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Shana Bucher und Walter Gabathuler im Gespräch. Fotos: Chantal Kunz
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Eine Pferdefamilie bei «Gabo»

08.01.2019 08:57
von  Peter Wyrsch //

Der besondere Tag mit Springreitaltmeister Walter Gabathuler schien für Shana Bucher zu platzen. Die Prorektorin der Gewerbeschule legte ihr Veto für die schulische Absenz der 16-jährigen Luzernerin ein, obwohl alle Vorgesetzten des «FaBe»-Lehrlings einer Dispens zugestimmt hatten. Denn nicht alle Tage wird man ausgelost, mit einem fünffachen Schweizermeister und sechsfachen EM-Medaillengewinner zu trainieren. Zusätzlich erkältete sich Shana noch über Nacht. Doch Medikamente und die Unterstützung der Eltern halfen. Dem besonderen Tag mit «Gabo» in Kandern nahe von Lörrach und der Schweizer Grenze stand nichts mehr im Wege.

Shana Bucher auf Totti mit dem Springreiter Walter Gabathuler.

Der Tag Anfang Dezember war nass und grau. Die Distanz vom Schaubhus in Urswil in der Nähe von Hochdorf im Luzernischen nach Kandern im Landkreis Lörrach in Baden-Württemberg, wo Walter Gabathuler seit der Zusammenarbeit mit dem Basler Pferdemäzen Thomas Straumann seit gut zwei Jahren arbeitet, beträchtlich. Rund zwei Stunden im Regen und Verkehr betrug die Anfahrt, welche die Eltern Peter und Erika mit ihrer erkälteten Tochter Shana unternahmen, um ihrem ältesten Nachkommen einen wohl einmaligen und unvergesslichen Tag zu ermöglichen.

Von nichts gewusst

Verdutzt nahm Shana zehn Tage vor dem Termin am 4. Dezember einen Anruf entgegen. Die Telefonnummer kannte sie nicht. Umso erstaunter war sie, als sie vernahm, dass sie von der «PferdeWoche» ausgelost wurde, einen Tag mit Walter Gabathuler zu verbringen. Dabei hatte sie sich gar nicht angemeldet ... Papa Peter und Gotte Heidi, beides ebenfalls «Rösseler», taten dies unabhängig voneineinander, um die Chance der pferdebegeisterten Lizenzreiterin zu wahren. Wer nichts wagt, gewinnt nichts. Shana, die mit ihren Eltern und ihren jüngeren Geschwistern Alena (14) und Nevil (12) auf einem Bauernhof mit Tieren lebt, war die Auserkorene, die ihr Weihnachtsgeschenk vorweihnachtlich erhielt.
Shana selbst kannte Walter Gabathuler nicht. Wie könnte sie auch. Der Altmeister ist 64-jährig, Shana zarte 16 Jahre alt. «Gabo» könnte ihr Grossvater, Opa oder Neni sein. Für Papa Peter war aber Walter Gabathuler ein Begriff, ein reiterliches Vorbild, von dem nicht nur er schwärmte. Deshalb hat er wohl seine Tochter angemeldet, um auch sich selbst eine Freude zu bereiten.

Silver Surfer trägt Shana Bucher mit Eleganz durch die Halle.

Jedenfalls filmte er heftig in der schmucken, hellen Reithalle in Kandern während der Trainingslektion seiner Tochter mit dem weiterhin aktiven und erfolgreichen Elitereiter, der den Anschluss dank entsprechendem Beritt und der Unterstützung von Thomas Straumann nach rund 25-jähriger Abwesenheit von grossen internationalen Turnieren noch­mals geschafft hat. Ein ­Comeback, das erstaunt und nicht jedem gelingt und das Willen, Eifer, ­Disziplin, Feingefühl und Freude an der Arbeit mit Pferden voraussetzt.

Tierliebe spürbar

Shana mag auch Lebewesen, Menschen und Tiere, und hat ein soziales Flair. Das erkennt man sofort. Deshalb hat sie wohl auch ihre Lehre aufgegleist. Sie arbeitet in ihrem ersten Lehrjahr als «FaBe»-Absolventin (Fachperson Betreung) an der Kita (Kindertagesstätte) in Luzern und betreut Gruppen von Kindern im Alter von drei Monaten bis fünf Jahren. Auch Tiere, Pferde insbesondere, liebt sie. Sie streichelt sofort die Mähnen der Vierbeiner, die ihr in der geheizten Kalten Herberge in Kandern zum Ritt oder wenigstens zum Einstieg in den Sattel zur Verfügung gestellt werden. Da wäre die siebenjährige angerittene Franzosenstute Binia zu nennen, mit der sie mit und unter Anleitung von Walter Gabathuler in allen Gangarten durch die Halle preschte und Cavalettis und kleine Kombinationen sprang. «Sie hat Gefühl für Pferde und ist sehr hilfsbereit. Ihre Tierliebe ist spürbar», meinte Walter Gabathuler. «Und sie hat Talent und vor allem Willen. Sie muss aber weiter lernen, lockerer und geschlossener auf dem Pferd zu sitzen und ihr Kreuz besser anzuspannen.»

Shana Bucher beweist viel Feingefühl beim Springen mit der siebenjährigen Stute Binia.

Worte eines Experten, die bei Shana gewiss ankommen und sie zu Verbesserungen beflügeln. Die junge Reiterin ist begeistert von der jungen Stute, die sie reiten durfte: «Ich merke schon einen Unterschied zu meinem Pferd, das ich sonst reite. Bei Binia ist das Potenzial deutlich zu spüren.» Als sie später das Training des langjährigen Elitereiters aus nächster Distanz beobachten durfte, leuchteten ihre Augen. Worte blieben unausgesprochen, waren aber unschwerlich zu erraten: So möchte sie auch einmal reiten können.

Im Sattel von Cracks

Beim Rundgang durch die grosszügige und prächtige Anlage und nach einem Handshake mit Flaminia Straumann, der profimässig reitenden älteren Tochter von Thomas Straumann, traf Shana auf Roland (Ritchie) und Tanja Bayha, die Besitzer des Hofguts in Kandern. Dieses ist seit 1964 im Besitz der Familie und war einst eine Posthaltestelle, wo die Pferde ausgetauscht und die Passagiere sich in einer Herberge verpflegen konnten. Roland Bayha stieg aus dem Sattel eines prächtigen dunkelbraunen, fast schwarzen Pferdes. Das Pferd heisst Totti und hat einen weltberühmten Vater: Totilas, das Ausnahmedressurpferd. Mit dem KWPN-Hengst gewann der Niederländer Edward Gal alles, was es zu gewinnen gab. Der bildschöne Hengst war über Jahre unschlagbar und gewann an der WM 2010 in Kentucky alle drei Goldmedaillen. Es entstand ein Hype um ihn. Er wurde ein Popstar auf vier Beinen, selbst als ihn Pferdehändler und -züchter Paul Schockemöhle im Herbst 2010 für kolportierte und nie widerrufene zehn Millionen Euro kaufte und fortan als «das» Zuchtpferd propagierte. «Wir haben ihn als Dreijährigen gekauft. Er war das erste Fohlen von Totilas», erzählt Richard Bayha der erstaunt lauschenden Sha­na. Nun sei er siebenjährig, angeritten, aber nicht im Sport aktiv. Ob sie mal in den Sattel steigen möchte? Welche Frage: Natürlich wollte sie – und schon lächelte Shana auf dem Rücken von Totti.

Walter Gabathuler schenkt Shana seinen kürzlich in Ascona gewonnenen Flot.

Es sollte nicht ihr einziger Einstieg in den Sattel eines Cracks sein. Nach dem gemeinsamen Mittagessen im Hofgut, als nach einem gesunden Salat ein köstliches Chili verspeist wurde, durfte Shana auch auf dem Rücken von Silver Surfer sitzen, der derzeitigen Nummer eins in «Gabos» Beritt, und einige Runden drehen. Mit dem kräftigen Holsteinerschimmel, der auch an der Jubiläumsausgabe des CSI Basel an den Start gehen wird, gewann der gebürtige St. Galler Rheintaler Mitte Oktober den GP in Chevenez, verzeichnete Spitzenklassierungen in Ascona, Mâcon und Wiesbaden und wurde Vierter der Schweizer Meis­terschaften in Humlikon.

Der Sohn des Schneiders

Was sich denn im Laufe der Jahre und seiner Karriere im Springreitsattel verändert habe, wollte Shana vom «Altmeister» wissen. «Einiges. Das Turnierkarussell dreht sich öfter und immer heftiger. Die Pferdequalität und die Ausbildung der Reiter ist besser geworden. Die Konkurrenz weit grösser und die technischen Schwierigkeiten sind gestiegen», gab Gabathuler aus seinem Erfahrungsschatz preis. Zudem seien die Stangen leichter geworden und fielen auch bei leichten Berührungen eher zu Boden. Beethoven, mit dem er 1983 mit der Schweizer Equipe in Hickstead Mannschaftseuropameis­ter wurde, sei das Pferd seines Lebens gewesen. «Er war ein Alleskönner. Er sprang weit, hoch, sauber, verlässlich und war schnell. Ich konnte ihn in allen Prüfungen einsetzen, in Grossen Preisen, Jagdspringen, ja selbst in Mächtigkeitsspringen.»

Auch die Pflege nach dem Reiten wird von Walter Gabathuler genau beobachtet.

Und Harley, mit dem er viermal nationaler Champion wurde und der ihn 1981, lange vor Shanas Geburt, auch zu EM-Teamsilber trug? «Er war vorsichtiger, aber auch ein Klassepferd», ergänzt der Routinier.
Wie er denn zum Reiten und zum Reitsport gekommen sei, wollte Shana ebenfalls wissen. Ruhig, sachlich gab der Gefragte Auskunft: «Ich stamme weder aus einer Bauern- noch aus einer Reiterfamilie. Mein Papa war Schneider im Rheintal. Als Kinder frönten mein Bruder Hans und ich immer dem Skifahren. Doch eines Tages regnete es bei einem Skiausflug im Toggenburg heftig. An Wedeln auf den Pisten war nicht zu denken. Da kamen wir an einem Pferdestall vorbei und fanden Unterschlupf. Wir durften sogar auf einem Pony sitzen. Da war es um uns, besonders um mich, geschehen.»

Bei Winkler getrimmt

Als sein Vater später einen Hof kaufte, Kühe und Pferde platzierte, konnten die Gabathulers ihr neues Steckenpferd ausüben. Walters Karriere begann. Bei Albert Frei in St. Gallen und beim deutschen Altmeister Hans Günter Winkler, dem vierfachen Olympiasieger, konnte er sich ausbilden, ehe der Basler Uhrenfabrikant William Mosset sein Talent entdeckte und ihn entsprechend mit Spitzenpferden ausstattete. Seit über 30 Jahren sei er aber nun selbstständig, derzeit zu 70 Prozent bei Thomas Straumann in Kandern angestellt und möchte noch so lange wie möglich aktiv im grossen Turniersport mitreiten, «wenn es die Gesundheit zulässt und ich kompatibel bin», ergänzte der bescheidene und nie abgehobene Horseman.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 1/2019)

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