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Die Strecke in Brüssel verläuft meist im Wald mit viel Auf und Ab.
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Eine Disziplin am Scheideweg

11.07.2017 16:40
von  Claudia A. Spitz //

Die Reiter der Long List Endurance trafen sich am vergangenen Wochenende zum Selektionsweekend in Frankreich. Neben der Frage, wer die Schweiz an der Europa­meisterschaft in Brüssel vertreten wird, sind die Teilnehmer auch immer wieder mit grundsätzlichen Fragen zum Sport konfrontiert. Zehn Schweizer Reiterinnen haben bis Ende Juni die Selektionskriterien des Leitungsteams Endurance des Schweizerischen Verbandes für Pferdesport (SVPS) für die Teilnahme am diesjährigen Championat erfüllt. Acht davon mit zehn Pferden stellten sich auf der Ferme du Cavallon bei Kaderreiterin Gaby von Felten in Bougnon (FRA) der Selektionskommission, denn nur fünf Teilnehmer können am Schluss für die EM in Brüssel genannt werden. Das oberste Ziel des Leitungsteams ist es, das Schweizer Team in die Wertung zu bringen, was heisst, dass drei Paare ins Ziel kommen müssen. Das bedingt gesunde, fitte Pferde und Reiter, die ihre Reitweise jederzeit den Gegebenheiten anpassen können. Bereits im Selektionskonzept vom letzten November wurde festgehalten, dass neben dem Erreichen der Qualifikation folgende vier Punkte ein besonderes Gewicht für die Selektion haben: Gesundheit und Fitness (Pferd und Reiter), Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit, Management. Es ist sicher wichtig, dass die Selektionierten ein gewisses Tempo entwickeln können, aber es sind für diese Meis­terschaft nicht primär die Schnellsten gefragt. Wichtiger ist, dass die Schweizer Teilnehmer im Team reiten und sich in Tempo und Gangart jederzeit den Gegebenheiten der sehr taktischen Strecke in Belgien anpassen können. Je nach Verlauf des Rennens müssen sie eigene Interessen in Bezug auf eine persönliche Platzierung dem Team unterordnen, denn das Teamresultat hat erste Priorität.

Jedes Pferd wurde von Tierarzt und Hufschmied begutachtet.

Vielseitige Aufgabenstellung

Entsprechend aufgebaut war auch das Programm des Selektionswochenendes. Es wurde ein Ritt von rund 27 Kilometer im Gelände in der Gruppe absolviert mit anschliessender Galopparbeit auf der Bahn. Dabei ging es nicht darum, möglichst schnell zu reiten, sondern um Tempogefühl, Überholen und Überholen lassen und auch um das Reiten in unterschiedlich zusammengesetzten Gruppen. Auf der Bahn wurde auch einmal gegeneinander geritten und in den letzten Runden musste das Tempo gezielt erhöht werden, ohne aber das Pferd zu überfordern. So konnten die Selektionäre sehen, wie gut die Teilnehmer ihre Pferde kennen und managen können. Da die Gesundheit der Pferde die höchste Priorität hat, wurden zusätzlich diverse Veterinärkontrollen durchgeführt. Dabei ging es nicht nur um den Gang, sondern auch um metabolische Faktoren und das Gewicht wurde ebenfalls mehrmals erfasst.

Immer wieder gab es Pausen mit Tierarztkontrollen.

EM Brüssel

In diesem Jahr werden die Europameisterschaften in der belgischen Metropole Brüssel ausgetragen. Die Strecke über die Distanz von 160 Kilometer befindet sich mitten in der Stadt, im grossen Stadtwald. Diese ist anspruchsvoll mit unterschiedlichem Untergrund von Sand bis zu steinigen Wegen und vielen Richtungswechseln bei einem ständigen Auf und Ab. Das ist sicher eine Aufgabe, die den Schweizern entgegenkommt. Der Preride 2016 hat allerdings gezeigt, dass die Pferde und Reiter gefordert werden, denn die Durchkommensrate lag damals bei nur 37,2 Prozent. Aufgrund der Erfahrungen vom letzten Jahr wurde diese Saison geplant und aufgebaut.

Jeanne Brefin (Partiba CH) und Patricia Schilliger (Djoba de Luriecq).

Der Endurancesport

In den vergangenen Monaten und Jahren sorgte der Endurancesport immer wieder für negative Schlagzeilen, primär aus dem arabischen Raum. Dabei wird aber generell vergessen, dass es in dieser Disziplin in der Schweiz eine respektable Gruppe von nationalen und internationalen Sportlern gibt, die seit Jahren Endurance betreiben und viel in den Aufbau ihrer Pferde inves­tieren. Ein Beispiel dafür ist Andrea Amacher. Sie hat gute Chancen, für Brüssel selektioniert zu werden mit ihrem unterdessen zwölfjährigen Schimmel Rustik d’Alsace, der von der heutigen Sportchefin Suzanne Dollinger gezogen wurde. Andrea Amacher hat ihn als fünf Monate altes Fohlen erworben und sorgfältig aufgebaut. Er ist mit fünf Jahren zu seinem ersten kurzen Distanzritt gestartet und wurde allmählich an die längeren Distanzen herangeführt. 2014 hat sich das Paar für die Weltreiterspiele in der Normandie qualifiziert und den schwierigen Ritt in der Wertung beendet. Damit haben die beiden ihren Teil zur Schweizer Mannschafts­bronze beigetragen. 2015 haben sie die EM in Samorin erfolgreich beendet. 2016 stand für Rustik kein Titelkampf auf dem Programm, denn es ist Andrea Amacher wichtig, dass sie ihre Pferde an Ritten einsetzt, die ihren Stärken entgegenkommen. «Die Strecke in Samorin 2016 wurde gegenüber 2015 abgeändert und war nur noch flach und schnell, das liegt uns nicht. Es ist schön, Erfolge gemeinsam mit dem Pferd zu haben, das man über mehrere Jahre aufgebaut hat. Für mich ist Brüssel ein genialer Ritt, er ist technisch und landschaftlich schön, ich würde mich freuen, dort zu starten.» Weiter sind auf der Long­list nach diesem Weekend: Jeanne Brefin, Barbara Lissarrague, Veronika Münger, Patricia Schillinger und Gaby von Felten. Der definitive Entscheid fällt im Laufe dieser Woche. Bereits auf eine Teilnahme an der EM verzichtet hat Léa Gabriel. Sie spürt, dass ihr noch relativ junges Pferd noch nicht für einen Titelkampf bereit ist und zieht es vor, ihm die Zeit zu geben, ohne Druck weitere Erfahrungen sammeln zu können.

Es wurde in verschieden zusammengesetzten Gruppen geritten.

Sport und Beruf

Barbara Lissarrague, Weltmeisterin von 2004 für Frankreich, wechselte, da sie auch einen Schweizer Pass besitzt, ab 2013 die Nation und war damit an den Weltreiterspielen 2014 für die Eidgenossen startberechtigt. Sie war in der Normandie Vierte im Einzelklassement und ebenfalls Mitglied des Schweizer Bronzeteams. 2016 beendete sie die Weltmeisterschaft in Samorin in der Wertung. Auch jetzt verfügt sie über zwei qualifizierte Pferde auf der Long­list für das kontinentale Championat. Sie führt einen Endurancestall in Frankreich, ist also auch beruflich mit dem Sport verbunden. «Beide Pferde, die auf der Longlist für Brüssel sind, gehören Kunden. Mir ist es immer wichtig, Pferde sauber aufzubauen und nachhaltig einzusetzen, was sich am Schluss bezahlt macht. Das versuche ich auch meinen Kunden zu vermitteln.»

Chef Sport Suzanne Dollinger gibt den Reiterinnen letzte Informationen zum Trainingsritt.

Erklärungsbedarf

Nicht nur für die Schweizer Spitzenreiter ist die Situation im Endurancesport nicht optimal. Auch Reiter, die national starten, sehen sich immer wieder mit Fragen konfrontiert, ob sie diesen Sport auch verantworten können. Die Resultate in der Schweiz und von Schweizern an internationalen Ritten zeigen ein anderes und positives Bild des Sports. Gerade in nationalen Prüfungen hat es viele Teilnehmer, die seit Jahren mit dem gleichen Pferd erfolgreich Wettkämpfe bestreiten und die Liste der Pferde, die 1000 und mehr Wettkampfkilometer absolvieren, wird immer länger. International haben die Schweizer gerade dieses Jahr gezeigt, dass man den Sport respektvoll gegen­über dem Pferd betreiben kann. Ein Beispiel dafür war der Ritt in diesem Frühling im deutschen Babenhausen. Vier Schweizerinnen starteten über 160 Kilometer, sie ritten konsequent in der Gruppe und beendeten den Ritt gemeinsam in der Wertung, was einer Durchkommensrate von 100 Prozent gleichkommt. Für den Leiter der Disziplin Peter Münger war es ein gutes Beispiel dafür, wo die Schweizer ihre Stärken haben und wie sie sie ausspielen können. «Sauberer Sport mit dem Pferd im Vordergrund ist für mich das ideale Endurance­reiten.» Für die nächsten Jahre soll gezielt an diesen Stärken gearbeitet werden. Denn bei Strecken wie in Brüssel zählt nicht einfach Schnelligkeit, sondern «Köpfchen», sauberes Reiten und die Fähigkeit, sein Pferd richtig einzuschätzen ebenso. Darum wird auch in die Ausbildung inves­tiert, in dieser Saison wurde den Kaderreitern die Möglichkeit geboten, Reitstunden beim bekannten Turnierreiter und Ausbildner Julius Paulika zu besuchen. Das ist auch für Equipenchefin und Teamtierärztin Alessandra Ramseyer wichtig: «Dis­tanzreiten ist eine sehr anspruchsvolle Sportart und wir versuchen den Sport so zu betreiben, dass wir jederzeit dahinterstehen können und dementsprechend sind unsere Pferde so aufgebaut, dass sie lange gesund im Sport bleiben, denn meist haben Schweizer Athleten nur ein oder zwei Pferde.»

Andrea Amacher mit Rustik d’Alsace auf der Sandbahn.

 

 

 

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 27/2017)

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