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Sladjana Jovanovic beim Scheren.
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Für jedes Pferd die passende «Frisur»

19.09.2017 14:20
von  Chantal Kunz //

Die Tage werden kürzer und das Fell der Pferde wird wieder dichter. Wie so vieles anderes bietet auch das Scheren der Pferde Grundlage für Diskussionen. Klare Vorgaben wie beim Wechseln der Autoreifen gibt es da nicht. Denn jedes Pferd wird anders genutzt, schwitzt anders und braucht daher mehr oder weniger Fell. Zeitpunkt, Intensität und Schnittmuster sind von daher von Pferd zu Pferd unterschiedlich. Hinzu kommt die Frage des Eindeckens sowie der Ethik.

Grundsätzlich ist für Sportpferde, die oft trainiert werden, eine Schur empfehlenswert, für reine Freizeitpferde in Offenstallhaltung eher weniger. «Man kann aber nicht klar sagen, welche Pferde geschoren werden sollen oder nicht, es kommt auf so viele Umstände an. Je nachdem wie das Pferd gehalten wird, wie fest es schwitzt, wie es bewegt und genutzt wird, eignet sich eine Schur mehr oder weniger», sagt Sladjana Jovanovic von «Reiter­undPferd.ch». Die 40-Jährige ist im Herbst und Winter in der ganzen Schweiz unterwegs und verleiht den Pferden neue Haarschnitte. Da Sportpferde auch im Winter regelmässig in der Reithalle trainiert werden, schwitzen sie oft mehr.

Sladjana Jovanovic bietet Scherservice und Seminare an.

Das dichte Winterfell trocknet meis­tens nur sehr schwer oder das Pferd schwitzt sogar noch nach. Das würde einen mehrfachen Deckenwechsel nach sich ziehen. Vielfach hat der Reiter nicht die Möglichkeit, Stunden später sein Pferd umzudecken. Deshalb wird gerade bei Sportpferden oft fast das ganze Pferd geschoren. «Bei meinen Kunden bleibt meistens eine ­sogenannte ‘Nierendecke’ – Fell im Bereich der Nieren wird nicht geschoren – bestehen, denn der lange Rückenmuskel ist ein sehr heikler Punkt bei den Tieren. So braucht es beim Ausreiten auch keine Nierendecke aus Stoff.» Die eine Linie, die sie schere, sei etwas speziell, das habe sie bei anderen noch nie gesehen. «Als Jugendliche hat mir der Besitzer meines damaligen Pflegepferdes die Schermaschine in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle ‚einfach mal machen’. Ich war etwas überrascht, aber habe es einfach versucht. Damals habe ich eine schöne Nierendeckenschur gesehen, welche ich umsetzen wollte. Und es gelang auf Anhieb. Seit da schere ich diese Linie immer gleich.» Auch ausgefallene Muster könne sie anbieten. So hat Jovanovic vor zwei Jahren an der Show des CSI Zürichs Pferde in Form eines Zebras, Leopards oder einer Giraffe geschoren. «Solche Muster wären zwar in ­puncto schwitzen praktisch, aber sie werden eigentlich nicht verlangt.»

Die richtige Decke
Das Scheren ist zwar eine Erleichterung für das Training, bedingt aber auch ein richtiges Eindecken. Denn das Entfernen des wärmenden Winterfells ist ein Eingriff in die natürliche Isolierung der Tiere. Also muss der Eingriff auch von Menschenhand wieder ausgeglichen werden. «Aber auch dies ist sehr individuell und bedingt vom Besitzer regelmässige Anpassungen mit den Decken bei ändernden Temperaturen. Geschorene Pferde in einer Gruppe haben vielleicht vierbeinige Freunde, die sich an den Decken zu schaffen machen und diese sogar zerreissen», so Jovanovic. Ansonsten sollte das Pferd aber einfach warm haben. Dies merkt man, indem man die Hand unter die Decke hält und so fühlt, ob es warm ist oder nicht. «Wenn ich zu Kunden gehe, wird das alles besprochen. So können wir jeweils schauen, was das Optimals­te ist für das Tier.»

Der richtige Zeitpunkt
«Wie viele andere Pferdehalter dachte auch ich lange, dass man dichtes Winterfell nahezu verhindern kann, wenn man die Pferde bei fallenden Temperaturen deckt und ihnen so keinen Grund gibt, sich selber mehr zu wärmen», sagt die Aargauerin. Nun habe sie aber gelernt, dass das Wachsen des Winterfells mit der Länge der Tage und der Helligkeit zu tun hat. «Wenn es früher dunkel wird, setzt der Fellwechsel ein. Mein Pferd macht also sowieso ein Winterfell – ob ich ihn nun frühzeitig decke oder nicht.» Wann aber der richtige Zeitpunkt ist, das Pferd zu scheren, ist sehr unterschiedlich. Einige Kunden gäben ihr den Auftrag, sobald der erste Flaum da ist. Andere würden lieber bis im November oder Dezember warten. «So müssen die Vierbeiner die Prozedur nur einmal mitmachen.»

Selber Scheren
«Ich habe häufig Kunden, die ihre Pferde früher selber geschoren haben», sagt Jovanovic. Doch da die meisten Leute nur ein- oder zweimal im Jahr eine Schermaschine in die Hand nehmen, haben sie nicht viel Übung. «Da kann das Pferd schon mal ungeduldig werden.

Oft werden kleine Muster an der Kruppe eingearbeitet.

Ich bin meis­tens in 45 Minuten fertig.» Auch für diese Saison seien Scherseminare organisiert, wo das Gelernte gleich am eigenen Pferd mit der nötigen Hilfe umgesetzt werden könne, sagt die Reiterin. «Neu arbeite ich auch energetisch, also über Ener­giefelder der Tiere. Es gab schon Fälle, in denen ich vorab von zu Hause aus mit dem Pferd gearbeitet habe. Das ursprüngliche Problempferd hat dann während der Arbeit schön stillgehalten.»


Aller Anfang ist schwer
Als Jovanovic mit dem Scheren als Dienstleistung angefangen hat, habe sie einige schwierige Fälle mit unberechenbaren Pferden gehabt. Heute habe sie mehr Erfahrung und könne mit der Energetik schon einige Probleme vermeiden. Pferde mit einem einwandfreien Charakter, die das Vertrauen zum Menschen haben, sind in der Regel sehr unkompliziert beim Scheren. Auch junge Pferde, die noch keine negativen Erfahrungen gemacht haben, gewinnen durch sicheres und geduldiges Auftreten meis­tens schnell das Vertrauen. Es ist aber für alle Beteiligten, inklusive Pferd, von Vorteil, wenn es schon an die Schermaschine gewohnt ist. Dies übt man am besten regelmässig zu Hause. Zuerst kann man dem Pferd die Maschine zeigen, dann damit in ausgeschaltenem Zustand über den ganzen Körper des Tieres fahren. Wenn es das akzeptiert, kann man die Maschine einschalten und in die Nähe des Pferdes halten. Irgendwann sollte es möglich sein, das Pferd mit der laufenden Maschine zu berühren. Mit regelmässigem Üben sollte das Pferd dann keine Angst mehr vor dem Surren und Vibrieren der Schermaschine haben.

Laut einer Studie aus Schweden und Norwegen ist das Eindecken und Scheren von Pferden auch in diesen Ländern stark verbreitet, wobei Warmblüter häufiger geschoren werden als Kaltblüter. Dies ist aber auch oft auf die Nutzung und Haltung zurückzuführen. Der häufigste Grund für das Scheren ist, dass die verschwitzten Pferde ansonsten nur sehr langsam trocknen. Weil Studien über Scheren und Eindecken nicht sehr oft gelesen werden, besteht aus Sicht der Wissenschaft noch Handlungsbedarf was Informationen für die Öffentlichkeit betrifft.

Kommentar
Lustige und originelle Mus­ter als Pferdeschur; das Pferd als Werbeträger mit auf die Kruppe geschorenem Banner oder Logo – kann das unter ethischen Gesichtspunkten ein Problem darstellen? Viele Menschen werden den Kopf schütteln und diese Frage als lächerlich beurteilen. Doch so einfach ist es nicht.
Die Würde des Tieres ist in der Schweiz seit 2008 gesetzlich geschützt, eine Würdemissachtung entsprechend strafbar. Im Rahmen der Tierschutzgesetzgebung wird Würde definiert als Eigenwert des Tieres, der im Umgang mit ihm geachtet werden muss. Die Würde wird dann missachtet, wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen gerechtfertigt werden kann. Und eine solche Belastung (also eine Würdeverletzung) liegt nicht nur dann vor, wenn dem Tier Schmerzen, Leiden, Angst oder Schäden zugefügt werden, sondern auch wenn es erniedrigt wird, wenn tiefgreifend in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen oder es übermässig instrumentalisiert wird.

Ein Logo, das auf die Kruppe geschoren wurde.

Das muss unabhängig davon beurteilt werden, ob sich das Tier der «Belastung» bewusst ist. Es spielt bei dieser ethischen Fragestellung also keine Rolle, ob das Tier bemerkt und sich daran stört, dass ihm ein Muster auf die Kruppe geschoren wurde. In unserem Falle müssen wir nun also über Erniedrigung, tiefgreifenden Eingriff in das Erscheinungsbild und Instrumentalisierung nachdenken: Wird das Pferd lächerlich gemacht, vermenschlicht oder als unbelebte Sache dargestellt? Ist der Eingriff dauerhaft oder sogar irreversibel? Wird darauf abgezielt, das Tier ausschliesslich als Instrument in der Hand des Menschen zu nutzen, ohne seine arttypischen Bedürfnisse zu berücksichtigen? Genauso wie beispielsweise bei einem Zurschaustellen in Verkleidungen oder einem künstlichen Einfärben des Felles müssen diese Fragen beantwortet und eine Güterabwägung vorgenommen werden: Wie gross und dauerhaft ist die Belastung beziehungsweise die Würdeverletzung des Pferdes? Gibt es bedeutende Interessen (für den Pferdehalter, für die gesamte Menschheit), die ein solches Vorgehen rechtfertigen? Je nachdem, wie das Pendel der Waage bei dieser Gewichtung ausschlägt, kann es sich um eine Missachtung der Pferdewürde handeln und muss in diesem Fall unterlassen werden.

Iris Bachmann
Stellvertretende Gruppenleiterin Pferdezucht und -haltung des Schweizer Nationalgestüts von Agroscope

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 39/2017)

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