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Max E. Ammann
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Standpunkt

«High Jump» – ein 70 Jahre alter Rekord

04.12.2018 13:13
von  Max E. Ammann //

Bald ist es 70 Jahre her, seit am 5. Februar 1949 der chilenische Hauptmann Alberto Larraguibel mit dem 15-jährigen Huaso den heute noch gültigen Hochsprungweltrekord aufstellte.

Heute kann man es sich kaum mehr vorstellen, auf welches Interesse weltweit damals dieser Rekordsprung gestossen ist. Noch viel weniger, dass in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg der «High Jump» das Hauptereignis bei jedem grossen Reitturnier war. Der gelungene Rekordversuch des chilenischen Offiziers kam zu einer Zeit, als der «High Jump» praktisch aus den Turnierprogrammen verschwunden und durch die Puissance (oder Mächtigkeit) ersetzt worden war. Die Puissance ist, nach einer letzten Blüte, die anfangs der 90er-Jahre endete, ebenfalls verschwunden. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Da war der Vorwurf, in der Puissance würde das Pferd mit einer immer höheren Mau­er da­für bestraft, dass es fehlerlos gesprungen war. Dann gab es in Puissance-Konkurrenzen immer wieder geteilte Sieger, weil auch beim letzten Stechen zwei oder mehr Pferde fehlerlos blieben. Der dritte Faktor für das Verschwinden der Puissance war, dass die Reiter nur dann in der Puissance antraten, wenn sie ein viertes Pferd ans Turnier mitbringen durften.

Lange vorbereiteter Rekordversuch

Wie erwähnt war die grosse Zeit des «High Jump» in der Pionierperiode des Spring­sports, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endete. In den zwei Zwischenkriegsjahrzehnten wurden die Hochsprungkonkurrenzen immer rarer – nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie ganz verschwunden. Der Rekord von Larraguibel war nicht im Wettkampf erzielt worden, sondern in einem jahrelang vorbereiteten Rekordversuch. Nach diesem Weltrekord in Chile gab es seither nur einen seriösen Versuch, den Rekord zu brechen. Das war, als Michel Parot, der Bruder des französischen Olympiareiters, um 1974 sein Pferd Tancarville auf einen Rekordversuch vorbereitete. 2.41 Meter war die Höhe, die das Paar erreichte. En­de der 70er-Jah­re schrieb die «Olympia Horse Show» in London einige Jahre ein «High Jump» über das Hochsprunggestell aus. Ich erinnere mich an Lastic von Nick Skelton, der 1979 eine dieser Prüfungen gewann, allerdings weit vom Weltrekord entfernt.
Vom ersten Hochsprung-«Weltrekord», vom legendären Capt. Federico Caprilli 1902 in Turin aufgestellt, gibt es eine Aufnahme. Sie zeigt Caprilli und Mesoppo über dem 2.08 Meter hohen Hochsprunggestell. Links davon stehen drei Parcourshelfer, die mit ihren Schaufeln die oberste Stange festhalten. Zwei Jahre später, 1904 beim internationalen Reitturnier in San Sebastian (ESP), übersprang der französische Capt. Georges Crousse mit dem in Kanada gezogenen Conspirateur die erste wirkliche Weltrekordhöhe von 2.23 Meter. Wieder zwei Jahre später, im Grand Palais in Paris, übersprang das Paar gar 2.35 Meter.

Drei Versuche pro Höhe

Das war der eigentliche Beginn der weniger als zehn Jahre dauernden Hochsprungbegeisterung, nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und Kanada. Anfänglich hatte bei einer «High Jump»-Konkurrenz jedes Pferd zehn Versuche. Ab 1912, vorgeschlagen durch die «Société Royale Hippique Belge», waren drei Versuche pro Höhe erlaubt. Mit dieser neuen Formel starteten am 7. August 1912 in Vittel (FRA) fünf Pferde, vier schafften 2.10 Meter, die nächste Höhe von 2.20 Meter nur noch Biskra und Montjoie III. Beide überquerten auch 2.30 Meter und so wurde die Latte auf Vorschlag des Besitzers von Biskra, des Belgiers Alfred Loewenstein, auf 2.36 Meter gehoben. Biskra, geritten von François de Juge Montes­pieu, nahm die neue Rekordhöhe im ersten Versuch, René Ricard auf dem Schimmel Montjoie III, nach einem Sturz im ersten Umlauf, überquerte sie im zweiten Versuch. Dieser, in den 20er-Jahren von der 1921 gegründeten FEI anerkannte Doppelweltrekord, blieb bis 1933 bestehen.
In den USA und Kanada wurde noch höher gesprungen: 2.40 Meter im Jahre 1902 durch den Vollblüter Heatherbloom und gar 2.45 Meter zehn Jahre später durch die Vollblut-Hackney-Mischung Confidence. Die Letztere war im kanadischen Besitz der Familie Sifton.
Heatherbloom, mit dem Berufsreiter Dick Donnelly im Sattel, übersprang 1902 in Richmond die Höhe von «7 feet 10 1/2 inches» (2.40 Meter). Im gleichen Jahr gab Heatherbloom auf der Farm seines Besitzers, Howard Willet, zwei öffentliche Demonstrationen. Das eine Mal sprang Heatherbloom 2.49 Meter, das andere Mal gar 2.515 Meter.
Confidence stellte seinen von der FEI ignorierten Weltrekord von «8 feet und 1/2 inch» (2.45 Meter) am 14. September 1912 an der Horse Show im Rahmen der «Central Canadian Exhibition» auf. In den Monaten zuvor hatte Confidence bei vier Turnieren (zwei in Europa, zwei in Kanada) jedes Mal den «High Jump» gewonnen, und zwar mit den Höhen 2.30 Meter, 2.27 Meter, 2.20 Meter und 2.39 Meter. Der nordamerikanische Rekord von Confiden­ce wurde 1923 durch Great Heart mit Fred Vesey im Sattel verbessert. In Chicago sprangen die beiden 2.46 Meter.

Weltrekordler Huaso

In Europa kam es 1933 und 1938 zu zwei Rekordverbesserungen. Am 8. April 1933 im Grand Palais in Paris überquerte der Normane Vol-au-Vent im zweiten Versuch die Höhe von 2.38 Meter. Der Reiter war Lt. Christian de Castries, der 1954 als Kommandant der französischen Truppen die Schlacht von Dien Bien Phu im ersten Indochina-Krieg verlor. Bei der Konkurrenz im Grand Palais starteten 16 Pferde, wovon 15 die zwei Meter übersprangen. Vier schafften auch die 2.20 Meter. Nach 2.30 Meter waren noch Vol-au-Vent und Conspirateur des Grafen de Maillé im Wettkampf. Über 2.38 Meter scheiterten die Letzteren. Genau einen Monat später anerkannte die FEI den neuen Weltrekord.
Am 22. Oktober 1938, im Rahmen der italienischen Meisterschaften, siegte Lt. Antonio Gutierrez mit Osoppo, einem 15-jährigen Wallach, über die Höhe von 2.20 Meter. Man beschloss, auf 2.40 Meter einen Rekordversuch zu unternehmen. Er gelang und die Nachmessung ergab 2.44 Meter. Obwohl dieser neue Rekord im Ausland angezweifelt wurde, anerkannte ihn die FEI. 1949 kam dann der erwähnte, noch heute geltende Weltrekord über 2.47 Meter. Das Pferd war nach mageren Rennbahnleistungen zur chilenischen Kavallerieschule gekommen und dort für den Hochsprung trainiert worden. Bereits 1947 übersprang Huaso 2.20 Meter, 1948 gar 2.27 Meter. Der Rekordversuch fand am 5. Februar 1949 beim CHI in Viña del Mar statt. Über die Rekordhöhe 2.47 Meter gab es zuerst eine Verweigerung, dann einen Abwurf. Im dritten Versuch blieb die obers­te Stange oben.
Zurück zur Puissance: Ende der 70er-, anfangs der 80er-Jahre erlebte man in Europa, vor allem in der Halle, ein halbes Dutzend Puissance-Spezialisten, die auf bis zu 2.20/2.25 Meter um den Sieg kämpften. 1983 schaffte Miss Moët von Nelson Pessoa in Paris die inoffizielle Rekordhöhe von 2.33 Meter. Zwei Jahre später überquerte Jolly Good von Will Simpson (USA) bei einem Turnier in Kings Mills, die 2.37 Meter hohe Mauer. 1991 kam der Sieg von Franke Sloothaak auf Leonardo mit 2.40 Meter in Chaudfontaine – die grösste Höhe in einer Puissance. Den «Schweizer Rekord» hält Markus Fuchs, der 1988 auf Puschkin in Franconville 2.35 Meter überquerte!

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 48/18)

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