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Fünfstern-Richterin Katrina Wüst.
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«Der Reiter muss sein Pferd stolz machen»

01.03.2016 13:34
von  Katja Stuppia //

An einem Förderlehrgang am NPZ in Bern gab die deutsche Fünfstern-Richterin Katrina Wüst ihr Wissen den Schweizer Nachwuchsreitern weiter. Im Gespräch wird klar: Die renommierte Richterin macht sich viele Gedanken zur Entwicklung des Dressursports und zur Ausbildung von Pferd und Reiter.

«PferdeWoche»: Katrina Wüst, wie schon im letzten Jahr waren Sie kürzlich in Bern und haben den Schweizer Nachwuchs in einem Förderlehrgang beobachtet. Stellen Sie Fortschritte im Vergleich zum letzten Jahr fest?
Katrina Wüst: Ich kann ja nur über die Altersklassen der Junioren, Ponys und Children reden, und da muss ich sagen, dass sich besonders die Junioren in hohem Masse weiterentwickelt haben. Das Schweizer Ponykader musste den Abgang dieser erfolgreichen Reiter verkraften, doch mit Katarina Scheufele, Renée Stadler und Nerine Niessen sowie Victoria Huet, die an diesem Wochenende nicht dabei war, macht sich eine junge Truppe bereit, die in die Lücke hereinwächst. Meilin Ngovan aus dem letztjährigen Children-Gold-Team hat ihre Mannschaftskameradinnen leider aus Altersgründen verloren.

Woran haben die Schweizer Nachwuchsreiter und ihre Betreuer besonders gut gearbeitet?
Besonders fällt auf, dass die starken und erfahrenen Ex-Ponyreiterinnen wie Naomi Winnewisser, Elena Krattiger und Carlotta Rogerson sich mittlerweile durch grosse reiterliche Routine und gutes technisches Reiten auszeichnen. Zu diesem Trio ist seit letztem Jahr noch Léonie Guerra gestossen, die bereits auf der EM in Vidauban erfolgreich war sowie Stephanie Hartmann mit Aufwärtstrend. Natürlich verdanken alle Reiter ihre verbesserten Leistungen auch der grossen Unterstützung durch ihre Familien in Bezug auf gute, geeignete Pferde sowie dem unermüdlichen Einsatz der sportlichen Beauftragten Heidi Bemelmans, der es gelang, mit Isabell Werth, Helen Langehanenberg und Oliver Oelrich Top-Trainer, mit Eckhart Meyners den «Guru» für einen ausbalancierten Sitz sowie mit Esther Müller eine bekannte Motivationstrainerin für ihre Jugend zu holen. Erst ein Förderungsvertrag für den gesamten Schweizer Nachwuchs durch die UBS, seit dem Jahr 2013 bestehend, hat diese aussergewöhnlichen Lehrgänge möglich gemacht, ohne die eine solche Leistungssteigerung für alle viel schwieriger geworden wäre.

In welchen Bereichen sehen Sie noch Verbesserungspotential?
Woran es letztlich im Detail noch hapert, werden die Turniere in diesem Jahr zeigen, aber Verbesserungen sind immer möglich und sollten angestrebt werden. Stillstand ist Rückschritt, und den wird Heidi Bemelmans nicht zulassen, dafür ist sie viel zu engagiert und motivierend zugleich!

Gute Tipps: Katrina Wüst mit Estelle Wettstein am Förderlehrgang in Bern.

Wenn Sie die Schweiz im Vergleich zu den grossen Dressurnationen wie Deutschland oder Holland betrachten: Was fehlt (noch), um auch international ganz an der Spitze mitreiten zu können?
Die Schweiz hat doch neben einigen erfolgreichen Senioren auch im Nachwuchsbereich schon Reiter, die in ihrer Alters­klasse zur europäischen Spitze zäh­len: Meilin Ngovan, als Sechste auf der Children-Weltrangliste rangiert, Naomi Winnewisser bei den Junioren auf Platz neun und Estelle Wettstein als Zwölfte bei den Jungen Reitern und gleichzeitig 17. im Ranking der U-25 auf Grand-Prix-Niveau. Hier zeigt sich, wie gut seinerzeit die Idee eines eigenen U-25-Kaders war – nur was gefordert wird, wird auch geübt. Das ist auch in Deutschland ein Teil des grossen Erfolgs – wir haben seit vielen Jahren den Piaff-Preis für diese Altersgruppe und viele unserer jetzigen Spitzenreiter hatten dort ihre Anfänge. Und wenn in diesem Jahr die erste EM auf U-25-Niveau stattfindet, ist die Schweiz gerüstet.

Sie gehören zu den renommiertesten Richtern der Welt. Wie oft sitzen Sie denn eigentlich durchschnittlich in den Richterhäuschen pro Jahr?
Manchmal habe ich das Gefühl: zu oft!

Was sehen Sie besonders gern im Viereck und belohnen Sie mit Ihren Noten entsprechend?
Reiten entwickelt sich immer weiter und es wird – zu Recht – zunehmend Wert auf harmonisches, pferdefreundliches Reiten gelegt. Pferde müssen immer den Eindruck machen, dass sie alle Lektionen mit Freude ausführen, nicht nur im Viereck, sondern auch im Training. Deshalb ist das Loben nach einer gelungenen Lektion auch so wichtig, der Reiter muss sein Pferd stolz machen. Darüber hinaus möchte ich technisch gutes und punktgenaues Reiten sehen. Es kann immer mal etwas schiefgehen, aber wenn der Reiter sich ungenau von Punkt zu Punkt mogelt, führt das bei mir nicht gerade zu einer freudigen Benotung.

Welche Bilder mögen Sie nicht?
Generell gar nicht mag ich grobes Reiten auf schlecht ausgebildeten Pferden.

Bemerken Sie bei sich selbst, wo Sie gegenüber den anderen Richtern eher kritischer oder kulanter sind?
Man macht sich immer seine Gedanken, wenn man anders liegt als die Kollegen. Ich habe bei mir festgestellt, dass ich generell etwas strenger bin bei der Qualität und Korrektheit der Grundgangarten  – vielleicht weil ich selbst so viele Pferde hatte – und auch nicht immer die richtigen ...

Welches sind für Sie die wichtigsten Aspekte in der Pferdeausbildung?
Da gibt es kein langes Überlegen: Ein Pferd muss gemäss der Skala der Ausbildung gymnastiziert sein und losgelassen und zufrieden wirken. Nicht langweilig, aber auch nicht in falscher Spannung mit exaltierten Tritten.

Welches sind für Sie die wichtigsten Aspekte in der Ausbildung von Reitern?
Ein Reiter muss von Anfang an Respekt und Demut vor der Persönlichkeit des Pferdes lernen und es sowohl beim Reiten – egal ob Sport oder Freizeit – wie auch im täglichen Umgang seiner Art gerecht und mit Gefühl behandeln. Sicher muss man auch einmal sein Pferd korrigieren, das aber stets mit Augenmass, um danach schnell wieder «Frieden» zu schliessen.

Sie tragen als Richterin eine Verantwortung, sind durch Ihre Arbeit auch an der Entwicklung des Dressursports beteiligt. Wohin soll sich der Dressursport denn in Zukunft bewegen?
Bei aller Kritik am Pferdesport müssen wir zuerst einmal festhalten, dass das Pferd ohne den Sport in unserer Gesellschaft keine grosse Rolle mehr spielen würde, da es seit Jahrzehnten als Kriegs- oder Arbeitstier ausgedient hat. Heutzutage gehen wir ethisch viel korrekter mit dem Pferd um, das heisst ohne Wenn und Aber muss der Tierschutzgedanke eingehalten werden und dafür sind wir als Richter neben Reitern und Trainern verantwortlich.
Wo die Zukunft der Dressur liegt, wage ich nicht vorherzusagen. Es wird sicher nie ein Sport des «höher-schneller-weiter» werden und sicher auch nicht so sexy wie beispielsweise Beach-Volleyball mit Bikini-Schönheiten. Aber man könnte neue Formate finden, um den Tag spannender zu gestalten. Pas de Trois oder Quadrillen kann ich mir allerdings nicht vorstellen, unser Sport lebt zu stark von der Eleganz und Schönheit eines einzelnen Ritts, und das ginge dann unter, wenn mehrere Pferde im Viereck sind.

Wie gestaltet sich der Austausch unter den internationalen Richtern? Gibt es auch eine Art Zusammenarbeit, zum Beispiel mit Schweizer Richtern?
Der Austausch unter den internationalen Richtern ist auf allen Ebenen sehr rege. Schweizer Richter spielen dabei derzeit leider keine Rolle, was schade ist, wenn man an einen Wolfgang Niggli denkt, der den Sport massgeblich geprägt hat, aber auch an die «grossen Alten» wie Mange, Syz, Jaquerod oder in jüngster Zeit an die hoch angesehene Olympiarichterin Béatrice Bürchler-Keller.

Sie selbst ritten international bis Grand Prix. Was hat sich denn im Dressursport seit Ihrer Aktivzeit hauptsächlich verändert?
Die Qualität der Pferde hat sich enorm verbessert und gleichzeitig ist auch das Reiten immer präziser und technisch korrekter geworden.

Sie waren in ihrem ganzen Leben von Reitsport und Pferden umgeben. Was bedeuten sie Ihnen?
Sie bedeuten mir sehr viel: Pferde sind wunderbare, ehrliche Tiere mit herrlichen Augen.

Wie würden Sie sich Ihr Leben ohne Pferde vorstellen?
Es wäre zweifelsfrei ein grosser Verlust für mich, aber ich hätte sicher noch viele andere Ideen, zum Beispiel würde ich gerne in einer Kunstgalerie arbeiten.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 8/2016)

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