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Gruppenbild mit Zirkusdirektor Fredy Knie jun.
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Geduld und Vertrauen

21.03.2017 12:50
von  Peter Wyrsch //

«Wooow!» Die Augen weit aufgerissen, das Staunen gross: Vier Glückliche der «PferdeWoche»-Verlosung durften in der sogenannten Knie-Stube in Rapperswil aus nächster Nähe einer der letzten Proben mit den wunderschönen Knie-Hengsten vor der 99. Zirkustournee beiwohnen. Die Drittklässlerin Nuria und ihr älterer Bruder Eloy Schlüssel aus Madetswil, die Thurgauer Fünftklässlerin Annina Schmid aus Märwil und auch der 16-jährige Dressurreiter Carl-Lennart Korsch aus Wolfhausen zeigten sich verblüfft ob den Kunststücken und besonders ob der humanen und feinfühligen Dressurarbeit von Fredy Knie jun. und seiner Familie im Umgang mit ihren Pferden. Geduld, Ruhe, Vertrauen, Belohnung und kein Zwang führen zu Fortschritt und Höchstleistungen. Das war augenscheinlich.

Der Mittwoch in Rapperswil war kalt – auch in der Reithalle im Winterquartier der Familie Knie. Gepflegte Pferde, Araber und Friesen, liefen sich in der Halle warm, wurden gymnastiziert und sprangen gelöst über Cavalettis, welche die fleissigen Helfer aufgestellt hatten. In der Mitte der Manege stand Fredy Knie junior, der sich mit seinem Bruder Franco die artistische und technische Direktion in der sechsten Generation teilt. 70 Lenze feierte der Zirkusdirektor vergangenes Jahr – und wird immer noch mit dem Anhängsel «junior» versehen. Kein Kunststück: Schliesslich ist Fredy junior der Sohn des im Herbst 2003 verstorbenen Fredy Knie senior, des eigentlichen Begründers der humanen Pferdedressur, dem es vor allem Lippizaner angetan hatten. Nun kreisen aber andere Pferderassen in der Manege: Andalusier, Araber, Friesen. Alles wunderschöne, elegante Tiere, mit langen, offenen Mähnen, fein herausgeputzt und gestriegelt und alles Hengste. «Wir haben nur Hengste. Sowohl im Zirkus als auch im Zoo. 40 Pferde kommen mit auf die Tournee. 36 Pferde und 24 Welsh- und Shetlandponys sind in unserem Kinderzoo zu bestaunen», wird Fredy Knie junior nach dem Training im persönlichen Gespräch den jugendlichen Pferdefreaks erzählen. Warum nur Hengste? «Das werde ich häufig gefragt. Meine Antwort: Hengste präsentieren sich gerne!»

Die Vier Glücklichen der «PferdeWoche»-Verlosung. 

Die Knie-Dynastie

An den Wänden in der Reithalle hängen Bilder und Plakate. Bilder der Gründer der Zirkusdynas­tie, die in der Donau­monarchie ihre Wurzeln hat. Friedrich Knie (1784 – 1850) gilt als der eigentliche Gründer. Sein Vater war übrigens Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia. Auffallend auch die nach Jahren gängigen Plakate so renommierter Künstler wie Hans Erni, Herbert Leupin, Hans Falk und natürlich von Rolf Knie, Fredys Bruder, der als einer der am besten verkaufenden Maler der Schweiz gilt. Doch lassen wir die Vergangenheit, wenden wir uns der Gegenwart zu, die für die Knies eine stete Herausforderung ist. Langsam trudeln die Artis­ten ein. Sie werden empfangen, begrüsst und betreut. Die Aufmerksamkeit gilt aber dem Pferdetraining, dem letzten Fein­schliff. In wenigen Tagen startet die Tournee. Und da ist Perfektion in der Manege gefragt. Die Schimmel kreisen im Galopp, drehen Pirouetten, schlängeln sich zwischen Artgenossen im Slalom durch. Freiheitsdressur in Vollendung, ungezwungen, gelassen, ruhig und gekonnt. Fredy und später auch seine Tochter Géraldine, die mit ihrem Gemahl Maycol Errani immer mehr Verantwortung übernimmt, reden mit ihren Pferden. «Manchmal französisch, manchmal deutsch. Aber stets ruhig und immer in vernünftiger Tonlage. Ich werde nie laut. Wir können vernünftig mit Pferden sprechen. Und sie verstehen uns, weil sie uns vertrauen», erklärt der bodenständige Zirkusdirektor. Man stellt schnell fest: Die Knies sind nicht abgehoben oder eingebildet, sondern suchen die Nähe, die Offenheit und die Ehrlichkeit mit dem Publikum und ihren Tieren.

Ivan Frédéric übt unter den Augen von Fredy Knie jun. die Ungarische Post.

Gut gelaunt: Fredy Knie jun. 

Training von Ivan Frédéric

Punkt zehn Uhr tauchte er auf. In schwarzer Wollmütze, im dunklen Trainingsanzug mit Lederschuhen von besonderem Halt. Ivan Frédéric kam direkt von der hauseigenen Zirkusschule. «Derzeit besuchen fünf Schüler unsere Schule. Ich hatte vor meinem Training je eine Lektion Mathe und Deutsch. Und nach dem Training wartet noch eine Stunde Englisch», verrät das artis­tische Talent den neugierigen Besuchern. Der 16-jährige Sohn von Géraldine Knie übt eine spezielle Nummer, die mit Bestimmtheit zu einem Höhepunkt im diesjährigen Programm werden wird: die Ungarische Post. Nachdem ihn Mama Géraldine mit einem zarten Küsschen begrüsst hatte, schwingt sich Ivan Frédéric elegant auf die breiten Rücken zweier stämmiger Friesen. Zwischen seinen gespreizten Beinen schlüpft ein Pferd nach dem anderen hindurch. Yvan ergreift reflexschnell deren Leinen und hält immer mehr Zügel in seinen Händen. Ein wahres Pferdefeuerwerk! «Ein Jahr lang habe ich täglich geübt. In den letzten Wochen wurde die Intensität gesteigert. Nur Übung macht den Meister», lacht der frohe Spross der achten Generation, verabschiedet sich und eilt zum Englisch-unterricht. Die Reaktion der staunenden Besucher: «Alles sieht so leicht und locker aus. Und diese Ruhe, keine Hektik. Die Pferde haben sichtlich Freude bei der Arbeit.»

Da hakt Fredy Knie ein: «Die Tiere müssen Freude haben, Freude an der Arbeit, Freude an der Bewegung. Es gilt, freundschaftliche Beziehungen aufzubauen. Pferde sind unsere Partner. Man darf sie auch nicht überfordern. Wenn wir sie einmal erworben haben, gehören sie bis zu ihrem Tod zu unserem Zirkus, unserer Familie. Jedes Zirkuspferd verbringt seinen Lebensabend in Rapperswil. Wir haben noch nie ein Pferd weggegeben oder verkauft. Das wird so bleiben.»

Ein Besuch im Kinderzoo rundete den erlebnisreichen Tag ab.

Knies eigene Sattlerei: seltener Einblick hinter die Kulissen.

Drei Generationen

Im Programm dieses Jahres figuriert eine Pferdenummer in der Freiheitsdressur, die von Mitgliedern dreier Knie-Generationen präsentiert wird: «Oma» Mary-José Knie, die Gattin von Fredy jun., Géraldine Knie und ihre sechsjährige Tochter Chanel-Marie präsentieren Manegenzauber und kommunizieren auf liebevolle Weise mit ihren Pferden. Die Kleinste im Bunde, die niedliche Zirkusprinzessin Chanel-Marie, versteht es bereits im Kindergartenalter, mit Pferden umzugehen und strahlt mit ihrem Schimmelpony Angel um die Gunst der Besucher. Nach dem köstlichen Mittagsschmaus in der Lodge im Thai-Restaurant Himmapan, mit prächtiger Aussicht auf den Zürichsee, rundete ein Besuch in Knies Kinderzoo, ein Rundgang durch die piekfein sauberen Stallungen und ein Augenschein in der hauseigenen Sattlerei den besonderen Tag ab. In der Sattlerei werden zum Beispiel Halfter für die Kamele, Halsbänder für die Geissen, eigenes Geschirr und einige Kostüme für die Artisten fertiggestellt. Den «PferdeWoche»-Besuchern Eloy, der einst Koch werden will, seiner Schwester Nuria, die wie Annina eine Ausbildung als Tierärztin ins Auge fasst, sowie «Lenni», der in der Dressur schon Schweizermeister bei den Ponys war und nun auf das Gross­pferd Drogba (nicht den Fussball-Crack) umgesattelt hat, wird der besondere Tag bei den Knies bestimmt in Erinnerung bleiben. Lenni wird bestimmt noch mehr Zeit und Geduld in die tiergerechte Ausbildung seines Dressurpferdes, Annina mit den familieneigenen Freibergern und die Geschwister Schlüssel in ihre Westernpferde investieren. Denn ohne Fleiss, kein Preis.  

Das Mittagessen genossen die Wettbewerbsgewinner in der Knie-Lodge «Himmapan».

Üben und belohnen

Speziellen Anschauungsunterricht haben alle genossen: Sie haben gesehen, dass dressierte und trainierte Pferde wie Menschen und Artisten auch Lebewesen sind und Fehler oder Irrtümer machen können und dürfen. Bewegt oder dreht sich auch ein Zirkuspferd nicht wie gewünscht, wird es kurzzeitig an den Führzügel genommen und ruhig wieder an die versäumte Aufgabe herangeführt. «Nach jedem Fehler steht eine Wiederholung an», präzisiert Pferdemann Fredy Knie. «Und man soll stets nach einem Erfolgserlebnis aufhören und dann das Pferd belohnen.» Alles tönt so einfach und nachvollziehbar. Aber es steckt so viel Arbeit, Geduld, Vertrauen, Idealismus und Pferdeliebe dahinter.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 11/2017)

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