Es war in New York, in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Ich war dabei, den legendären russischen General Alexander Rodzianko zu interviewen – den Olympiareiter von 1912 und Kommandanten einer weissrussischen Einheit im Kampf gegen die Bolschewiken während der russischen Revolution.
Im Vorgespräch erzählte ich dem damals knapp 90- jährigen General, ich hätte kürzlich das US-amerikanische Trainingszentrum in Gladstone besucht und dort mit dem Direktor Franklin Wing gesprochen. Wing, der Olympiareiter von 1948, sei jetzt auch General. Rodzianko schaute mich zweifelnd an und meinte trocken: «Everybody is a general these days.»
An diese Begegnung dachte ich, als wir kürzlich über die Häufung von Grossen Preisen bei internationalen Reitturnieren sprachen. Heute gibt es immer mehr CSIOs oder CSIs, bei denen täglich um GP-Ehren geritten wird – wobei auch die Qualitätsbegriffe Masters, Classic oder Trophy als GP-Bezeichnung gelten, nicht zu vergessen die klassischen Derbys. Um Rodzianko abgewandelt zu zitieren: Jeder CSI-Tag ist Grand Prix-Tag.
Der Drang der Veranstalter nach Grossen Preisen, Masters oder Classics ist nachvollziehbar. Es ist einfacher, einen potenziellen Sponsor zu gewinnen, wenn man ihm einen GP anbieten kann, als nur ein gewöhnliches 30000-Franken-Springen. Aber ist diese Inflation der Grossen Preise nicht kontraproduktiv?
Es sollen hier nicht die guten alten Zeiten beschwört werden, als ein Sieg im Grossen Preis von Rom oder im Hamburger Derby es auf die Titelseiten der Tageszeitungen schaffte. Damals, in den Vorkriegsjahren bis hinein in die fünfziger, ja sechziger Jahre, gab es einen noch übersehbaren internationalen Turnierkalender, in dem die Fixpunkte wie Nizza, Rom, Luzern, Aachen oder Dublin in ihren Turnierwochen keine Konkurrenz anderer Turniere hatten, und wo die Wintermonate praktisch turnierfrei waren.
Heute ist der FEI-Kalender übervoll. Dieses Jahr zum Beispiel teilt sich der CSI Ascona das Wochenende des 22. August mit zehn weiteren internationalen Springveranstaltungen in Europa, darunter Hickstead, San Patrignano und Chantilly – alles Fünfsterne-Turniere – sowie dem CSIO in Bratislawa. Hätte jedes dieser Turniere einen GP-Höhepunkt (bei Hickstead und Bratislawa kommen noch die Nationenpreise dazu), so wäre die Aufnahmekapazität der interessierten Öffentlichkeit bereits am Limit. Bieten einzelne der elf Turniere gleich mehrere Höhepunkte, wird die Verwirrung noch grösser.
Die FEI und einzelne Veranstalter-Gruppierungen haben in der Vergangenheit versucht, durch die Schaffung von Serien etwas Übersicht zu schaffen. Der Weltcup tut dies zweifellos in den Wintermonaten und für einige Jahre setzte die aus Deutschland stammende Riders Tour etwas Akzente. Seit einigen Jahren versucht dies die Global Champions Tour, die Mitte September erstmals in der Schweiz gastieren wird. In den achtziger und neunziger Jahren gab es auch Versuche, einen dem Tennis entlehnten Grand Slam auf die Beine zu stellen, mit vier Grossen Preisen bedeutender Turniere und einem sechs- bis siebenstelligen Bonus für den Gewinn aller vier GP.
Die Grand Slam-Träume scheiterten, zum Teil am Desinteresse der grossen Turniere, teils an den Finanzen; aber auch, weil ein Grand Slam nicht künstlich auf die Beine gestellt werden kann sondern, wie im Tennis, aus der Tradition heraus entstanden sein muss. Im Schosse der FEI dachte man auch an eine Grand Prix-Serie der CSIOs. Aber hier bildete die von der FEI gewollte Heraushebung des Nationenpreises den Hauptwiderstand gegen eine CSIO Grand Prix-Serie.
Die Super League der Nationenpreise, 2003 eingeführt, hat etwas Ordnung in den Sommer-Kalender gebracht. Allerdings sind bereits in der acht Anlässe umfassenden CSIO-Superliga die Unterschiede zwischen den Turnieren in Bezug auf Grösse, Finanzen etc. bedeutender als innerhalb der zwölf Turniere der Westeuropaliga des Weltcups. Bei der Super League kommt dazu, dass mit Spruce Meadows/Calgary der neben Aachen bedeutendste CSIO, abseits steht, währenddem im Weltcup mit Stuttgart, Zürich und Lyon die letzten, vor allem aus Sponsorgründen lange abseits stehenden Grossanlässe dazugestossen sind.
Von den Grossturnieren der frühen Jahre sind Nizza und Luzern verschwunden; Rom und Dublin haben an Bedeutung verloren. Aachen, Calgary, St. Gallen, Rotterdam, La Baule, Hickstead und Barcelona sind heute die Top-Anlässe im CSIO-Kalender. Von den grossen Springderbys des letzten Jahrhunderts bleiben Hamburg und Hickstead bedeutsam – verloren haben La Baule und Eindhoven.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 05/2012)
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