verfügung. Nebst Fandzi sind dies die Selle-Français-Hengste Orphée de Nantuel (Diamant de Semilly – Quidam de Revel – Kaolin de Lyre) und Romando de l’Abbaye (Flipper d’Elle – Diamant de Semilly – Rocky du Carel). Doch wie kam das Ehepaar aus Huttwil zu solchen Cracks?
«Die Hengste stehen im Besitz von ‘France Etalons’ beziehungsweise Denis Hubert und Michel Guiot.» Nach der Liquidation der Hengsthaltung in den 23 französischen Nationalgestüten gründeten die beiden sehr engagierten und angesehenen Züchter aus der Normandie «France Etalons» und erhielten den ­Zuschlag für die Pacht von 25 Selle-Français- und sechs Angloaraberhengs­ten, da­runter Fandzi, Orphée und Romando. «Die Auf­lösung der Nationalgestüte hat uns als Selle-Français-Fans na­tür­lich sehr beschäftigt und wir verfolgten das Geschehen um die Hengste in Staatseigentum.» So lernten die Hubers Denis Hubert aus Saint-Lô kennen und blieben fortan in Kontakt. Eines Tages kam dann der Anruf: «On a gagné!» Sie hätten den Zuschlag erhalten und ob die Hubers nach wie vor Interesse hätten, die Hengs­te zu pachten.

Ueli und Madeleine Huber mit Tessy und Ally vor dem historischen «Ziegelacher», wo die Pferde eingestallt sind.

Bewunderung für die Franzosen

Nicht zuletzt wegen der Nähe am Blut sind Ueli und Madeleine Huber so angetan von der fransösischen Zucht. Dieses Kriterium verliere nie an Aktualität, ist sich der 70-Jährige sicher. «Blüter sind begabter, vorsichtiger, geschickter, leichtfüssiger, bringen Höchst­leistungen und ein schönes Modell. Diese Merk­male bleiben in der Sportpferdezucht immer aktuell.» Doch auch andere Faktoren lassen sie die Franzosen bevorzugen. Sie hätten sowohl die Züchter als auch die Reiter stets als feine Leute kennengelernt. «Wenn wir jeweils unser Herz in beide Hände nahmen, um uns bei den Leuten wegen einzelner Pferde zu erkundigen, haben sie uns immer korrekt Auskunft gegeben, weder übertrieben noch etwas verschwiegen oder Unwahrheiten erzählt.» Auch habe er bisher keine Rivalitäten zwischen den einzelnen Züchtern erlebt, im Gegenteil, sie hälfen einander. «Hier habe ich viele unglaublich motivierte Leute kennengelernt, die über ein enormes Basiswissen verfügen, bescheiden bleiben und sich in aller Berühmtheit dennoch für einzelne Pferde begeistern können.»
Zudem hätten ihn ihre zuchttechnischen Massnahmen schon immer besonders beeindruckt. «Die Sicherheit über die grossartig erfassten Mutterlinien ist mit keiner anderen Pferdezucht vergleichbar», rühmt Ueli Huber. «Die Franzosen waren die Ersten, die ein Werkzeug schufen, um Konkretes über eine Population aussagen zu können.» Damit spricht er den «ISO» an, den «indice individuel annuel en saut d’obstacles», der 1972 eingeführt wurde. Der ISO – oder in der Dressur und im Concours Complet IDR und ICC genannt – ist ein Schlüssel, der von Wissenschaftlern für die Pferdezucht ausgetüftelt wur­de und über die jährliche Leis­tung eines jeden Individuums Auskunft gibt. Dabei bildet ein ISO von 100 den Durchschnitt und nur ein bis zwei Prozent der Pferde übersteigen 140 Punk­te. Fandzi hat einen ISO von 162, Orphée 143 und Romando bereits als Fünfjähriger 136. Noch frü­her führten die Franzosen das Vergleichssystem für die Stuten oder die genetischen Parameter (BLUP) ein und arbeiteten mit gezielter Paarung. «Sie erkannten früh, dass es nicht reicht, die gute Stute ‘X’ mit dem gerade aktuellen Hengst zu kreuzen.» Diese zwei Instrumente – die gezielte Paarung und die Selektion – seien die einzigen Werkzeuge, die der Tierzucht dienen würden. Ausserdem sei die Klassifizierung bei Pferden gegenüber anderer Nutztierzucht mit standardisierten Kriterien äusserst schwierig. Hinzu kommen die gewaltigen Rund­um­einflüsse: Die Aufzucht, der Reiter, der Turniereinsatz… «All das ist in Frankreich gut gelöst. Deshalb hebt sich dieses Land in den zuchttechnischen Bereichen für mich von den anderen ab.»

Von Berufswegen der Zucht verschrieben

Wenn er von den Pferden und der Zucht spricht, dann ist der Huttwiler in seinem Element. Seine Begeisterung lässt sich kaum verheimlichen. Doch der gelernte Nutztierzucht-Fachspezialist weiss, wovon er spricht. Nicht nur durch das Interesse und die damit verbundene Belesenheit verfügt er über ein umfassendes Zucht­wissen, sondern auch durch seine Ausbildung. Sein Alltag war stets von Zuchtarbeit und Genetik geprägt. Er führte im luzernischen Zell bis zur Pensionierung einen Schweinekernzucht- und Remontierungsbetrieb mit rund 150 Muttersauen. «So verdienten wir unseren Lebensunterhalt und letztlich auch die Pferdezucht.»
Obschon das Pferd sowohl Madeleine wie auch Ueli von Kindesbeinen an begleitete, intensivierte sich der Pferdevirus und die Leidenschaft für die Pferdezucht stets. Hubers hatten schon vor der Hengsthaltung Stuten und jährlich ein bis zwei Fohlen. Damals waren beide noch voll berufs­tätig und Madeleine kümmerte sich stets um das Anreiten und Ausbilden der Nachkommen. «Das war schon viel. Aber ich habe die Arbeit mit den Jungpferden immer sehr genossen. Das gab mir eine schö­ne Aufgabe.» Mit der eigenen Zucht hätten sie nun altershalber aufgehört. Doch die Betreuung und das Reiten der fünf Pferde, die noch im eigenen Stall im «Zie­gelacher» stehen, blei­be und sei im Moment auch nicht wegzudenken. Noch diese Woche verlässt aber einer den Stall: Fandzi reist ins Reproduktionszentrum nach Avenches – zumindest für die Decksaison –, wo er seine Landesgefährten Orphée de Nantuel und Romando de l’Abbaye wiedertrifft.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 6/2016)

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