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Max E. Ammann
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Standpunkt

Wer war «Chami» und wer ist «Chrige»?

14.05.2019 11:41
von  Max E. Ammann //

In vielen Ländern Europas und auch in den USA werden Vornamen und gelegentlich auch Geschlechtsnamen zu Spitz- oder Kosenamen verkürzt. In den USA ist die Methode fast institutionalisiert worden. William ist Bill und wer ihm näher steht, nennt ihn Billy. Robert ist Bob und auch hier gibt es eine intimere Form, Bobby.

In der Deutschschweiz haben sich die Verniedlichungen seit Jahrhunderten eingebürgert. Am extremsten in Bern, hier gibt es Wortschöpfungen, die ans Absurde grenzen. Ich erinnere mich: Anfangs/Mitte der 70er-Jahre, ich war nach zehn Jahren USA zurück in der Schweiz, erzählte mir Roland von Siebenthal von Äschi, einer Berner Pferdesportpersönlichkeit. Später wurde mir klar, der Betreffende hiess Ernst mit Vornamen. Zur Beantwortung der Doppelfrage im Titel: Chami und Chrige sind die beiden Schweizer Dressurolympiasieger von 1964 und 1976, Henri Chammartin und Christine Stückelberger. Und wer ist Länzu? Das war Ernst Lanz, Bereiter-Unteroffizier und später geschätzter Militarylehrer. Viele der Spitz- oder ­Kosenamen werden schweizweit verwendet: Fred Blaser, Toni Bühler, Gusti ­Fischer, Ruedi Günthardt, Sämi Koechlin. Ueli Lehmann, Noldi Mettler, Koni Streiff, Ali Schwarzenbach, Hans­ueli Schmutz oder Godi Trachsel waren Schweizer Spitzenreiter, die man besser unter diesen Vornamen kannte, und nicht als Alfred, Anton, Gustav, Rudolf, Samuel, Ulrich, Arnold, Konrad, Alfred, Hans­ulrich oder Gottfried.

Von Gabi bis Zabi

Andere Spitz- oder Kosenamen beziehen sich auf den Nachnamen, wie Gabi, Gimi oder Grümpu, oder sind frei erfunden, wie Zabi für den langjährigen Präsidenten des CSIO St. Gallen, Konrad Widmer oder Johnny für Markus Mändli. Die drei erwähnten Gabi, Gimi und Grümpu beziehen sich auf Walter Gabathuler, Alphonse Gemuseus und Willy Grundbacher. Dann haben wir auch noch den Hans. Und da gibt es Variationen: Hansi, Hansli, Housi oder den im Pferdesport bekanntesten: Hasi. Der letzte Kosename gehörte Hans Schwarzenbach, dem erfolgreichsten Schweizer Militaryreiter der 50er-Jahre: 1951 erster ausländischer Sieger in Badminton, 1959 Europameister der Militaryreiter.

«Hansi» statt «Hasi»

Mitte der 70er-Jahre beauftragte mich der «Sport», für ihre Serie «Was sie waren, was sie wurden» ein Porträt über den Militaryreiter Schwarzenbach zu schreiben. Ich nahm mit ihm Kontakt auf und wir trafen uns dreimal zum Lunch, zuerst im Hotel St. Pierre in New York, dann im Baur au Lac in Zürich und zuletzt lud mich Hasi Schwarzenbach nach Bocken ein, den Herrschaftssitz der Familie Schwarzenbach oberhalb Horgen. Als der Beitrag im «Sport» erschien, sah die Seite eindrucksvoll aus. Aber sie ärgerte uns mass­los. Denn der Redaktor oder der Korrektor hatte im Text über ein halbes Dutzend Mal «Hasi» in «Hansi» geändert. Wäre eine solche Korrektur bei der einzigen Erwähnung von «Hasi» erfolgt, hätte man das begriffen und es als falsche Korrektur eines möglichen Schreibfehlers abgetan. Aber gleich sieben- oder achtmal Hasi in Hansi abzuändern? Was haben der Herr Redaktor oder der Herr Korrektor des «Sport» damals dabei gedacht? Bleibt Milo Gmür. Eigentlich kommt Milo von Emil. Aber selbst als der Olym­piareiter von 1956 starb, hiess es in der Todesanzeige Milo Gmür. Wurde er so bei der Geburt regis­triert? (Ein ungewöhnlicher Vorname, der bei den damals weit intoleranten Beamten der Einwohnerkontrolle kaum durchgekommen wäre.) Oder liess er sich amtlich umtaufen?

Petronella, Nicholas, Josephus

Zurück zu den Amerikanern. Da ritten bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal Buddy Brown und Tad Coffin. Der Letztere wurde sogar Military-Olympiasieger. Buddy und Tad stand auch auf dem Identitätsausweis, den wir alle um den Hals trugen. Regis­triert bei der Geburt wurden die beiden als William und Edward. Und Beezie Madden, geborene Patton, heisst in Wirklichkeit Eliza­­beth. 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul waren die Koreaner weniger tolerant als die Kanadier zwölf Jahre zuvor. Sie trugen auf dem Akkreditierungsausweis den bei der Geburt registrierten und im Pass verzeichneten Namen ein. So hiess die niederländische Dressurreiterin Ellen Bontje einige Wochen lang Petronella Bontje. Der englische Springreiter Nick Skelton wurde wieder zum Nicholas Skelton und mein Weltcuppartner vom Dressurweltcup, Joep Bartels, war plötzlich Josephus Bartels.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 19/19)

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