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Philipp Züger.
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«Meistens kommt es anders als man denkt»

14.02.2017 12:14
von  Florian Brauchli //

Philipp Züger gewann 2009 an der Europameisterschaft der Jungen Reiter in Prag (CZE) Doppelgold – danach wurde es ruhiger um den Schwyzer. In diesem Jahr hat er es wieder in den Elitekader geschafft und dank guter Resultate bestreitet er am Wochenende seinen ersten Fünfstern-Nationenpreis – in Al Ain (UAE).


«PferdeWoche»: Waren Sie überrascht, als Sie von der Aufnahme in den Elitekader erfahren haben?
Philipp Züger: Man arbeitet natürlich daraufhin. Aber gegen Ende der letzten Saison bin ich eigentlich davon ausgegangen, dass es nicht reichen wird. Wenn es dann doch klappt, ist man natürlich sehr glücklich.

Spielt es für Sie eine Rolle, ob Sie im Elitekader sind oder nicht?
Es ist natürlich eine Bestätigung für die guten Leis­tungen, das ist schön. Es macht es einfacher, Sponsoren zu finden und man wird eher einmal an ein grosses Turnier eingeladen. Den CSI Basel hätte ich vielleicht nicht reiten können, wenn ich nicht im Kader gewesen wäre.


Wie ist der Kontakt zu Ihrem Equipenchef Andy Kistler?

Sehr gut. Ich hatte auch vorher schon regelmässig Kontakt zu ihm und die Zusammenarbeit ist super. Er ist sehr gradlinig. Man weiss immer, woran man bei ihm ist und er hat «den Laden» sehr gut im Griff. Zusammen mit Trainer Thomas Fuchs ist es ein tolles Team, das wir haben. Kistler ist für die Equipe sehr wertvoll. Auch wenn er selber kein Reiter war, hat er viel Ahnung vom Sport und weiss, worum es geht. Er ist ein guter Organisator und wir dürfen froh sein, ihn zu haben. Ich hoffe, dass er den Job noch ein Weilchen machen wird.

Sie wurden für den Fünfstern-Nationenpreis von Al Ain nominiert, überraschend für Sie?
Es ist mein erstes Nationenpreisturnier auf diesem Niveau. Das ist schon eine andere Liga. Zuerst war ich erstaunt, als Kistler anrief. Er meinte, er hätte eine verrückte Frage an mich. Ob ich Interesse hätte, nach Al Ain mitzukommen. Mein erster Gedanke war: geil. Ich wollte zuerst aber alles mit der Familie besprechen, ob das alles überhaupt funktioniert.


Was muss man speziell beachten für so ein Turnier?

Ja, es gibt viel zu organisieren, das ist ein grosser Aufwand. Man muss Pfleger vorschicken, die die Pferde in Empfang nehmen. Meine Pferde sind noch nie geflogen und ich habe keine Ahnung, wie sie da­rauf reagieren.

Philipp Züger auf Cassido am CSI Basel.

Haben Sie also auch gemischte Gefühle?
Absolut. Man freut sich riesig, so eine Chance zu erhalten. Andererseits ist es viel Neuland. Wir dachten zuerst, wir könnten jemanden von unserem Team mit den Pferden mitschicken, aber dann erfuhren wir, dass die Pferdespedition eigenes, geschultes Personal hat, das die Pferde auf der Reise betreut. Ich persönlich wäre gerne selber mit meinen Vierbeinern geflogen, weil es mich sehr interessiert, wie das alles abläuft. Es ist schon ein wenig komisch, die Pferde auf die Reise zu schicken und sie am Ziel­ort erst wieder zu sehen. Die Vorfreude überwiegt aber, da ja tagtäglich so viele Pferde im Flugzeug unterwegs sind und selten was passiert ist. Zehn Stunden im Lastwagen ist wahrscheinlich viel anstrengender für die Pferde als eine Reise im Flugzeug.

Haben Sie Angst, dass Sie oder Ihre Pferde nicht bereit sind für ein solch schweres Turnier?
Nein, ich vertraue mir und meinen Pferden. Das sollte kein Problem sein. Sonst hätte ich von Anfang an abgesagt.

Sie hatten als Nachwuchsreiter grosse Erfolge. Was hat gefehlt für einen nahtlosen Übertritt in die Elite?
Ich habe in dieser Zeit ein Studium absolviert und irgendwie passte einfach nicht alles unter einen Hut. Zudem haben mir zu dieser Zeit auch die Pferde gefehlt, um gleich auf Vier- und Fünfsternniveau mitzuhalten. So habe ich mich entschieden, junge Pferde auszubilden und mit ihnen zu arbeiten. 50 Prozent habe ich mich dem Beruf gewidmet und die andere Hälfte widmete ich meiner Leidenschaft, der Pferdeausbildung.

Was arbeiten Sie denn hauptberuflich?
Unsere Firma, in der ich Geschäftsführer bin, widmet sich einerseits dem Re­cycling und der Entsorgung, andererseits aber auch der Biogasanlage zur Stromproduktion, wo biologisches Abfallmaterial verarbeitet wird. Unser Fokus richtet sich vor allem auf erneuerbare Energien.

Wie sieht Ihr normaler «Arbeitstag» unter der Woche aus?
Ich habe das Glück, dass ich sehr kurze Arbeitswege habe. Ich bin meistens gegen sieben Uhr im Büro. Dann gibt es Sitzungen und Besprechungen. Danach gehe ich reiten, oft sechs oder sieben Pferde. Im Anschluss nochmals ins Büro. Oder ich erledige zuerst die ganze Büroarbeit und widme mich danach meinen Vierbeinern.

Da bleibt nicht mehr viel Zeit übrig, oder?
Nein, nicht mehr viel. Einmal pro Woche spiele ich Tennis. Ansonsten gehe ich ab und zu mal joggen oder biken im Sommer. Es ist ein grosses Privileg, dass ich und meine Schwester Annina uns diese Zeit nehmen können. Wir erteilen auch noch Reitstunden, meistens abends. Das machen wir auch sehr gerne.

Philipp und Annina Züger.

Was bedeutet es Ihnen, junge Pferde auszubilden?
Das ist das, wofür wir Reiter leben. Es macht unglaublich Freude, wenn man ein junges Pferd kauft, mit ihm arbeitet und  es ausbildet und es am Ende bis in den grossen Sport führen kann. Man ist aber auch darauf angewiesen, dass die Pferdebesitzer nicht gleich beim ers­ten Angebot schwach werden und verkaufen.
Gibt es einen Geheimtipp, wo Sie Ihre guten Nachwuchspferde finden und kaufen?
Nein, eigentlich nicht. Man muss die Augen immer offen halten. Man sucht auch nicht immer danach und dann findet man zufällig ein Talent, wo man dann zuschlägt.


Welches sind Ihre aktuellen Toppferde?
Zum einen Casanova und zum anderen Cassido. Welches besser ist, kann ich im Moment nicht sagen. Das wird die Zukunft dann zeigen. Aber auch Castus, der ein Jahr jünger ist als die anderen beiden, hat sehr viel Potenzial und ähnlich gute Qualitäten. Er ist sicher sehr schnell, das hat er bereits bewiesen.

Was sind Ihre Ziele für das aktuelle Jahr?
Ich will so viele Erfahrungen auf Vier- und Fünfsternniveau sammeln wie möglich. Wir haben viele Topturniere in der Schweiz. Da möchte ich wenn möglich an allen teilnehmen. Durch die grösseren Kontingente für Schweizer Reiter fühlt man sich schon privilegiert und man will die Chancen natürlich so gut wie möglich nutzen. So können ich und meine Pferde noch mehr Routine erlangen.

Haben Sie auch langfris­tige Ziele, die Sie erreichen möchten?
Ich schaue eigentlich nur von Jahr zu Jahr, von Saison zu Saison. Man kann schon grossartig Pläne machen, aber meistens kommt es anders, als man denkt. Ich arbeite daran, dass wir immer gute Nachwuchspferde haben. Da sind wir auf einem guten Weg. Wenn man dann doch mal ein Toppferd verkaufen muss, beginnt man nicht wieder ganz bei null.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 6/2017)

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