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Max E. Ammann
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Standpunkt

Über den Parcoursbau

30.10.2018 10:53
von  Max E. Ammann //

Während des kürzlichen Weltcupturniers in Helsinki gab der renommierte deutsche Parcoursbauer Olaf Petersen ein Seminar über den Parcoursbau der letzten Jahrzehnte. Es war zwangsläufig ein technischer Vortrag. Danach haben wir uns über die historische Entwicklung des Parcoursbaus unterhalten.

Aus den Jahren nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als die ersten internationalen Springturniere durchgeführt wurden (und 1900 der Schweizer Pferdesportverband gegründet wurde), sind keine Parcoursbauer namentlich bekannt. Zwar weiss man, dass Luzern 1909, als der dortige Rennclub den ers­ten internationalen Concours Hippique durchführte, den bekannten französischen Spring­reiter Louis de Champsavin nach Luzern holte, um die permanenten Wälle, Gräben etc. zu bauen. Aber 1912, als das Stockholmer Organisationskomitee die Parcourspläne der ersten olympischen Reitwettbewerbe versandte, fehlte der Name des Entwerfers. Er tauchte auch im umfangreichen Rapport dieser Olympischen Spiele von 1912 nicht auf, genauso wenig wie die Erbauer der kommenden Spiele von 1920, 1924 und 1928.

Barry, Andreae, Ansell, Blackmore

Der erste bekannte olympische Parcoursbauer ist der Amerikaner John Barry. 1920 und 1924 selber Olympiareiter, entwarf Barry für Los Angeles 1932 einen Parcours, der das elfköpfige Teilnehmerfeld total überforderte. Sechs der elf schieden aus, alle drei Equipen wurden gesprengt, auch die der Gastgeber. All die grossen Springnationen jener Jahre hatten bekanntlich auf die Reise nach Los Angeles verzichtet. 1936 in Berlin baute August An­dreae vernünftiger, aber auch hier schieden elf der 18 Equipen aus (die Schweiz wurde Fünfte).
1948 in London bauten Michael Ansell und Philip Blackmore noch traditionell, ebenso Björn Strandell 1952 in Helsinki. Einen ersten Schritt in Richtung eines moderneren Parcoursbaus wagte 1956 in Stockholm Greger Lewenhaupt, der in Bezug auf Linienführung und Hindernisvariationen Neues versuchte.

Lombardi, Kido, Uriza, Brinkmann

Die 60er-Jahre sahen drei Olympische Spiele mit unbefriedigendem Parcoursbau. 1960 in Rom baute Alberto Lombardi, früher ein erfolgreicher Springreiter. Der Wassergraben mass fünf Meter, es gab gewaltige Oxer und die Dreifachkombinationen, mit ungewöhnlichen Distanzen, wurden von vielen als unfair bezeichnet. Die beiden Schweizer, Hans Möhr und Paul Weier, hatten 23 res­pektive 46.25 Fehler im ers­ten Umlauf.
1964 in Tokio baute der Olympiareiter von 1932, Shunzo Kido, der in den Monaten zuvor mehrere europäische Turniere besucht hatte. Aber die mangelnde Erfahrung des längst pensionierten 75-jährigen Oberst war sichtbar. 1968 in Mexiko baute ein weiterer ehemaliger Olympiareiter, Rubén Uriza, Silbermedaillengewinner von London 1948 – auch er offensichtlich überfordert.
1972 kam mit Mickey Brinkmann wieder ein erfahrener Parcoursbauer zum Zuge und 1976 hatte der ausgewählte Tom Gayford mit wenig Erfahrung die Grösse, seinem jungen Assistenten, dem talentierten Robert Jolicoeur, die Arbeit zu überlassen. 1980 in Moskau, als praktisch die ganze Weltelite des Springsports die Olympischen Spiele boykottierte, baute der ehemalige Springreiter Viatcheslav Kartavsky einfache Parcours mit kaum Distanzproblemen.

Pamela Carruthers

Die 70er-Jahre waren das Jahrzehnt der Pamela Carruthers, der englischen Parcoursbauerin, die nicht nur zu Hause baute, sondern auch zur ersten Wanderparcoursbauerin wur­de. In Spruce Meadows und in den USA war sie oft eingeladen. Die 70er-Jah­re waren auch ein Jahrzehnt des Wandels und des Aufschwungs im internationalen Spring­sport. Immer mehr Reiter reisten mehr, das Pferdematerial schien besser zu werden, die Turniere wurden publikumsfreundlicher. Pamela Carruthers’ Antwort auf die veränderte Situation war, höher und mächtiger zu bauen. Man sprach von Häusern, die im Parcours zu springen waren.

Seminar brachte die Wende

Ein von der FEI einberufenes weltweites Parcoursbauerseminar im Mai 1979 in Warendorf brachte die Wende. Dort setzten sich Mickey Brinkmann und Bert de Némethy gegen Pamela Carruthers durch. Die Hindernisstangen wurden kürzer, dünner und leichter, die Auflagen flacher. Technische Probleme wurden gestellt, man sprach erstmals von «related fences». 1980, beim zweiten Weltcupfinal in Baltimore, setzte De Némethy die Beschlüsse erstmals konsequent um. Es bleibt die Erinnerung an einen späteren FEI-Vizepräsidenten, die in einer verbundenen Hindernisfolge nach einer Rettung beim ersten Hindernis und Glück beim zweiten, dann beim dritten Hindernis die Konsequenz von «related fences» erfuhr.

Olaf Petersen und Leopoldo Palacios

In den 80er-Jahren begann die Ära Olaf Petersen, der 1985 mit dem Weltcupfinal in Berlin sein erstes grosses Championat baute. 1988 war er der gefeierte Parcoursbauer an den Olympischen Spielen in Seoul – vier Jahre zuvor hatte in Los Angeles Bert de Némethy denkwürdige Parcours entworfen.
1992 in Barcelona kam ein Rückschritt, als die FEI einen unerfahrenen Parcoursbauer des Gastlandes zuliess, für den der von der FEI nominierte Technische Delegierte aus Venezuela keine Hilfe war. 1996 in Atlanta baute mit der Amerikanerin Linda Allen die erste Frau einen olympischen Parcours, mit Olaf Petersen als Technischen Delegierten.
2000 in Sydney baute Leopoldo Palacios, 2004 kam erneut Olaf Petersen zum Zuge. Zweifellos haben diese beiden wesentlich dazu beigetragen, dass der Parcoursbau bei grossen Championaten kein kritisches Diskussions­thema mehr ist.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 43/2018)

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