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Pius Schwizer mit Frau Nicole.
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Goldhunger

02.08.2012 13:23
von  Florian Brauchli //

Pius Schwizer bildet seit Jahren die Speerspitze der Schweizer Springreiter. Der 49-Jährige ist in der glücklichen Lage, auf ein grosses Reservoir an absoluten Top-Pferden zurückgreifen zu können. Er nützt diesen Umstand und wandelt ihn laufend in Spitzenresultate um. Just in diesem Jahr – nach seiner Heirat mit Nicole und vor seinem 50. Geburtstag – peilt er an den Olympischen Spielen in London den grossen Coup an – Einzelgold.

Pius Schwizer auf Carlina IV, Sieger der Weltcupspringen 2011 in Helsinki (FIN) und Oslo (NOR).

Tief in die Hügelketten des Solothurner Juras hat sich das Flüsschen Dünnern eingegraben und so eine Klus geschaffen – ein Quertal, das die Längstäler des Juragebirges miteinander verbindet. An der Dünnern, einem Nebenfluss der Aare – zwischen Balsthal und Oensingen – liegt auch der Klushof, Heimat des Weltklasse-Springreiters Pius Schwizer. Links und rechts schroffe Felswände, dicht bewaldet, auf den ersten Blick kein Ort für ausgedehnte Ausritte und Pferdehaltung. Doch hier hat es sich der Luzerner Springreiter gemütlich gemacht. Auf dem Betrieb, den er vor zwölf Jahren vom ehemaligen Pferdehändler Armin Uebelhard gepachtet hat, betreibt Schwizer seinen Pferdehandels- und Sportstall. Es sollte der Hof werden, wo die Basis für eine Olympia-Medaille gelegt wurde.

Seit 12 Jahren ist Pius Schwizer auf dem Klushof zuhause.

Pferde und Tauben

Mittlerweile hat sich Uebelhard, der direkt neben dem grosszügigen Sandplatz in einem schicken Backsteinhaus wohnt, aus dem Pferdegeschäft zu­rückgezogen und widmet sich nun seiner Taubenzucht. Den Klushof hat er im Jahr 2000 in die Hände des Innerschweizers gelegt. Rund zehn Hektaren Land gehören zum Betrieb, den rund 70 Pferde ihr Zuhause nennen. Lediglich ein paar wenige Pensionärspferde sind auf dem Klushof beheimatet, alle anderen sind Ausbildungs- und Handels-pferde. «Ich bilde viele Pferde von jung an aus, einige für den grossen Sport, andere für den Handel», so Schwizer. Ein eingespieltes rund zwölfköpfiges Team kann der Springreiter sein Eigen nennen. «Alles ist geplant und festgelegt, wer mit welchen Pferden arbeitet», erklärt der Luzerner. «Die meisten sind schon viele Jahre bei mir. Ich hasse es, wenn es ständig Wechsel gibt. Das tut auch den Pferden nicht gut. Man muss die Pferde kennen, wissen, welches was gerne hat und was nicht.» Der ehemalige Hofbesitzer Uebelhard hält sich weitgehend aus dem Tagesbetrieb heraus. «Er hält mir den Rücken frei, indem er auf den Hof achtet, wenn ich nicht da bin. Er redet aber nicht drein, wie man etwas zu machen hat. Er ist ein sehr loyaler Mensch und ein guter Freund», schwärmt der 1962 geborene Schwizer. «Er ist wie ein zweiter Vater für Pius», fügt Pius’ Mutter Julie Schwizer hinzu. Pius Vater Leo, der leider verstorben ist, war es auch, der ihn schon als kleinen Jungen zum Pferde­sport brachte.

Reiter, Metzger, Kaufmann


Aufgewachsen ist Schwizer im luzernischen Eich, einer 1600-Seelen-Gemeinde am malerischen Sempachersee. Sein Vater hatte dort einen Landwirtschafsbetrieb mit Pferden. Nebenbei war er auch im Pferdehandel tätig. So wurde Pius bereits früh mit dem Pferdevirus infiziert. «Es gab neben dem Hof einen Fussballplatz, darum verbrachte ich mei­ne Kindheit mit Reiten und Fussballspielen», so Schwizer. An seinen ers­ten Vierbeiner kann er sich noch ganz genau erinnern. «Ich hatte ein Pony – eigentlich unreitbar. Ein richtig ‘stör­rischer Esel’.» Sein Vater war es auch, der ihm Dressurlektionen organisierte. Nicht immer zu Pius’ Gefallen. «Als Junge will man ja, dass immer was läuft und Action ist. Aber die Dressurstunden haben mir geholfen.» Die Fussballschu­he hat er dann bald an den Nagel gehängt. «Ich habe in Gunzwil noch 2. Liga ­gespielt, mich dann aber doch für das Reiten entschieden.» Auch in der beruflichen Laufbahn gab ihm sein Vater klare Anwei­sungen. Geplant war eine Übernahme des Bauernhofs, verbunden mit einer Ausbildung zum Metzger. «Alle guten Reiter waren früher Metzger – Rudolf Letter, Willi Melliger, ­Christian Ineichen oder Roland Vonwyl – da dachte ich, du musst reiten und Metzger sein, dann hast du Erfolg.»

Nicole Schwizer, Nobless M, Pius Schwizer, Tochter Lea mit Stiefschwester Lou, Pius Mutter Julie Schwizer.

Autodidakt, Selfmade-man, Nummer eins

Nach der Metzger-Lehre wollte sich Pius aber in eine andere Richtung weiterentwickeln. Er absolvierte eine Weiterbildung zum Kaufmann und arbeitete mit einem Freund in der Werbeartikel-Branche. «Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben Werbeartikel und -geschenke verkauft», erinnert er sich. «Das war eine Zeit, die mir sehr gefallen hat, obwohl ich nicht vom Reiten leben konnte. Ich habe gearbeitet, um mir das Reiten zu finanzieren.» «Lea Promotion» ist der Name der eigenen Firma, die noch heute besteht. Benannt nach seiner Tochter Lea, aus seiner ers-ten Ehe mit Vera Müller. Heute ist Lea 21 Jahre alt und eben von einem Sprachaufenthalt aus Australien zurückgekehrt. Auch im Reitsport ging Pius Schwizer schon immer seine eigenen Wege. Eine Bereiterlehre und Weiterbildungen bei Reitsportgrössen waren nichts für den 49-jährigen Stilisten. Er hat sich vieles im Selbststudium beigebracht – ein so genannter Autodidakt. Er beobachtete Reiter und Pferde, deren Stil. Er analysierte Ritte, Linien und den Parcoursbau. «Ich habe von vielen Pferden gelernt und profitiert. Von jedem Pferd etwas – von den einfachen, den schwierigen, von den weissen, von den schwar­zen», erzählt Pius schmunzelnd. «Das Wichtigste ist, dass sich der Reiter auf das Pferd einstellt, und nicht umgekehrt. Sonst hast du in deinem Leben nur ein Top-Pferd.» Mit der Übernahme des Hofes in Oensingen kam plötzlich seine Reitkarriere in Schwung – so sehr, dass er im Februar 2010 gar die Spitze der Weltrangliste übernahm – erst als dritter Schweizer nach Willi Melliger und Markus Fuchs. «Das ist eine Bestätigung, dass ich vieles in meiner Karriere richtig gemacht habe. Ich bin sehr stolz, dass sich meine Hartnäckigkeit ausbezahlt hat.» Seine Flexibilität ist sein Schlüssel zum Erfolg. Wenn man sich auf jedes Pferd ein- und umstellen könne, dann habe man immer wieder gute Pferde, so Schwizer. Er zwingt seine Pferde nicht in ein System, sondern lässt jeden Vierbeiner dort, wo es ihm wohl ist.

Mit Nobless M holte sich Pius Schwizer kürzlich den Cupsieg am CSI Ascona – dem ersten grossen Turnier nach der Verletzungspause der Stute.

Breite Unterstützung

Seine Flexibilität und seine grosse Anzahl an Spitzenpferden, die ihm zur Verfügung stehen, sind hauptverantwortlich, dass Schwizer seit Jahren der Top Ten der Weltrangliste angehört. «Ich bin sehr froh, dass ich so viele Top-Pferde habe. So kann ich jedes mit Bedacht einsetzen und gezielt seine Stärken ausspielen.» Eine breite Unterstützung seiner Sponsoren und Pferdebesitzer ist ihm sicher. «Jeder weiss bei mir, woran er ist», bestätigt Pius. «Dies und meine Erfolge zeigen den Pferdebesitzern, dass ihre Pferde bei mir richtig sind.» Seine Spitzenpferde – Carlina, Verdi, Nobless – stehen alle im Besitz verschiedener Personen. Unter anderem François Leiser, Hannes Meindl oder Andrea Sigrist Murphy und Kevin Murphy. Und auch für die Zukunft hat er einige Cracks in der Hinterhand. «Coolgirl, Powerplay und Graciella, mit der ich das Jagdspringen in St. Gallen gewinnen konnte, sind alle noch jung, haben aber ein riesiges Potenzial.» Sie verkörpern den Lieblings-typ «Pferd» des Oensingers. «Vorsichtig, ein bisschen heiss, viel Blut und ein Herz wie ein Tiger.»

Unzählige Erfolge hat Pius Schwizer bereits eingefahren – und sie fein säuberlich dokumentiert.

Über 800 Siege – aber noch nicht satt

Mittlerweile ist Pius Schwizer ein fester Bestandteil der Weltelite der Springreiter. Unzählige GP-Siege an den wichtigsten Turnieren rund um den Globus hat er errungen, dazu Podestplätze an Weltcupfinals und Medaillen an Europameis­terschaften und Olympischen Spielen im Team eingefahren. Einzel-Gold an einem Grossanlass blieb ihm hingegen bisher verwehrt. Dies soll sich dieses Jahr ändern. «Jeder Sieg ist ein schönes Gefühl und an sich einzigartig. Aber der schönste war bisher sicher das EM-Gold mit dem Schweizer Team 2009 in Windsor», so der Luzerner. Auch die Podestplätze an den Weltcupfinals 2010 und 2012 seien etwas ganz Besonderes. Zu den Höhepunkten zählt er ebenfalls die Bronzemedaille von den Olympischen Spielen 2008 in Hongkong, die die Schweiz erst 2010 erhielt, da die Norweger nachträglich disqualifiziert wurden. «Das war natürlich nicht mehr dasselbe, das olympische Feuer war da schon längst erloschen.» Trotzdem sieht sich Pius noch lange nicht am Ende seiner Karriere. «Ich habe noch viel vor. Ich will meine Medaillensätze noch komplettieren.» Im Weltcup will er zuoberst aufs Treppchen. Gold und Silber an Olympischen Spielen peilt er ebenfalls an. Zudem Einzelgold an Welt- und Europameis-terschaften. Pius Schwizer brennt auf weitere Erfolge.

Heirat, Gold, Geburtstag


2012 soll sein Jahr werden. Ein Jahr voller Höhepunkte. Begonnen hat alles mit der Heirat mit Nicole Scheller – jetzt Schwizer. Am 3. März gaben sich der Autodidakt und die 17 Jahre jüngere Nicole das Ja-Wort. «Ich wollte mal etwas anderes probieren», meint Pius schelmisch. Für ihn ist der Altersunterschied kein Problem. «Und für sie anscheinend auch nicht, sonst hätte sie wohl kaum Ja gesagt». Wichtig für Schwizer ist, eine Frau zu haben, die seinen Beruf versteht.

Pius und sein Olympia-Pferd Carlina IV.

Wenn der Luzerner mal gerade nicht auf dem Pferd sitzt, geht er gerne mit seinen beiden Jack-Russell-Terriern Winnie und Strolch joggen. Ein gemeinsames, schönes Nachtessen, ein Spaziergang oder der Besuch von alten Freunden aus der Region Luzern gehören zu den Lieblingsbeschäftigungen. «Pferde­lose» Ferien hat der Oensinger schon lange nicht mehr gemacht. «Ich bin ja jede Woche in den Ferien, egal ob Aachen oder La Baule», meint er lachend. Er liebt seine Arbeit, die gleichzeitig auch sein gröss-tes Hobby ist. «Aber irgendwann muss ich mal ein paar Tage in die Ferien. Ich fühle mich weder alt noch müde, aber man muss selber mal die Handbremse ziehen – bevor sie gezogen wird.»
Doch vorerst steht das grosse Highlight auf dem Programm – die Olympischen Spiele in London. Das Ziel formuliert Schwizer deutlich: Einzel-Gold. «Mir ist klar, dass das ein hohes Ziel ist und 20 andere dieses Ziel auch haben, aber ich und Carlina sind in Form.» Mit ein biss-chen Glück und einem guten Start sei alles möglich, so der bald 50-Jährige. Dabei mithelfen soll sein neuer Trainer Achaz von Buchwaldt. Der Deutsche habe ihn schon beeindruckt, als er noch ein kleiner Bub gewesen sei, erzählt Schwizer. «Als ich ihn dann als Menschen ­kennengelernt habe, war ich tief beeindruckt.» Als hoch anständig, hilfsbereit, freundlich und gut erzogen beschreibt der Luzerner den 68-jährigen Deutschen. Von Buchwaldt begleitet den Springreiter auf Turnieren, gibt Tipps und kümmert sich auch um Schwizers Sponsoren. «Es sind Kleinigkeiten, die er mir mitteilt. Zum Beispiel, welche Trense ich einmal ausprobieren könnte...» Achaz von Buchwaldt ist ein weiteres Teil in Schwizers Puzzle, die Perfektion zu finden. «Von Seiten der Medien und Sponsoren ist der Druck gestiegen. Er hilft mir, mich aufs Reiten konzentrieren zu können.»
In London sieht der Oensinger gute Medaillenchancen für die Schweiz. Wir haben ein sehr gutes Team und alle sind in Form. Alles ist möglich. Und auch im Einzel haben gleich mehrere von uns Schweizern Chancen auf Edelmetall.» Der ehrgeizige Innerschweizer will sich selbst das grösste Geschenk machen, denn er feiert eine Woche nach Olympia den 50. Geburtstag. «Ich würde mir zum Geburtstag am liebsten die Goldmedaille schenken», bestätigt Pius. «Vielleicht habe ich dieses Mal das nötige Glück und es klappt.» Man merkt sofort, dass es für ihn eine grosse Enttäuschung wäre, ohne Medaille zurückzukehren. Er selbst gibt sich locker und fokussiert sich nur auf diese eine Woche in London – fünf Tage, drei Wettkämpfe, ein Ziel – Gold.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 30/2012)

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