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Bei diesem Wallach wurde eine komplette Hufstudie durchgeführt.
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Neue Möglichkeiten

18.12.2012 13:06
von  Melina Haefeli //

Im «Animal Oncology and Imaging Center» (AOI) in Hünenberg ZG wurde anfangs November der erste Ma­g­net­re­so­nanztomograph (MRT) in der Schweiz installiert, für den man die Tiere nicht unter Vollnarkose setzen muss. Das AOI ist eine auf veterinärmedizinische Onkologie und Bildgebung ausgerichtete Spezialpraxis. Sie betreibt mit spezifisch ausgebildeten Fachkräften mehrere medizinische Grossgeräte. Prof. Dr. med. vet. Barbara Kaser-Hotz erklärt das Verfahren der MRT, ihre Vorteile und die Unterschiede zu anderen Bildgebungsverfahren.

Der MRT dient bei Pferden zur Untersuchung von Lahmheiten. Es stellt Knochen-, Knorpel-, Sehnen- und Bandstrukturen dar. Um die damit erhaltenen Bilder richtig zu interpretieren, braucht es ein enormes Know-how, über welches Prof. Dr. med. vet. Barbara Kaser-Hotz und ihre Mitarbeiterin Dr. Dagmar Nitzl als Radiologinnen verfügen.

Keine Vollnarkose

Bisher mussten Pferde an Kliniken im Ausland überwiesen oder in Vollnarkose gelegt werden. Auch dank grossem Engagement einer Gruppe interessierter Pferdespezialisten konnte diese Lücke in der Schweiz nun geschlossen werden. «Viele Besitzer möchten eine Vollnarkose vermeiden, wenn sie nicht unbedingt nötig ist, wie beispielsweise für eine Operation», erzählt die Spe­zia­lis­tin. In dieser Form gibt es das Gerät nun seit bald zehn Jahren. Mittlerweile sind weltweit über 50 Geräte installiert, bei denen man das Tier nicht ablegen muss. «Dass man ein Pferd in Narkose setzen muss, ist nicht sehr praktikabel. Ein MRT durchzuführen dient ja ‘nur’ zu Diagnosezwe­cken und ist keine Behandlung», erklärt Kaser. «Wir fanden es deshalb wichtig, dass man dieses Verfahren auch in der Schweiz stehend und ambulant durchführen kann.»

Längsschnitt durch einen Huf.

Huf in der transversalen Ansicht mit einem Kollateralbandschaden.

 

Schnittbilder ohne Strahlung

Die Magnetresonanzto­mographie – MRT oder auch unter dem englischen Ausdruck MRI (Magnetic Resonance Imaging) bekannt – ist ein bildgebendes Verfahren, das in der Diag­nostik mittels Schnittbildern zur Darstellung von Struktur und Funktion verschiedener Gewebe und Organe im Körper eingesetzt wird. Bei Pferden ist es auf die unteren Bereiche der Gliedmassen beschränkt. Leider gibt es noch kein Gerät, das genügend gross ist, einen Rü­cken zu scannen. Diese Beschränkung gilt auch bei Geräten für narkotisierte Tiere – unabhängig davon, ob das Pferd steht oder liegt. Aber «rund 80 Prozent aller Lahmheiten bei Pferden kommen aus dem unteren Beinbereich», so die Tierärztin. Die MR-Tomographie basiert auf sehr starken Mag­net­fel­dern sowie magnetischen Wechselfeldern, mit denen die Wasserstoffkerne im Körper resonant, also durch Schwingung, angeregt werden. Die wesentliche Grundlage für den Bildkontrast ist der unterschiedliche Gehalt an Wasserstoffteilchen in verschiedenen Gewebearten. Muskel, Knochen und Sehnen werden durch ihre unterschiedlichen Wassergehalte auf dem Bild differenziert. Im Gerät werden keinerlei belastende Röntgenstrahlen erzeugt. Das Mag­net­feld im Raum ist trotzdem klar zu spüren.

Der über eine Tonne schwere Riesen-Magnet.

 

Faradayscher Käfig

Es handelt sich bei diesem Riesen-Magnet um ein ständiges Magnetfeld, das nicht einfach an- und abgestellt werden kann. Es braucht daher einen sogenannten Faradayschen Käfig aus Kupfer, um das Mag­net­feld gänzlich von der Aussenwelt abzuschirmen. Es dürfen keinerlei andere Magnetfelder von aussen stören. «Ein Lift oder andere elektrische Anlagen in der Nähe dieses Raumes würden das Mag­netfeld wesentlich beeinträchtigen.» Ausserdem muss die Temperatur im Raum permanent konstant sein. Uhren, Kreditkarten, Handys und ähnliches müssen draussen bleiben. «Kreditkarten werden sogleich entladen.» Barbara Kaser de­mons­triert ein beeindruckendes Experiment mit einem Schraubenzieher. Sie lässt ihn in der Nähe des Magneten los und das Werkzeug fliegt wortwörtlich darauf zu.

Der fliegende Schraubenzieher.

Die Tierärztin bedachte eine allfällige Installierung eines MRT bereits beim Bau der AOI Klinik im Jahr 2007: «Wir mussten den Faradayschen Käfig im Boden versenken, weil der MRT hoch und runter bewegt werden muss.» Anders als beim liegenden Pferd, verschiebt man hier nicht das Pferd zur Röhre, sondern den über eine Tonne schweren Magneten zum Pferd. «Wir sind von Haus aus Radiologen und Onkologen und verfügen über andere Grossgeräte wie einen Linearbeschleuniger, der zur Bestrahlung von Krebs oder auch Arthrose dient und einen Computertomographen. Beim Bau der Klinik wollten wir uns die Option offen lassen, ein MRT für stehende Pferde zu installieren. So wurden die Mulde für den Magneten und die Auskleidung für den Faradayschen Käfig bereits damals vorbereitet.»

Der Magnetresonanztomograph ist in einem Faradayschen Käfig installiert.

 

Unterschiede zu anderen Bildgebungsverfahren

Anhand von Röntgenuntersuchung, Szintigraphie oder Ultraschall gelingt es nicht immer, Veränderungen der Bänder oder Gelenkstrukturen darzustellen. «In solchen Situationen kann die Magnetresonanz-tomographie wertvolle Dienste leis­ten. Die meisten Patienten haben bereits ein Röntgen oder einen Ultraschall mit unklaren Befunden hinter sich.» Es sei ganz wichtig, dass der Patient vorgängig von einem Tierarzt klinisch untersucht wird, welcher das Problem ungefähr lokalisieren kann – beispielsweise auf den Hufbereich, den Kronbereich oder den Fesselbereich. Denn es mache keinen Sinn, ein ganzes Bein eines Pferdes zu scannen – das würde auch viel zu lange dauern. «Es ist keine Studie wie eine Szintigraphie, bei der man das Problem sucht, weil man nicht genau weiss, wo es liegt», verdeutlicht die Expertin. Eine Szintigraphie ist ein Bildgebungsverfahren, bei dem man radioaktive Teilchen injiziert und anhand einer speziellen Kamera erkennt, wo sich die Entzündung befindet, weil sich diese Teilchen dorthin bewegen. Die radioaktive Belastung ist geringer als bei einem Röntgenbild. Der Hauptvorteil der MRT ist die sehr hohe Detailerkennbarkeit im Vergleich zu einem Röntgen oder einer Computertomographie (CT). Beim Röntgen erhält man ein Summationsbild, also ein dreidimensionales Objekt, welches man auf einen zweidimensionalen Film projiziert. Ausserdem widerspiegelt Röntgen den Kalkgehalt der verschiedenen Gewebestrukturen. Da­rauf werden Knochenkontusionen – also Quetschungen, Wasseransammlungen oder Ödeme – nicht erkannt, weil der Kalkgehalt dort nicht verändert ist. Die MRT hingegen, die den Wassergehalt darstellt, erkennt sie.

Huf als Kernstück

Der Huf sei die Hauptindikation für die MR-Tomographie bei Pferden. «Im Inneren des Hufs gibt es so viele Weichteile, die man beim Röntgen nicht sieht und mit dem Ultraschall nicht erreichen kann. Sehr viele Lahmheiten kommen jedoch vom Hufbereich.» Weiter könne man das Pferdebein bis und mit Höhe des Carpus (Vorderfuss­wur­zel­ge­lenk) und Tarsus (Sprunggelenk) ermitteln.

Kleinster Metallsplitter behindert

In der Klinik werden zuerst die Eisen abgenommen. Zur Kontrolle wird umittelbar vor der MRT-Studie ein Röntgenbild gemacht, um allfällige Eisenreste am Huf auszuschliessen. Der kleinste Splitter eines Hufnagels ruiniert die Bilder. Dann wird ein Katheter mit Infusionsschlauch gesetzt, wodurch das Pferd sediert wird und die Sedierung kontinuierlich etwas erhalten bleibt. «Ohne Sedierung würde es nicht genug lange ruhig stehen bleiben. Bei einer kompletten Hufstudie beispielsweise dauert die reine Aufnahmezeit rund 40 Minuten.» Der Zeitaufwand ist nicht mit einem Röntgen zu vergleichen. Die Erfassung der Bilddaten dauert sehr lange. Jeder Schnitt wird einzeln erarbeitet. Wenn sich das Pferd nur ein kleines bisschen bewegt, muss man einzelne Frequenzen wiederholen. Die lauten Geräusche, die das Gerät von sicht gibt – es klingt je nach Frequenz wie ein lautes Klopfen, Rattern oder Sägen – habe die Pferde bisher nie erschreckt oder gestört.

Eine Spule wird an der zu untersuchenden Stelle angebracht. Sie dient zur Übertragung der Signale. Hier die Fesselspule.

 

Der grosse Aufwand kommt danach

«Die Patienten sind ambulant hier. Die Untersuchung inklusive Vorbereitung dauert rund zwei bis drei Stunden.» Der Kostenpunkt beläuft sich je nach Studie auf rund 1500 bis 2600 Franken inklusive allen Vorbereitungen wie Kontrollröntgen und Sedierung. Mit der MRT ist die Untersuchung noch nicht abgeschlossen. Jetzt gillt es, die rund 1000 einzelnen Bilder zu sichten. «Diese Hunderte von Bildern in sämtlichen Sequenzen in den verschiedenen Ebenen sind relativ aufwändig auszuwerten und für die Interpretation sind eine gute Schulung und viel Erfahrung unerlässlich.»

Alle sollen profitieren

Der MRT in Hünenberg wurde am 1. November dieses Jahres eröffnet. Seither hatte Kaser zwei bis drei Patienten pro Woche, was den Erwartungen völlig entspreche. Die Palette der Patienten ist gross – vom Minishetlandpony über ein Freibergerwallach bis zum Sportcrack. Nur Rennpfer­de hatten sie noch nicht. «Anfangs hatte ich Angst, dass die Pferde dann zu sehr wackeln. Aber die Bilder werden wirklich phänomenal. Wir erzielen eine super Qualität», schwärmt die Sachkundige. Die begeis­terte Radiologin möchte diese Technologie und das Know-how allen Tierärzten in der Schweiz zur Verfügung stellen. «Alle sollen davon profitieren können.»

 

Zur Person

Prof. Dr. med. vet. Barbara Kaser-Hotz leitet seit August 2008 das AOI Center in Hünenberg ZG. 1985 begann ihre berufliche Laufbahn als Assis­tentin in einer Gross- und Kleintierpraxis. Bis 1987 arbeitete sie als Assistentin und Doktorandin in der Abteilung Radiologie der Pferdeklinik der Uni Bern und schloss dort mit ihrer Dissertation «Radiologische Untersuchungen am Strahlbein klinisch gesunder Pferde» ab. Dann zog es sie ins Ausland, wo sie während drei Jahren in den USA eine Fachausbildung in Radiologie und Radio-Onkologie absolvierte. Zurück in der Schweiz arbeitete sie während sechs Jahren als Oberassistentin der Röntgenabteilung der Universität Zürich, wo sie danach vier Jahre lang Lehrbeauftragte und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Radiologie und Radio-Onkologie war. In den Jahren danach war sie Privatdozentin für Radiologie und Radio-Onkologie in Zürich sowie an verschiedenen Universitäten in den USA. 2003 bis 2007 war sie als ordentliche Professorin und Lehrstuhlinhaberin «Bildgebende Verfahren und Radio-Onkologie» in Zürich tätig. Im März 2007 gründete sie die Stiftung zur Förderung spezialisierter und vergleichender Veterinärmedizin und half später beim Aufbau des Betriebs von Linearbeschleuniger und Radiologie der Freien Universität in Berlin (GER). Während der gesamten Laufbahn bewältigte sie mehrere Fachtitel und Weiterbildungen in Radiologie und Onkologie. Zu diesem Thema arbeitet sie nebenbei auch für wissenschaftliche Zeitschriften und hält Vorträge in ganz Europa. Barbara Kaser ist seit ihrer Jugend, als sie aktive Dressurreiterin war, mit Pferden sehr verbunden.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 50/2012)

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