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Heidi Hauri mit ihrer eigenen Schimmelstute Jinca.
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«Nur meine Jessica war unverkäuflich»

06.02.2018 10:18
von  Peter Wyrsch //

Vor mehr als 30 Jahren waren sie in der Springreiterszene in aller Munde: Heidi Hauri, damals Heidi Robbiani, und ihre Irländerstute Jessica. Das ungleiche Paar verblüffte und harmonierte. Die zierliche und geschmeidige Stute und die kämpferische und eher korpulente Amazone aus dem Aargau mit den langen, blonden Haaren avancierten weltweit zu Publikumslieblingen. Und sie verzeichneten beachtliche Erfolge. Sie gewannen 1984 in Los Angeles Olympiabronze, waren 1983 Mitglied der Schweizer EM-Goldequipe und doppelten 1985 in Dinard mit zwei Silbermedaillen (Einzel und Mannschaft) nach. Ein neues Schweizer Traumpaar war geboren.

Olympische Spiele 1984 in Los Angeles (USA): Bronze für Heidi Hauri mit Jessica.

«Ja, wir wirbelten die Männerhierarchie in der Schweizer Equipe auf», erzählt Heidi Hauri noch heute schelmisch. 1982 brach sie mit ihrem Pferd des Lebens und dem Schweizermeistertitel in die helvetische Phalanx des starken Geschlechts ein. Zuvor machte das ungleiche Paar schon mit dem Derbysieg in Aarau auf sich aufmerksam, das die kecke Aargauerin mit der damalig siebenjährigen Jessica gewann. An der EM 1983 im britischen Hickstead stellten die damals in Pauzella domizilierte Hei­di und ihre Jessica ihren «Mann». Zusammen mit Willi Melliger (auf Van Gogh), Thomas Fuchs (Willora Swiss) und Walter Gabathuler (Beethoven) gewann die Schwester von Max Hauri erstmals für die Schweiz den Mannschafts-EM-Titel.

Teamgold an der Europameisterschaft 1983 in Hickstead (GBR) mit (v. l.): Walter Gabathuler, Willi Melliger, Heidi Hauri und Thomas Fuchs.

Zwei Jahre später und nach der Olympia-Einzelbronze mit dem Ausnahmepferd nahm Heidi an der EM in Dinard in der Bretagne gleich zwei Medaillen in Empfang: Silber im Einzelklassement hinter dem damaligen europäischen Überflieger, deutschen Reiterstar Paul Schockemöhle, und ebenfalls Silber mit der Schweizer Equipe im Teamwettbewerb. Melliger sattelte damals Beethoven, Gabathuler The Swan und Philippe Guerdat, der Vater von Olympiasieger Steve Guerdat, vervollständigte die ausgewogene Schweizer Equipe mit Pybalia.

Olympiabronze nach Stechen

Von 1983 bis 1985 zählten Heidi und ihre Jessica zu den Publikumsmagneten und erfolgreichsten Turnierpaaren der Welt. Der GP-Sieg 1983 in Calgary (der einzige Schweizer Triumph bisher), der Nationenpreissieg und der dritte Platz im GP in Aachen liessen Heidis Stern noch greller leuchten. Die Krönung folgte in Los Angeles an den Sommerspielen 1984. Nachdem die nervenstarke Schweizer Amazone bereits im Nationenpreis mit Jessica überzeugt hatte und nach einem Stopp im zweiten Umgang kühlen Kopf behielt, wurde sie für ihre letztlich vergebliche Teammühe (fünfter Teamrang) im Einzel belohnt. Nachdem Gold und Silber an die USA (Joe Fargis vor Conrad Homfeld) vergeben waren, hatte Heidi gegen ihren Teamkollegen Bruno Candrian mit dem von Thomas Fuchs ausgeliehenen Slygof und den kanadischen Weltcupsieger Mario Deslauriers zu einem Stechen um Bronze anzutreten.

EM Dinard 1985: Silbermedaillengewinnerin Heidi Hauri unterwegs mit Europameister Paul Schockemöhle an die Medienkonferenz.

«Ich hatte nach je einem Abwurf in beiden Finaldurchgängen im Einzel eine Medaille schon abgehakt. Ich war ziemlich sauer, so knapp an Edelmetall vorbeigeschrammt zu sein und wusch gedankenversunken im Stall Jessica schon ab», kramt Heidi in ihren Erinnerungen. «Da wurde ich informiert, dass ich noch einmal anzutreten habe. Im Stechen um Bronze lief alles perfekt. Wir blieben fehlerlos und waren schnell. Die Freude war riesengross.»

Jessica war unverkäuflich

Die wendige Jessica war Heidis Pferd des Lebens, obwohl sie danach mit Special Envoy ebenfalls ein Spitzenpferd in ihren Zügeln führte. «Ich habe sie zusammen mit meinem Bruder Max bei einer Pferdevisite in der Nähe von Limerick in Irland entdeckt. Jessica war damals viereinhalb Jahre alt und eine verwöhnte Göre. Sie refüsierte oft und kam bei unseren Tests im Sattel kaum aus einer Kombination raus. Dennoch hatte ich ein gutes Bauchgefühl.» Heidi hatte sich in die Stute vernarrt. Bruder Max, ein erfahrener Pferdehändler, winkte ab und sah sich in seinem Urteil bestätigt, als Jessica beim Veterinärcheck lahm ging. Heidi beharrte aber auf dem Kauf und setzte ihren Kopf durch. «Ich hatte stets das Gefühl, dass wir zusammengehören.»

Heidi Hauri mit ihrem Lebenspartner Jürg Maurer.

Geduldig bildete das jüngs­te von fünf Kindern von Max Hauri senior, der einst eine Kiesgrube führte und über den Vieh- zum Pferdehandel kam, ihre grazile, wendige und sprungkräftige Stute aus. «Ich habe all meine Pferde selbst ausgebildet. Dass mir dies mit Jessica so gut gelang, macht mich sehr stolz.»
Rund 20000 Franken kos­tete Jessica damals, umgerechnet aus irischen Pfund. «Das war 1973 für ein ­viereinhalbjähriges Pferd viel», weiss Heidi Hauri. «Als wir nach dem Kauf wieder im Flugzeug sassen, kam schon die erste Offerte für Jessica. Wir, oder besser gesagt ich, winkten entschieden ab.»
Im Verlaufe der Jahre, als sich Jessicas Qualitäten immer mehr offenbarten und zahlreiche Spitzenergebnisse ihre Klasse bestätigten, gingen über ein Dutzend Angebote ein. «Einmal offerierte mir ein Amerikaner sogar einen Blankoscheck. Ich hätte die Verkaufssumme nur hinschreiben können.» Die Stute war und blieb aber unverkäuflich. «Hauris verkaufen alle Pferde, wenn der Preis stimmt», werfen Heidis Neffen, die Pferdehändler Thomas und Markus, ein. Jessica blieb die grosse Ausnahme. 17-jährig zog die Reiterin ihr Paradepferd gesund nach dem Concours im benachbarten Brugg zurück. Auf einer Weide in Irland verbrachte sie ihren Lebensabend. Sie wurde fast 30 Jahre alt – und bleibt für Heidi unvergesslich.

Nur private Wechsel

Heidi Hauri ist in Seon im Kanton Aargau als vierte Tochter von Max Hauri senior aufgewachsen. Ihre Geschwister (Trudi, Bethli, die Zwillinge Max und Maya) waren alle älter. Sie war das Nesthäkchen und war von kleinauf gezwungen, sich durchzusetzen. Schnell wurde sie kommunikativ und direkt, blieb aber gradlinig, ehrlich und bodenständig. Sie ist mit heute 67 Lenzen eine fröhliche Strahlefrau geblieben.
In Seon ist sie aufgewachsen, in Seon im familien­eigenen Reitbetrieb am Reiterweg ist sie auch nach ihrer ordentlichen Pensionierung fast täglich anzutreffen. Sie erteilt Reitstunden, hilft und korrigiert. Pferde und die Ausbildung edler Vierbeiner und deren Reiter sind ihr Leben. Sie trainierte jahrelang erfolgreiche Equipenreiter wie die Urnerin Claudia Gisler oder die Nachwuchschampions Chantal Müller oder Emilie Stampfli.

Heidi Hauri vor ihrem Elternhaus in Seon.

Privat hat Heidi Hauri mehrmals gewechselt. 21 Jahre lang weilte sie im Tessin, zwölf Jahre war sie mit Giorgio Robbiani in Pauzella verheiratet. Zwölf Jahre war sie auch mit dem passionierten italienischen Pfeifenraucher und Goldhändler Pedro Camata liiert. Nun ist sie seit ungefähr neun Jahren mit dem Brugger Jürg Maurer, dem ehemaligen Parcoursbauer und Res­taurateur, zusammen. Seit rund zwei Jahrzehnten wohnt Heidi Hauri in Boniswil, wo sie sich um das Einfamilienhaus und den Garten kümmert, aber auch häufig den Kochlöffel schwingt. Ihr vierbeiniger Begleiter ist die Cocker-Pudeldame Chica, die noch kein Jahr alt ist. Zwei Pferde nennt sie noch ihr Eigen: die talentierte, achtjährige, in Belgien gezogene Schimmelstute Jinca, die in Seon in einer familieneigenen Pferdeboxe logiert, und die 17-jährige Inländerstute Contessa vom Aarhof, die von Emilie Stampfli vorgestellt wurde.

Hauri-Spitzenpferde seit drei Generationen

Gespür für Pferde, Qualität und Vertrauen sind seit Jahrzehnten die Maximen im Sport-, Handels- und Pensionsstall Hauri im aargauischen Seon. Nach Grossvater Max und dem am 6. Dezember 2015 verstorbenen Papa Max führen die beiden Brüder Markus und Thomas Hauri mit Unterstützung von Tante Heidi Hauri die Geschicke der Pferdefamilie in der Gemeinde im Bezirk Lenzburg. Mehrmals pro Jahr sind die beiden Brüder gemeinsam im Ausland unterwegs, besuchen Pferdezüchter, Gestüte und Reitstallbetriebe und sichten potenzielle Sportpferde. Sie tauschen sich mit Springreitern, Händlern und oft auch mit Tierärzten aus, beobachten, wägen ab und probieren mögliche Akquisitionen für Kunden und für sich aus.
«Wir sind rund 150 bis 180 Tage pro Jahr unterwegs, in Frankreich, Belgien, Deutschland, Dänemark und vereinzelt auch in Irland», erzählt der bald 38-jährige Thomas Hauri, der um drei Jahre jünger als sein Bruder Markus ist. «Meist reisen wir zusammen zu Pferdezüchtern. Vier Augen sehen mehr als zwei. Wir wissen genau, was wir erwarten und was sich unsere Kunden wünschen. Wir vergleichen, verhandeln und sitzen selbst im Sattel eines jeden möglichen Einkaufs.» Das Gespür für Pferde, die Erkennung von Talenten und möglicher Leis­tungskomponenten haben Max’ Söhne geerbt. Thomas Hauri: «Ich war oft mit meinem Vater unterwegs und mit Pferdehandel beschäftigt. Mit der Zeit weiss man genau, auf was man achten muss.»

Die Gebrüder Markus (l.) und Thomas Hauri präsentieren stolz die Franzosenstute Cordia, das Spitzenpferd von Thomas’ Lebenspartnerin Adelaïde Lautié.

Irischer Boom abgelöst

Früher ritten und handelten die Hauris fast ausschliesslich mit Irländern. Unvergessen der Doppelstart des renommierten Pferdefachmanns Max Hauri 1972 an den Olympischen Spielen in München. Mit Haiti ritt er in der Schweizer Equipe im Springreiten, mit Red Barron in der Vielseitigkeit, die damals noch Military hiess und den stolzen Offizier der Schweizer Armee begeisterte. Doch der Boom von Irländerpferden ist längst vorbei. Zu viel wurde in Zuchtbetrieben und im National Stud vernachlässigt, verhöckert und vergessen.

Erfolge im Sattel

Wie einst ihr Vater und ihre Tante Heidi bilden die Gebrüder Hauri Pferde selbst aus und sitzen oder sassen oft auch selbst erfolgreich als Springreiter im Sattel. Markus war Mitglied der Schweizer Equipe bei den Junioren, die 1994 Gold holte, und liess sich 1997 in Yverdon mit Royal Athlet zum Schweizermeister der Elite küren. Der diplomierte Landwirt ist verheiratet mit der Zürcherin Tiziana und hat mit Matteo Max (10), Lorena (8) und Vittoria (2), drei aufgeweckte Kinder, die ihn auch privat auf Trab halten. Thomas ist mit der französischen Spring­reiterin Adelaïde Lautié liiert. Gemeinsam haben sie einen noch nicht einjährigen Nachkommen: Marius Max, den derzeitigen Benjamin am Reiterweg in Seon. Thomas gewann im Nachwuchs ebenfalls Teamgold und zwar 1998 in Lissabon im Sattel von Dreamin bei den Jungen Reitern und feierte den Schweizermeis­tertitel bei den Jungen Reitern und zuvor bei den Ponys. Beide Hauris geben als Hobbys in ihrer kärglichen Freizeit Schwimmen an.

Erfolge im Handel

Schwimmen tun sie allerdings im Pferdehandel nicht, was zahlreiche erstklassige Transfers beweisen. Es seien einige bekannte Pferdeverkäufe erwähnt, die vom Stall Hauri in alle Welt verkauft wurden: Vivaldi wechselte einst zu Nelson Pessoa, Tomboy und Special Envoy zu Nelsons Sohn, dem Olympiasieger und dreifachen Weltcupgewinner Rodrigo Pessoa. Royal Charmer wurde vor Jahren von Markus Fuchs übernommen, Callas Sitte von Chris­tina Liebherr. Picsou du Chê­ne ging über Pius Schwizer zu Martin Fuchs. Powerplay und Verdi präsentierte Schwizer so erfolgreich, dass sie nach Kanada exportiert wurden: zu Olympiasieger Eric Lamaze respektive der kanadischen Equipenreiterin Tiffany Foster. Sixtine de Vaine fand den Weg über Schwizer und dem britischen Team­olympiasieger und -europameister Ben Maher zum Kanadier Yann Candele. Und auch Franzosenstute Venus de Brekka stammt aus dem Handelsstall Hauri und verhalf im vergangenen August Linda Nussbaumer aus Meyriez zum Schweizermeistertitel in der Vielseitigkeit. «Unser Ziel ist, dass wir jedes Jahr ein Pferd an die internationale Spitze bringen», formuliert Markus Hauri die Absicht des renommierten Pferdehandelunternehmens. Ein hohes Ziel gewiss, aber aufgrund der Erfahrung und der Qualität, der Seriosität und der täglichen Arbeit kein utopisches.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 5/2018)

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