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Max E. Ammann
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Standpunkt

Eine nicht gehaltene Rede

von  Max E. Ammann //

Vor einiger Zeit wurde ich von einem Turnierveranstalter angefragt, beim Apéro vor den Ehrengäs­ten eine Rede zu halten. Nach weiterem Nachdenken kamen dann die Or­ganisatoren zur Erkenntnis, dass die Ehrengäste, vornehmlich Politiker, sich auch ohne vorherige Rede beim VIP-Essen wohlfühlen würden.
Ich hatte mir natürlich Gedanken gemacht, über was ich reden wollte. Ich dachte, dass die prominente VIP-Schar vielleicht die Frage beantwortet haben möchte: Warum gibt es überhaupt diese Springprüfungen, denen die Ehrengäste nach dem Essen ausgesetzt werden würden. Da diese Rede nun nicht gehalten werde musste, beschloss ich, die Gedanken, die ich mir darüber gemacht hatte, für die «PferdeWoche»-Leser zu Papier zu bringen. Der Pferdesport, wie wir ihn heute kennen, mit den Reit- und Fahrturnieren, hat seine Ursprün­ge in den 60er- und 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts – ist also knapp 150 Jahre alt. Dabei kann man drei sehr unter­schiedliche Eltern des heutigen Pferdesportes erkennen: Die Manege­reiterei an den adeligen Höfen des 16. bis 19. Jahrhunderts; die militärische Reiterei seit dem 18. Jahrhundert und die Pferdehalterei des englischen und irischen Land­adels. Grob gesprochen ent­wickelte sich aus der Reiterei der königlichen Höfe vor allem Italiens und Frankreichs, aber auch Deutschlands und Österreichs, die heutige Dressur – aus den Be­dürfnissen der berittenen Armeen die heutige Vielseitigkeit und der Land­adel mit seinem Glauben, das beste und schönste Pferd zu besitzen, gab die Impulse zum Springsport. Allerdings erfolgte die Entwicklung der einzelnen Disziplinen nicht ­pa­rallel und vor allem nicht gleichzeitig. Es war ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzog und eigentlich erst an den Olympischen Spielen von 1912, als erstmals der Pferdesport auf dem Programm stand, eine heute noch gültige Form fand. Wenn man bei dieser Entwicklungsgeschichte des Pferdesports Jahreszahlen verwenden will, wenn auch mit grösster Zurückhaltung, so kann man sich wie folgt festlegen:Springen: 1866/1868 erste Springprüfungen in Paris und Dublin. Dressur: 1873/1874 erste Preisreiten in Bratislava und Wien.Military: 1892 erster grosser Dauerritt Wien-Berlin. 1902 erstes Cham­pionnat du Cheval d’Armes mit der heutigen Drei- Tage-Military-Formel. Vor allem bei den Dauerritten ist anzunehmen, dass die Militärs in Deutschland und Österreich, aber auch in Frankreich, derartige Mara­thonritte schon früher durchführten, allerdings als interne Wettbewerbe ohne die öffentliche Resonanz, wie sie der Ritt von 1892 hervorrief.
Zurück zum Springsport. Seine Urväter sind die 1731 gegründete Royal Dublin Society, die noch heute in Ballsbridge in Dublin alljährlich eine gewaltige Pferdeleistungsschau durchführt sowie die So­ciété Hippique Fran­çaise, 1865 gegründet. In Frankreich wurde ab 1866 ein umfassender Turnierbetrieb aufgezogen, mit re­gionalen Reitturnieren und einem Final der Bes­ten in Paris.
In Irland ging es gemächlicher zu. Die ersten dortigen pferdesportlichen Veranstaltungen waren reine Pferdeschauen, vergleichbar den heutigen Materialprüfungen in Deutsch­land. Erst in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts kam die Idee auf, die Sprungkraft der Pfer­de zu prüfen, und zwar in einem Hochspringen und einem Weitspringen über Einzelhinder­nisse. Springen über Hindernisfolgen kamen erst einige Jahre später. Um 1880/1890 war in Europa und in den USA der Springsport be­reits weit verbreitet. Man weiss von Turnieren – ne­ben den Pionieren Frankreich und Irland – in Deutschland, Öster­reich und den USA. Auch in der Schweiz gab es zu jener Zeit pferde­sportliche Veranstaltungen, so in St. Gallen. Ob diese Anlässe Springprüfungen auf dem Programm hatten, oder als reine Pferde­schauen figurierten, ist unbestimmt.
Zu jener Zeit kristalli­sier­te sich auch das bunte Teilnehmerfeld heraus, das bis zum Ersten Weltkrieg auf Reitturnieren vorherrschte. Es ritten Offiziere in ihren meist farbenprächtigen Uniformen, wohlhabende Herrenreiter und ein paar weitherum bekannte Be­rufsreiter. Die Letzteren hatten ihre eigenen Ställe, ritten aber, vor allem in dem damals populären Hochspringen, die Pferde der Herrenreiter. Ein Herr Mumm war ein sehr prominenter Herrenreiter der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts. Noch heute trinkt man den Champag­ner seiner Firma. Das Turnier von Luzern auf der Halde am See gehörte zu den bedeutendsten Anlässen dieser Jahre.
Nach dem Ersten Welt­krieg änderte sich das Bild radikal. Die Berufsreiter be­schränkten sich auf das Ausbilden; die Herrenreiter wurden immer weniger und die Offiziere kamen nicht mehr aus Eigeninitiative von den Regimentern, sondern aus den damals immer wichtiger werdenden Kavallerieschulen. In vielen von ihnen wurden Sportställe aufgebaut, von Italien bis Irland. Die
grossen Springturniere – Luzern gehörte immer noch dazu – wurden so zu Vergleichsspringen der Kavallerien Europas und Amerikas. Die Schweiz spielte vor allem in den 20er-Jahren mit ihren drei Nationenpreis-Siegen in Dublin eine führende Rolle. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Ka­vallerie in vielen Ländern abge­schafft. 1948, bei den Olympischen Spielen, waren die Rotröcke noch in der Minderzahl. Aber 1956 in Stockholm dominierten bereits die Zivilis­ten. Die Schweiz ent­sandte damals sechs Offiziere und drei Unteroffiziere und war damit eine Ausnahme. Heute sind Uniformierte zur Rarität geworden. Selbst die irische Kavalle­rieschule in den McKee Barracks hat keine Vertreter mehr im internationalen Springsport. Gelegentlich bringt noch ein Carabinieri aus Italien etwas Farbe in das Teilnehmerfeld. Statt dessen ge­hören Amazonen zu jedem Starterfeld. Sie sind seit 1956 olympisch zugelassen und seit 1977 in gemischten Meisterschaften dabei – 2006 bei der WM in Aachen waren drei der
vier Finalisten Frauen.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 7/2012)

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