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Standpunkt

Nostalgie

27.05.2015 14:16
von  Max E. Ammann //

Kürzlich sah ich – eher aus Zufall – auf dem italienischen Fernsehsender RAI 2 eine Prüfung des CSIO Rom. Auf der Piazza di Siena, dem, so meine Erinnerung, schönsten Turnierplatz der Welt.

Die schöne Piazza di Siena auf RAI 2? Nichts davon! Vielleicht lag es an der fantasielosen Kameraführung. Aber von der Schönheit der Piazza di Siena war nichts zu sehen: Die wunderbaren Pinien und Zypressen, die natürlichen Abgrenzungen des riesigen Ovals der Piazza di Siena – wo waren sie? Man sah Tribünenaufbauten, jede Zahl von Zelten, Werbeflächen. Dazwischen Hindernisse, mit einigen mageren Büschen, aber keine Blumen. Das alles auf einem Sandboden über dem einstigen Gras der Piaz­za di Siena. Was man auf RAI 2 sah, hätte irgendein Reitturnier auf einem temporären schmucklosen Feld sein können.

Glorreiche Vergangenheit

Die Piazza di Siena gilt seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts als einer der schönsten Concoursplätze. Das gewaltige Oval im Stil einer antiken Arena, umgeben von hohen, dunklen Zypressen und uralten, riesigen Pinien, liegt im Herzen des Park der Villa Borghese, im 17. Jahrhundert am oberen Ende der Via Veneto angelegt. Seit 1922 wird auf der Piazza di Siena, mit einigen Unterbrüchen, um Nationenpreisehren geritten. 1966 gewann Paul Weier auf Junker als ers­ter Schweizer den Grossen Preis, damals eine der wichtigsten Trophäen im internationalen Turnierkalender. Das Jahr darauf erlebte man den ersten Schweizer Sieg im Römer Nationenpreis.Da dem Schreiber dieses Standpunktes 70 Jahre nach dem ersten Besuch einer Springkonkurrenz etwas Nostalgie zugestanden werden soll, nachstehend Erinnerungen an drei verschwundene Turnierplätze mit spezieller Ausstrahlung: Luzern, Nizza und Hamina.

Luzern

Der Concours Luzern fand 1909 zum ersten Mal statt – auf der Halde, einem der Hoteliers­familie Hauser vom Schweizerhof gehörenden Gelände am Vierwaldstätter See – deshalb wurde der Turnierplatz auch Hausermatte genannt. In jenem Jahr 1909 bestand der Rennclub Luzern seit zehn Jahren und war Organisator grosser Pferderennen. Nun beschloss er die Ausrichtung eines Concours Hippique. Es wurde ein augenblicklicher Erfolg. Für die Schweizer Offiziere war es der erste Kontakt mit dem internationalen Springsport. Bereits im ersten Springen belegten Oscar Sallmann, Charles von der Weid und Henri Poudret die Plätze zwei bis vier. 1927 wurde der erste Luzerner Nationenpreis ausgetragen – zwei Jahre später siegte erstmals die Schweiz. Den ersten Schweizer Sieg im GP von Luzern erlebte man bereits 1920 durch Charles Kuhn auf Gecko. In den 30er-Jahren gehörte der CSIO Luzern zu den bedeutendsten Reitturnieren Europas und als es 1947 wieder losging (ab 1948 nur in geraden Jahren, abwechselnd mit Genf) behielt Luzern seine Bedeutung. Das Ende der Halde kam 1976, als sich die Familie Hauser, aufgeschreckt durch die Pläne der Stadt, vor ihrem Besitz einen durchgehenden Uferweg zu bauen, zurückzog. Victor Hauser blieb dem Rennclub Luzern als Präsident verbunden, als der CSIO 1979 auf die Allmend umzog. 2006 kam auch dort das Ende. Zurück bleiben Erinnerungen an elegante, familiäre Turniere auf der Halde mit ihren Naturhindernissen, der wunderbaren Aussicht auf den See und den Pilatus, aber auch an verregnete Turniertage.

Nizza

Die Turniergeschichte Nizzas begann 1921 und endete 1978. Der Concours Hippique International Militaire war ins Leben gerufen worden, um der Touristenstadt am Mittelmeer bereits im April eine internationale Attraktion zu bieten – als Überbrückung zwischen Ostern und dem Beginn der Badesaison. Jeweils die Woche vor Rom durchgeführt, bildete Nizza auch bald mit der römischen Hauptstadt eine geschätzte Turnierfolge.1956 musste der CHIM Nice dem Bau des Flughafens weichen. Wo Charles Kuhn 1921 auf Gecko den ersten Grossen Preis von Nizza gewonnen hatte, starteten und landeten nun Flugzeuge. Neu wurde auf dem schönen Colline du Château geritten. Aber auch dort kam 1973 das Ende. Fünf Jahre später wagte man im Palais des Expositions einen Neuanfang in der Halle. Aber es blieb bei dieser einzigen Hallenausgabe. In Erinnerung bleibt, dass Prinzessin Grace (Kelly) zusammen mit ihrer Tochter Caroline den Anlass besuchte. Zu erwähnen bleibt noch, dass die Schweizer 1931 in Nizza erstmals den Nationenpreis gewannen.Die drei bisher erwähnten Turniere gehörten in den 20er- bis 60er-Jahren zu den grossen Anlässen des internationalen Springsports - zusammen mit Aachen, London und Dublin sowie Brüssel, Genf und Madrid. Die heute bedeutenden CSIOs in Rotterdam, Barcelona, La Baule, Hickstead, Fals­terbo und St. Gallen schrieben ihre ersten Nationenpreise erst 1948, '62, '70, '75, '78 und '84 aus.

Hamina

Das finnische Hamina gehört nicht zu den obigen grossen Turnieren des internationalen Springsports. Aber der dortige CSIO, nur fünfmal ausgetragen, war ein derartiges Bijou einer intimen, aber organisatorisch perfekten Veranstaltung, dass er hier erwähnt werden soll. Es war Tom Gordin, seinerzeit selbst Nationenpreis-Reiter, Präsident des finnischen Pferde­sportverbandes und seit 1986 Turnierleiter des CSI-W Helsinki, der um die Jahrtausendwende das Städtchen Hamina, im Osten Finnlands gelegen, als möglichen Turnierort entdeckte. Hamina ist seit jeher Garnisonsstadt – der finnische Nationalheld Marschall Mannerheim machte dort Dienst. Haupt­attraktion des pittoresken Städtchens ist die alte Festung «Bastioni», die seinerzeit von den Schweden als Abwehrwall gegen die nahen Russen gebaut wurde. In dieser Anlage fand 2003 der erste CSIO Hamina statt. Abwechselnd mit Ypäjä kam es 2005, '07, '09 und '11 zu vier weiteren Turnieren in der Bas­tioni, dann fehlte das Geld – die Behörden der Kleinstadt Hamina konnten auch nicht helfen. Und so verschwand ein weiteres Turnier, das bei einer Auslese der schöns­ten Anlagen in die engere Wahl gekommen wäre.

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