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Kaya Lüthi mit Go Joed.
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Verstärkung für die Schweiz

07.03.2017 13:53
von  Dieter Ludwig //

In Deutschland durchlief Kaya Lüthi bisher alle Stationen, vom Einsatz im Ponysport bis nach oben, sie trainierte beim deutschen Bundestrainer Otto Becker, startete bei Championaten für Deutschland – nun aber für die Schweiz, wo sie geboren wurde und dessen Pass sie ebenfalls besitzt. Erstmals am Start für ihr neues sportliches Heimatland war sie am letzten Wochenende beim CHI in der Dortmunder Westfalenhalle.

Die Adresse lautet «Almsick 47», Stadtteil von Stadtlohn in Nordrhein-Westfalen in Deutschland, gleich an der Grenze zu Holland. Wer sich auf das Navi verlässt, kommt dort garantiert nicht an. Aber der Bauer auf seinem riesigen Traktor wusste gleich Bescheid. «Habe ich am Nummernschild vom Auto gesehen, ein Fremder.» Man kann sich auf dem flachen Land dort ruhig verfahren, irgendwann kommt jeder an. Auf dem kleinen Briefkas­ten am Haus steht ganz klein gedruckt «Ehning». Hier also ist nun auch Kaya Lüthi (23) zu Hause, mit ihrem Lebenspartner Johannes Ehning (34). Er ist der sogenannte «kleine Bruder» des grossen Marcus Ehning, der so schön reitet, dass man gar nicht glauben mag, dass er auch noch ans Gewinnen denkt, was aber dann letzten Endes doch eine logische Folge wird. Das Bruderpaar ist wahrlich recht unterschiedlich, Marcus tritt ernst auf, wahrscheinlich lacht er meist in der Stallgasse, und dann, wenn es keiner sieht. Johannes wiederum kommt einem offen entgegen, verschmitzt, meist auch noch mit einem guten Spruch. Der jüngere ist stolz auf den so erfolgreichen grossen Bruder, der schon Mannschaftsolympiasieger war, dreimal den Weltcup gewann, den Grossen Preis in Aachen und vieles andere mehr – da kommt er eben nicht mit. Sieben Nationenpreise hat er für Deutschland geritten, war Europameister im Nachwuchsbereich. «Wir verstehen uns dennoch sehr gut», sagt Johannes Ehning. Zwei Söhne mit Toppferden auszurüsten, wäre für Vater Richard Ehning nicht möglich gewesen. Johannes Ehning, wie der Bruder gelernter Gross- und Aussenhandelskaufmann, erwarb den Hof in Almsick vor zwei Jahren, «ein Schnäppchen», sagt Mutter Hilde, die gerade Essen von zu Hause bringt, aus dem gerade mal 24 Kilometer entfernten Borken. Zwei Hektaren Land, Wiesen, sauber eingezäumt mit Holz, fünf Paddocks, eine grosse Reithalle, Aussenboxen, Führanlage, es wurde viel inves­tiert, muss aber noch weiter investiert werden. 40 Pfer­de stehen in den Boxen, meist von Kunden. Einmal in der Woche schaut der frühere deutsche Mannschaftstierarzt Dr. Björn Nolting von der Tierklinik in Leichlingen bei Leverkusen vorbei, um zu schauen, wo es möglicherweise bei einigen Pferden zwickt. Fast von der Küche direkt führt eine Tür in eine Stallgasse, was Erinnerungen weckt an den Hof des ers­ten deutschen Bundestrainers Hans-Heinrich Brinckmann in der Lüneburger Heide. «Micky» Brinckmann, vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weltbester Springreiter, später berühmt als Parcoursbauer, setzte sich oft nachts mit einem Stuhl in die Stallgasse und lauschte dem Mahlen der Pferdemäuler, wenn sie Strohhalme zwischen den Zähnen zerrieben. «Das tut der Seele gut», wie er sagte. So weit sind Kaya Lüthi und Johannes Ehning noch nicht, vielleicht dann mal, wenn sie der normale Alltag loslässt…

Kaya Lüthi und ihr Freund Johannes Ehning sind seit 2015 ein Paaar und wohnen gemeinsam in Stadtlohn.

Deutscher Coach Otto Becker enttäuscht 

Alltag, das sind für Kaya Lüthi vor allem der Sport, das Pferd. «Wenn ich ein Pferd anschaue, dann sehe ich einen Menschen vor mir», sagt sie, «einen wahren Freund.» Tiere sind für sie keine Sache, ihre Mischlingshündin Emma hat sie im Tierheim in Singen (GER) mitgenommen. Der Sprung über die Grenzschranke in die Schweiz hat sie sich gut überlegt, besprochen mit dem Lebenspartner («seit 2015 zusammen»), mit Mutter Patricia Lüthi und Stiefvater Günter Orschel (60), der für Bulgarien bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney in den Sattel gestiegen war. Und auch mit den Pferdebesitzern wurde diskutiert, niemand widersprach, eher das Gegenteil sei der Fall gewesen. Sie sagt, sie wisse zu schätzen, wie sie vom deutschen Verband unterstützt wurde. «Aber um in Deutschland für ein Championat nominiert zu werden, ist das ja unglaublich schwierig, es gibt zu viele und dazu auch sehr gute Reiter», sagt sie. Johannes Ehning wirft ein, über den Schweizer Verband mehr Startmöglichkeiten bei grossen Turnieren zu erhalten, sei vielleicht nun einfacher als in Deutschland. Der Sprung über den Grenzzaun lief über die nationale Föderation der Schweiz. Diese schrieb den Weltverband (FEI) in Lausanne an, und der wiederum informierte die deutsche FN. Der deutsche Bundestrainer Otto Becker zeigte sich ein biss­chen enttäuscht über den Ablauf des Wechsels, schliesslich trainierte Kaya Lüthi ein Jahr bei ihm: «Ich hätte mich gefreut, wenn sie mich in einem Anruf darüber persönlich informiert hätte.» Jedenfalls wünscht er ihr viel Glück und Erfolg für die Zukunft.

Das Tageswerk von Kaya Lüthi beinhaltet nicht nur, viel Zeit mit den Pferden zu verbringen, sondern auch, sich um Kunden zu kümmern.

«Pferde, Pferde, Pferde – nichts anderes…»

Kaya Lüthi wurde im kleinen Ort Münsterlingen im Kanton Thurgau geboren. Sie besitzt auch die Schweizer Staatsangehörigkeit. Mutter Patricia Lüthi suchte den nicht gerade alltäglichen Vornamen Kaya aus, was in verschiedenen Sprachen «die Reine», «die Gräfin» oder «der Fels» heisst. Pferde waren bereits in Kindesjahren alles für sie. Im deutschen Aach, nicht weit vom Bodensee, erwarb ihr Grossvater ein Grundstück und liess darauf den «Hirtenhof» bauen, einen Reitstall. Opa Cesar Lüthi war ein gewaltiger Mann mit seiner Marketingfirma «CWL» – Cesar W. Lüthi – in Kreuzlingen am Bodensee. Er erfand unter anderem die drehbare Bandenwerbung in Stadien und stieg in die Liste der reichs­ten 300 Schweizer auf. Sein erster grosser Auftrag war die Vermarktung der Münchner Olympiahalle 1972, 1980 übertrug ihm der deutsche Fussballbund, der grösste nationale Sportverband in der Welt, die Werberechte. Kaya Lüthi besuchte nach der Grundschule in Aach zusammen mit ihrer etwas älteren Schwester Kim die internationale Schule in Schaffhausen («wo nur in englischer Sprache unterrichtet wurde»), nach Abschluss der Realschule begann sie eine Ausbildung als Pferdewirtin in Albführen, «denn mir war klar, dass ich mein Leben lang immer nur mit Pferden zu tun haben will». Nach Ende der Ausbildung im Betrieb im «Pferdezentrum Hirtenhof» ging sie im April 2015 zu Otto Becker zur weiteren Schulung. Der Aufstieg nahm noch mehr an Fahrt auf. Sie siegte im «Pokal U25» in Balve, wurde im gleichen Jahr Vizeeuropameis­terin mit dem Team und in der Einzelwertung der Jungen Reiter, sie siegte in Warendorf beim Wettbewerb «Preis der Besten» und kam in den Bundeskader der Jungen Reiter.

Kaya Lüthi auf Caramia.

Hofhund Emma gehört zu Lüthis Hof wie die Pferde.

Start in ein neues Zeitalter

In den Jahren davor, ab 2007, war sie im Nachwuchsbereich erfolgreich. Sie ritt unter anderem Nationenpreise bei den Junioren wie davor bereits auf Ponys, 2013 wurde sie Deutsche Meisterin der Jungen Reiter, 2014 kehrte sie von den Europameis­terschaften der Jungen Reiter mit Einzelsilber zurück. Sie holte Schleifen und Pokale «en masse», mit 19 Jahren wurde sie für zehn Siege in schweren Springen mit dem Goldenen Reiterabzeichen der deutschen FN geehrt, auf dem Küchentisch steht eine Pferdestatuette als Ehrenpreis für den ersten Platz im Grossen Preis von Rastede, fast in Nachbarschaft von Vechta, wo Pferdeleute zu Hause sind. Mit dem sportlichen Wechsel ins Nachbarland beginnt auch für sie ein neues Zeitalter. «Ich weiss, ich muss vor allem Leis­tung bringen, um weiter nach oben zu kommen», sagt sie. Gutes Aussehen reicht nicht, um von Equipenchef Andy Kistler nominiert zu werden. Ihr Traum: «Mal in Aachen beim CHIO starten zu können, natürlich auch bei einer internationalen Meis­terschaft und dann natürlich bei Olympisch­en Spielen, davon träumt doch jeder.» Die erfolgreiche Nachwuchsreiterin ist ab sofort für alle Meisterschaften (WM, EM, Olympia) sowie internationale offizielle Turniere (CHIO) und Weltcupspringen startberechtigt. Die sogenannte zweijährige Sperrfrist – man darf zwei Jahre nachdem ein internationales Championat, ein Nationenpreis oder ein Weltcupspringen für ein Land bestritten wurde, nicht für ein anderes Land an ebensolchen teilnehmen – gilt lediglich für Events der Elite und nicht der Nachwuchskategorien.

Der Hof der Adresse «Almsick 47» - Heimat von Kaya Lüthi und Johannes Ehning.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 09/2017)

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