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Jeannine Grod mit Pius Schwizer
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Entschädigung nach Blinddarm-OP

04.07.2017 09:53
von  Peter Wyrsch //

Hoch und Tief, Glück und Pech liegen im Leben oft nahe beieinander. Auch bei Jeannine Grod ist dies so, obwohl die Sekundarschülerin erst 14 Lenze zählt. Nur einen Monat nach einer notfallmässigen Blinddarmoperation verbrachte die grossgewachsene Bauerntochter aus Rottenschwil einen unvergesslichen Tag mit dem erfahrenen Springreiter Pius Schwizer in Oensingen. Die Brevetreiterin durfte ihr eigenes Pferd, den elfjährigen Irländerwallach Terry Lee, mitbringen, mit dem ehemaligen Weltranglistenersten trainieren und ihm in seinem seit Jahren gepachteten Reitzentrum in der Äusseren Klus über die Schultern gucken.

ama Carla, selbst eine begeisterte regionale Concoursreiterin, chauffierte ihre Tochter und den Anhänger mit dem braven und vorsichtigen Terry Lee vom aargauischen Rottenschwil im Bezirk Muri zu Pius Schwizer auf den Reiterhof im solothurnischen Gäu. «Die Nervosität war gross. Seit über einer Woche ist für Jeannine der besondere Tag bei Pius Schwizer allgegenwärtig. Sie zählte die Stunden seit der Bekanntgabe des Losglücks», berichtet die Mama. Die aktive Reiterin und Präsidentin des RV Muri-Bremgarten führt mit ihrem Mann Hanspeter und den drei Kindern Jeannine (14), Raphael (12) und Pascal (10) auf dem Weiler Werd einen Bauernhof. Sie bewirtschaften eine Ackerfläche von 30 Hektaren und füh­ren seit 2014 eine grosse Pouletmästerei. 21000 Kü­ken, verteilt auf zwei Stäl­le, gackern rund ums eigene «Heimetli».

 

Jeannine Grod durfte ein Tag mit Pius Schwizer verbringen.

Mit vier an der Longe

Carla ist die Triebfeder, Ini­tiantin und Lehrmeisterin ihrer ebenso von Pferden begeisterten Tochter. «Ich sass bereits mit vier Jahren erstmals auf einem Shetlandpony an der Longe meiner Mami und habe mit zehn Jahren die Brevetprüfung bestanden. Seit zwei Jahren bestreite ich mit meinem tollen Lehrpferd Springturniere der Kategorien B/R 90 bis 95 und war zu meiner Freude schon einige Male klassiert. Nur zu einem Sieg hat es noch nie gereicht. Aber was nicht ist, kann mal werden. An Trainingseifer und Ehrgeiz fehlt es mir nicht», erzählt die aufgeweckte und mit 171 Zentimeter gross gewachsene Bauerntochter. Während die Frauen der Familie Grod das Pferdefieber gepackt hat, üben Jeannines jüngere Brüder eine andere Sportart aus: Sie haben sich dem urchigen Schwingen verschrieben und möchten einmal «böse» werden. So werden nämlich die besten Schwinger im Sägemehl genannt. So pendelt die Familie Grod in der spärlichen Freizeit also zwischen Concours- und Schwingplatz hin und her. Für den besonderen Tag bei Pius Schwizer erhielt Jeannine schulfrei. «Es war kein Problem, Dispens zu erhalten. Mein Lieblingslehrer, der Geografie, Geschichte und Zeichnen unterrichtet, beurlaubte mich spontan und hängte die Ausschreibung in der «PferdeWoche» sogar im Schulzimmer auf. Und einige Kolleginnen wurden fast ein bisschen neidisch auf mich», erzählt Jeannine in einem Redeschwall. Berührungsängste kennt sie nicht. Ihre Worte sprudeln von den Lippen. Sie sagt offen, was sie denkt. «Auch das hat sie wohl von mir geerbt», fügt die Mama lächelnd bei. 

Jeannine Grod (r.) mit Mutter Carla und dem elfjährigen Irländerwallach Terry Lee auf dem Weg zum Privattraining mit Pius Schwizer.

Für Jeannine Grod gab es eine Springstunde von Pius Schwizer.

Von Pius’ Stil beeindruckt

Circa eine halbe Stunde vor dem offiziellen Treffpunkt in der Klus, der «Schlucht» entlang steiler und schroffer Felswände und an der Dünnern gelegen, fanden sich die Grods in Oensingen ein. Sie beo­b­achteten Pius Schwizer beim Training auf dem einen der zwei Sandplätze im Sport-, Pensions- und Handelsstall Klushof. Dieser ist seit Jahren im Besitz von Armin Uebelhard, dem einstigen Pferdehändler und passionierten Taubenzüchter. «Seit rund 20 Jahren habe ich den Reitbetrieb gepachtet. Armin ist wie ein Vater zu mir und unterstützt mich. Er gewährt mir Handels- und eine gewisse ‘Narrenfreiheit’», verrät der Autodidakt. Der Luzerner, seit vergangenem Spätherbst mit der ebenfalls reitenden Westschweizer Arzttochter Florent Seydoux verheiratet, übt mit Corney Cox, einem achtjährigen Mecklenburgerfuchs, der für grosse Aufgaben aufgebaut wird. Der Rücken gerade wie eine Kerze, der Schenkeldruck kaum sichtbar und automatisch, der Blick stets vorwärtsgerichtet, die Zügel fest und konzentriert in der Hand und stets ein Lächeln auf den Lippen. Reiten macht Schwizer sichtlich Spass. Nicht umsonst ist er ein national und international erfolgreicher Siegreiter mit eisernem Willen und trotz seiner bald 55 Jahren ungebrochenem Ehrgeiz. Seit Jahrzehnten ist der bodenständige Luzerner ganz vorne dabei und hat schon über 1000 Siege in schwierigen Prüfungen und unzählige Auszeichnungen gewonnen. Jeannine staunt, als er über einstige Cracks wie Carlina, Noblesse, Ver­di, Powerplay, Toulago, Living the Dream, Picsou du Chêne oder Future erzählt, die er einst in seinen Zügeln und zu Erfolgen führ­te. «Auch Corbinian, den Steve Guerdat vor Jahresfrist zum Sieg im Weltcupfinal führte, war einst in meinem Beritt», fügt Schwizer an, dem derzeit ein absoluter «Kracher», ein GP-Pferd für allerhöchste Ansprüche, fehlt. «Ich bin eben nicht nur Springreiter, sondern auch Ausbildner, Trainer und Händler. Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt, komme für den gesamten Betrieb und die Löhne meiner Angestellten auf. Ich zehre nicht nur von den Preisgeldern.»

Schwizers Abhängigkeit

Schwizer verschweigt vor der interessierten Jeannine, die einst Bereiterin werden möchte, auch seine Rückschläge und Schwierigkeiten nicht. «Vor Jahren ist mein Wohnhaus total abgebrannt. Fast nichts konnten wir aus dem Flammenmeer retten.» Häufig schlägt er sich (nicht wörtlich gemeint) mit Pferdebesitzern he­rum, die dem routinierten Equipenreiter ihre besten und häufig teuren Vierbeiner anvertrauen. Schwizer gesteht: «Pferdebesitzer sind die schwierigsten Menschen, die ich kenne. Meist haben sie viel Geld, aber wenig Verstand, sind ungeduldig und haben von Pferden, deren Aufbau und Eigenarten keine Ahnung. Sie üben Druck auf mich aus. Einige haben schon einen Psychoterror inszeniert. Ich bin wohl nervenstark und gutmütig. Aber wenn es genug ist, ist es genug. Da platzt mir der Kragen und es kommt zu Trennungen.» Das hat Schizer in den letzten Jahren häufig erfahren und er musste fast von Tag zu Tag wieder auf neue Pferdekräfte setzen. «Ich bin deshalb vorsichtiger geworden. Wohl bin ich auf Sponsoren und Pferdebesitzer angewiesen, die mir vertrauen. Immer mehr suche ich aber Beteiligungen. So kann ich auch offiziell mitreden und mitbestimmen, ohne dass mir ein Spitzenpferd unter dem Sattel weggenommen und umplatziert wird.» Es gebe aber auch anständige und vernünftige Besitzer, erwähnt er und nennt beispielsweise die Händlerfamilie Hauri, Hannes Meindl, Werner Rütimann, Eva und Heinz Senn, Marcel Merkli oder Armando Balmelli, mit denen er derzeit oder einst eng zusammenarbeitete.

Die Brevetreiterin mit Ihrem elfjährigen Irländerwallach Terry Lee.

Spezialtraining mit Pius

Kurz vor Mittag hiess es dann aufsitzen für Jeannine zur privaten Reitstunde auf dem sonnenbeschienenen Sandplatz. Nachdem das Mädchen noch schnell die Toilette aufsuchen musste, schwang es sich in den Sattel ihres dunkelbraunen Terry Lee, eines nicht einfachen, aber vorsichtigen Irländers. Vorbei und abgehakt war der dreitägige Spitalaufenthalt vor Monatsfrist wegen der Blinddarm-OP. Jetzt herrschte pure Freude, wie Ex-Bundesrat Adolf Ogi formulieren würde. Ende 2015 stieg Jeannine vom Pony auf ein Pferd um, das die Familie Grod beim R3-Reiter René Huwiler fand. «Terry Lee ist ein guter Lehrmeister», stellte auch Pius fest, der sich Zeit nahm, Jeannine vorzureiten, zu trainieren und zu korrigieren. «Das Pferd hat einen guten Rhyth­mus und springt lässig», meinte er. «Du musst aber nicht immer in den Boden starren, sondern den Blick nach vorne richten. Du musst lernen, das Pferd noch besser zu führen, besser am Bein zu haben und dich nach der Landung sofort wieder aufzurichten. Aber es fällt ja kein Meis­ter vom Himmel. Übung macht den Meister und Talent, Fleiss und Ehrgeiz.» Schwizer weiss, wovon er spricht. Er musste sich den Weg nach oben – und zunächst mit bescheidenen Mitteln und Rückschlägen – ebenfalls erarbeiten. «Ich woll­te aber an die Spitze kommen», ergänzte der ehemalige Zweitligafussballer von Gunz­wil und dreifache Sieger des Hellebarden-Halbmarathonlaufs in Sempach. Ein Reich mit 50 Pferden 50 Pferde sind im Klushof untergebracht, Sport-, Pensions- und Handelspferde. Für die ehemalige Weltnummer eins, den Teameuropameister von 2009, Weltcupgesamtzweiten und -dritten, Schweizermeister, Cupsieger und lang­jäh­rigen Equipenreiter kommt die EM Ende August in Göteborg zu früh. Mit Balou Rubin, den er im Nationenpreis in Rom vorstellte (8+4 Punkte) und mit Leonard de la Ferme CH reitet er zwar zwei Pferde mit tollen Anlagen, aber das letzte Quäntchen Qualität für das höchste Niveau fehlt. «Aber, was nicht ist, kann werden», wirft der Routinier abermals ein. «Ich habe einige Acht- und Neun-jährige im Beritt, von denen man noch hören wird.» Ob es Chidame, Electric, Delphi, Cortney Cox oder ­About a Dream sein werden, wird die Zukunft zeigen.

Wasserspiele: Pius und Jeannine kühlen gemeinsam Terry Lee ab.

Über 200 Gebisse

Nach einer interessanten Stallbesichtigung führte Pius seine Gäste in einen pikfein sauberen Container mit über 2000 Gebissen und rund 300 Zäumen. «Ich bin ein Tüftler und Sammler», verrät Schwizer und zeigt auf ein Gebiss, dessen Aussenseiten aussehen wie zwei Colts! Inzwischen haben Helfer die Schimmelstute Cuella für Jeannine für einen weiteren Ausritt im Gelände gesattelt. Bergtrab in Begleitung lockte. Der Chef begab sich währenddessen auf den anderen Sandplatz. Da fanden sich nämlich Kunden ein, die sich für einen Pferdekauf interessierten und einige Vierbeiner prüften. Busi­ness bleibt Business.

Jeannine (M.)  durfte mit Schwizers Schimmel Cuella auf einen gemeinsamen Ausritt.

Pius Schwizer und Jeannine Grod mit dem «Colt-Gebiss».

 

 

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 26/2017)

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