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Beim Verladetraining ist viel Geduld gefragt.
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«Problempferde» besser verstehen

05.09.2017 11:03
von  Chantal Kunz //

Die Pferdetrainerin Sandra Schneider war für zwei Livedemo-Tage in der Schweiz. Sie arbeitete in Dielsdorf ZH und Bättwil BL jeweils mit vier Pferden und gab den Besitzern Tipps mit auf den Weg. Die Probleme der Pferde waren jeweils sehr unterschiedlich. Doch in fast allen Fällen konnte Sandra Schneider die Ursache erkennen.

«Priiiima», lobt Pferdeprofi Sandra Schneider das Pferd mit ihren berühmten Worten. Sie legt dem Tinkerwallach Classic gerade das ers­te Mal die Longe über die Kruppe und versucht, ihn dadurch ein bisschen zu dehnen. «Er ist total verspannt und hat dadurch Schmerzen», erklärt sie seiner Besitzerin. Einmal in Dielsdorf und einmal in Bättwil war Sandra Schneider in der Schweiz zu Gast für je einen Livedemo-Tag. Die Pferdetrainerin, bekannt aus der TV-Sendung «Die Pferdeprofis», empfing an beiden Tagen jeweils vier Pferde, mit welchen sie jeweils eine Stunde arbeitete. Vorbereiten konnte sie sich nicht, sie hatte nur ein paar Stichworte. «Oft ist das Problem sowieso ein anderes, als angegeben wird. Deshalb lasse ich mich lieber überraschen», sagt Schneider.So konnte sie zwar nicht die Probleme der Pferde vollständig beheben, aber sie konnte den Besitzern Tipps mit auf den Weg geben. Bevor das erste Pferd die Halle betrat, erklärte Sandra Schneider dem Publikum, dass man nie die Ins­tinkte der Pferde vergessen sollte. Sie seien Herden- und Fluchttiere und die Domestizierung sei ein grober Eingriff in das natürliche Verhalten der Tiere. Es sei keinesfalls selbstverständlich, dass Pferde sich reiten lassen, sagt die Pferdetrainerin. «Wenn ich ein Pferd wäre, würde ich mich nicht einmal auf der Weide einfangen lassen.» Da die meisten Pferde aber fast alles erdulden, sei es wichtig, hinzuhören und sich in die Tiere hineinzuversetzen.

Sicherheit geben
In Dielsdorf brauchte Anja mit ihrem Wallach Abraxas die Hilfe von Sandra Schneider. Der Fuchs sei in gewissen Situationen sehr schreckhaft, erklärte die junge Besitzerin. Vor allem applaudierende Menschen jagen dem Pferd einen grossen Schrecken ein. Dies konnte aber in der Reithalle auf dem Horsepark in Dielsdorf bestens geübt werden.

Ein Arm über den Hals gelegt hat eine beruhigende Wirkung auf Pferde.

Zuerst demons­trierte Sandra Schneider aber, wie viel die Körpersprache ausmacht. «Abraxas braucht einen klaren Anführer. Du musst ihm Sicherheit geben und ihm zeigen, dass du einen klaren Plan hast», sagte Schneider zu Abraxas’ Besitzerin. «Wenn der Herdenchef zeigt, dass das Geräusch hinter dem Baum nicht gefährlich ist, wird kein Pferd aus der Herde Angst bekommen», erklärte die Pferdetrainerin. Um dem Wallach seine nicht zu übersehende Anspannung zu nehmen, hatte die Pferdetrainerin einen einfachen Trick auf Lager. Sie bat Abraxas, den Kopf zu senken und legte dann ihren Arm über seinen Hals. Dies täten auch die Stuten bei ihren Fohlen, indem sie ihren Hals über den des Fohlens legen, erklärt Schneider. Schon bald entspannte sich der Fuchswallach. Zum Schluss wurde mit dem Publikum geübt, ihm die Angst vor Applaus zu nehmen. Nach einigen grösseren Hüpfern blieb das Pferd tatsächlich fast an Ort und Stelle stehen.

Verspannter Rücken
Ein anderes Problem hat der Tinkerwallach Classic. Seine Besitzerin erklärte, dass er beim Aufsteigen immer wegläuft, manchmal sogar über die Auf­steighilfe hinweg. Sandra Schneider strich dem Schecken sanft über den Hals und Rücken, er zuckte zusammen und sprang sofort weg. Mit heftigem Kopfschütteln brachte er seinen Unmut zum Ausdruck.

Die Physiotherapeutin (l.) nimmt den Sattel genau unter die Lupe.

Sofort wurde eine Physiotherapeutin hinzugezogen. Sie tastete den Wallach ab und kam zum Schluss, dass er vom Nacken über die Schultern bis zum Rücken total verspannt sei. «Somit ist klar, weshalb er kaum jemand aufsteigen lässt. Er hat grosse Schmerzen dabei und zeigt dies mit dem Weglaufen und Kopfschütteln», erklärte Schneider. Als logische Schlussfolgerung wurde anschliessend der Sattel überprüft. «Dieser Sattel ist eindeutig zu eng, vor allem auf der einen Seite», erkannte die Physiotherapeutin Diana. Sie hat ein Praktikum bei Sandra Schneider auf dem Rosenhof und parallel dazu eine Ausbildung zur Pferdephysiotherapeutin absolviert. Nun begleitet sie die Pferdetrainerin auf ihrer Live-tour. Der Sattel müsse zuerst angepasst oder je nachdem ein neuer gekauft werden.

Reiten ist nicht selbstverständlich
Auch Pferden mit Verladeproblemen konnte Sandra Schneider helfen und den Besitzern Tipps und Tricks auf ihren Weg mitgeben. Zudem arbeitete sie noch mit einem Pferd, das Angst vor Artgenossen hat. Dort sei es jedoch schwierig, etwas zu machen, da das Tier wahrscheinlich ein Trauma von einem schlimmen Ereignis hat. Es war jedoch schön zu sehen, wie sehr dieses Pferd seiner Besitzerin vertraut und es sei schon viel besser als am Anfang, sagte diese.

Der Schimmel fürchtet sich vor anderen Pferden.

In einem anderen Fall, bei dem das Pferd im Gelände sehr unsicher und ängstlich ist, riet Schneider zu Übungen in der Halle. «Der Haflinger und seine Reiterin hatten einen Unfall, deshalb ist es nun schwierig im Gelände. Doch ich glaube, die beiden werden es wieder hinbekommen», so die Pferdetrainerin. Wenn der Reiter Sicherheit und Gelassenheit ausstrahle, sei auch das Pferd entspannter. Immer wieder bedankte sich die deutsche Pferdekennerin bei den Pferden und zeigte, dass deren Mitarbeit für sie ein Zeichen von Vertrauen sei. «Pferde reichen uns immer wieder die Hand und sagen: ‘Ich gestatte dir das, aber mach jetzt bitte keinen Fehler.’» Die Fälle seien sehr interessant gewesen, sagt Schneider. «Ich finde es nur schade, wenn Pferde Schmerzen haben und ich ihnen nicht gleich helfen kann. Aber wenigstens kann ich den Besitzern Tipps geben, wie sie den Tieren helfen können.» Dies sei zum Beispiel der Fall bei dem Pferd, das sich nicht vom Tierarzt behandeln lässt. «Der Wallach hat eine überaus empfindliche Haut und einen sehr hohen Muskeltonus. Er hält es nicht mal aus, wenn ihn eine Fliege berührt.» Auch die Infrastruktur in der Schweiz hat ihr gefallen. «Leider habe ich nicht viel vom Land gesehen. Aber ich komme bestimmt nächs­tes Jahr wieder in die Schweiz.»

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 35/2017)

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