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Feierte am Montag ihren 70. Geburtstag: Christine Stückelberger.
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Die «Grande Dame» der Dressur wurde 70

23.05.2017 14:59
von  Peter Wyrsch //

Christine Stückelberger ist in der Schweiz die «Grande Dame» des Dressursports. Die in unserem Land erfolgreichste Reitsportlerin aller Zeiten gewann an nationalen und internationalen Titelkämpfen 40 Medaillen, darunter mit ihrem Ausnahmepferd Granat 1976 Olympiagold in Montreal (CAN), 1978 WM-Gold in Goodwood (GBR) und EM-Gold 1975 in Kiew (UKR) und 1977 in St. Gallen. Die im Toggenburg in Kirchberg auf dem Hasenberg heimisch gewordene Bernerin feierte am vergangenen Montag ihren 70. Geburtstag und sitzt noch täglich im Sattel ihrer geliebten Pferde.

Christine Stückelberger ist im Schweizer Sport ein Begriff, eine Ikone des Reit­sports. Die Berner Arzttochter gewann die wichtigsten und wertvollsten ihrer 40 Medaillen mit ihrem Ausnahmepferd Granat. Fünf Jahre, von 1974 bis zur EM 1979, blieb die strebsame, geduldige und gelehrige Schülerin von Trainer Georg Wahl mit dem auf einem Auge blinden Holsteiner-Wallach in sämtlichen Dressurvierecken der Welt unbesiegt. Die im Toggenburg seit 40 Jahren wohnhafte Bernerin feierte im engen Freundeskreis ihren 70. Geburtstag. Trotz zahlreicher gesundheitlicher Rück­schläge ist sie stolz, noch täglich ihrer Arbeit mit ihren geliebten Pferden und Hunden nachzugehen.

Mit Swarovski Diamond bei einem Auftritt am CSI Zürich 1992.

Auch mit 70 Jahren und zahlreichen Unfällen sitzt sie noch täglich im Sattel.

Medaillen im Museum

«Nur meine 40 Medaillen, die ich während rund 30 Jahren gewonnen habe, sind in Pension gegangen. Ich setze mich noch nicht zur Ruhe, betreibe täglich eine halbe Stunde Gymnas­tik, sitze im Pferdesattel und kümmere mich aktiv um meine neun Pferde und sechs Hunde.» Ihr ganzer Medaillensatz indes hat die noch rüstige Bernerin, die ihren «bärndütschen» Dialekt nie verloren hat, vor vier Jahren in die Olympia-Sammlung des Museums von Markus Osterwalder nach Herisau gegeben. Sie hat sich nach reiflicher Überlegung entschlossen, sich von ihren wertvollsten Auszeichnungen zu trennen. «Ich wünschte, dass meine Medaillen gut aufgehoben sind und der Nachwelt erhalten bleiben, wenn mir einmal etwas zustösst. Ich habe ja keine Nachkommen.»

Ein Leben für Pferde

Ein Leben ohne Pferde und Hunde kann sich die 14-fache Schweizermeisterin und Schweizer Sportlerin des Jahres von 1976 nicht vorstellen. «Sie gehörten stets zu meiner Familie. Schon als Dreikäsehoch versteckte ich mich im Pferdestall.» Die Tiere haben noch mehr an Zuneigung und Beachtung gewonnen, seit ihr lang­jähriger Trainer und Lebenspartner Georg Wahl am 4. November 2013 im 94. Lebensjahr auf seinem geliebten Hasenberg verschieden ist. Der Schlesier war ehemaliger Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule in Wien und ein aussergewöhnlicher Dressurreiter und -trainer, der beharrlich seinen Weg ging und enormen Wert auf Disziplin legte. «Ich habe Herr Wahl so viel zu verdanken. Ohne ihn wäre ich nie in die internationale Dressurspitze aufgerückt und hätte so schöne Erfolge feiern können.»
Hat man richtig zugehört? Herr Wahl, nach fast 50 gemeinsamen Lebensjahren? «Natürlich haben wir uns in Haus, Stall und im engen Pferdezirkel geduzt. Aber ich spreche in der Öffentlichkeit von Herrn Wahl aus Hochachtung vor dieser einmaligen Person. Er war ein herausragender Pferdefachmann und trotz seiner Strenge und eisernen Disziplin ein herzensguter Mensch. Georg wird stets in meinem Herzen bleiben.»

An insgesamt sechs Olympischen Spielen (Schweizer Rekord) nahm Stückelberger teil, hier 2000 mit Aquamarin in Sydney (AUS).

Hunde für Aga Khan

Bei diesen Worten wedeln schon wieder die Jack Russell Terrier um die Füsse der Dressur-Ikone. Die Enkelin des ehemaligen BGB-Bundesrats und zweifachen Bundespräsidenten Eduard von Steiger (1881 bis 1962) züchtet und verkauft seit Jahren nebst ausgebildeten Dressurpferden auch Hunde von edler Abstammung. Selbst Karim Aga Khan, der religiöse Führer von Millionen von ismailitischen Nizariten, erwarb schon zweimal Jack Russell Terriers aus Stückelbergers Zucht. «Sein Chauffeur fuhr im Rolls Royce vor und holte im Livrée gekleidet meine Hunde ab. War das ein Spektakel und eine Freude», strahlt die Strahlefrau, die stets viel Wert auf ihr Äusseres legte und auch mit 70 Jahren eine gepflegte Frau mit Esprit ist. «Nur die mittlerweile 16-jährige Jessy wird nie verkauft. Sie war Herr Wahls Lieblingshund und lag neben seinem Kopf, als er 2013 zu Hause friedlich und für immer einschlief.»

Pferde wie Edelsteine

Christine Stückelberger hat ihre Toppferde (Granat, Achat, Aquamarin, Azurit, Opal, Onix, Turmalin, Tansanit etc.) stets nach Edelsteinen benannt. Sie mag deren Farbe, Glanz und Schliff und deren positive Schwingungen. Der wertvollste Edelstein, respektive ihr bestes Pferd, war zweifelsohne Granat. Chris­tine Stückelberger erzählt und schwärmt: «Wir haben Granat als Vierjährigen am Chiemsee entdeckt. Er war ein Springpferd und im Besitz von Fürst Magalow. Da er aber auf seinem rechten Auge blind war, was wir lange verheimlichten, stand er zum Verkauf. Und Georg Wahl gelang es, ihn von einem Diamanten zu einem Brillanten zu schleifen. Granat war aussergewöhnlich. Eine Lokomotive. Er hatte so viel Power und Ausstrahlung und beherrschte alle Lektionen fast zur Perfektion. Unvergessen bleiben seine Passagen, Piaffen, Traversalen und Übergänge. Nur schreckhaft war er. Was er nicht kannte (und eben nicht sah), verunsicherte ihn. Deshalb konnte er auch ausrasten.»
Das von Pferden infizierte «Bärner Mädi» machte in der Berner Reithalle auf der Schützenmatte früh Bekanntschaft mit ihrem Ausbildner Georg Wahl, der ihr Förderer und über 45 Jahre auch ihr Lebenspartner war. «Ich erhielt als Elfjährige ein Reitabonnement von meiner Tante geschenkt. Da wuss­te ich, dass es für mich nur Pferde und reiten gab», bekennt die Jubilarin. Sie schmiss ihre Bürostelle bei der damaligen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei für die Pferde – und hat es nie bereut.

Tagwache um sechs Uhr

Noch heute steht Christine Stückelberger stets vor einem langen Arbeitstag. «Jeden Morgen ist um sechs Uhr Tagwache und meist falle ich am späten Abend müde ins Bett. Meine Tiere und mein Betrieb müssen ja versorgt werden. Mit meinen Erfolgen wurde ich nicht reich. Ich kann mir nicht viele Angestellte leisten.» Da ist die ganze Kraft der zierlichen und aufgeschlossenen Person gefragt, obwohl sie zahlreiche Unfälle und gesundheitliche Rückschläge verkraften musste. Ihre (Dressur)­Pferde sind und bleiben ihr Leben.

Mit Granat gewann Stückelberger 1976 in Montreal, Bromont (Kanada) an den Olympischen Spielen die Goldmedaille.

 

 

 

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 20/2017)

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