Suche
Previous Next
Aktuelle Themen, Top-Artikel

Die Grundlagen nicht vergessen

von  Melina Haefeli //

«Besser reiten reicht.» Unter diesem Titel fand am vergangenen Samstag in Tänikon bei Aadorf das von der «PferdeWoche» patronierte Fachseminar statt. Nebst unserer Autorin Anne Schmatelka referierten kompetente Gäste wie Dr. Gunter Wiese, Tierarzt und Chiropraktiker, und Marianne Fankhauser-Gossweiler, Schweizer Dressur-Koryphäe. Hans Staub und Esther Andres rundeten das Seminar mit wertvollen Tipps und Erfahrungen als bekannte Aktive ab. Aus der ganzen Schweiz reisten 110 Interessierte an.

Anne Schmatelka

Marianne Fankhauser-Gossweiler

Mit einer humorvollen Einleitung von Anne Schmatelka ging es los. Sie erzählte von ihrem einschneidenden Umbruch vom Reit- und Waldschreck zur Dressurreiterin. Mit ihrer eigenen Geschichte und all den demonstrierten Pannen brachte sie die Anwesenden gekonnt zum Lachen und stellte sich selbst auf die gleiche Augenhöhe. Hauptsächlich ging es darum, dass der Reiter mit korrektem Reiten, ständigem Arbeiten am Sitz, den richtigen Hilfen sowie dem Hintergrundwissen zum Partner Pferd bereits sehr viel erreichen kann. Diese Bedingungen gelten natürlich auch fürs Spring­reiten, was Esther Andres, aktive CC-Reiterin, mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen in diesem Bereich unterstützte.

Früher und heute

Gleich zu Beginn verglich Schmatelka die Reiterei von früher mit der von heute: «Heute sind wir so verwöhnt mit der Pferdezucht, dass selbst ein schlecht gerittenes Pferd noch schwungvoll aussieht.» Früher mussten die Reiter die Qualität der Pferde mit Perfektion kompensieren und heute sei es genau umgekehrt. Doch woran liegt diese Veränderung? «Daran, dass die meisten Ausbildner nur Durchschnitt sind? Dass wir kaum noch wissen, wen wir um Rat bitten können? Dass wir nicht mehr lernen, korrekt zu sitzen? Dass alles immer schneller gehen muss und wir den Pferden keine Zeit mehr lassen? Dass uns die korrekte Ausbildung zu mühsam ist? Dass wir lieber Lektionen reiten, als die Grundlagen zu perfektionieren? Dass die Richter lieber spektakulär strampelnde als losgelassene Pferde sehen? Dass Reiter, Ausbildner und Richtern das nötige Hintergrundwissen fehlt? Dass wir den Pferden von heute nicht gewachsen sind? Oder daran, dass es für jedes Problem das passende Hilfsmittel gibt?», stellte Schmatelka provokativ in den Raum. Sie zeigte viele Negativ-Bilder, die hochgejubelt werden und erklärte die Fehler, die auf den ersten Blick vielleicht beeindruckend aussehen.

Das Fundament der Ausbildung

«Die Ausbildung des Pferdes ist wie der Bau eines Hauses», stellt Schmatelka bildlich dar. Ist das Fundament nicht stabil, werde die gesamte Konstruktion wie ein Kartenhaus zusammenfallen. «Es gibt nichts Neues zu erfinden, nur Bewährtes zu bewahren!», zitiert Schmatelka Horst Niemack, einen der Begründer der «Skala der Ausbildung» und beschreibt diese als «einen Ausbildungsweg, der nachweislich alle Möglichkeiten bietet, ein Pferd korrekt auszubilden, es leis­tungsbereit und bis in ein hohes Alter gesund zu erhalten. Dieses Ausbildungssystem wurde über viele Jahrhunderte von grossen Reitmeistern der Vergangenheit entwickelt und perfektioniert.» Dazu fügte Hans Staub an: «Die heutige Generation will oft gar nicht mehr das Reiten erlernen, sondern möglichst schnell und oft an Turnieren starten.»

Kritische und kompetente Ausbildner fehlen

«Wenn man den meisten Ausbildnern zuhört, hat jeder das Rad neu erfunden und jeder Zweite verspricht einem eine grosse reiterliche Karriere. Man ist allzu oft bereit zu glauben, dass der in der Mitte Recht hat», mit dieser Aussage stiess Schmatelka eine grosse Diskussionsrunde des Publikums an. Die Teilnehmenden gaben deutlich zu verstehen, dass sie kritischere Reitlehrer wünschen, die nicht nur am Pferd korrigieren. Aber warum gibt es keine genügend kritischen Reitlehrer mehr? Dazu erklärte Hans Staub: «Wenn der Reitlehrer den Sitz oder die Reitweise korrigiert, riskiert er, dass sich der Reiter einen anderen Trainer sucht. Wenn er jedoch das Pferd korrigiert, vertritt er die Auffassung des Reiters, dass die Probleme am Pferd liegen.»

Losgelassenheit ist das «A und O»

Marianne Fankhauser-Goss­weiler (von 1961 bis 1968 erfolgreichste Schweizer Dressurreiterin) hielt einen informativen Vortrag über die Losgelassenheit. «Der Reiter kann ein Pferd vieles lehren. Aber die wirkliche Losgelassenheit können wir niemals an­dressieren. Sie ist für die gesamte Ausbildung und für die Gesundheit eines Reitpferdes sowie für dessen seelisches Gleichgewicht enorm wichtig. Die Losgelassenheit muss erarbeitet werden und zwar nach den Grundsätzen der Skala der Ausbildung. Eines ist sicher: Ein Pferd wehrt sich nicht gegen die Hilfen des Reiters, weil es etwas nicht tun will. Es wehrt sich, weil es das von ihm Geforderte auf Grund einer mangelhaften Ausbildung nicht ausführen kann. Selbst führende Persönlichkeiten sagen wortwörtlich und mit Überzeugung, dass Losgelassenheit langweilig, unsportlich und fehl am Platz sei. Jemand, der diese Ansicht vertritt, hat gar nichts begriffen. Wir sollten immer nachsichtig, verständnisvoll, geduldig und respektvoll mit unserem Partner Pferd umgehen. Dafür aber in vielen Fällen weniger nachsichtig mit uns selber sein. Der wahre Könner im Sattel ist der, der sein Pferd zur Losgelassenheit bringt – egal auf welcher Stufe.»

Dr. Gunter Wiese

Hans Staub

Esther Andres

Medizinische Hintergründe

Der Tierarzt und Chiropraktiker Dr. Gunter Wiese erklärte, welche Auswirkungen das Reiten und die Rahmenbedingungen auf die Gesundheit unseres Vierbeiners haben. Er veranschaulichte den Bewegungsapparat und zeigte die Funktionen der Wirbelsäule auf. Sehr einfach und verständlich verdeutlichte er die Aufgaben von Gelenken, Bändern und verschiedenen Muskeln. Er erläuterte das Nervensystem des Pferdes und legte die Zusammenhänge dar. Auf zwei Gelenke ging er besonders ein: Das Ileosakralgelenk und das Kiefergelenk. Weiter vertiefte er die Biomechanik der «richtigen» Bewegung und erläuterte verschiedene Krankheiten des Rückens wie zum Beispiel «Kissing Spines». Bemerkenswert ist, dass der grösste Teil der Rückenkrankheiten funktionell ist und nicht strukturell. Das bedeutet, dass man an Knochen und Bändern keine Veränderungen sieht, sondern eingeschränkte Nervenfunktionen, verhärtete Muskulatur, Verspannungen oder überdehnte Bänder bestehen. Wiese machte verständlich, wieso der richtige Sattel, die richtige Zäumung, gute Zähne, der Hufbeschlag und 20 Minuten «Ein- und Ausschritten» so wichtig sind.

Bunte Runde


«Das Seminar war äusserst informativ und abwechslungsreich. Die Fragen der Teilnehmenden konnten gleich vom aktiven Profireiter aber auch vom Tierarzt und Chiropraktiker beantwortet werden. Aus jedem Bereich war jemand vertreten», schwärmt eine junge Teilnehmerin. Ein älterer Herr sagte: «Uns wurden die Fakten der Basis in Erinnerung gerufen und vor allem das nötige Hintergrundwissen dazu erläutert – auch vom Bewegungsapparat her.» Conrad Schär, ein Richter aus dem OKV-Gebiet, äusserte dazu: «Ich hoffe, dass die Leute auch umsetzen, was sie heute erfahren haben. Ich befürchte jedoch, dass diejenigen, die es wirklich nötig hätten, gar nicht anwesend waren.» Auch der Sattelbauer Fredy Röösli sprach grosses Lob aus: «Für mich war das Seminar äusserst aufschlussreich – sogar aus der Sattler-Perspektive.» Eine Dame verdeutlichte: «Es war ausserordentlich spannend und lehrreich! Wir sind beim nächsten Kurs gerne wieder dabei!»

110 interessierte Teilnehmer aus der ganzen Schweiz waren anwesend.

Anne Schmatelka bilanzierte: «Der Anlass machte mir ausgesprochen viel Spass. Wir durften tolle Teilnehmer, Referenten und Podiumsgäste begrüssen, die mit ihren engagierten und fachlich fundierten Beiträgen eine absolut runde Sache machten!»

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 7/2012)

[...zurück]

Pferdemarkt

Die neusten Angebote

4-jährige Freizeitstute

Kayla
andere
2008, Stute

9-jährige Stute

CILLA HOWER CH
CH-Pferd
2003, Stute

3-jähriger Hannoveraner Dressurhengst

Cicero
Hannoveraner
2009, Hengst


» zum Pferdemarkt

Werden Sie Fan auf Facebook!

Die «PferdeWoche» auf Facebook mit speziellen News und Attraktionen.

» Jetzt Fan werden

Mittwochs in Ihrem Briefkasten

Sie haben noch kein Abonnement der PferdeWoche?

» Abonnement bestellen



Kontakt

Verlag Equi-Media AG
Brunnenstr. 7 | CH-8604 Volketswil
info[at]pferdewoche.ch

Verlag

Tel. +41 44 908 45 45 | Fax. +41 44 908 45 40
verlag[at]pferdewoche.ch

Redaktion

Tel. +41 44 908 31 31 | Fax. +41 44 908 31 30
redaktion[at]pferdewoche.ch

Anzeigen

Tel. +41 44 908 45 46 | Fax. +41 44 908 45 40
inserate[at]pferdewoche.ch