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Sechs Tipps zum sicheren Anweiden im Frühling

09.04.2019 14:54
von  Laura Kreis, Agroscope, Schweizer Nationalgestüt SNG //

Bald ist es so weit, die Weidesaison steht vor der Tür. Sobald das erste Gras im Frühling anfängt zu wachsen, möchte man die Pferde so schnell wie möglich auf die Weide lassen. Da die Pferde über den Winter meist ausschliesslich mit Raufutter gefüttert wurden, ist ein langsames und schonendes Umstellen auf das Gras aber unerlässlich.

1. Abrupte Futterumstellungen vermeiden


Da Pferde sensibel auf abrupte Futterumstellungen reagieren, ist ein langsames Anweiden ein Muss. Nur so kann sich die Darmflora, die den Winter über an eine rohfaserreiche Nahrung wie Heu und/oder Heulage und Stroh angepasst war, an das eiweiss- und zuckerreichere, rohfaserarme Gras anpassen. Probleme mit schlimmen Krankheiten wie Kolik oder Hufrehe können so vermieden werden. Die Umstellung der im Darm lebenden Mikroorganismen dauert etwa 14 Tage, weshalb das Anweiden mindes­tens über diese Zeitspanne erfolgen sollte. Optimal wären drei bis vier Wochen.

2. Langsame und kontinuierliche Steigerung der Weidezeit


Zu Beginn sollte mit 15 bis 20 Minuten für die ersten beiden Tage begonnen werden. Anschliessend kann alle weiteren zwei Tage um 15 Minuten verlängert werden. Hat man die Weidedauer so auf eine Stunde ausgedehnt, kann die Verlängerung in grösseren, halbstündlichen Schritten erfolgen, bis die gewünschte Weidedauer erreicht ist. Während des Anweidens sollten die Pferde gut beobachtet werden. Tritt beispielsweise Durchfall auf, sollte die Weidezeit gekürzt oder zumindest nicht verlängert werden, bis die Symptome nachlassen. Pferde, welche das ganze Jahr über Weidezugang haben, können sich langsam an die sich verändernden Inhaltsstoffe anpassen und benötigen daher keine spezielle Anweidephase.

3. Den richtigen Zeitpunkt finden

Sobald die Sonne scheint, produzieren die Pflanzen Energie dank der Photosynthese. Diese Energie kann direkt von der Pflanze für das Wachstum verwendet oder aber im Innern für einen späteren Gebrauch gespeichert werden. In den ersten zwei bis drei Wochen des Wachstums ist das Gras reich an Proteinen und unstrukturierten Kohlehydraten wie Stärke und Fruktan. Je mehr das Gras wächst und älter wird, desto mehr verholzt es auch. Der Rohfaseranteil an der Pflanze steigt und die Gehalte an Zucker und Eiweiss sinken. In der Praxis stellt man fest, dass die Pferde hohe Eiweissgehalte mehrheitlich gut vertragen. Zu hohe Mengen an Eiweiss belasten jedoch den Stoffwechsel, vor allem Nieren und Leber und können Koliken und Durchfall zur Folge haben. Grosse Mengen an Stärke und Fruktanen (Zucker) sind vor allem für zu dicke Pferde, Esel und Ponys gefährlich und können zu Hufrehe führen, eine starke und sehr schmerzhafte Entzündung der Hufe. Aber auch Tiere mit Vorerkrankungen wie Cushing oder Equines Metabolisches Syndrom neigen eher dazu, an dieser Krankheit zu erkranken.

Der Fruktangehalt ist von Pflanze zu Pflanze unterschiedlich hoch aufgrund der Jahreszeit und dem Tagesverlauf. Wichtige Faktoren sind hier die Temperatur, die Verfügbarkeit von Wasser und Sonnenlicht.
• Wenn es sonnig, aber kalt ist (unter 10 Grad), produziert die Pflanze dank des Lichts Energie, die niedrigen Temperaturen hindern sie jedoch am Wachsen und die Energie wird als Fruktan im Stängel und den Blättern gespeichert. Bei solchen Bedingungen sollte die Grasaufnahme auf der Weide beschränkt werden.
• Wenn der Himmel bedeckt ist und ein mildes Klima herrscht, greift die Pflanze auf ihre Reserven zu, um zu wachsen, obwohl die fehlende Sonne die Energieproduktion hemmt. Der Fruktangehalt in der Pflanze sinkt und die Pferde können problemlos geweidet werden.
• Wenn es im Sommer schön, warm und genügend Wasser vorhanden ist, kann die Pflanze die produzierte Ener­gie direkt verwerten und es wird kein Fruktan gespeichert. Wenn es jedoch trocken ist, ist das Wachstum der Pflanze gehemmt und Fruktan wird eingelagert.

4. Vor dem Weidegang Heu füttern und die Futterration anpassen

Vor den Weidegängen wird empfohlen, Heu oder Heulage zu füttern. Das mindert die Gier auf das frische Gras und bietet der noch nicht vollständig angepassten Darmflora ein geeignetes Substrat zur Verdauung.

Es wird dazu geraten, die Standardration an Heu und Kraftfutter langsam zu reduzieren, damit das Pferd nicht zu viel Energie und Eiweiss zu sich nimmt, wenn die Weidezeit stets verlängert wird.

5. Kein Kraftfutter direkt vor oder  nach dem Weidegang

Auf Kraftfuttergaben unmittelbar vor oder nach dem Weidegang sollte verzichtet werden. Durch das Kraftfutter werden zusätzliche Kohlehydrate dem Verdauungstrakt zugeführt, welcher bereits die Kohlehydrate aus dem Gras verdauen muss. 

6. Die Grasaufnahme für leichtfutt­rige Pferde limitieren


Wenn sich die Mikrobenflora des Verdauungstrakts an die Futterumstellung angepasst hat, können die Pferde schöne Stunden auf der Weide verbringen, um ihr natürliches Verhalten auszuleben: grasen, sich bewegen und Sozialkontakte mit anderen Pferden pflegen. Für leichtfuttrige Equiden, namentlich die sogenannten «Robustpferderassen», Ponys und Esel, ist es meistens nötig, die Grasaufnahme während der ganzen Weidesaison stark zu begrenzen. Dies ist ebenso der Fall für Tiere, die anfällig für Hufrehe sind. In vielen Fällen bleibt das Kürzen der Weidezeit (und der Auslauf auf Weiden mit wenig Vegetation) die einzige Möglichkeit. Für gewisse Pferde kann eine Fress­bremse eine gute Lösung sein, damit sie nicht zu viel Gras fressen. Es muss da­rauf geachtet werden, dass die Tiere problemlos trinken können und keine Verletzungen bzw. Schürfungen am Maul durch die Fressbremse entstehen.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 14/2019)

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