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Zwischen Mythos und Kommerz

28.11.2017 14:16
von  Alexandra Koch //

Es ist schon seltsam. Eigentlich gibt es dieses Tier gar nicht. Ein Mythos, der sich seit den ersten Spuren der Menschheit immer weiter fortgepflanzt hat. Einhörner wurden zu Medizinmännern und landeten in Kuriositätenkabinetten, sie bildeten den Ausgangspunkt zahlreicher Legenden, arbeiteten sich zu Filmstars hoch und schmücken heute so manches Kinderzimmer. Eine Reise auf den Spuren der sagenumwobenen Tiere. Heute heissen die legendären Einhörner «Sternenschweif» oder «Silberwind». Besonders Sternenschweif erlangte eine fast magische Popularität. Die Jugendromanreihe der britischen Autorin Linda Chapman umfasst im Original 15 Bände. Andere Autoren schrieben die Saga weiter, sodass aktuell über 50 Sternenschweif-Romane die Regale junger Mädchen füllen.

Bratwurst, Schokolade, Kugelschreiber, Finken

Richtig ins Rollen brachte den Boom Ende 2016 Schokoladehersteller Ritter Sport mit seiner bunten «Einhorn-Schokolade». Jeder wollte sie haben, innerhalb weniger Stunden war das Sortiment ausverkauft und ein Nachschlag wurde notwendig, auf den man sich ebenso begehrlich stürzte. Nachdem der Server von Ritter Sport zusammengebrochen war, wurde die Schokolade zum Teil für Preise von mehr als 100 Eu­ro bei Ebay zum Verkauf angeboten. Und welcher Lebensmittelhersteller wür­de sich einen solchen Run schon entgehen lassen? Vom Trendgetränk «Einhorn-K otze» bis hin zum Joghurt oder glitzerndem Duschgel füllen die Regale sich seit gut einem Jahr immer weiter. In Graz in Österreich gibt es übrigens mittlerweile Einhorn-Parkplätze und in New York einen ganzen Einhorn-Laden, der seine Besucher in die zauberhafte Welt jenseits der Realität einlädt. Psychologen mutmassen, dass es vielleicht mit der Unsicherheit zu tun haben könnte, die viele jun­ge Erwachsene heute spü­ren. Sie wünschen sich eine bessere, friedvolle Welt, in der das Gute regiert und die Natur geachtet wird. All das symbolisiert für sie die Welt der Einhörner.

Das Einhorn – ein mystisches Fabelwesen.

Erste Spuren

Ktesias (geboren etwa 440 vor Christus), griechischer Gelehrter und Mediziner, der am persischen Königshof Anstellung fand, beschrieb in seinem Werk «Indika» «wilde Esel». Diese sollten jedoch, anders als Esel, deutlich grösser als Pferde sein, ihr Körper weiss und der Kopf purpurrot sowie die Augen himmelblau. Auf der Stirn würden sie ein Horn von der Länge einer Elle (in jener Zeit etwa 0,5 Meter) tragen. Das Horn schimmere sogar in verschiedenen Farben, besonders Purpurrot, Weiss und Schwarz. Ktesias lieferte damit die erste Beschreibung eines Tieres, das zum Mythos werden sollte. Megasthenes (um 350 bis 290 vor Christus), griechischer Geschichtsschreiber und Geograph, der im dritten vorchristlichen Jahrhundert bis nach Indien reis­te, beschrieb das Einhorn, welches er «Kartazoon» nannte, als von der Grösse eines Pferdes und mit einem falbfarbenen Fell. Ausserdem dichtete er ihm einen schweineartigen Ringelschwanz an sowie stumpenförmige Füsse wie ein Elefant und nicht fehlen durfte natürlich das Horn. Man könnte vermuten, dass er von einem Nashorn sprach, doch das erhielt in seinen Schriften ein eigenes Kapitel. Bis heute konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, um was für ein Tier es sich in Megasthenes Beschreibung handelte, zumal er berichtete, dass man Jungtiere ab und zu für den Königshof fangen würde. Weitere Quellen von dort gibt es allerdings nicht. Der «Physiologus», ein im Mittelalter weitverbreitetes Buch für Naturforschung mit 55 Tierporträts, wurde im zweiten bis vierten Jahrhundert nach Christus verfasst. Dort findet man erste Beschreibungen des Tieres und wie man es am besten jagen könnte: «Ein kleines Lebewesen ist es, wie ein Böckchen, aber ganz ausserordentlich leidenschaftlich. Nicht kann ein Jäger ihm nahekommen, weil es sehr stark ist. Ein einziges Horn hat es mitten auf seinem Kopf. Wie nun wird es gefangen? Eine reine Jungfrau, fein herausgeputzt, werfen sie vor es hin, und es springt in ihren Schoss; und die Jungfrau säugt das Lebewesen und bringt es in den Palast zum König.»

Das biblische Einhorn

Dass selbst die christliche Religion den Mythos Einhorn nicht ausser Acht lässt, mag überraschen. Doch findet man in Mitteleuropa, wie beispielsweise in Erfurt, zahlreiche Altäre, welche die Jungfrau Maria mit einem Einhorn zeigen. Das Einhorn gilt mit seiner Fähigkeit für Reinigung und Heilung als eine Metapher für Christus, der die Welt vom Bösen und ihren Sünden erlöst. An mehreren Stellen des Alten Testaments wurde das hebräische Wort «re`em» erwähnt. Es bedeutet etwa «wildes Tier» oder steht auch für den «Auerochsen». Im dritten Jahrhundert vor Chris­tus wurden jedoch durch den ägyptischen König Ptolemäus II. weise Männer beauftragt, die hebräischen Texte ins Griechische zu übersetzen. Dabei geschah der Fehler, dass man auf einmal von einem «Mono­keros», dem Einhorn, sprach. Ein Fehler, den Kirchenvater Hieronymus (347 bis 420) übernahm und damit manifestierte.

Der «Einhorn-Boom» kennt keine Grenzen. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Das magische Horn

Das Einhorn soll den meis­ten Quellen zufolge grosse Kraft besitzen, sodass es keine besonders gute Idee erscheint, sich mit ihm anzulegen. Trotzdem stieg das Verlangen danach, Einhörner zu finden, immer wieder stetig an, wenn grosse Seuchen oder Epidemien die Länder durchzogen. Denn das Horn galt als (All-) Heilmittel und sollte sogar Tote zum Leben erwecken. Besonders wirkungsvoll sollte es sein, um verschmutztes Trinkwasser wieder rein zu machen (wichtig bei Epidemien wie der Cholera) oder um Schlangengift entgegenzuwirken. Vielfach berichteten sogenannte Bader, die Ärzte des Mittelalters, dass jegliches Gift durch gemahlenes Einhorn-Horn neutralisiert werden könnte. Ausserdem sagte man ihm Wirkung gegen Epilepsie, Fieber und sogar die Pest nach. Kein Wunder, dass bald schon ein reger Handel mit den Hörnern begann. Doch woher nehmen? Mittlerweile ist bekannt, dass so ziemlich jedes vorhandene Horn – von Hirsch bis Rind – gemahlen und als Einhorn deklariert an den unwissenden Mann gebracht wurde. Manchmal war es sogar nur eine Kalkmischung, für die man dem ahnungslosen Volk viel Geld aus der ohnehin spärlich gefüllten Tasche zog. Und dann gab es noch das «echte» EinhornHorn, welches sich die Menschen leisteten, die das nötige Kleingeld hatten. Es stammte jedoch in seiner gedrehten Form vom Narwal, was jedoch der dänische Arzt und Anatom Thomas Bartholin erst im 17. Jahrhundert herausfand. Selten war dieses Horn jedoch allemal. Heute ist der Narwal durch das Washingtoner Artenschutzabkommen geschützt, was jeglichen Handel untersagt. Dennoch ist der Zahnwal vom Aussterben bedroht. Eine Art Einhorn der heutigen Zeit.

Einhörner im Kuriositätenkabinett

Als Marco Polo im 13. Jahrhundert durch Asien reiste, berichtete auch er von Einhörnern, die er mit eigenen Augen auf Sumatra erblickt hatte. Sehr wahrscheinlich war es das Sumatra-Nashorn. Das hielt jedoch Gelehrte aller Sparten nicht davon ab, alles rund um die sagenhaften Tiere zu sammeln und in Erfahrung bringen zu wollen. Im 16. und 17. Jahrhundert war es an vielen europäischen Höfen schick, sich ein Kuriositätenkabinett aufzubau­en. Anfang des 17. Jahrhunderts liess beispielsweise der Salzburger Fürsterz­bischof Markus Sittikus Schloss Hellbrunn vor den Toren der Stadt als ein Refugium aufbauen. Auch Einhörner spielten in seiner Sammlung an Kuriositäten eine so wichtige Rolle, dass heute in einer Dauerausstellung ein lebensgrosses Exemplar als Replik früherer Sammelwut zu sehen ist. An zahlreichen Fürstenhöfen fanden sich die raren gedrehten Hörner (der Narwale) als Beweis, dass man ein Einhorn gesichtet hatte. Auch einige wenige Apotheken hatten derartige Objekte im Angebot. Gehandelt wurden sie zu immensen Preisen. Folglich konnte sich nur der Adel solch ein Wundermittel leis­ten. Auf diese Zeit gehen übrigens die heute noch in vielen Städten präsenten «Einhorn-Apotheken» zu­rück. Der Adel fand es indessen schick, seine Wappen mit Einhorn-Darstellungen zu schmücken. So hält das Einhorn sich noch heute zusammen mit dem Löwen das Schild mit dem britischen Staatswappen. Es symbolisiert dabei Schottland. Wissenschaftler der Neuzeit, allen voran Carl von Linné (1707 bis 1778), Begründer der wissenschaftlichen Systematik, und der Paläontologe Georges Cuvier (1769 bis 1832) verbannten das Einhorn jedoch immer mehr in die Welt der Fantasie. Der Gelehrte und Naturforscher Johannes Leunis (1802 bis 1873) beschrieb das Einhorn nach wissenschaftli­cher Systematik. Er kam zu der Erkenntnis, es müsse sich bei Einhörnern um Beisa-Antilopen handeln. Ein Forscher des 20. Jahrhunderts, der 1945 geborene Zoologe und Ökologe Josef H. Reichholf, bestätigt diese Annahme. Seines Erachtens dürfte es sich allerdings um die Arabische Oryx-Antilope handeln.

Auch in der Reitsportartikelbranche ist das Einhorn zu einem Verkaufsrenner geworden.

Mythos Einhorn

Fortan war es an den Malern, Literaten und Filmemachern, Einhörnern ein würdiges Denkmal zu setzen. 1968 schrieb Peter S. Beagle seinen Roman «Das letzte Einhorn», der 1982 verfilmt wurde. Eine weitere Version des Mythos ist «Legende», vom bekannten Regisseur Ridley Scott und mit dem späteren Superstar Tom Cruise, aus dem Jahr 1985. Die Handlung dreht sich um das Thema, dass der Herr der Finsternis die Welt beherrschen möchte. Die Einhörner sind selten und beschützen das Gute in der Welt. In Lewis Carolls (1832 bis 1898) «Alice im Wunderland»-Fortsetzung «Ali­ce hinter den Spiegeln» taucht ebenfalls ein Einhorn auf. Es fragt in dem Buch: «Was ist denn das?», als es Alice erblickt. Das sei ein Kind, erklärt man ihm, sprechen könnte es auch, dieses Wesen. Das Einhorn bietet daraufhin folgenden Handel an: «Wenn du an mich glaubst, glaub ich auch an dich. Einverstanden?!» Und so glauben wir Menschen noch heute nur allzu gern an das Einhorn ... Kein Wunder, es gilt als das edels­te aller Fabeltiere und als bekanntes Symbol für alles Gute in der Welt. Und wie es sich für eine derartige Berühmtheit gehört, hat sie auch ihren eigenen Feiertag. Der 1. November ist offizieller internationaler Einhorn-Tag.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 47/2017)

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