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Wer ein Pferd besitzt, muss sich auch Gedanken über dessen Ende machen.
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Wenn der Tag kommt

18.07.2017 14:30
von  Heidy Dietiker //

Wer ein Pferd besitzt, muss sich auch Gedanken über dessen Ende machen, denn es ist eine traurige Tatsache, dass die wenigsten unserer Hauspferde eines natürlichen Todes sterben. Meist muss der Besitzer die Entscheidung treffen, wann und wie sein Pferd von seinen Leiden erlöst wird. Immer mehr Pferdebesitzer entscheiden sich für eine Kremation des Tierkörpers, anstatt ihn der Tiersammelstelle zu übergeben. Der Gedanke an den Tod behagt uns nicht. Schlachtung oder Euthanasie sind keine Themen, über die ein Pferdebesitzer gerne nachdenkt. Trotzdem sollte man wissen, welche Möglichkeiten es gibt und was mit dem toten Tierkörper geschehen soll. Während früher praktisch alle Pferde dem «Abdecker» zugeführt und das Fleisch anschliessend verwertet und in die Nahrungskette  gegeben wurde, wird heute nur noch ein Teil der Pferde geschlachtet. Aufgrund der aktuellen Tierschutzverordnung dürfen in einem Schlachthof oder einer Pferdemetzgerei nur noch Pferde, die als Nutztiere deklariert sind, geschlachtet werden. Mehr als 40 Prozent aller Equiden sind aber inzwischen bei Agate als Heimtiere gemeldet. Diese müssen eingeschläfert und danach der Tierkörpersammelstelle Lyss oder der TMF in Bazenheid übergeben werden. Der Trend weg vom Nutz- hin zum Heimtier setzt sich fort.

Brennstoff statt Tierfutter

Die Verwertung von tierischen Abfällen sowie von Tierkörpern zu Futtermittel und zu Extraktionsfett galt bis zum Auftritt der BSE-Seuche als erfolgreiches Recyclingkonzept. Noch Mitte der 90er-Jahre wurden in den Extraktionswerken GZM Lyss und TMF Bazenheid tierische Abfäl-le zu futtermittelfähigem Fleischmehl und Extrak­tionsfett verarbeitet. Wie die TMF in ihrer Webseite schreibt, konnten aber seit 1997 nur noch Teile der tierischen Nebenprodukte direkt in der Futtermittelindustrie verwendet werden und seit 2001 dürfen überhaupt keine tierischen Proteine und Fette mehr für Nutztiere eingesetzt werden. So wurden Mitte der 90er-Jahre die risikobehafteten Abfälle, zum Beispiel Teile von Kühen wie Kopf, Rückenmark und Darmpakete, aber auch ganze BSE-Tiere, sicher in Bazenheid entsorgt, während man weniger gefährliche tierische Abfälle in der GZM Lyss zu futtermittelfähigem Fleisch­mehl und Extraktionsfett verarbeitete. Anfangs der 2000er-Jahre durfte dann überhaupt kein Tiermehl und -fett mehr für die Tierfutterproduktion verwendet werden und es mussten neue Wege gesucht werden, wie die tierischen Nebenprodukte trotzdem sinnvoll genutzt werden konnten. So produzieren die Extraktionswerke heute weiterhin aus Schlachtabfällen Mehl und Fett, jedoch nicht mehr für die Tierfutterproduktion, sondern als Brennstoff für Zementwerke und in­dustrielle Prozesswärmeerzeuger. Ein Teil des gewonnenen Fettes gelangt als Basisstoff für die Biodieselherstellung in den Export. Der Gedanke, dass ihr Pferd zerhackt, gekocht und danach entweder zu Zement oder Diesel verarbeitet wird, behagt vielen Besitzern von Heimtieren nicht. Immer häufiger entscheiden sie sich deshalb nach dem Tod des geliebten vierbeinigen Freundes für eine Kremation, weil sie wissen wollen, was nach dem Tod mit ihrem Tier geschieht.

Würdevoller Abschied vom treuen Begleiter. Das Pferd wird in Kirchberg so sanft wie möglich auf die letzte Reise geschickt. 

Anzahl Pferdekremationen steigend

Seit 2013 ist es in der Schweiz möglich, ein Pferd kremieren zu lassen. Dies geschieht  im Tierkrematorium von Brigitte Hartmann Imgrüt und Peter Imgrüt in Kirchberg BE.  «Persönlich war ich selber bereits mehrmals damit konfrontiert, einen Weg für meine sterbenden Pfer­de zu wählen», sagt Brigitte Hartmann Imgrüt. «Die Abgabe in die Nahrungskette macht Sinn, wenn das möglich ist. Ein Pferd aber wie Abfall an die Kadaversammelstelle zu geben, stösst mir auf.» So kam ihr und ihrem Ehemann Peter Imgrüt die Idee, das seit 2001 bestehende Tierkrematorium um einen Ofen für Pferde zu ­erweitern. Die Anlage, in der Pferde ganz kremiert werden können, ist die einzige in der Schweiz und im benachbarten Ausland. Bis zu diesem Zeitpunkt war es in der Schweiz nur möglich, Einzelteile von Pferden zu kremieren. Pro Woche werden in Kirchberg rund 150 Kleintiere – dies sind vor allem Hunde und Katzen, aber auch Meerschweinchen, Kaninchen, Schafe, Vögel, Echsen oder Schlangen – und im Durchschnitt etwa zwei Pferde kremiert. «Insgesamt haben wir seit Inbetriebnahme des Pferdeofens rund 300 Pferde kremiert», sagt Brigitte Hartmann Imgrüt, «die Zahl ist steigend, anfangs erhielten wir weniger als ein Pferd pro Woche.» Das Ehepaar Hartmann Imgrüt legt besonderen Wert auf den würdevollen Abschied von Haustieren, die ihre Besitzer teils jahre- oder gar jahrzehntelang begleitet haben. «Jeder Mensch nimmt anders Abschied von seinem Tier», sagt Brigitte Hartmann Imgrüt. Jeder brauche unterschiedlich viel Zeit, manche möchten beim Einschläfern dabei sein, manche nicht. Manche möchten auf der Weide vom Pferd Abschied nehmen, andere begleiten ihr totes Pferd bis zum Krematorium, um dort ein letztes Mal Adieu zu sagen. Manche wollen die Asche nach Hause nehmen, begraben, auf der Wei­de verstreuen oder doch in Kirchberg ins Gemeinschaftsgrab geben. In Kirchberg wird so gut es geht auf die individuellen Wünsche der Tierbesitzer eingegangen.

Der Ofen im Pferdekrematorium Kirchberg: Auf dem zweimal dreieinhalb Meter grossen Herdwagen werden tote Pferde in den Ofen gefahren. Nach etwa acht Stunden Brennzeit bei zirka 850 Grad Celsius bleiben von einem Grosspferd gut 25 Kilogramm Asche zurück.

Behutsamer Umgang mit dem toten Tier

Wenn sich der Pferdebesitzer entschliesst, sein Pferd einschläfern und anschliessend kremieren zu lassen, organisiert das Pferdekrematorium den Transport auf die gewünschte Zeit. «Wir arbeiten dafür eng mit dem Nationalen Pferdezentrum in Bern zusammen. Dieses besitzt einen speziell für diese Transporte geeigneten und vom Veterinäramt bewilligten Pferdetransporter», so Hartmann Imgrüt. Das tote Pferd wird auf direktem Weg nach Kirchberg gebracht. Das Pferdekrematorium Kirchberg ist ausgestattet mit Kran, besonders schonenden Hebeeinrichtungen und einem zweimal dreieinhalb Meter grossen Herdwagen, auf den das tote Pferd sanft abgelegt wird. «Wir halten dabei dem Pferd auch immer den Kopf und legen sehr grossen Wert auf einen behutsamen und sorgfältigen Umgang mit dem toten Tier», erklärt die Betreiberin. Der grosse Ofen ist für Pferde bis rund 800 Kilogramm geeignet. Die Anlage wird mit Gas betrieben und benötigt eine Betriebs­temperatur von mindestens 850 Grad Celsius. Der gesamte Kremationsvorgang wird mittels Computer gesteuert und laufend überwacht. «Die Luftreinhalteverordnung ist sehr streng und muss genauestens eingehalten werden», so Brigitte Hartmann Imgrüt. Die komplexe und hochtechnisierte Abluftanlage sorgt dafür, dass am Ende nur geruchloser Wasserdampf entweicht.

Die Asche der Pferde wird in schlichte Holzboxen gefüllt.

Kremation dauert acht Stunden

Die Dauer des Kremationsvorganges ist abhängig vom Gewicht des Tieres. Bei einem Pferd dauert dieser etwa acht Stunden bei circa 850 Grad Celsius und weitere acht Stunden, bis der Ofen wieder abgekühlt ist. Aus diesem Grund kann pro Tag maximal ein Pferd kremiert werden.  Bei Kleintieren können die Besitzer zwischen einer Einzelkremation und der kos­tengünstigeren Variante der Sammelkremation wählen. Aufgrund der Grösse und des Gewichtes ist dies bei Pferden nicht möglich. Die Kremation eines Pferdes kostet 2500 Franken. Im Vergleich dazu: Ein 15 Kilogramm schwerer Hund kos­tet rund 230 Franken, eine Katze etwa 170 Franken. Von einem Warmblüter bleiben nach der Kremation rund 25 Kilogramm Asche übrig. Nach dem Abkühlen wird diese in der Aschenmühle fein gemahlen und anschliessend in einen Behälter gefüllt. Im Gegensatz zu den Kleintieren, für die Urnen in verschiedensten Materialien und Formen angeboten werden, wird für die Pferdeasche aufgrund der Menge standardmässig ein Holzbehälter verwendet. Dazu Brigitte Hartmann Imgrüt: «Pferdebesitzer bewahren deshalb oft nur einen Teil der Asche in einer kleinen Urne auf und geben den Rest ins Gemeinschaftsgrab oder verstreuen sie beispielsweise zu Hause auf der Weide. Das Verstreuen der Asche ist in der Schweiz erlaubt.»

Auf Wunsch des Besitzers kann die Asche des Pferdes ins Gemeinschaftsgrab gegeben werden.

 

 

 

 

 

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 28/2017)

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