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Max E. Ammann
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Standpunkt

Frühe Überseereisen mit Pferden

21.11.2017 11:37
von  Max E. Ammann //

Kaum jemand kann sich heute vorstellen, seine Pferde mit dem Schiff zum nächsten Turnier in Übersee zu transportieren. Flugreisen mit Pferden gehören heute zur Routine. Aber das war nicht immer so. Noch 1956 kamen die Nord- und Südamerikaner, die Australier und Japaner mit Frachtern in Stockholm an. Fotos von 1956 von Pferden in ihren Boxen auf dem Schiff unterscheiden sich kaum von ähnlichen Fotos von 1912. Auch 1959 transportierten die australischen Militaryreiter ihre Pferde mit einem Frachter nach London. Sie waren sechs Wochen unterwegs. In Rom 1960 gewannen sie dann beide Goldmedaillen.

Mit dem Flugzeug Pferde zu Turnieren zu transportieren begann in den 60er-Jahren. Die erste grosse Aktion war der Transport zu den Olympischen Spielen von 1964 in Tokio – den ersten Olympischen Spielen ausserhalb Europas seit 1932. Die Schweiz entsandte volle Dressur- und Springequipen, die Deutschen reisten mit anderthalb Dutzend Pferden in einem 37 Stunden Flug von Amsterdam nach Tokio, mit Zwischenhalt in Anchorage. Drei Pferde starben auf diesen olympischen Flugreisen 1964, ein chilenisches Springpferd an Herzschlag, ein argentinisches Pferd musste abgetan werden, ebenso das US-amerikanische Militarypferd Mark­ham von Michael Plumb, das bald nach dem Start in Newark zu toben anfing. Ein Hauptproblem jener Jahre war die Caravelle, die derart steil in die Lüfte stieg, dass die Pferde die Füsse verloren. Heute ist alles viel ruhiger – seit 1979 wurden allein für die Weltcupfinals im Springen 40 Flüge ohne Zwischenfälle durchgeführt, in den ersten Jahren hauptsächlich mit DC-8, gelegentlich auch mit Boeing 707.
Diese Kolumne soll an einige der denkwürdigen Schiffreisen früherer Jah­re erinnern: an den Besuch von vier argentinischen Springreitern 1909 in Europa, die drei Reisen des privaten kanadischen Springstalles Sifton der Jahre 1910 bis 1912 nach England, der Besuch einer chilenischen Springequi­pe 1928 bis 1930 auf Europas Turnierplätzen und die Reisen der Niederländer, Schweden und Franzosen an die Olympischen Spiele von 1932 in Los Angeles. Dazu die häufigen Reisen der amerikanischen Offiziersequipen nach Euro­pa: fünfmal an Olympische Spiele und einmal, 1929, an fünf Turniere.

Argentinier in Europa

Den Anfang machten 1909/10 vier Kavallerieoffiziere Argentiniens. Sie bestritten ihren ersten Concours in Londons Olympiahalle, womit sie zu den 18 Offizieren aus sechs Ländern gehörten, die im Juni 1909 den ers­ten Nationenpreis überhaupt ritten. Die Argentinier wurden Letzte. Aber drei Monate später, beim ersten Nationenpreis im Freien, belegte Argentinien hinter Italien und Spanien Platz drei, vor Belgien, Frankreich, Portugal und Grossbritannien. 1910 weilten die Argentinier in Deutschland und bestritten dort Turniere in Hannover, München, Trave­mün­de und Hildesheim.
Ebenfalls 1910 kam der kanadische Indus­trielle Clifford Sifton mit einem Pferd nach Olympia. In den darauffolgenden Jahren, 1911 und 1912, waren es acht Sif­ton-Pferde, die die Reise mitmachten. 1912 wurden die Pferde von den drei Söhnen von Clifford Sifton geritten: Clifford junior, John W. und Winfield. Die drei Brüder wurden Fünfte im Nationenpreis um den King Edward VII Cup. Die Sifton-Pferde reis­ten unter Deck, unangebunden in Boxen. Erfahrungen zeigten, dass die Pferde nach der Ankunft in London eine Woche Angewöhnung brauchten, bevor sie an den Start gebracht wurden. Siftons Spitzenpferd, Confidence, überquerte, geritten vom Stallprofi Jack Hambleton, 2.30 Meter in Olympia und 2.35 Meter in Den Haag in den Niederlanden.

Chilenen in Europa

Anfang 1928 kamen vier chilenische Offiziere mit ihren Pferden nach Euro­pa, wo sie bis Mitte 1930 bei europäischen Turnieren mitritten. Der Vater des späteren FEI-Bureau-Mitglieds, Manuel Rodriguez, gehörte dazu. 1929 kamen auch die US-Amerikaner erstmals ausserhalb der Olympischen Spiele nach Europa. Nach dem CHI in Posen (POL) bestritt das US-Quartett Earl F. Thomson (zweimal Olympiazweiter in der Military), Harry D. Chamberlin (Olympiazweiter 1932 im Springen), William Bradford (zweimaliger Olympiareiter) und Edwin Y. Argo (Teamolympiasieger 1932 Military) drei Nationenpreise in Warschau, Köln und Dublin sowie in Hamburg das Springderby.

Olympia Los Angeles

1932 fanden die Olympischen Spiele in Los Angeles statt: zum ersten Mal seit 1904 ausserhalb Europas und inmitten der grossen Wirtschaftskrise. Nur drei europäische Länder entsandten Reiter und Pferde: Frankreich eine Dressurequipe (die beide Goldmedaillen gewann), die Niederlande mit drei Militaryreitern (Einzelgold und Teamsilber) und Schweden mit drei vollen Equipen (drei Medaillen). Die französischen und schwedischen Pferde reis­ten per Schiff nach New York und von dort mit der Eisenbahn quer durch die USA nach Los Angeles. Die Niederländer entschieden sich für den Schifftransport durch den Panamakanal direkt nach Los Angeles.
Anlässlich der Olympischen Spiele vier Jahre zuvor in Amsterdam hatten die Niederländer entdeckt, dass die US-Amerikaner auf ihrer Schiffsrei­se von New York nach Ams­terdam mit einer Tretmühle die Pferde fit gehalten hatten. Die Tretmühle hatten die Amerikaner in Hollywood gekauft, wo sie bei den Filmarbeiten an Ben Hur für die Wagenrennen benützt wurde. Diese Tretmühle – eine Art grosser Hometrainer – wurde von den Niederländern für die Schiffsreise nachgebaut! Zu erwähnen noch die amerikanischen Millionä­re Alfred G. Vanderbilt und William H. Moore, beide eng mit der «National Horse Show» in New Yorks Madison Square Garden verbunden, die vor dem Ers­ten Weltkrieg ihre Kutschen und Pferde von New York nach London verschifften, um in Olympia in den Fahrkonkurrenzen zu starten.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 46/17)

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