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Max E. Ammann
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Standpunkt

Pferdesport 1900

04.06.2019 13:52
von  Max E. Ammann //

1900 war nicht nur das Gründungsjahr des Verbandes der Schweizerischen Renngesellschaften (SRG), aus dem über die Jahrzehnte der heutige SVPS, der Schweizerische Verband für Pferde­sport, entstand. 1900 war auch das Jahr der ersten verbürgten Schweizer Springkonkurrenz (in Yverdon) und – ebenfalls in Yverdon – der ersten Schweizer Dressurprüfung.

1900 verzeichnete man auch das erste internationale Reitturnier anlässlich der Weltausstellung in Paris. Es war allerdings ein derart diskreter Anlass, dass allgemein der «Primo Concorso Ippico Internazionale» zwei Jahre später in Turin als Beginn des internationalen Turniersports angesehen wird. Die drei internationalen Turniertage von Paris 1900 waren, im Rahmen der Pariser Weltausstellung, dem Traditionsanlass der «Société Hippique Française» (SHF), dem Concours Central, angehängt worden. Der Concours Central, in jenem Jahr 1900 im Freien an der «Place de Breteuil», ab 1901 im neugebauten Grand Palais, war der Final der sechs Turniere umfassenden Regionalanlässe der SHF. 1900 dauerte der Concours Central 19 Tage, mit je einer Prüfung pro Tag. Er endete am Sonntag, 27. Mai 1900, mit der Coupe. Am Dienstag, 29. Mai, Donnerstag, 31. Mai und Samstag, 2. Juni 1900, folgten die drei internationalen Tage. Sie waren Bestandteile des Sportprogramms der Weltausstellung 1900, die die einzelnen Sportarten an lokale oder nationale Sportorganisationen übertrug und die Baron Pierre de Coubertin, der Begründer der modernen Olympischen Spiele, als zweite Olympische Spiele sah.
Baron de Coubertin, dem vier Jahre zuvor mit den ersten modernen Olympischen Spielen in Athen ein Meisterwerk gelungen war, hatte in Paris, seiner Heimat, nichts zu sagen. Im offiziellen Report, herausgegeben von der «Exposition Universelle Internationale», wird weder sein Name, noch das olympische Komitee erwähnt. Bezeichnenderweise fehlte im Rapport der Olympischen Spiele von 1924 in Paris jeglicher Hinweis auf die Reitwettbewerbe der «Vorgängerspiele» von 1900 in der gleichen Stadt. Erst in den 60er-/
70er-Jahren, als das IOC begann, seine Geschichte aufzuarbeiten, wurden drei der fünf reitsportlichen Wettbewerbe von 1900 in die olympische Chronik aufgenommen: ein Jagdspringen, ein Hochspringen und ein Weitspringen. Ignoriert werden bis heute die Prüfung für «Chevaux de Selle» und die Vierspännerkonkurrenz. Bemerkenswert dabei ist, dass 1900 De Coubertin und sechs Jahrzehnte später das IOC ignorierten, dass 1900 nicht nur blütenweisse Herrenreiter und Offiziere starteten, sondern auch Berufsreiter, wie der legendäre Henry Leclerc.

Erstaunlich viele Gespanne


Das Komitee der «Société Hippique Française», von der Weltausstellung mit der Durchfüh­rung der reitsportlichen Wettbewerbe beauftragt, bestand aus einem Prinzen, einem Herzog, fünf Markgrafen, fünf Grafen, vier Freiherren sowie drei Herren ohne Adelstitel. Sie stellten ein Budget von 162350 Franken auf. Von der Weltausstellung erhielten sie eine Subvention von 50000 Franken. Bei der Abrechnung ergaben sich bloss Auslagen von 100000 Franken, davon 61000 Franken an Preisgeldern, 3000 Franken für Werbung und 31000 für Bauten und Materialien. Da an Nenngeldern nur 5000 Franken hereinkamen und nur für 15000 Franken Eintritte verkauft wurden, blieb trotz der 50000 Franken Subvention ein Defizit, das mit der Garantie von der Weltausstellung gedeckt wurde.
Da keine Transportentschädigungen für die ausländischen Teilnehmer vorgesehen waren, war die Reaktion der eingelade­nen Länder zurückhaltend. Nur gerade aus Belgien kam eine grössere Delegation, dazu, für die Springprüfungen, der italienische Graf Giovanni Giorgio Trissino mit zwei Pferden. Erstaunlicherweise traten in der aufwendigen Viererzugprüfung neben 16 französischen Gespannen je ein Gespann aus Deutschland, den USA, Österreich, Spanien sowie zwei aus Russland an.
Aus Frankreich waren, neben den 16 Fahrern, rund 40 Reiter am Start, darunter solche Offiziersgrössen wie Louis de Champsavin und Louis d‘Havrincourt, der Berufsreiter Henry Leclerc und die Herrenreiter Napoléon Murat und de Montesquieu. Aus Belgien reis­ten der Pferdehändler Georges van der Poële und die Offiziere Aimé ­Haegeman und Constant van Langhendonck an. Aus den USA der Millionär Hermann John Mandl, mit Kutsche und eineinhalb Dutzend Pferden. In der Prüfung «Chevaux de Selle» startete auch eine Amazone, Mlle Elvira Guerra mit Libertin.
Im Hauptspringen, heute würde man Grand Prix sagen, starteten 37 Pferde. Neben den Franzosen, sieben aus Belgien und je eines aus Italien, den USA und Russ­land. Der Parcours mass 850 Meter, mit 19 Hindernissen, darunter je eine Zweier- und Dreierkombination. Höhe der Hindernisse bis 1.20 Meter. Der Wassergraben mass vier Meter. Es siegte der belgische Kavallerie- hauptmann Aimé Haegeman auf Benton II, vor seinem Landsmann Van der Poële, Pferdehändler und Ausbildner. Dritter der französische Lt. Louis de Champsavin auf der berühmten Stute Terpsichore. Der Berufsreiter Henry Leclerc blieb mit zwei Pferden unplatziert. Die drei Erstplatzierten blieben fehlerlos und wurden durch die erzielte Zeit getrennt.

Hoch- und Weitspringen


Im Hochspringen teilten sich der französische Herrenreiter Maximilien Gardère mit Carela und der einzige Italiener, Graf Trissino mit Oreste, den Sieg. Beide übersprangen 1.85 Meter. Ores­te, das Pferd Trissinos, war von Federico Caprilli ausgebildet worden. Mit Meloppo, mit dem Caprilli 1902 in Turin den ersten Hochsprungweltrekord von 2.08 Meter aufstellte, wurde Trissino in Paris Vierter. Im Weitspringen, mit 17 Startern, siegte der belgische Offizier Van Langhendonck auf Extra Dry vor Trissino/Oreste. Der Sieger übersprang 6.10 Meter, der Zweite 5.70 Meter. Prinz Napoléon Murat siegte mit The General in der Prüfung «Chevaux de Selle», nach dem Vorbild der amerikanischen Hunterprüfungen.
Die Vierspännerprüfung wurde vom Belgier Georges Nagelmackers gewonnen, vor drei französischen Gespannen. Aus Russ­land war Prinz Orloff angereist. Am Start waren 29 Kutschen aus sieben Ländern.

Stockholm: Traum verwirklicht

Nach diesem umstrittenen Beginn der olympischen Reitwettbewerbe 1900 in Paris (1896 in Athen standen pferdesportliche Prüfungen nie zur Diskussion) war der Pferdesport 1904 im US-amerikanischen St. Louis nicht präsent. 1908, als die vierten Olympischen Spiele in London stattfanden, unternahm das dortige Organisationskomitee Anstrengungen, den Pferdesport einzubeziehen. Dies, nachdem der Schwede Clarence von Rosen beim IOC-Kongress von 1906 für den Pferdesport plädiert hatte. Als das OK von London 88 Anmeldungen aus sechs Nationen erhielt, winkten sie ab. So erhielt Graf von Rosen die Gelegenheit, seinen Traum 1912 zu Hause in Stockholm zu verwirklichen. Sein Programm für die drei Disziplinen war mus­tergültig, der Sport grossartig. Es starteten 62 Reiter aus zehn Ländern mit 70 Pferden. Die Schweiz war nicht dabei, obwohl sie seit 1909 mit dem internationalen Concours Hippique von Luzern internationale Kontakte hatte. Eine Schweizer Springequipe mit Major Henri Poudret (Jupiter oder Cork), Oblt. Ernest Haccius (Diamond Queen), Hptm. Walo Gerber (Surprenant) und Adolph Mercier (Rivoli) wäre in Stockholm wohl nicht abgefallen.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 22/19)

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