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Die NPZ-Gebäude gehören der Armasuisse und sind zum Teil hochgradig denkmalgeschützt.
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Mehr Wohnraum – weniger Pferde

10.07.2018 12:10
von  Sascha P. Dubach/Silvio Seiler //

Das Schänzli in Basel wird mit ziemlicher Sicherheit dereinst verschwinden und auch an der Institution «Nationales Pferdezentrum Bern NPZ» wird aktuell wieder einmal gerüttelt. In ­beiden Fällen sind Begehrlichkeiten für diese städtischen Gebiete vorhanden. Wird Wohnraum, Gewerbe oder sogar öffentliche Parks für das mögliche Verschwinden der für Pferde konzipierten Anlagen mit langer Tradition verantwortlich sein? Gut möglich – noch ist aber alles ganz vage. Die aktuelle Diskussion soll aber Rösseler in der ganzen Schweiz auf mögliche Szenarien ­sensibilisieren.


100000 Quadratmeter um­fasst der herrliche Springgarten und das ­Nationale Pferdezentrum NPZ mitten in der Stadt Bern. Eingebettet zwischen Rosengarten und dem Messegelände der Bern Expo AG, infrastrukturell perfekt erschlossen. Ein solches nur für Pferde reserviertes Gebiet in einem Stadtzentrum ist womöglich einzigartig in Europa. Das NPZ mit seinen Aussenanlagen liegt aber auch im sogenannten Entwicklungsschwerpunkt ESP Wankdorf des Kantons Bern.

Der NPZ-Allwetterplatz (oben) liegt teilweise in der Bauzone «Gewerbe».

NPZ-Geschäftsführerin Salome Wägeli.

ESP sind Standorte, die sich insbesondere für eine intensive bauliche Nutzung im Bereich Arbeiten, Wohnen und Freizeit eignen. Sie sind aufgrund ihrer Lage und ihrer Erschliessung für viele Menschen rasch und direkt erreichbar. Wankdorf gilt sogar als «Premium-Stand­ort». Kein Wunder weckt das NPZ-Areal Begehrlichkeiten. Kanton und Stadt wünschen sich dort gemäss Richtplan und Stadtentwicklungskonzept ein verdichtetes Bauen, primär für Wohnungen. Aber auch ein öffentlicher Park ist im Gespräch.

Unterschiedliche Besitzer
«Das offene Areal links der Strasse mit Allwetterplatz und Dressurviereck sowie dem Springgarten gehört der Burgergemeinde Bern», erklärt ­Salome Wägeli. Die NPZ-Geschäftsführerin präzisiert weiter: «Die Fläche mit den Gebäuden des NPZ wiederum gehört der Armasuisse. Mit beiden Besitzern bestehen klassische, befristete Mietverträge mit Kündigungsfris­ten für die entsprechende Nutzung der Areale.» Als Centrales Remontendepot (CRD) von 1890 bis 1950 und ab 1950 als Eidgenössische Militärpferdeanstalt (EMPFA) war die Anlage ein wichtiger Bestandteil der Schweizer Armee. Auf dem Höhepunkt standen gegen 1500 Pferde in den Stallungen, die auf militärische Aufgaben vorbereitet wurden. Das heutige NPZ als «Nachfolgerin» ist als Genossenschaft organisiert.

Die heutige Schänzli-Rennbahn mit Allwetterplätzen und temporärer Reithalle.

Oben und unten: Visualisierung der Überbauung Hagnau mit dem renaturierten Birsufer.

Das Areal inmitten von Bern weckte schon früher zu Zeiten der EMPFA immer wieder Begehrlichkeiten. Schon damals war der Tenor, dass die Pferde wahrscheinlich eines Tages dieses Gebiet verlassen müssen. Und vor Jahren wurde das Gebiet dann auch noch eingezont. «Auf der Seite des Allwetterplatzes ist ein Streifen Gewerbegebiet, der grosse Rest ist Wohnzone mit der Möglichkeit, auf eine Höhe von drei Stockwerken zu bauen. Ein Teil wiederum ist aber auch Landschaftsschutzzone. Es ist mir nicht bekannt, ob damals irgend­jemand die Initiative gegen die Einzonung ergriffen hat», so Wägeli. Die Stadt will nun gemäss Richtplan an dieses begehrte Landstück, um es in ihr Gesamtkonzept Wankdorf einzubetten. Stadtplaner Mark Werren gegen­über dem SRF-Regionaljournal: «Zum einen ist die Anlage ein fantastischer Freiraum mit ihrem tollen Baumbestand. Aber sie ist auch privat. Unser Wunsch wäre es, wenn der Springgarten zumindest temporär der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könnte. Und wenn wir heute Landschaftsschutz betreiben wollen, müssen wir die Städte nach innen entwickeln. An zentralen Lagen bauen und nicht an der Peripherie.» Entsprechend trat die Stadt an die Besitzerin, die Burgergemeinde Bern, heran. Diese ist eine öffentlich-rechtliche Körperschaft und besteht als sogenannte Personengemeinde aus Ange­hörigen von Gesellschaften und Zünften sowie Burgern ohne Zunft­angehörigkeit. Ihre Aufgabe besteht in Tätigkeiten zugunsten der Allgemeinheit (Kultur, Wissenschaft, Sozialwesen). Finanziert wird dies über Erträge aus ihrem Vermögen – eben beispielsweise auch aus Landverkäufen. Wird nun das gesamte Areal überbaut und die Pferde müssen verschwinden? «Ich bin überzeugt, dass dies so in absehbarer Zeit nicht passieren wird. Wir sind in engem Kontakt mit den Burgern, haben verschiedentlich Gespräche geführt. Zum einen müssen wir in unmittelbarer Zukunft keine Angst haben – man spricht bei dieser ganzen Projektiererei von einem langfris­tigen Zeithorizont. Und zum anderen ist den Burgern das Miteinander ein grosses Anliegen», so Wägeli. Grundsätzlich bestehen noch keine Projekte. Es sei erst in der Abklärungsphase, was generell vorstellbar ist, jedoch unter der Prämisse, dass das NPZ weiterexistieren kann. «Vielleicht kommt es nur zu einer Teilüberbauung einzelner Flächen. Im Moment ist alles noch offen. Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass den Burgern das NPZ am Herzen liegt.» Burgerrat Thomas Aebersold, Präsident der Feld- und Forstkommission der Burgergemeinde, gegen­über SRF: «Das Land ist attraktiv. In nächster Nähe entstehen viele Arbeitsplätze und entsprechend wird auch die Nachfrage nach Wohnraum steigen. Ein Miteinander ist wünschenswert und das ist etwas, das wir in einer nächs­ten Phase mit dem NPZ diskutieren werden.»

Koexistenz möglich
Die NPZ-Chefin Salome Wägeli bestätigt, dass für ein mögliches «Miteinander»-Szenario noch keine Pläne bestehen. «Wir machen uns sicherlich Gedanken, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, um darüber zu sprechen. Die Burger äussern sich klar, dass es ihr Land sei und sie selbst einen Vorschlag ausarbeiten werden. Logisch hat jeder Einschnitt für uns Konsequenzen. Ich bin aber überzeugt, dass eine Koexistenz in irgendeiner Form möglich ist. Wir sind uns aber auch der grossen Verantwortung bewusst und dass wir ein enormes Privileg haben, hier – auf einem der teuersten Flecken Land in der Stadt – ‘Gastrecht’ zu geniessen.»
Als schlechteste aller Möglichkeiten sieht Wägeli die komplette Überbauung. Auch wenn nur die Hälfte für Wohnraum und der Rest für einen öffentlichen Park genutzt würde, bedeute dies ganz klar das Aus für das NPZ in seiner heutigen Form. «Nicht, dass es keinen Platz mehr für eine traditionelle Reitschule hätte, aber für die Genossenschaft sicherlich so nicht mehr. Auch der Auftrag des Bundes für die Ausbildung der Armeepferde könnte so nicht mehr erfüllt werden.» Wie würde es denn mit einem Alternativstandort aussehen? «Das wäre sicherlich zu prüfen, aber generell ist es und wird es nicht einfacher an einem anderen Standort. Und ehrlich gesagt, ein NPZ mit seiner Historie, seinem Charakter und seinen Gebäuden, das kann man beim besten Willen nicht einfach zügeln.»
Es liegt nun auch an den Pferdeleuten in der ganzen Schweiz. Diese müssen sich bewusst sein, dass es genau solche kulturellen Objekte zu schützen und zu erhalten gilt und dass man dafür solidarisch einstehen muss. Wägeli ist überzeugt, dass das Pferd generell in der breiten Bevölkerung wieder vermehrt verankert werden muss. «Da müssen wir mit der Zeit gehen und unsere Nachbarn wieder ins NPZ und zum Pferd bringen.» Das NPZ, aber auch das Schänzli in Basel und weitere Gebiete, wo man beispielsweise mit Reitverboten konfrontiert wird, zeigt auf, dass alle gemeinsam gefordert sind, sich aktiv für die Reiterei und das Pferd einzusetzen. Es gilt, den Graben zwischen Bevölkerung und Rösselern wieder aufzufüllen.


Ähnliche Ausgangslage

Weit schlimmer sieht es mit dem Areal des Schänzli in Basel aus. Am Fluss Birs in unmittelbarer Nähe zur St. Jakobshalle gelegen, besteht die Pferdesportanlage aus der Trabrennbahn, grossem Allwetterplatz und temporärer Reithalle. Hier fand auch schon die Schweizer Meisterschaft der Spring- und Dressurreiter statt und aus Ersterem entstand in der Folge auch der CSI5* Basel.


Das Schänzli dient dem CSI5* Basel als Parkplatz sowohl für Pferdeanhänger als auch für die grossen LKWs.

Nun hat die Gemeindeversammlung Muttenz Ende Juni über das überarbeitete Richtprojekt Hag­nau/Schänzli entschieden. Und zwar deutlich mit 220 Ja-Stimmen gegen 60 Nein bei zwölf Enthaltungen. Sie sprachen sich somit zugunsten der futuristischen Überbauungspläne zweier Quartiere rund um das Schänzli aus, welches 1980 sogar von der britischen Königin Elisabeth II im Rahmen der «Grün80» besucht wurde. Auf den Arealen sollen sechs Hochhäuser (bis 91 Meter hoch), ein Multiplexkino, Freitzeitparks und Gewerbe entstehen. Das Schänzli, mit der Trabrennbahn, seinen Gebäuden und den Allwetterplätzen, soll abgerissen, res­pektive zurückgebaut und naturalisiert werden und dereinst dann als grüne Lunge fungieren. In der ebenfalls renaturierten Birs soll die Öffentlichkeit baden können. Thomas Jourdan, Gemeinderat von Muttenz, gegenüber «Tele Basel»: «Wir rechnen damit, dass bei einem Vollausbau rund 1000 Personen in den Gebäuden wohnen werden.» Das tönt zwar alles gut – aber nicht für die Rösseler.
Im Auftrag der Gemeinde Muttenz und dem Kanton als Landbesitzer bewirtschaftet Sämi Zimmermann (sitzt auch im OK der Basler Pferdesporttage) das Schänzli für den «Reiterclub Schänzli beider Basel». Er sagt: «Die Zukunft ist schon länger ungewiss. Ich schliesse mit den Nutzern deshalb lediglich Mietverträge über ein Jahr ab. Jene für 2019, beispielsweise für den CSI Basel, sind bereits unter Dach und Fach.» Auf dem Areal finden unter anderem Springturniere und Dressurwettbewerbe statt.

CSI Basel sucht nach Alternativen
Genutzt wird das Schänzli auch durch den CSI5* Basel. Dieser benötigt einen Teil der Flächen, um rund 90 LKW-Pferdetransporter und Anhänger darauf abzustellen. Zimmermann befürchtet: «Ist das nicht mehr möglich, ist der CSI bedroht.» Willi Bürgin, der Präsident des Grossanlasses, hat sich bereits nach Alternativen umgesehen. Beim grossen Güterbahnhof Wolf hätte man eine grössere Fläche gefunden.

Das Schänzli dient dem CSI5* Basel als Parkplatz sowohl für Pferdeanhänger als auch für die grossen LKWs.

Gleich räumt er aber ein: «Das Areal könnte uns am Samstag und Sonntag zur Verfügung stehen.» Befriedigend sei das aber nicht, weil die Camions bereits am Mittwoch anrollen würden. Keine Ahnung, so der OK-Präsident, habe er, wie dieses Problem zu lösen sei. Doch er hat nicht aufgegeben. Für nächstes Jahr sei das Schänzli bereits gemietet worden und er hoffe, «dass dies die nächsten Jahre auch geschehen kann, weil die unmittelbare Zukunft noch nicht genau geregelt ist – auch nicht bei der Umsetzung der baulichen Vorhaben.»

Keine Zukunft
«Meine berufliche Zukunft ist akut gefährdet», beklagt sich Roger ­Wy­mann. Seit vielen Jahren betreibt er auf dem Schänzli einen Reit- und Ausbildungsstall. Wie ein Damoklesschwert hing die geplante Naturalisierung über ihm. «Jetzt ist klar, dass ich in naher Zukunft einen neuen Standort suchen muss», so Wymann, der schon seit längerer Zeit eine alternative Lösung sucht. «Es ist aber schwierig in der Stadt oder an der Peripherie. Aber genau hier habe ich doch meine Kundschaft.» Immerhin: Von heute auf morgen wird der Reitlehrer wohl nicht arbeitslos werden. Er rechnet nicht mit einem Baubeginn vor Ende 2019. Und seine Reithalle sei temporär erstellt worden. «Die kann ich innert weniger Tage abbauen und an einem neuen Standort wieder aufbauen.»
Ebenfalls vor dem Aus stehen die Basler Pferde­sporttage. «In Zukunft wird dieser Anlass verschwinden», zeigt sich Patrick Lavanchy resigniert. Er ist seit rund zehn Jahren OK-Präsident des beliebten Anlasses und hat diesen beim Start des CSI5* Basel von Willi Bürgin übernommen. «Die Ausgabe im September dieses Jahres ist noch gesichert und wird auch wie geplant durchgeführt. Ob es 2019 auch noch einmal klappt, ist noch völlig offen und hängt von den politischen Rahmenbedingungen ab, res­pektive ab wann die Bagger auffahren werden.» Eine Alternative gibt es für Lavanchy nicht. Er glaubt nicht, dass man mit einem bestehenden OK einfach auf eine andere Anlage umziehen kann und rund um Basel gibt es keine andere Lösung, die passen würde. Somit wird der Pferdesport im Sommer vollends aus der Basler City verschwinden.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 27/2018)

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