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Tiefe Beugesehne abtasten und drücken.
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Lahmheiten erkennen - korrekt handeln

01.03.2011 12:43
von  Gisela Rau //

Pferdebeine sind relativ anfällig für Überlastungen und Verletzungen verschiedenster Art. Unser Special möchte dabei helfen, die wichtigsten möglichen Ursachen für Lahmheiten im Überblick zusammenzufassen und zeigen, wie Sie die Dringlichkeit einer tierärztlichen Untersuchung und Behandlung besser selbst beurteilen können, was Sie unterstützend tun können und welche Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten heute zur Verfügung stehen.
Versuchen Sie als erstes einzuordnen, ob die Lahmheit plötzlich und mit relativ grosser Heftigkeit aufgetreten ist, Folge eines offensichtlichen Traumas ist (Sturz, Schlag, Tritt) oder ob es sich um einen langsam einsetzenden, unklaren Prozess handelt. Danach richtet sich das weitere Vorgehen.

Plötzlich einsetzende, heftige Lahmheiten


Bei plötzlichen starken Lahmheiten gilt der erste Blick stets der Suche nach Verletzungen und/oder Fremdkörpern. Oft ist es wirklich nur der berühmte Stein, der sich zwischen Huf und Hufbeschlag oder in der Strahlfurche eingeklemmt hat und so drückt, dass er heftige Schmerzen beim Auftreten auslöst. Glück gehabt.
Weniger schön ist es schon, wenn sich das Pferd einen Nagel, eine Schraube oder ein Stück Draht in den Huf getreten hat. Dann muss es noch am gleichen Tag dem Tierarzt vorgestellt werden!
Wurde Ihr Pferd kurz zuvor getreten, ist ausgerutscht oder hat sonst einen «Unfall» erlitten, suchen Sie zunächst einmal nach äusserlich sichtbaren Verletzungen. Huftritte sind oft sehr schmerzhaft und rufen zunächst heftige Lahmheit hervor, müssen aber je nach getroffenem Bereich nicht unbedingt dramatisch sein. Wenn Sie keine äussere Verletzung sehen können, bleiben Sie an Ort und Stelle mit dem Pferd stehen, warten etwa fünf Minuten ab und führen es dann vorsichtig ein oder zwei Schritte ­vorwärts. War es «nur» eine schmerzhafte Prellung nach einem Tritt, ist die Lahmheit jetzt schon deutlich besser und Sie können das Pferd nach Hause führen, um es dort weiter zu beobachten und zu behandeln (siehe Erste Hilfe). Besteht die Lahmheit aber nach diesen fünf Minuten unverändert weiter, sollte es keinen Schritt weiter bewegt werden und der Tierarzt muss, wenn ­irgend möglich, an den ­Unglücksort kommen: Ur­sache für die plötzliche schwere Lahmheit kann dann eine Fraktur oder ein Riss der tiefen Beugesehne sein. In solchen Fällen würde jede Bewegung den Schaden weiter verschlimmern!

Schlimme Trittverletzungen durch Rangeleien können durch überlegte Gruppenzusammenstellung vermieden werden.

Finden Sie äussere, blutende Verletzungen, versuchen sie deren Tiefe zu erkennen: Oberflächliche Abschürfungen zum Beispiel am Karpalgelenk  nach einem Sturz müssen nicht dramatisch sein, können aber in Zusammenhang mit Stauchungen und Prellungen trotzdem zu Lahmheiten führen. Solche kleinen Hautwunden können Sie zuhause selbst versorgen (mit klarem Wasser abspülen, Jodsalbe oder Povidonjodlösung da­raufgeben) und in den nächsten Tagen weiter beobachten. Auch kleine Hautwunden können sich später noch infizieren und zu bakteriellem Geschehen unter der Haut führen.
Schlimmer sind klaffende Platzwunden nach Tritten, vor allem wenn sie sich
in Gelenknähe befinden. Hier ist immer die Gefahr gross, dass das Gelenk mitbeschädigt wurde. An solchen Wunden sollte jeder Versuch der eigenen Reinigung und Behandlung unterbleiben. Das Pferd sollte auf jeden Fall noch am gleichen Tag dem Tierarzt gezeigt werden, auch wenn es nicht lahmt, denn tiefe Wunden in Gelenk­nähe können zu einer Infektion des gesamten Gelenkes führen. Gleiches gilt für Verletzungen in Sehnennähe. Alles, was sie
tun dürfen, ist eine solche Wunde mit möglichst ­sterilem Verbandmaterial locker abzudecken, bis der Tierarzt kommt. Jeder gutgemeinte Behandlungsversuch mit Desinfektions- und Wundreinigungsmitteln macht es dem Tierarzt nicht nur schwerer die Wunde zu beurteilen, sondern macht unter Umständen ein Nähen unmöglich. Sollte (was von aussen möglicherweise gar nicht zu sehen ist) das Gelenk eröffnet sein, kann man es durch das Einbringen von beispielsweise Jod sogar komplett zerstören!
Plötzlich auftretende star­ke Lahmheiten können ihre Ursache aber auch in einem zuvor nicht bemerkten Hufabszess haben. Solche Abszesse sind ähnlich schmerzhaft wie vereiterte Zahnwurzeln und rufen entsprechende Reaktionen hervor.

Einteilung nach Lahmheitsgraden
L 1:    Taktstörung
L 2:     leichte Lahmheit
L 3:    deutliche Lahmheit, nicht mehr reitbar, führt zum Beispiel im Distanzsport zwingend zum Ausschluss
L 4:    massive Lahmheit
L 5:    «stocklahm», das Bein wird nicht mehr aufgesetzt

Bei Lahmheitsstärken von L1 und L2 kann der Verlauf der Lahmheit zunächst noch einige wenige Tage weiter beobachtet werden. Bei L3 sollte der Tierarzt je nach den übrigen Begleitumständen für spätestens den nächsten Tag, bei L4 und L5 noch für den gleichen Tag bestellt werden.

Tritt die Lahmheit wenige Tage auf, nachdem das Pferd neu beschlagen wurde, so kann hier die mögliche Ursache liegen. Eine direkte Vernagelung durch den Hufschmied wird es nicht sein, denn diese zeigt sich sofort beim fehlerhaften Einschlagen des Nagels in den sensitiven Bereich der Hufwand durch Zu­rückzucken des Pferdes und sofortige Lahmheit. Neben der direkten Vernagelung gibt es aber auch die sogenannte indirekte Vernagelung, bei der ein oder mehrere Hufnägel so nah an der Wandlederhaut sitzen, dass sie Druck ausüben oder sogar einen Entzündungsprozess auslösen. Finden Sie sonst keine Ursache für die Lahmheit und der letzte Beschlag liegt wenige Tage zurück, sollte neben dem Tierarzt auch der Hufschmied mit hinzu­gezogen werden. Dieser wird bei Verdacht auf eine indirekte Vernagelung die Hufnägel einzeln ziehen, auf Wärme prüfen und zusammen mit dem Tierarzt über das weitere Vorgehen entscheiden. Meist ist die Lahmheit schon verschwunden, sobald der drückende Nagel weg ist und es sind keine Folgeschäden zu befürchten. Seltener treten Lahmheiten auf, wenn der Hufexperte eine starke Veränderung der Huf- und Gliedmassenstellung vorgenommen hat oder den Huf zu stark gekürzt hat. Informieren Sie den Tierarzt deshalb in jedem Fall, wie lange der letzte Beschlag oder die Hufbearbeitung zurückliegen und ob dabei etwas auffallend anders gemacht wurde als sonst üblich.

Langsamer einsetzende, unklare Lahmheiten


Weitaus häufiger als die oben beschriebenen Unfälle und Notfälle sind leichte bis mittelgradige Lahmheiten, die schleichend einsetzen und vom Pferdebesitzer möglicherweise anfangs gar nicht bemerkt werden. Es kann sich um das Anfangsstadium einer degenerativen Knochen- oder Gelenkserkrankung handeln, aber auch um ein Problem im Rückenbereich oder um die Auswirkungen einer Überlastung. Dies herauszufinden, ist eindeutig Aufgabe des Tierarztes. Wichtig für uns als Pferdebesitzer ist nur, die Dringlichkeit richtig einschätzen zu können und dem Tierarzt mitzuteilen, wenn wir aufgrund der Vorgeschichte des Pferdes oder bestimmter Ereignisse in der Vergangenheit einen Verdacht haben, was unserer Meinung nach die Ursache für die Lahmheit sein könnte. Die Diagnose überlassen wir dann aber ihm.

Beugeprobe des Sprunggelenks.

Auf welchem Bein lahmt das Pferd?

Um die Lahmheit besser einschätzen zu können, ist es nützlich, herauszufinden, auf welchem Bein das Pferd überhaupt lahmt. Und das ist gar nicht so einfach. Tierärzte können von so mancher Begebenheit berichten, als besorgte Pferdebesitzer in der Zeit bis zu seinem Eintreffen Huf- und Angussverbände gemacht hatten – leider aber am falschen Bein.
Damit Ihnen das nicht passiert, sollten Sie Ihr Pferd in der Bewegung anschauen. Eines sollte allerdings klar sein: Kein Tierarzt der Welt verlangt von Ihnen eine telefonische Meldung in der Art «Mein Pferd zeigt seit heute morgen vorn links eine Lahmheit dritten Grades, die tiefe Beugesehne ist innen im unteren Bereich heiss», auch wenn ihm dies – vorausgesetzt, es stimmt – natürlich hilft, die Situation besser einzuschätzen. Aber warten Sie mit dem Anruf beim Tierarzt nicht etwa bis Sie endlich nach vielen Stunden und zigfachem Vortraben herausgefunden haben, auf welchem Bein es denn nun lahmt. Ein rechtzeitiger Anruf «Mein Pferd lahmt vorne seit gestern ziemlich stark, ich weiss aber nicht genau wo und woher es kommt» ist im Zweifelsfall immer noch besser als ein verspäteter Anruf, bei dem Sie vielleicht wertvolle Zeit verschenkt haben.
Um also das schmerzende Bein zu lokalisieren (Achtung: Ein Pferd kann auch auf mehreren oder sogar allen Beinen gleichzeitig lahmen.) benötigen Sie am besten einen Helfer, der es zunächst im Schritt auf möglichst ebenem und hartem Untergrund von Ihnen weg- und dann wieder auf Sie zuführt. Bei leichten Lahmheiten wird das Vorführen anschliessend im Trab wiederholt, bei deutlicheren Lahmheiten belässt man es aber besser beim Schritt – spätestens dann, wenn das Pferd einem zeigt, dass Traben ihm unangenehm ist!

Hangbein- und Stützbeinlahmheit

Stützbeinlahmheit:
Ursache ab Karpal- oder Sprunggelenk abwärts. Das Bein schmerzt im Mo-
ment der Gewichtsbelas­tung (wenn es das Gewicht des Pferdes stützt).
Hangbeinlahmheit:
Ursache oberhalb von Karpal- oder Sprunggelenk (viel seltener als Lahmheiten in den unteren Bein­bereichen). Das Bein schmerzt, wenn es nach vorn geführt wird (wenn es «in der Luft hängt»).
Die weitaus meisten Lahmheiten (über 90 Prozent) sind Stützbeinlahmheiten. Das Pferd «fällt» auf das gesunde Bein (und nickt deshalb mit dem Kopf zu dieser Seite), um das schmerzende zu entlasten. Hangbeinlahmheiten sind schwieriger zu erkennen. Die Phase des Vorwärtsführens der Gliedmasse ist verkürzt. Das ungeübte Auge kann eventuell eine Hangbeinlahmheit für eine Stützbeinlahmheit auf der gegenüberliegenden Körperseite halten.

Richtig vorführen

Das Pferd muss auf möglichst ebenem Untergrund, am besten Asphalt, gerade vom Betrachter weg und wieder auf ihn zugeführt werden. Dabei muss der Führstrick so lang gelassen werden, dass der Pferdekopf nicht herumgezogen wird, weil sonst eine ungestörte Bewegung unmöglich wird.

Richtiges Vorführen auf ebenem Untergrund.

Neben dem Vorführen auf der Geraden kann auch die Bewegung auf der Kreisbahn oder in Wendungen aufschlussreich sein. Manche Lahmheiten zeigen sich vor allem als sogenannter Wendeschmerz, wenn sich das Pferd über ein Gelenk drehen muss – bei Schale ist das zum Beispiel deutlich der Fall.
Wenn leichte Lahmheiten oder Taktunreinheiten sich auf hartem Boden verschlechtern kann (muss nicht) dies ein Hinweis
auf knöcherne beziehungsweise Gelenkserkrankungen sein; verschlechtern sie sich bei tiefem, weichem Boden wie zum Beispiel Sand oder unebener, weicher Wiesenboden kann dies ein Hinweis darauf sein, dass die Ursache im Sehnen- oder Bänderapparat oder in knorpeligen Strukturen zu suchen sein könnte.

Wo man hinschaut


Versuchen Sie nicht, alle Beine des Pferdes in der Bewegung gleichzeitig anzuschauen, so viele Informationen kann das Auge gar nicht verfolgen und auswerten. Konzentrieren Sie sich jeweils nur auf ein Detail: Auf den Pferdekopf, wenn das Pferd auf Sie zukommt und auf die Kruppe, wenn es von Ihnen weggeführt wird. Die Seite auf die sich Kopf beziehungsweise eine Kruppenhälfte senken ist bei Stützbeinlahmheiten die des gesunden Beines.
Hangbeinlahmheiten erkennt man hingegen besser bei Betrachtung des Pferdes von der Seite oder auf der Kreisbahn. Da die schmerzende Gliedmasse weniger weit nach vorn geführt wird, erkennt man dies besonders deutlich, wenn sie auf dem Zirkel auf der Aussenseite liegt, weil das Bein hier einen weiteren Weg zurücklegen muss: Bei Schmerzen in der rechten Schulter würde die verkürzte Vorwärtsbewegung des rechten Beins also besonders deutlich, wenn das Pferd linker Hand auf dem Zirkel longiert wird.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 8/2011)

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