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Eine Herpeserkrankung kann einen Klinikaufenthalt mit intensiver tierärztlicher Betreuung nötig machen.
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Ernst zu nehmende Infektionskrankheiten

08.11.2016 14:59
von  Cornelia Heimgartner //

Derzeit hört man von verschiedenen Ausbrüchen der beiden sehr ansteckenden Infektionskrankheiten in der Schweiz und im grenznahen Ausland. Die Verunsicherung bei Pferdebesitzern und Stallbetreibern ist gross: Wie ernst ist die Lage tatsächlich? Welche Verhaltensregeln müssen im Krankheitsfall befolgt werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern? Wie kann man gesunde Pferde schützen? Tierärztin Franziska Remy-Wohlfender von der Melde- und Informationsplattform für infektiöse Pferdekrankheiten «Equinella», die an der ISME-Pferdeklinik in Bern angesiedelt ist, gibt Antworten aus erster Hand.

Franziska Remy-Wohlfender.

«PferdeWoche»: Es kursieren Gerüchte über Fälle von Druse und Herpes in der Schweiz. Können Sie diese bestätigen?

Franziska Remy-Wohlfender: Equinella sind momentan zwei bestätigte Ausbrüche von Druse im Raum Zürich mit fünf betroffenen Pferden sowie bestätigte Fälle von Herpes in einem deutschen Betrieb nahe der Schweizer Grenze bekannt. Die Tiere im nahen Ausland werden teilweise von Schweizer Tierärzten versorgt oder kommen zum Klinikaufenthalt in die Schweiz. Auf der Webseite www.equinella.ch bieten wir eine tabellarische und grafische Übersicht über die aktuelle Lage bezüglich dieser Infektionskrankheiten. Die betroffenen Betriebe werden aus Datenschutzgründen zwar nicht genannt, aber die Krankheitsmeldungen werden nach Postleitzahl registriert und dargestellt.


Ist die Lage aktuell besonders ernst?

Das kann man so nicht sagen. Sowohl Druse als auch Herpes treten in der Schweizer Pferdepopulation regelmässig auf. Es gibt immer wieder regionale Verschiebungen der Krankheitsherde, da Pferde und Menschen im Kontakt mit Pferden heute sehr mobil sind. Deshalb ist es äusserst wichtig, dass offen und rasch kommuniziert wird, wenn ein Verdacht auf eine infektiöse Pferdekrankheit vorliegt. Wenn es einen Betrieb trifft, ist das tragisch für die erkrankten Pferde und auch wirtschaftlich sehr relevant. Es deutet aber nicht zwingend auf ein schlechtes Stallmanagement, Nachlässigkeit oder mangelnde Hygiene hin, wenn es zu einem Ausbruch kommt. Diese Krankheiten sind sehr ansteckend und wir werden sie leider wohl nie ganz ausrotten können. Gerade deshalb muss die ganze Pferdebranche Bescheid wissen, wo die Krankheiten derzeit aktiv sind, um präventive Mass­nahmen treffen zu können.

Werden alle Fälle von Druse und Herpes in der Schweiz auf Equinella registriert?

Druse und Herpes sind keine meldepflichtigen Krankheiten gemäss der Tierseuchenverordnung. Wir sind somit auf die freiwilligen Meldungen der zurzeit rund neunzig Equinellatierärzte angewiesen. Diese decken über 50 Prozent der Schweizer Pferdepopulation ab. Unser Ziel ist, möglichst alle in der Schweiz tätigen Tierärzte, die Pferde behandeln, für eine Teilnahme an Equinella zu motivieren, damit wir schnell und lückenlos über Krankheitssymptome und bestätigte Erkrankungen bei Pferden informieren können. Entsprechende präventive Massnahmen können dann eine rasche Ausbreitung verhindern helfen. Auch Besitzer von erkrankten Pferden können per E-Mail an info@equinella.ch bei uns eine entsprechende Meldung machen oder ihren Tierarzt ermuntern, dies zu tun.

Der Gedanke an Druse und Herpes sorgt bei vielen Pferdebesitzern für schlaflose Nächte. Wie schlimm sind diese Krankheiten wirklich?

Es sind absolut ernstzunehmende Infektionskrankheiten, die für die betroffenen Pferde gravierend sein können. Im Anfangsstadion mit Fieber können Herpes und Druse – wie auch Influenza – kaum zu unterscheiden sein. Im Verdachtsfall wird der Tierarzt abklären, um welche der Krankheiten es sich handelt. Die Druse ist eine typische Kinderkrankheit bei Pferden und glücklicherweise in den wenigs­ten Fällen tödlich. Herpes ist vor allem in Zuchtbetrieben gefürchtet, da es zum Fohlenabort kommen kann, aber in seiner respiratorischen oder neurologischen Form mit Ataxie und Lähmungserscheinungen ist Herpes für jeden Pferdebetrieb relevant. Die Krankheiten sind im direkten Austausch von Körperflüssigkeiten unter Pferden, beispielsweise über Schnau­ben, sehr ansteckend. Auch die indirekte Übertragung beispielsweise über gemeinsam genutzte Tränkeeimer, über Menschen mit Kontakt zu kranken und gesunden Pferden, über Mistkarren oder Putzzeug ist möglich. Deshalb ist ein striktes Krankheitsmanagement sehr wichtig.

Wie sieht ein solches Krankheitsmanagement aus? Welche Verhaltensregeln müssen betroffene Betriebe einhalten?

Das genaue Management eines Krankheitsausbruchs ist mit dem behandelnden Tierarzt von Fall zu Fall zu besprechen und entsprechend anzupassen. Allgemein gelten im Idealfall folgende Grundsätze: Die ers­te und wichtigste Mass­nahme ist die Isolierung der kranken Tiere. Dabei müssen strikte Hygienevorschriften eingehalten werden. Wer Kontakt zu den kranken Pferden hat, muss Isolationskleidung tragen, es sind separate Mistgabeln und Schubkarren zu verwenden und Putzzeug oder Halfter dürfen den Isolationsbereich nicht verlassen. Die Betriebe oder Teile davon müssen unter Quarantäne gestellt werden, das heisst, es darf zu keinem Zu- oder Abtransport von Pferden kommen, auch nicht von scheinbar gesunden Pferden, die allenfalls mit kranken Pferden Kontakt hatten. Jeder Kontakt mit anderen Pferden ist zu vermeiden. Somit ist auch eine Teilnahme an Turnieren oder Trainings in der Vereinsreithalle zu unterlassen. Sofern kranke Pferde räumlich getrennt gehalten werden, können Fremde – beispielsweise Hufschmiede oder Trainer – auf den Betrieb kommen, dürfen jedoch keinen Kontakt zu den kranken Pferden haben. Sie müssen nach dem Aufenthalt auf dem Betrieb die Hände und Schuhe gründlich waschen und allenfalls desinfizieren. Bei den gesunden Pferden auf dem Betrieb muss zweimal täglich Fieber gemessen werden. Zeigt ein Pferd Anzeichen einer Erkrankung, muss es ebenfalls von den gesunden Pferden isoliert werden, bis der Krankheitsverdacht bestätigt oder widerlegt ist.

Putzzeug von erkrankten Pferden darf nicht mit gesunden Pferden in Kontakt kommen. 

Können Pferde auf einem Quarantänebetrieb mit einer Impfung geschützt werden?

Bei der Druse gibt es in der Schweiz keinen zugelassenen Impfstoff. Die Wirksamkeit des vorhandenen Impfstoffs ist beschränkt. Aber die Forschung läuft. Bei Herpes gibt es Impfstoffe. Zwar sind Pferde dann nicht vollständig davor geschützt, aber der Krankheitsverlauf ist milder und sie geben weniger Viren an andere Pferde weiter. Der Impfschutz ist jedoch auf wenige Monate begrenzt. Nach einer Grund­immunisierung muss er alle sechs Monate aufgefrischt werden. Sind Pferde bereits erkrankt, ist eine Impfung nicht empfohlen. Ob die noch gesunden Pferde auf dem Betrieb geimpft werden sollten, ist mit dem behandelnden Tierarzt abzuklären.


Vorsicht ist also besser als Nachsicht?

Auf jeden Fall! Und das betrifft nicht nur das Impfen. Da ein Befall mit infektiösen Erregern auch bei gröss­ter Sorgfalt jeden Betrieb treffen kann, ist es sehr empfehlenswert, einen Notfallplan für dieses Szenario vorzubereiten. Die Schweiz ist hier gegenüber gewissen anderen Ländern etwas im Hintertreffen. Stallbetreiber sollten sich in ruhigen Zeiten mit ihrem Tierarzt zusammensetzen und individuell besprechen, wie sie im Krankheitsfall reagieren müssen, welche räumlichen Vorkehrungen zu treffen sind, welches Material – zum Beispiel die Schutzkleidung – für den Notfall angeschafft werden muss. Dazu gehört auch ein Kommunikationskonzept: Wer ist die Ansprechperson im Stall? Welcher Tierarzt übernimmt das Krankheitsmanagement? Wer gut auf die Notlage vorbereitet ist, hilft Panik zu vermeiden und macht keine Fehler. Zudem sollte es zur Selbstverständlichkeit wer­den, dass Neuzugänge in Ställen – insbesondere aus dem Ausland – in den ersten Tagen separat gehalten und gut beobachtet werden, um deren Gesundheitszustand zu überwachen, bevor sie in den festen Bestand integriert werden.

Was möchten Sie den Pferdeleuten noch mitgeben?

Ich möchte alle aufrufen, beim Krankheitsmanagement mitzuhelfen. Die Kommunikation von infektiösen Erkrankungen ist von zentraler Bedeutung. Man darf nicht mit dem Finger auf die betroffenen Betriebe zeigen, denn es kann jeden treffen. Vielmehr sollten alle – Stallbetreiber, Tierarzt, Pferdebesitzer – am gleichen Strick ziehen. Nur so können wir eine Ausbreitung der Krankheiten eindämmen und den Pferden viel Leid ersparen.

Der Kartenausschnitt zeigt Krankheitsfälle und Pferde mit spezifischen Krankheitssymptomen, die vom 1. Oktober bis 7. November via Equinella gemeldet wurden. Blau: ein betroffenes Tier. Gelb: zwei bis fünf betroffene Tiere. 

 

 

 

 

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 44/2016)

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