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Gruppenbild vor den Stallungen: Werner Ulrich, Rafael Wechsler mit seinen Eltern Hanspeter und Corinne.
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Rafaels Fahrt durch Bern

25.04.2017 12:05
von  Peter Wyrsch //

Was für ein Tag für den 17-jährigen Rafael Wechsler aus dem luzernischen Luthern! Der seit Geburt cerebral gelähmte und im Rollstuhl sitzende Jüngling durfte einen Tag mit dem erfahrenen und erfolgreichen Fahrer Werner Ulrich in Bern verbringen. Selbst auf einem herausgeputzten Wagen auf dem Bock sitzend und die Leinen fest und konzentriert in eigenen Händen haltend kutschierte der begeisterte «Young ­Driver» um die Mittagszeit einen Zweispänner durch Berns Innenstadt. Da staunten nicht nur die Passanten und Touristen, sondern auch die im Fahrtempo beeinträchtigten Automobilisten und selbst die Berner Stadtpolizei.

Rafael, Sohn des Bauern-Ehepaa­res Corinne und Hanspeter Wechsler, das im Wahlkreis Willisau vor allem Milchwirtschaft betreibt, ist trotz seines Handicaps ein aufgeweckter Junge. Seit Geburt leidet der gross gewachsene Fahrsportfan an cerebralen Bewegungsstörungen, die ihn beim Gehen hindern. Rafael kann seit Geburt nicht gehen und kam behindert zur Welt. Sein Zwilling ist im Mutterleib abgestorben. Der junge Mann meistert aber sein Schicksal bravourös. Dank Hippotherapie, die ihm eine Ärztin seit seinem sechsten Altersjahr empfohlen hatte, hat er tierische Freunde und an ­Lebenskraft und Motivation gewonnen. Zudem konnte mit fachmännischer Beckenschulung eine Operation vermieden werden. Rafael ist ein fröhlicher, aufgestellter junger Mann, der noch bis im Sommer die heilpädagogische Schule in Willisau besucht und dann ein einjähriges Industriepraktikum beginnt.

Rapfael Wechsler gemeinsam mit Werner Ulrich.

Das Geschenk von Firmgötti Willy

Die Wechslers sind eine Landwirtschafts- und Pferdefamilie. Fünf Freiberger nennen sie ihr Eigen. Es sind Fahrpferde. Sie werden eingespannt und ziehen Ein- und Zweispänner. Triebfeder der Fahrsportbegeisterung bei Rafa­el war dessen Firmgötti Willy Birrer. Dieser betreibt mit seinen Freibergern einen Hof im Napfbergland und ist quasi ein Nachbar der Wechslers. Und der passionierte Fahrsportler, der mit seinem Vierspänner im vergangenen Jahr in die S-Klasse aufgestiegen ist, hat mit seinem Firmgötti-Geschenk Rafaels Begeisterung für den Fahrsport total entfacht. «Ich erhielt zur Firmung ein Fohlen geschenkt», erzählt Rafael mit glänzenden Augen. «Es ist eine Stute. Noblesse heisst sie. Und sie ist mein Liebling.» «Willy Birrer ist ein Freund unserer Familie und besonders von Rafa­el», erzählt Mama Corinne, die ihren Sohn zusammen mit ihrem Gemahl nach Bern ins NPZ, ins Nationale Pferdezentrum, begleitet hat. «Wir haben bei Willy mit Lucero einen zweiten Freiberger als Zugpferd und Gspänli für Noblesse gekauft. Willy trainiert mit Rafael und den Pferden», ergänzt Papa Hanspeter. Auch Rafaels 20-jährige Schwes­ter Fabienne ist vom Fahrsport angetan.

Im Fokus der Handys von Touristen: Rafael Wechsler (l.) mit Werner Ulrich.

Bevor es auf den Bock ging, half Rafael in den Stallungen des NPZ die Vierbeiner zu putzen und vorzubereiten.

Wenig Schlaf vor lauter Nervosität

Um 5.30 Uhr war Tagwache in Luthern am besonderen Fahrertag mit Werner Ulrich. Rafael konnte schon die Nächte zuvor kaum schlafen. So sehr freute er sich, neben dem Weltmeister von 1998 bei den Vierspännern und WM-Champion 1991 bei den Zweispännern auf dem Bock zu sitzen und mit dessen Anleitung selbst die Zügel in seinen Händen zu halten. Pünktlich um zehn Uhr versammelten sich die Wechslers im NPZ. Eine sauber geputzte Kutsche stand schon bereit. Der Berner Werner Ulrich, der 22-fache Schweizermeister und erfolgreichste Schweizer Fahrer der letzten zwei Jahrzehnte, stand bereit. Der brave Inländer Mika­do, inzwischen 19-jährig und mit WM-Erfahrung 2010 in Kentucky, wurde ebenso eingespannt wie der elfjährige Inländer Cardiuweel, der über eine vierjährige Erfahrung auf höchstem Niveau verfügt. Eine Holztreppe stand bereit, um Rafael mit Hilfe seiner Eltern auf den Bock neben Ulrich zu führen. Gemeinsam mit Werner Ulrich unter einer Wolldecke sitzend ging es los. «Juhui! Vorwärts Buebe», frohlockte der Glückliche und vergewisserte sich, ob seine Eltern auch in der Kutsche Platz genommen hatten. Im leichten Schritt, dann im Trab wurde im Gelände des NPZ gekurvt. Links und rechts wurde abgebogen, rauf und runter ging es. Rafael wurde immer sicherer und hielt die Leinen fest in der Hand. Er hat ja auch schon etwas Erfahrung. Seit rund vier Jahren sitzt er auf dem Kutschbock und im vergangenen Dezember nahm er mit seinem Firmgötti Willy erstmals an der ­Young Drivers Challenge in Bern teil. Der Aufwärmparcours im NPZ führte über eine Brücke. Der Wagen ratterte. «Uh – wie das räblet», bemerkte der junge Kutscher. Werner Ulrich bestätigte wohlwollend und fand, jetzt sei man zur eigentlichen Ausfahrt bereit – durch die Berner Innenstadt.

Konzentriert die Kramgasse hinter dem Zytglogge-Turm hinab.

Bärengraben, Zytglogge und Bundeshaus

Es war kurz vor Mittag, als der Zweispänner mit Insassen in der Kutsche über die stark befahrene Asphaltstrasse am Guisonplatz startete. Der Mittagsverkehr machte geduldig halt, als die Kutsche mit den beiden eingespannten Vierbeinern vorfuhr. Kein Automobilist oder Töfflifahrer murrte oder verwarf die Hände. Alle zeigten Freude und Verständnis. Erstaunlich diese geduldigen Berner. Selbst als es den Aargauerstalden hinab nebst dem Rosengarten ging und sich eine Autokolonne hinter der Kutsche bildete, blieb es ruhig. Das Gefährt erweckte Begeisterung und Bewunderung am Bärengraben. Die Handys der Touristen klickten. Es wurde gefilmt und geknipst. Rafaels Kutsche war eine Attraktion, auch als es auf Pflastersteinen die Gerechtigkeitsgasse Richtung Zytglogge hinaufging. Selbst eine entgegenkommende Polizei­streife verlangsamte ihr Tempo. Die uniformierten Gesetzeshüter schmunzelten freudig. Beim Zeitglockenturm, einer der Attraktionen der Zähringerstadt Bern, angekommen, wuss­ten die zahlreichen Touris­ten, vor allem Dutzende von Asiaten, nicht, ob sie nun das Schauspiel – das vielfach beschriebene Figurenspiel mit dem goldenen Stundenschläger, dem Hahn und Chronios, dem Gott der Zeit – oder der Kutsche ihre Aufmerksamkeit schenken wollten. Beides war nicht alltäglich und irgendwie historisch – und für Rafael wohl einmalig. Die Kutscher, der erfahrene Werner Ulrich und sein Schützling, der lernwillige Rafael, mussten wiederholt das Tempo etwas reduzieren und lächeln, um abgelichtet und verewigt zu werden.

Bevor Rafael mit Werner Ulrich in die Berner Innenstadt fuhr, durfte der 17-Jährige im NPZ einige «Aufwärmrunden» drehen.

Vorfahren vor dem Bundeshaus

Weiter ging die Fahrt. Via Theaterplatz trabten die Pferde bei immer mehr Sonnenschein weiter in Richtung Bundesplatz, wo auch der Markt, der «Märit», wie die Berner sagen, Aufmerksamkeit fand. Trab, Trab, immer flott vo­raus. Um den Bundesplatz herum direkt vor das Bundeshaus. Ein kurzer Halt. Fotos wurden geknipst. Aber es war kein Staatsbesuch, der für Aufsehen sorgte, sondern die von Rafael geführte Karosse, ein Fuhrwerk wie zu alten Zeiten. Busse und Trams warteten, gewährten Vortritt, Autolenker nickten geduldig. Keiner wollte ein Spiesser oder Spielverderber sein. «Pfer­de beruhigen den Verkehr», bemerkte Werner Ulrich lachend zum ungewöhnlichen Spektakel. Nach rund 100-minütiger Fahrt durch die Innenstadt erreichte das Gefährt sicher den Ausgangspunkt. Rafael schwitzte und war am Ende seiner Kräfte. Er hielt aber durch und genoss den Ausflug sichtlich. Beim Mittagessen im «Specht» gesellte sich auch Werners Sohn Stefan dazu. Er ist wie sein Vater passionierter Fahrer und in die Spur oder Fussstapfen seines erfolgreichen Papis getreten. Der 20-Jährige ist bei den Einspännern amtierender Schweizermeis­ter und war Teamstütze der Schweizer WM-Bronze­equipe. Nach der RS im Train strebt Stefan aus Bäriswil die Berufsmatura an und hofft, sich bald mit seinem Vater im Duell der Zwei­spänner zu messen. Werner Ulrich hat nämlich Ende 2016 seine langjäh­rige Erfolgsgeschichte mit den Vierspännern beendet und liebäugelt im September an der WM in Lipizza (SLO) mit einem Spitzenplatz. Rafael wird ihm bestimmt die Daumen drü­cken und die rote Schweizer Dächlikappe mit Unterschrift aufsetzen, die ihm Werner Ulrich als Andenken und Souvenir zum Abschied geschenkt hat.

Zum Abschied gab es für Rafael noch ein Cap mit Autogramm. Mit dabei auch Werners Sohn Stefan.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 16/2017)

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