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Die Hälfte des Jahres verbringt Jörg A. Auer im sonnigen Arizona und arbeitet dort an seinen Skulpturen.
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«Ich sehe Pferde heute mit anderen Augen»

11.09.2018 15:39
von  Angelika Nido Wälty //

Als einer der renommiertesten Pferdechirurgen weltweit und langjähriger Direktor des Departements für Pferde an der Universität Zürich heilte Professor Dr. med. vet. Jörg A. Auer unzählige kranke und verletzte Pferde. Nun schafft er Abbilder der edlen Vierbeiner und anderer Tiere: Seit seiner Pensionierung lebt der Bündner seine Passion für Kunst aus. Ab 14. September zeigt er seine Bronzeskulpturen, Radierungen/Aquatinta und Lithographien erstmals an einer eigenen Ausstellung im Tierspital Zürich.


Wenn Jörg Auer redet, erzählt und erklärt, sind seine Hände oft in Bewegung. Es sind drahtige, zupackende Hände, die in den vergangenen 72 Jahren einiges erschaffen haben. Über 40 Jahre lang war der gebürtige Bündner mit dem charismatischen Schnauz als Veterinär tätig. Als hochspezialisierter Pferde­chirurg hat er die Pferdemedizin nicht nur in der Schweiz, sondern auf der ganzen Welt mitgeprägt. Mit seiner umtriebigen, zielstrebigen Art, mit Mut und Weitblick machte er aus der Pferdeklinik am Tierspital der Universität Zürich, die er von 1989 bis 2011 leitete, eine der führenden Institutionen. Und unzählige Stunden stand er selber am Operationstisch und «flickte» verletzte Pferde zusammen.

Spezialist für Knochenbrüche
Seine Hände vollbrachten dabei manches Kunstwerk – ganz besonders, wenn es um die Behandlung von Knochenbrüchen ging, seinem klinischen und wissenschaftlichen Spezialgebiet. Aus den USA, wo er seine akademische Laufbahn mit Lehrstühlen in Pennsylvania und Texas startete, brachte er die Osteosynthese mit. Durch diese operative Verbindung von Knochen oder Knochenfragmenten mit Schrauben, Platten oder Nägeln heilen Brüche besser. «Zuvor war ein Knochenbruch meistens das Todesurteil für ein Pferd», sagt Jörg Auer. Unter seiner Leitung wurde die Zürcher Pferdeklinik zu einem Zentrum für Frakturbehandlungen, in das auch Patienten aus dem benachbarten Ausland überwiesen wurden. Damit sie sich beim heiklen Aufstehen nach einer Operation nicht gleich wieder verletzten, hat er den Bau eines Aufwachraums mit Wasserbecken initiiert – und er scheute sich nicht, zum Wohle der Pferde in «seiner» Klinik unermüdlich für die Beschaffung von Drittmitteln zu weibeln.

Die erste Auftragsarbeit war das Spitzenspringpferd Lantinus, das Jörg Auer originalgetreu modelliert hat.

Dafür gründete er zusammen mit Prof. Dr. med. vet. Brigitte von Rechenberg die «Stiftung Forschung für das Pferd» (heute «Pro Pferd»). Unter seinem Direktorium entstand auch das Sportmedizinische Leis­tungszentrum, das modernste Forschung rund um den Athleten Pferd erlaubte. Als Chef, der bei seinen Mitarbeitern sehr beliebt war, förderte er den Nachwuchs – und das nicht nur an seiner Klinik: Um die Spezialisierung in der Veterinärchirurgie weiterzubringen, hat Jörg Auer das «European College of Veterinary Surgeons ECVS» gegründet. Dieses zählt bis heute über 700 Gross- und Kleintierchi­rurgen und hat wesentlich dazu beigetragen, den fachlichen Standard in Europa zu heben.
Mit unermüdlichem Tatendrang schaffte es Jörg Auer daneben auch noch, unzählige Vorträge zu halten sowie eine grosse Anzahl wissenschaftliche Publikationen zu verfassen. Einige davon illustrierte er auch selber. Sein akademisches Vermächtnis ist das Standardwerk der modernen Pferdechirurgie «Equine Surgery», das von Studenten und Kollegen ehrfürchtig als «Bibel» bezeichnet wird. Demnächst erscheint die fünfte Auflage, die 1800 Seiten stark sein wird.


Das erste Werk: kein Pferd!

Die Liebe zur Kunst hat der Churer schon früh entdeckt. Schon in der Kantonsschule fertigte er Azetat-Radierungen an, wobei ihn daran vor allem die Technik faszinierte. 1972 weckte ein Besuch im Studio des amerikanischen Künstlers Harry Jackson Auers Faszination für Bronzeskulpturen.
Somit war es nur logisch, dass Jörg Auer nach seiner Emeritierung 2011 seine Hände nicht in den Schoss legte oder sich aufs Golfspielen beschränkte, sondern in seinem «Unruhestand» mit der Kunst eine neue Passion fand. Mit seiner Frau Anita lebt er inzwischen nur noch die Hälfte des Jahres an seinem langjährigen Wohnort Lenzburg. «Die andere Hälfte verbringen wir in Scottsdale, im sonnigen Arizona», erzählt er. «Dort konnte ich mir den Traum erfüllen, Bronzeskulpturen anzufertigen.»

Diese Radierung/Aquatinta zeigt einen Roadrunner und trägt den Namen «Take Home Dinner».


Bei seinen ersten Versuchen bekam er Unterstützung von einem in Arizona lebenden, alten Freund, dem Bildhauer André Schwab. «Der Anfang war ganz schön schwierig», erinnert er sich. Auers erste Skulptur, die er aus ölhaltigem Ton formte, war – kein Pferd, sondern ein für die Wüste Arizonas charakteris­tischer Vogel. «Und zwar, weil ich mir sicher war, dass alle von mir erwarteten, dass ich als Erstes ein Pferd modelliere.» Als er nach monatelanger Arbeit mit dem Ergebnis zufrieden war, liess er Wachskopien des Originals erstellen, aus denen dann der Bronzeguss hergestellt wurde. Nachdem er die Patina zusammen mit André Schwab erstellte, hielt er sein erstes Werk «Gamble’s Quail» in den Händen: «Damit war meine Begeisterung für das ‘Sculpting’ definitiv entfacht!» Seine nächste Skulptur mit dem Namen «MEEP MEEP» war wieder ein Wüstenvogel, ein Roadrunner. Dieser ist bis heute Auers erfolgreichs­tes Werk: Es wurde zwölfmal verkauft.

Das Pferd als Ganzes betrachten
Bevor er sich an sein erstes Pferd wagte, besuchte Jörg Auer in der Scottsdale Artist School einen entsprechenden Kurs. «Meine Kenntnisse bezüglich der Anatomie des Pferdes haben mir sicherlich geholfen – aber ich habe auch gelernt, Pferde mit anderen Augen zu sehen.» Wäh­rend er bei seiner ersten Passion, der Pferdechirurgie, das Pferd auf seine Erkrankung oder Verletzung reduzierte, rückte auf einmal das Tier als Ganzes in den Vordergrund. «Ich betrachte das Pferd nun ganzheitlich, studiere seine Proportionen, analysiere seine Bewegung.»

Für die Skulptur «I Like It» liess sich Jörg Auer von Franz Marcs berühmtem Gemälde «Zwei blaue Fohlen» inspirieren.
Das untere Foto zeigt das Tonmodell, rechts ist die fertige Bronzeplastik zu sehen.


Obwohl er höchst selbstkritisch und mit seinen Arbeiten nie zu 100 Prozent zufrieden ist – «ich entdecke immer wieder kleine Fehler» – gelang ihm bereits seine erste Auftragsarbeit sehr gut. Es handelt sich dabei um eine Bronzeskulptur von Denis ­Lynchs ehemaligem Spitzenspringpferd Lantinus und wurde von dessen Besitzer Thomas Straumann in Auftrag gegeben. «Ich bin extra nach Deutschland gefahren, um mir Lantinus anzuschauen, ihn zu vermessen und zu fotografieren», erzählt Jörg Auer. Das Abbild im Massstab 1:7 ist verblüffend originalgetreu: Das Gesicht ist ­typisch Lantinus, Sehnen und Muskeln zeichnen sich deutlich ab und die kleinen weissen Fellabzeichen an den Hinterhufen sind perfekt getroffen. Die nächste Auftragsarbeit war ein Reiningpferd im Slidingstop, darauf folgte eine Stute mit Fohlen im vollen Galopp.
Zwischen 100 und 150 Stunden dauert alleine das Modellieren einer Ton­skulptur, für das Auer verschiedene Werkzeuge einsetzt, darunter auch ein Sackmesser oder «ab und zu mal die Fingernägel». Würde man die Arbeitsstunden des Künstlers verrechnen, wäre ein «echter Auer» schon heute fast unbezahlbar. Noch aber hat er als Künstler sehr faire Preise: «Ich verrechne nicht viel mehr als die Herstellungskosten», gesteht er – und diese sind in den USA wesentlich günstiger als in der Schweiz.
Neben den Bronzeskulpturen stellt Jörg Auer auch Radierungen/Aquatinta und Lithografien her. «Ich habe nach Kunsthandwerk gesucht, mit dem ich mich auch in der Schweiz auseinandersetzen kann.» Keine 15 Minuten von seinem Haus entfernt, in Seon, entdeckte er vor einigen Jahren ein Studio, in dem er sich mit diesen aufwendigen Techniken vertraut machen konnte. «Auch hier reizt mich vor allem der Herstellungsprozess», sagt Auer. Die entstandenen Werke zeigen Arizonas Wildtiere wie Eulen, Bobcats (Rotluchse), Roadrunners, Gesteinsformationen aus US-Nationalparks, aber auch mal ein Bündner Graurind oder eine Szene vom White Turf in St. Moritz.

Erste Werkschau in der Schweiz
Auf Einladung der Vetsuisse-Alumni, die am 13. September ihre Jahrestagung im Tierspital der Universität Zürich durchführt, hat Jörg Auer, der seine Werke schon in Arizona zeigte, nun seine erste grössere Ausstellung in der Schweiz zusammengestellt (siehe Kasten). «Die Anfrage war eine grosse Ehre für mich. Ich freue mich, bin gespannt, wie die Besucher auf meine Werke reagieren und ob sie ihnen gefallen!»

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 36/2018)

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