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Max E. Ammann
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Standpunkt

WEG-Rückblick: einige Räubergeschichten, aber auch viel Gutes

28.08.2018 10:35
von  Max E. Ammann //

Die Geschichte der «World Equestrian Games», der Weltreiterspiele, handelt nicht nur von den Weltmeistertiteln, die alle vier Jahre gewonnen werden und den Medaillen, die die grossen Pferdesportnationen auf ihr Konto buchen. Die Geschichte verzeichnet auch, wie die jeweiligen Spiele konzipiert, von der FEI ausgewählt und dann durchgeführt wurden, mit allem administrativen, organisatorischen und finanziellen Glanz – oder aber Fehlleistungen.

Dieser Beitrag erzählt einige dieser Hintergrundgeschichten. Auf der positiven Seite: viel Kompetenz, Einsatz und Durchsetzungsvermögen – andrerseits aber auch Fehlverhalten, Inkompetenz bis hin zum Grenzbereich des Strafbaren. Der Präsident und der Ge­neralsekretär des schwe­dischen Pferde­sport­ver­bandes waren ab 1983 die treibenden Kräfte hinter der Idee von gemeinsamen Weltmeis­terschaften aller FEI-Disziplinen. Prinz Philip, der damalige FEI-Präsident, und seine Nachfolgerin, Tochter Prinzessin Anne, waren interessiert. Aber vor allem Prinz Philip sah keinen sich alle vier Jahre wiederholenden Grossanlass, sondern eher eine «On-off»-Veranstaltung. Dabei dachten die beiden, wie andere in der FEI, an die vielen potenziellen Veranstalter einzelner Weltmeisterschaften, die mit möglichen «World Equestrian Games» leer ausgehen würden. Die FEI erlebte zu jener Zeit, mit welchem fast übernatürlichen Einsatz ein paar Australier für eine WM der Eventer in ihrem ­Gawler kämpften. Die FEI erinnerte sich auch an die geglückten Weltmeisterschaften von 1982: Dressur in Lausanne, Spring­reiten in Dublin, Eventing in Luhmühlen und Viererzugfahren in Apeldoorn. Solche gut gemachten WM-Anlässe in relativ geschlossenem Rahmen würde es dann nicht mehr geben. Aber das Interesse und der Druck wuchs. Als sich auch noch die Italiener mit einer Kandidatur von Rom für Weltreiterspiele interessierten, kam es 1985 zu Abstimmungen über einen derartigen Grossanlass aller sechs Disziplinen für 1990. Stockholm erhielt vor Rom den Zuschlag.

Vorbildliche Vorbereitung

Das von Volvo-Präsident Pehr G. Gyllenhammar präsidierte OK machte fast alles richtig. Sie erhielten die Nutzung des Olympiastadions, der königliche Gärten Gärdet und Djurgården und brachten die Stadtbehörden dazu, zwei der wichtigsten Strassen von Stockholm während der Spiele zu schliessen – auf der einen standen die Verkaufsläden. Stockholm organisierte auch ein vorbildliches Vorbereitungsprogramm: Von 1985 bis 1988 wurden alljährlich einige Disziplinen getestet und 1989 kam es zu einer alles umfassenden Hauptprobe. Ein Beratungsgremium wurde bestellt, mit unter anderen Bill Steinkraus, Hans-Heinrich Isenbarth und Raymond Brooks-Ward. Als es zwei Jahre vor der Eröffnung immer offensichtlicher wurde, dass Ulf Rosengren, Generalsekretär des Verbandes sowie der WEG, die Komplexität nicht im Griff hatte und überfordert war, reagierte Gyllenhammar. Für die Belange des Sportes wurde Sven Holmberg angestellt und als Chef Marketing und Kommunikation Lennart Strandner. Dem vorherigen Soloherrscher blieb nur noch die Verantwortung für die Infrastruktur. Einzig in den Verhandlungen mit den Finanzverantwortlichen der Stadt Stockholm scheiterte Gyllenhammar. Seine Forderungen, die Stadt solle auf die Billettsteuer verzichten, wie sie das beim Stockholm-Marathon getan habe, wurde abgelehnt. So flossen rund fünf Million Kronen (eine Million Franken) in die Stadtkasse. Genau so viel betrug das Defizit, das dank der Defizitgarantie vom Staat gedeckt wurde. So füllte der schwedische Steuerzahler die Kasse der Stadt Stockholm.

Paris lockte

Zwei Zukunftsthemen dominierten die Gespräche während der WEG-Wochen in Stockholm: Bleibt 1990 ein Einzelereignis oder kommt es 1994 zur Wiederholung? Wenn ja, wird die niederländische Kandidatur von Den Haag den Zuschlag erhalten? Die Bureausitzung wäh­rend der FEI-Generalversammlung von März 1991 in Tokio sollte entscheiden. Den Haag mit einem mehrere Jahre vorbereiteten Dossier und Paris mit einer schönen Glanzpapierbroschüre waren die Kandidaten. Paris erhielt vom FEI-Vorstand den Zuschlag. Wer will denn schon zwei Wochen in die Provinzstadt Den Haag, wenn Paris lockt?
Bald stellte sich heraus, dass sich die Hintermänner und -frauen der Pariser Kandidatur erstmals knapp zwei Wochen vor der Sitzung in Tokio getroffen hatten. Die gross­formatige Glanzbroschü­re war ein Schnellschuss und enthielt Versprechungen, die niemand gegeben hatte und die, das stellte sich bald heraus, auch von niemandem eingelöst wurden. Als das französische Fernsehen, in der Broschüre als WEG-Partner aufgeführt, abwinkte, war die Kandidatur von Paris am Ende.
In der Not erinnerte sich die FEI an die Verlierer von Tokio, die Niederländer. Diese waren bereit und die FEI winkte mit Sponsoreinnahmen aus einem 1990 zwischen der FEI und dem Vermarkter ISL geschlossenen Vertrag. Kein einziger Franken kam von ISL und aus dem OK von Den Haag kam auch wenig Positives. Präsident war, erneut in einer Doppelrolle, der Präsident des niederländischen Pferdesportverbandes, Oki van Nispen, der Sekretär des Verbandes, Jacques van Leeuwen. Zu spät erkannte man: Der eine war nett, aber schwach, der andere arrogant und inkompetent.

Konkurs

Die Organisatoren von Stockholm hatten einige Wochen nach WEG-Ende eine aufwendige Analyse der zwei WEG-Wochen erstellt. Über ein Dutzend Personen kamen zusammen, um die Plus und Minus der Organisation zu bewerten. Dieses Dokument wurde den Niederländern gratis angeboten. Herr van Leeuwen lehnte ab. Unter Druck schuf er, nach dem Vorbild von Stockholm, ein Beratungsgremium. Aber es wurde nie zu einer Sitzung eingeladen. Auf Testanlässe wurde verzichtet. Als Mitarbeiter holte Van Leeuwen, so stellte sich während der Tage in Den Haag heraus, nicht Leute vom erfolgreichen CSI-W ‘s-Hertogenbosch, sondern von den damals kriselnden CSI Amsterdam und CSIO Rotterdam. Am Ende musste das OK von Den Haag Konkurs anmelden. Nach einem halben Jahr konnten die Konkursverwalter eine Dividende von 38 Prozent auszahlen – auch das königliche Haus und die beiden Pressechefs wurden so abgegolten. Einige Monate später kamen zwei weitere Prozente zur Auszahlung. Jacques van Leeuwen trat zurück und verschwand nach England.
Bereits einige Monate vor dem Desaster in Den Haag 1994 hatte die FEI die World Equestrian Games von 1998 an Dublin vergeben. Dies nach Präsentation eines Budgets, das einen Gewinn von 4.5 Millionen Pfund auswies, der an die FEI gehen sollte. Während der zwei Wochen in Den Haag kam der CEO der WEG Dublin 1998 mehrmals in mein Büro im Pressezentrum, um über das Projekt zu diskutieren. Ich wies darauf hin, dass das Sechs-Disziplinen-Programm für Dublin zu gross sei, vor allem, weil in Irland nur gerade Springen und Vielseitigkeit bekannt waren. Die andern vier Disziplinen, Dressur, Fahren, Voltigieren, Distanzreiten, bedeuteten den Iren nichts. Das OK solle doch bei der FEI versuchen, einige der Disziplinen auszulagern. Der CEO wollte davon nichts wissen.
Zwei Jahre später kam die Absage in Raten. Zuerst zog die irische Regierung ihr Angebot einer Subvention zurück. Dann weigerte sich die Royal Dublin Society, den WEG ihre Anlagen in Ballsbridge zur Verfügung zu stellen. Schliesslich zog sich auch der vorgesehene Haupt­sponsor, Nissan, zurück.

Rom übernahm

Die FEI erinnerte sich an die Kandidatur von Rom, das dreimal, für 1990, 1998 und 2002, in den Abstimmungen unterlegen war. Dank der Finanzspritze durch das Monrif- Konglomerat der Monti- Riffeser-Familie konnte der italienische Verband im August 1997 die WEG 1998 übernehmen. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit wurden es äusserst gelungene Spiele, teils im Kleinstadion Flaminio in der Stadt, teils auf den von den Olympischen Spielen von 1960 her bekannten Anlagen in Pratoni del Vivaro. Bereits im Frühjahr 1997 hatte die FEI die vierten World Equestrian ­Games von 2002 an die spanische Provinzstadt Jerez de la Frontera vergeben. Bald wurde dort ein OK etabliert, mit einem CEO. Von den vier Regierungs­ebenen, Staat, Region, Provinz, Stadt, erhielt man die gewünschte Unterstützung. Das OK erhielt die Bewilligung für eine Tombola, mit dem ganzen Gewinn für die WEG. Drei Budgets wurden erstellt: für die Infrastruktur, die Vorbereitungsphase und die zwei Wettkampfwochen. Alles ging nach Plan. Bereits im Jahre 2000 war man bereit, man hätte die WEG in Jerez schon zwei Jahre früher durchführen können.

Krimineller Geldfluss?

Nach Abschluss der Spiele kam die Ernüchterung. Es war kein Geld mehr vorhanden. Viele Rechnungen blieben monatelang unbezahlt. Hatte die lange Vorbereitungszeit dazu geführt, dass die Kontrolle vernachlässigt worden war? Oder wurde das in der Vorbereitungsphase vorhandene Geld unbedacht oder gar kriminell ausgegeben?
Die Rettung der WEG-Idee kam vier Jahre später in Aachen. Diesmal hatte die FEI zugewartet, bis sie die fünften Spiele erst während der Tage von Jerez an den Aachen Laurensberger Rennverein vergab. Die Aachener, seit 1924 Veranstalter des jährlichen CHIO in der ­Soers, erhielten den Zuschlag über die US-amerikanische Kandidatur von Lexington. Die FEI machte aber deutlich, dass Lexington für 2010 eine Vorzugsbehandlung erhielt.
Aachen 2006, als etablierter Grossanlass, war natürlich etwas anderes als die vier vorangegangenen WEG als temporäre Anlässe. Es gab im Vorfeld der Spiele Kritik am FEI-Entscheid. Man wollte einmalige, einzigartige Weltspiele und nicht ein vergrössertes Aachen! Aber genau das erwies sich als Positivum: Eine reibungslos funktionierende Organisation, voll finanziert und in bewährten Anlagen machte die WEG Aachen 2006 zum Erfolgserlebnis. Das Budget betrug rund 40 Millionen Euro, davon 18 für Infrastruktur und 22 für die Abwicklung. Die Bundesregierung steuerte 3.1 Millionen Euro bei, der Bundesstaat Nordrhein-Westfalen 12.9 Euro.
Aachen war mein letzter WEG-Besuch. Dann kam 2010 Lexington, Kentucky, mit, so las und hörte man, nicht tolerierbaren organisatorischen Mängeln und einem beinahe Finanzkollaps. 2014 in Caen in der Normandie hatte, so las man, eine miserable Organisation. Dabei hiess es, bei den Amerikanern basierten die Mängel auf Inkompetenz, bei den Franzosen auf «Laisser-faire».
Nun also Tryon, North ­Carolina, 2018, der Retter nach dem Ausfall aller acht ursprünglichen Kandidaturen (Schweden, Russland, Australien, Marokko, USA Wellington/ Ungarn, Österreich, Kanada).

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 34/2018)

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