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Ein Küsschen für die 13-jährige Holsteinerstute Celeste.
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Die Schwyzerin im königlichen Wald

02.08.2017 10:49
von  Peter Wyrsch / Fotos: Erin Cowgill //

Seit ihrem 18. Lebensjahr steht die 32-jährige Schwyzer Springreiterin Nadja Peter Steiner auf eigenen Füssen. Nach der Matura erwarb sie sich drei Jahre Reitkenntnisse beim deutschen Teamolympiasieger und -weltmeister Lars Nieberg. Nach einem einjährigen Abstecher zurück in die Heimat und Stages bei Willi Melliger und Pius Schwizer zog die Amazone der Liebe wegen weiter nach Frankreich. Sieben Jahre lang war sie mit dem Springreiter Julien Gonin in Bourg-en-Bresse liiert, ehe die Lebens­gemeinschaft zerbrach, sie aber in Frankreich blieb. Seit Ende 2014 hat sich Nadja Peter Steiner beim französischen Altmeister Marcel Rozier in Bois-le-Roi einquartiert. Oft reitet die Amazone in Bois-le-Roi im ­«königlichen Wald» bei Fontainebleau aus, wo einst auch Frankreichs Könige zu Pferde sassen.

Peter Steiner ist eine Privilegierte. Geboren in Rüti, aufgewachsen in Eschenbach und Bäch war sie ein umsorgtes Einzelkind von Katharina Steiner. Als Nadja acht Jahre alt war, haben sich ihre Eltern getrennt. «Ich wuchs bei Mami auf. Zu Papi habe ich aber immer noch Kontakt. Mami hat inzwischen wieder geheiratet und heisst jetzt Katharina Peter», erzählt die ­Nationenpreisreiterin, die schon in Calgary, Aachen, Hickstead und Lummen in der Schweizer Equipe startete. «Mamis Mann hat mich vor drei Jahren adoptiert. Ich habe zu Hans ein hervorragendes Verhältnis. Ohne seine und Mamis Unterstützung wä­re ich nie dort, wo ich in meiner Reiterlaufbahn bin. All meine Pferde sind in Familienbesitz. Darauf bin ich sehr stolz. Deshalb konnten wir auch schon Kaufofferten im siebenstelligen Bereich ausschlagen.»

Die neue Liebe

Auch nach ihrer privaten Trennung von Springreiter Gonin wollte Nadja unbedingt in Frankreich bleiben. Sie mag den französischen Lebensstil, das andere Ambiente, die Essenskultur und schätzt die gewonnenen Beziehungen. Besonders mit Nadine Traber, der einstigen Luzerner Elitekaderreiterin und Tochter der Estermann-Sponsorin Maria Traber, verbindet sie eine enge Freundschaft. Die Mutter eines Sohnes wohnt mit ihrem Lebenspartner in der Künstlergemeinde Barbizon im gleichen Departement, das rund zehn Minuten von Nadjas Domizil entfernt ist. Und die «Rookie of the year» 2016 hat inzwischen auch eine neue Liebe gefunden.

Spaziergang mit Saura in den Parkanlagen rund um den Stall Rozier in Bois-le-Rois.

Erneut hat ein französischer Springreiter ihr Herz entflammt. Er heisst Nils Vilain, ist in der Weltrangliste rund 1000 Plätze hinter Nadja klassiert, welche die Top 100 kratzt. Seine resultatmässigen Fortschritte bewies er, motiviert nach den gemeinsamen Ferien Anfang Jahr in Dubai, mit einem zweiten Platz im Zweistern-GP Mitte Mai in Bourg-en-Bresse hinter der Aargauerin Chantal Müller mit deren wieder fitten Schimmelstute U Tabasca.

Selfmade-Woman

Acht Sportpferde sind in Familienbesitz. Die wichtigsten sind Oldenburgerstute Capuera, die Mitglied der siegreichen Schweizer Equipe im Nationenpreis des CSIO Calgary im vergangenen Jahr war, die in Frankreich gezogene Fuchsstute Saura de Fondcombe sowie die Holsteinerstuten Celeste und Cayena, die mit Casall einen berühmten Vater hat. Und viele Vierbeiner der Amazone sind Jagdspezialisten. Capuera klassierte sich im Grossen Jagdspringen in St. Gallen dieses Jahr als Vierte, 2015 war sie Fünfte. Celeste, Vierte letztes Jahr im Grossen Jagdspringen im Gründenmoos und Siebte im GP 2015, fehlte dieses Jahr in der Ostschweiz ebenso wie Cayena. Sie waren für den CSI Hardelot an der Atlantikküste Frankreichs vorgesehen, der eine Woche nach dem CSIO folgte.

 

Ruhepause im eigenen Garten mit Hund Ginger.

Auch Büroarbeiten müssen gewissenhaft erledigt werden.

«Ich mache die Planung und gewähre meinen Pferden auch ausgedehnte Erholungspausen. Ich bin eine Selfmade-Woman und kümmere mich fast um alles. Ich steuere auch meinen Pferde-LKW, kaufe zu Hause und auf Reisen selbst ein, koche häufig selbst und schlafe meist im Pferdeanhänger. Nur meine Buchhaltung macht Mami. Als Treuhänderin ist sie prädestiniert dazu», verrät die äusserst ruhige Nadja, die Wert auf Eigen- und Bodenständigkeit legt und strebsam, aber bescheiden wirkt. «Ich bin passionierte und lernfähige Reiterin, obwohl ich keinen Trainer, sondern nur zwei Pferdepflegerinnen beschäftige. Auch eine Händlerin bin ich nicht. Stolz bin ich auf meinen Rappwallach Avelino, den wir selbst gezüchtet haben. Der Vater ist ­Casall, die Mutter Cayena. Avelino wird behutsam in der Youngster-Tour aufgebaut. Von ihm erhoffe ich mir in Zukunft einiges.»


Trainings mit Roziers und Königsreiter

Ihre Pferde gehören quasi zu ihrer Familie. «Mein Alltag ist mit Reiten ausgefüllt. Da hat es kaum Zeit für Hobbys. Ich konn­te ja mein Hobby zum Beruf machen. Und fühle mich dadurch schon privilegiert. Im sechs Hektaren weiten Espace des mittlerweile 81-jährigen Marcel Rozier, dem Teamolympiasieger von 1976, verfügt die Schwyzerin über eine hervorragende Infrastruktur mit zwei Reithallen, drei Sandaussenplätzen und neuzeitlichen Boxen. «Und über starke und erfahrene Trainingskollegen, bei denen ich vieles abgucken und über alles sprechen kann», ergänzt Nadja.

Mit der elfjährigen Franzosenstute Saura de Fondcombe reüssierte Nadja Peter Steiner im Nationenpreis von Aachen (GER).

Da wären Marcels Söhne Thierry und Philippe, der Mannschafts-olympiasieger 2016 in Rio de Janeiro und Abdelkebir Ouaddar, der Reiter des marokkanischen Königs Mohammed VI. Er fliegt stets erste Klasse und profitiert überall. Mit seinem Quickly de Kreisker ist er vielerorts zum Publikumsliebling avanciert und bestätigte seine reiterlichen Fortschritte auch als erster Marokkaner 2014 an den Weltreiterspielen in der Normandie. Der Chef d’orchestre ist aber immer noch Marcel Rozier, der nicht nur mit Pferden handelt, sondern auch Hindernisse verkauft.

Nadjas Ziele

Nadja wird am 1. Oktober 33-jährig. Zeit, auch ein wenig auf ihre bisherige Karriere zurückzublicken und Gedanken an die Zukunft zu tätigen. Sie feierte schon zahlreiche schöne Erfolge, nicht nur an den Turnieren in Marokko, in Rabat, Tetouan und El Jadida, wo sie seit Jahren einen Lauf hat und stets vorne platziert ist. Sie gewann auch schon Medaillen in sämtlichen Stufen der Schweizer Meis­terschaft: Bronze bei den Junioren, Silber bei den Jungen Reitern und mit Celeste Bronze in der Elite. «Der schönste Erfolg war aber sicherlich der Nationenpreissieg im Vorjahr in Calgary. Wir waren die ersten Schweizer, die am berühmten CSIO in Spruce Meadows siegten. Ich konnte mit Capuera auch ein Resultat zum tollen Triumph beisteuern. Ja, und vielleicht knacke ich bald die Top 100 in der Weltrangliste. Auch Aachen durfte ich kürzlich geniessen. Nun liebäugle ich mit einer Teilnahme in einem internationalen Championat, falls ich mich noch weiter verbessern kann.» Ihr Wunsch erfüllt sich schneller als erwartet. Nach dem gestrigen Rückzug von Werner Muff und seinem erst neunjährigen Daimler, rückt nun Nadja Peter Steiner mit Saura de Fondcombe nach und vertritt die Schweizer Farben an der EM in Göteborg.

Mit dem 14-jährigen Oldenburgerwallach Capuera II 2016 am CSIO Spruce Meadows in Calgary (CAN).

Ihr bisher grösster Triumph: historischer Nationen­preis­sieg in Calgary.

Daheim in Bois-le-Roi wohnt Nadja (noch) alleine in einem gemieteten Haus mit drei Zimmern, ganz in der Nähe zur «Manège» der Roziers. «Da bin ich auch Haus- und Putzfrau», sagt sie lachend. Meistens sei sie aber unterwegs, zu Turnieren, im Camion. «Jährlich lege ich um die 50000 Kilometer zurück. Ich fahre den Laster gerne selbst. Da kann ich über mich, die Pferde und das Leben sinnieren. Und wenn ich daran denke, dass ich einst gar nicht reiten wollte und erst mit 15 Jahren Gefallen an Pferden gefunden habe, muss ich über mich selbst lachen.» Und privat? «Die Liebe ist noch jung und muss weiter reifen. Aber Familie und Kinder sind durchaus einmal ein The­ma.»

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 30/2017)

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