Als vor bald 35 Jahren – 1977/78 – über den Weltcup der Springreiter diskutiert wurde und man sich entschied, in Westeuropa nur in den Wintermonaten und ausschliesslich in der Halle um Weltcup-Punkte reiten zu lassen, kam die Frage auf: Sind die Hallenturniere wirklich attraktiv und vor allem so verschieden untereinander, dass keine Langweile aufkommt. Man dachte an die grossen Freiluftplätze: Die Piazza di Siena in Rom, Ballsbridge in Dublin, die Soers in Aachen, den Kralingse Bos in Rotterdam, an Hickstead oder La Baule: Alles unvergleichbare Bijoux im internationalen Turnierkalender. Die Hallen, so argumentierten einige, gleichen sich alle.
Nichts könnte falscher und irreführender sein. Kein Hallenturnier gleicht dem anderen. Man nehme nur das traditionelle Genf in der Palexpo und das erst zum dritten Mal ausgetragene Basel in der St. Jakobshalle. Hier das anlagemässig grosszügige Palexpo, ein Aachen unter Dach, mit seinem lärmigen Publikum – dort die kleinere, kompakte Arena in der St. Jakobshalle, mit eher zurückhaltenden Basler Zuschauern. Gemeinsam ist beiden die Herzlichkeit, die Freundlichkeit, die Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter und die Diskretion bei der Lösung von Problemen und Konflikten. Seit meinem ersten Hallenbesuch vor rund 50 Jahren habe ich über 60 verschiedene internationale Reitturniere in über 20 Ländern besucht, über 40 davon waren oder sind Weltcup-Anlässe. Die Hälfte davon fand oder findet in Sportarenen statt – die andere Hälfte in Ausstellungshallen. Für den Weltcup in Westeuropa kommen nur Sportarenen oder Ausstellungshallen in Frage. Ausserhalb Westeuropas werden auch Reithallen akzeptiert.
Grosse organisatorische Probleme
Die Mehrheit der Turniere finden seit Jahrzehnten am gleichen Ort statt: London in Olympia, Göteborg im Scandinavium, Dortmund in der Westfalenhalle oder Toronto im Coliseum. Andere zogen zum Teil mehrmals um: New York vom Madison Square Garden No. 3 (ein hässlicher Box-Palast) in Madison Square Garden No. 4 (eine Mehrzweckarena); Genf vom alten Palais d’Exposition über die Eishockey-Arena Les Vernets zum Palexpo beim Flughafen; Bordeaux wurde in drei Hallen auf dem eigenen Messegelände und zwischendurch in einem total ungeeigneten Velodrome ausgetragen. Helsinki zog von der Messehalle in eine Eishockey-Arena.
Das Zürcher Hallenstadion dient sowohl als Austragungsort für den Mercedes-CSI als auch für Eishockeyspiele und Konzerte.
Bei all diesen Umzügen blieb das OK das Gleiche. Die oft freiwilligen Organisatoren wurden dann oft mit Anforderungen und Problemen konfrontiert, mit denen sie überfordert waren. Vor allem, wenn der Umzug von einer Sportarena in eine Ausstellungshalle oder umgekehrt erfolgte. Man denke an Helsinki. In den Messehallen musste alles aufgebaut werden, aber man hatte grosszügigen Raum unter einem Dach. Im Eishockey-Stadion, der Hartwall-Arena, fand man zwar jede Art von Verpflegungsmöglichkeiten. Aber sämtliche Räume in der Halle hatten Eishockey-Funktionen und ausserhalb der Halle, wo man Stallungen, Abreiteplatz und Sponsorzelte aufstellen musste, gab es nur schiefe Ebenen. Der Abreiteplatz in Helsinki zum Beispiel, so eben er sich präsentiert, weist auf der einen Ecke nur 50 Zentimeter Sand auf – auf der in der Diagonalen gegenüberliegenden Ecke sind es fünf Meter, um so die schiefe Ebene auszugleichen. Das Obige zeigt die Unterschiede zwischen Sportarena und Ausstellungshalle auf: Hier ein mit allen Schikanen ausgerüsteter Sportpalast mit null Möglichkeiten für den Pferdesport und sehr oft mit Rücksicht auf eine einzige, lokal wichtige Sportart gebaut (Helsinki gleich Eishockey, Bologna gleich Basketball) – dort die flächenmässig grosszügigen Ausstellungshallen, in denen alles aufgebaut werden muss.
Spektakulär aber nicht pferdefreundlich
In meinen Weltcup-Jahren wurde ich mehrmals bei der Planung von Arenen beigezogen. Das heisst meistens erst, wenn bereits der Rohbau stand. In Paris-Bercy gelang es uns Pferdesport-Interessierten bei der Begehung immerhin, zwei der Nebenhallen für Pferdesportzwecke zu requirieren: Die Basketballarena wurde zum Abreitplatz und in der Schwimmhalle (im Winter Eislauffläche) wurden die Ställe aufgestellt. In Oslo gab es in dem engen Spektrum-Rohbau keine Nebenhallen und die Organisatoren sahen anfänglich keine Möglichkeiten, auf dem beschränkten Platz neben der Halle (auf drei Seiten von Häusern umgeben) Ställe und Abreitezelte aufzustellen. So wurde im Spektrum minutiös jeder Winkel, jede Ecke, jeder Gang abgeschätzt, ob man dort einige Ställe unterbringen könnte. Sportarenen, so spektakulär und zuschauerfreundlich sie sich präsentieren, sind nicht pferdefreundlich. Im New York’s Madison Square Garden gibt es nur unter den Sitzreihen Platz für die Stallboxen, wo der Arena-Lärm allgegenwärtig ist. Als die Madison Square Garden-Besitzer die National Horse Show nach 100 Jahren Gastrecht nicht mehr beherbergen wollten, dachten Sie sich etwas perfides aus, um den CSIO-W zu vertreiben. Sie setzten für den Abend vor Turnierbeginn – als die Pferde bereits angereist waren – ein Popkonzert an. Die Botschaft wurde von den Pferdeleuten verstanden: Einige Jahre später zog die National Horse Show, immerhin seit 1883 im Madison Square Garden zu Hause, endgültig aus.
Die Palexpo-Halle in Genf garantiert für eine laute Stimmung am CHI-W Genf.
Ausstellungshallen haben normalerweise, abgesehen von Seitenräumen und Verpflegungsstätten, wenig Infrastruktur. Aber sie bieten Raum. Man denke an die Palexpo in Genf, die neuen Messehallen in Leipzig, die Messe von Bordeaux oder das RAI in Amsterdam. Gelingt es den Veranstaltern, den Grossraum und die Seitenräume zu nutzen, so ergeben sich Hallenreitturniere, die der Perfektion nahe kommen. Zu einigen dieser Hallen, so in Genf oder Bordeaux, gehören Hotels, womit das Wohlgefühl gesteigert wird.
Reithallen nur noch Exoten
Reithallen sind, nicht zuletzt von der Zuschauerkapazität her, für europäische Weltcupturniere eine Kategorie zu klein. In den neunziger Jahren wurden für die «Exoten» unter den Weltcup-Finalisten Vor-Finals durchgeführt, um diesen Reitern, die in ihrer Heimat noch nie in einer Halle geritten waren, die Gelegenheit der Angewöhnung zu geben. Solche Vor-Finals mit Reitern aus Australien, Malaysia, Türkei oder Polen wurden im schwedischen Helsingborg und im deutschen Heilbronn ausgetragen, beide in Reithallen. Einmal wurden wir ernsthaft vor die Frage der Einbeziehung einer Reithalle in die Weltcup-Serie gestellt. Das berühmte schottische Grand Hotel Gleneagles hatte beschlossen, sich mit Sport auf höchstem Niveau zu umgeben: Tennis und Golf natürlich, dazu Schiessen und Pferdesport. Für das letztere wurde der Gatte von Prinzessin Anne, Mark Phillips, Olympiareiter in der Military, angeheuert und unter seiner Anleitung eine grosszügige Reithalle gebaut. Auf Mark Phillips’ Wunsch fuhr das halbe Weltcup-Komitee nach Gleneagles zur Besichtigung. Wir waren beeindruckt und Mark Phillips war ein charmanter Gastgeber. Es war dann ausgerechnet Raymond Brooks-Ward, der damals Organisator von Olympia war, also das englische Mitglied des Weltcup Komitees, der das Ende der Gleneagles Träume bewirkten als er bemerkte: Trotz allem, Gleneagles ist bestenfalls eine glorifizierte Reithalle.
Die Dortmunder Westfalenhalle dient als Messe-, Kongress- und Veranstaltungszentrum.
Im Weltcup, in der Westeuropaliga, halten sich Sportarenen und Ausstellungshallen die Waage: Zürich, Oslo, Helsinki, Göteborg oder Stuttgart sind Arenen – Genf, Verona, ‘s-Hertogenbosch, Mechelen oder Leipzig sind Ausstellungshallen.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 03/2012)
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