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Rätselhaftes Virus: Pferde erkranken plötzlich neurologisch

01.09.2026 09:37
von  Angelika Nido Wälty //

Das bei Rindern zirkulierende Shamonda-like-Virus ist in der Schweiz inzwischen im Hirngewebe von vier verstorbenen Pferden nachgewiesen worden. Gleichzeitig häufen sich Meldungen über Pferde mit neurologischen Symptomen. Manche erholen sich, andere müssen euthanasiert werden. Noch ist jedoch nicht geklärt, ob das Virus tatsächlich die Ursache der beobachteten Erkrankungen ist.

Die 16-jährige, im Springsport aktive Warmblutstute aus der Ostschweiz war am Mittag noch völlig unauffällig. Wenige Stunden später verweigerte sie das Futter und zeigte Muskelzu-ckungen am Bauch. «Bis dahin war sie gesund, topfit und das absolute Herzenspferd unserer Familie», sagt ihre Besitzerin (Name der Redaktion bekannt). Die hinzugezogene Tierärztin vermutete eine Kolik und behandelte entsprechend. Nachdem die Stute wieder Kot abgesetzt hatte, hoffte die Familie kurz auf Entwarnung. 
Doch am nächsten Tag verschlechterte sich der Zustand des Pferdes dramatisch. Die Stute konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, lehnte nur noch an der Boxenwand und war apathisch. Die Tierärztin vermutete nun ein neurologisches Problem und veranlasste die Einweisung in die Pferdeklinik der Universität Zürich. Für den Transport musste der Grosstierrettungsdienst GTRD die Stute in ein Netz stellen. Während der Fahrt verschlechterte sich ihr Zustand weiter, doch gelang es im Tierspital zunächst, das Pferd zu stabilisieren. Am folgenden Tag konnte es sich jedoch nur noch mithilfe eines Netzes auf den Beinen halten und verweigerte Futter und Wasser. Kurz darauf kollabierte die Stute und musste euthanasiert werden. «Keine zwei Tage nach den ersten Anzeichen», berichtet die erschütterte Besitzerin.
Weil die üblichen Blutuntersuchungen keine Erklärung geliefert hatten und das Krankheitsbild zu den aktuell beobachteten neurologischen Fällen passte, stand laut der Besitzerin auch eine Infektion mit dem Shamonda-like-Virus im Raum. Die Familie gab das Pferd zur Obduktion frei. Ob das Virus bei ihrer Stute tatsächlich nachgewiesen werden kann, weiss sie bislang nicht. 

Erstmals bei Pferden in Europa nachgewiesen

Seit Mitte Juli wurden auf der Meldeplattform Equinella aus verschiedenen Regionen der Schweiz – vom Mittelland bis ins Wallis und nach Graubünden – vermehrt Pferde mit ungeklärten zentralnervösen Symptomen gemeldet. Ein Teil davon wurde an den beiden Pferdekliniken der Vetsuisse-Fakultät in Bern und Zürich behandelt, weitere in anderen Pferdepraxen. Eine konsolidierte Gesamtzahl der Fälle liegt nicht vor, da es sich nicht um eine meldepflichtige Krankheit handelt.
Equinella verzeichnet zurzeit über 30 Fälle. Die Meldungen auf dieser Plattform sind freiwillig; sie dient der Überwachung und Früherkennung von nicht-meldepflichtigen Pferdekrankheiten. «Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, da die Fälle nicht immer scharf abgegrenzt werden können. Die Fälle der Kliniken in Bern und Zürich sind ebenfalls auf Equinella erfasst», schreibt die Vetsuisse-Medienstelle auf Anfrage der «PferdeWoche».
Die Suche nach einer Ursache blieb zunächst erfolglos; bekannte infektiöse Erreger konnten ausgeschlossen werden. Inzwischen hat das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) das Shamonda-like-Virus im Hirnmaterial von vier verstorbenen Pferden nachgewiesen. Zuvor war an der Abteilung Neurologische Wissenschaften der Vetsuisse-Fakultät Erbgut des Virus gefunden worden. Es ist das erste Mal, dass in Europa bei Pferden eine Infektion mit einem Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe beschrieben wird.
Der Fund liefert eine mögliche Erklärung für die Häufung neurologischer Erkrankungen. Bewiesen ist der ursächliche Zusammenhang damit aber noch nicht. Auch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hält fest, dass weitere Abklärungen nötig sind, um festzustellen, ob das Virus die beobachteten Symptome verursacht und ob die weiteren gemeldeten Erkrankungen damit zusammenhängen.
Das Virus war in der Schweiz am 31. Juli zunächst bei Rindern mit Fieber, Durchfall und einem Rückgang der Milchleistung nachgewiesen worden, später auch in abortierten Rinder­föten. Orthobunyaviren der Simbu-Serogruppe infizieren hauptsächlich Wiederkäuer, können in seltenen Fällen jedoch auch Pferde betreffen.

Von Apathie bis zu Koordinationsstörungen

Wie die Stute aus der Ostschweiz wirken betroffene Pferde zu Beginn der Erkrankung häufig teilnahmslos, müde und abgeschlagen. Im weiteren Verlauf können ausgeprägte Schläfrigkeit und Koordinationsstörungen hinzukommen. Die Pferde gehen unsicher, schwanken oder können sich kaum noch auf den Beinen halten. Ebenfalls beobachtet wurden Muskelzuckungen und eine übermässige Empfindlichkeit auf Berührungen oder andere Reize. Bei einigen Pferden treten zudem Gleichgewichtsstörungen, eine schiefe Kopfhaltung, unwillkürliche Augenbewegungen oder Schielen auf. 
Der Verlauf ist unterschiedlich: «Bei einem Teil der Pferde scheint die Erkrankung mild zu verlaufen und sich wieder zu bessern. Andere Tiere ent­wickeln jedoch schwere neurologische Symptome», schreibt die Vetsuisse-Medienstelle. In solchen Fällen kann eine Euthanasie erforderlich werden.
Stand Ende August werden sowohl in Bern als auch in Zürich mehrere Pferde mit vergleichbaren Symptomen behandelt. Wie viele Tiere bislang verstorben sind oder euthanasiert werden mussten, können die Universitäten derzeit nicht beziffern, da noch nicht alle pathologischen Untersuchungen abgeschlossen sind.
Zudem lässt sich nicht bei allen erkrankten Pferden ein Zusammenhang mit dem Shamonda-like-Virus herstellen. «Anhand der aktuell verfügbaren diagnos­tischen Resultate kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass die Symptome bei allen Pferden durch das Shamonda-like-Virus verursacht worden sind», hält die Medienstelle fest. Bei einigen Tieren stehen noch Testresultate zu anderen infektiösen Ursachen aus.

Noch keine Diagnose am lebenden Pferd 

Der Virusnachweis mittels molekularer Verfahren ist bislang nur in Hirngewebe verstorbener Pferde gelungen, nicht jedoch in Blut oder Gehirn-Rü-ckenmarks-Flüssigkeit. Eine Diagnose am lebenden Pferd ist deshalb derzeit nicht möglich. Die Vetsuisse-Fakultät arbeitet gemeinsam mit dem IVI daran, die Auswirkungen des Virus und die Krankheitsentstehung beim Pferd besser zu verstehen und Tests zu entwickeln, die künftig auch eine Diagnose am lebenden Tier ermöglichen.
Am 28. August meldete das IVI einen weiteren Befund: Bei mehreren Pferden mit neurologischen Symptomen waren Antikörpertests auf das verwandte Schmallenberg-Virus positiv. Diese Resultate sprechen für eine vorausgegangene Exposition gegenüber einem Virus der Simbu-Serogruppe. Sie beweisen jedoch weder eine Infektion mit dem Shamonda-like-Virus noch, dass dieses die neurologischen Symptome verursacht hat.

Nur symptomatische Behandlung möglich

Eine gezielte Therapie gegen das Virus gibt es derzeit nicht. Erkrankte Pferde können lediglich symptomatisch und unterstützend behandelt werden. Weshalb manche Tiere mild, andere lebensbedrohlich erkranken, ist aufgrund der begrenzten Daten noch unklar. Nach heutigem Wissensstand wird das Virus durch Gnitzen übertragen. Ein konsequenter Schutz vor Insektenstichen kann deshalb dazu beitragen, das Infektionsrisiko zu reduzieren. Vollständig verhindern lässt sich der Kontakt mit den wenige Millimeter grossen, blutsaugenden Mücken jedoch kaum – unabhängig davon, ob Pferde auf der Weide oder in der Box gehalten werden.
Das BLV empfiehlt Pferdehaltern, bei ungewöhnlichen neurologischen Anzeichen rasch zu reagieren: «Pferdehalterinnen und Pferdehalter sollten sich bei ungewöhnlichen neurologischen Symptomen an ihre Tierärztin oder ihren Tierarzt wenden.» Warnzeichen sind insbesondere plötzliche Apathie, Schläfrigkeit, Fressunlust, Muskelzuckungen und ein unsicherer Gang. Denn neurologische Symptome können zahlreiche andere Ursachen haben. Neben dem Shamonda-like-Virus müssen insbesondere bekannte infektiöse Differentialdiagnosen wie das Equine Herpesvirus, das West-Nile-Virus – dessen erster Fall in der Schweiz am 26. August 2026 nachgewiesen wurde – oder die Frühsommer-Meningoenzephalitis berücksichtigt werden. Auch weitere infektiöse und nichtinfektiöse Ursachen kommen infrage. Der Wissensstand entwickelt sich derzeit rasch. Gesicherte neue Erkenntnisse wollen die beteiligten Institutionen über ihre Informationskanäle publizieren.
Für die Besitzerin des verstorbenen Pferdes und ihre Familie bleiben vorerst viele Fragen unbeantwortet. Doch neben wertvollen Erinnerungen hat die Stute ihnen auch ein Fohlen geschenkt – in dem nun ein Teil ihres Herzenspferdes weiterlebt.

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