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Max E. Ammann
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Standpunkt

Erinnerungen an Portugal

08.01.2019 15:29
von  Max E. Ammann //

Bei der Lektüre von alten Jahrgängen des Schweizer Kavallerist stiess ich auf die wohl eindrucksvollste Siegesserie in der Geschichte des Schweizer Pferdesportes: vier Nationenpreis- und fünf Grand-Prix-Siege bei nur sechs Starts beim CSIO Lissabon.

1969 – vier befreundete Schweizer Spring­reiter beschlossen, nach einer Einladung durch den damals erfolgreichsten portugiesischen Springreiter, Henrique Callado, an den CSIO in Lissabon zu fahren – mit dem Auto von Zürich rund 2200 Kilometer. Es sollte die erste Schweizer Teilnahme an diesem traditionsreichen internationalen Springturnier werden. Der CSIO Lissabon auf dem «Campo Grande» wurde 1909 erstmals durchgeführt – genau im gleichen Jahr, als auch der Luzerner Concours Hippique erstmals stattfand.

Bachmann, Weier, Baumgartner, Egli

Monica Bachmann (mit Erbach), Paul Weier (Wildfeu­er), Mario Baumgartner (Waldersee) und Ernst Egli  (Carver Doone) gewannen den Nationenpreis 1969 und Bachmann siegte mit Erbach im GP von Lissabon.  1970 fuhren die vier erneut nach Lissabon, und wiederum gewannen sie, neben einigen Siegen in Rahmenprüfungen, den Nationenpreis. Diesmal siegte Weier auf Wildfeuer im GP. 1971, nun mit Hansruedi Heiniger und Francis Racine sowie Monica Bachmann und Paul Weier, lief es nicht ganz so perfekt. Nur Platz vier im Nationenpreis – aber immerhin erneuter Grand-Prix-Sieg durch Paul Weier, diesmal mit Wulf.
Im Olympiajahr 1972 bildeten der junge Kurt Maeder und Mario Baumgartner zusammen mit dem nunmehrigen Ehepaar Weier die Equipe – Sieg im Nationenpreis und gar Doppelsieg im Grand Prix durch Weier/Wulf und Baumgartner/Frustra.
1973 wurde die Angelegenheit offiziell. Die Abteilung Concours des SZP ent­sandte Equipenchef Pierre Musy mit sechs Reitern nach Lissabon. Vasall und Fink mit dem Ehepaar Weier, Peter Reid mit Casanova und Jürg Friedli mit The Rocket siegten zum vierten Mal in fünf Jahren im Nationenpreis. Im GP gab es einen Doppelsieg für Paul Weier/Wulf und Carol Maus.
1974 kam es zur sechsten Portugalreise, diesmal mit weniger Erfolg: nur Platz sechs im Nationenpreis. Das war das Ende der sechs­jährigen Erfolgsgeschichte von Weier & Co. in Lissabon.
Es dauerte bis 1982, als sich wieder Schweizer an die lange Reise nach Lis­sabon wagten. Die Brüder Markus und Thomas Fuchs wurden mit Jürg Hiltebrand Dritte im Nationenpreis (ohne Streichresultat notabene). 1985 waren es wiederum nur drei: Rolf Theiler, Beat Röthlisberger und Thomas Fuchs wurden Fünfte im Nationenpreis. 1993 reisten Jürg Friedli (20 Jahre nach dem Sieg von 1973), Markus Fuchs (elf Jahre nach dem ersten Start), Urs Fäh und Rudolf Letter. Sie wurden Dritte.

Callado und Da Costa

Als die Schweizer Spring­reiter um Paul und Monica Weier 1969 bis 1974 in Lissabon ritten, gehörten die glorreichen Zeiten der portugiesischen Reiterei bereits der Vergangenheit an. Portugals Reiter hatten von 1924 bis 1972 (mit Ausnahme von 1932 in Los Angeles) bei sämtlichen Olympischen Spielen teilgenommen und dabei drei Teambronzemedaillen gewonnen. Ihr letzter grosser Reiter, Henrique Callado, war 1964 zum letzten Mal angetreten. Offizier Callado gewann fünfmal den Grossen Preis von Lissabon und zweimal in Madrid. Er fiel auf, weil er, entgegen der uniformen Reitausbildung an der Kavallerieschule, eher unorthodox ritt.
Nun, nach dem letzten Olympiastart Portugals 1972 in München mit Platz 13 im olympischen Nationenpreis, war der Zivilreiter Manuel Malta da Costa praktisch der einzige portugiesische Repräsentant auf Europas Turnierplätzen. Die Kavallerieschule in Santarem führte ein Randdasein. Junge Offiziere wurden kaum mehr ausgebildet, die Älteren dienten in Afrika. Für die Zivilreiterei fehlten die Ausbildner.

Nelkenrevolution

Es war denn auch der unselige Krieg in ihren afrikanischen Kolonien, Mosambik, Angola und Guinea Bissau, der Portugal in den 70er-Jahren in die Krise führte. Der Kolonialkrieg verschlang die Hälfte des Staatshaushalts, das Land wurde von einem autoritären Diktator geführt. Dies brachte die «Nelkenrevolution» von 1974, die kurzfristig einen früheren Springreiter, Antonio de Spinola, ins Präsidentenamt brachte. Seit 1988 entsandte Portugal wieder Reiter an die Olympischen Spiele, allerdings mit mässigem Erfolg.

Erste portugiesische Auslandstarts 1905

Die Anfänge der internationalen Aktivitäten der portugiesischen Reiter gehen zurück aufs Jahr 1905. Damals entsandte die noch Königliche Kavallerie Portugals eine Equipe an das internationale Reitturnier in San Sebastian, im Nord­osten Spaniens. 1909 kam der zweite Auslandstart, wiederum nach San Sebas­tian. Diesmal an einen, in der Retrospektive, historischen Anlass. Denn beim Militärturnier in San Sebas­tian 1909 wurde der erste Freiluftnationenpreis überhaupt ausgetragen – kurze Zeit zuvor war es zum ers­ten Nationenpreis in der Halle gekommen: in Olympia in London. In San Se­bas­tian gewann Italien, die Portugiesen wurden Sechs­te von sieben Startern. Bereits 1904 war in Portugal das erste «Campeonato do Cavalo de Guerra» durchgeführt worden, eine Vielseitigkeitsprüfung nach der zwei Jahre zuvor in Frankreich erprobten Drei-Tage-Formel. Mit diesen Aktivitäten gehört Portugal in der Geschichte des internationalen Pferdesports zu den Pionieren, zusammen mit Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und den Niederlanden. Die Briten, Deutschen und die Schweizer kamen etwas später.
Sieger der ersten Military von 1904 war Lt. Antonio Callado, der Vater des erwähnten fünffachen Olym­pia­reiters Henrique Calla­do. Mitglied der ersten portugiesischen Auslandequi­pe von 1905 war Lt. Luiz Beltrao, der Vater des Olympiareiters von 1936, José Beltrao.
Nach dem ersten CSIO in Lissabon 1909 reisten die portugiesischen Springreiter 1910 nach Valencia, Madrid und gar nach Brüssel. Portugal war nicht in den Ersten Weltkrieg verwickelt, hatte aber 1915 seine eigene Revolution, bei der der König abgesetzt und die Republik ausgerufen wurde. Ein Opfer davon war Delfin Mayo, als Offizier Sieger im Grossen Preis von Lissabon, der als überzeugter Monarchist ins Exil nach Frankreich vertrieben wurde, wo er zum bedeutenden Bildhauer wurde.

Erstmals 1924 bei Olympia

1924 kam die erstmalige Olympiateilnahme, als Portugal hinter Schweden und der Schweiz die Bronzemedaille gewann. Erstaunlicherweise bestand die portugiesische Equipe aus zwei Militär- und zwei Zivilreitern, ein für damalige Verhältnisse erstaunliches Zusammengehen zwischen dem «Zivil»-Verband, der «Sociedad Hipica Portuguesa» und dem Militär.
Als die Schweizer Spring­reiter 1969 bis 1974 beim CSIO Lissabon ritten, wurden in Portugal auch noch zwei CSI ausgetragen, der CSI Cascais (neben Estoril gelegen) seit 1937 und der CSI Penina in der Algarve seit 1966. Obwohl dort neben den Spaniern kaum Ausländer ritten, waren es wunderbare Anlässe. Dort traf ich den pensionierten Kavallerieoberst Antonio Crespo, mit seiner Sammlung der Geschichte des portugiesischen Pferde-sports.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 1/2019)

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