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Die Paradressurreiterin Nicole Geiger.
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Kämpferin mit grossem Herz

21.11.2017 13:22
von  Chantal Kunz //

Nicole Geiger hat als Paradressurreiterin dieses Jahr zwei Bronzemedaillen an der Europameisterschaft in Göteborg (SWE) gewonnen. Ihre Pferde kennt sie seit deren Fohlenalter und ist mit ihnen in einem Pensionsstall in Möhlin zu Hause. Ein grosser Unterschied ist dieser Erfolg im Gegensatz zum ersten Mal nach ihrem Unfall, als sie unbeholfen wieder im Sattel sass. Doch für die 54-Jährige kam nie in Frage, mit dem Reiten aufzuhören. Vor über 29 Jahren kollabierte Nico­le Geiger auf dem Pferd. Als sie am Boden lag und die Augen wieder öffnete, sei ihr bewusst gewesen, dass dieser Sturz ihr Leben verändern würde. Denn sie spürte vom Hals abwärts nichts mehr. «Zum Glück war mein Bekannter dabei, der Zahnarzt ist. Ich sagte nur ‚C4’ und er wusste sofort, dass mein Halswirbel verletzt ist», sagt Nicole Geiger. Sie sei einfach vom Pferd gefallen und blöd gelandet. Dies verursachte eine Luxationsfraktur der Halswirbelsäule, wodurch das Rückenmark gravierend verletzt wurde, was am Anfang zu einer Lähmung ab dem fünften Halswirbel führte. Doch die rasche und kompetente Hilfe vor Ort trug bestimmt zu Geigers Wohl bei. Es folgten viele Wochen im Spital und mehrere Monate der Reha. «Es war schon eine harte Zeit. Aber einen Tag vor dem Unfall erhielt ich meinen neuen Dressursattel und wollte ihn so schnell wie möglich ausprobieren.» So sass Nicole Geiger nach einem halben Jahr wieder auf dem Pferd. Das habe aber nicht viel mit Reiten zu tun gehabt, sagt die 54-Jährige. «Es war nur schon ein Riesenaufwand, bis ich mal auf dem Pferd sass.» Doch sie kämpfte immer weiter und reitet heute an Olympischen Spielen mit.

Nicole Geiger (r.) in Göteborg mit Phal de Lafayette, seinem Besitzer Romuald Kaiser und Teamchef Markus Graf (l.).

Der Unfall veränderte alles

«Irgendwie war für mich immer klar, dass ich weiterhin reiten werde», so Nicole Geiger. Sie habe sich das gar nicht bewusst überlegt, sondern nur da­ran gedacht, wann sie ih­r­en neuen Dressursattel ausprobieren könne. Als sie noch im Spital war, hat Geiger Besuch von Freunden bekommen. Diese sagten ihr, sie wollen nachher noch im Reitsportgeschäft vorbei. «Ich fragte dann, ob sie nicht meinen Sattelgurt, den ich dort reserviert hatte, mitnehmen könnten.» Das sei für ihre Freunde etwas speziell gewesen, da sie zu diesem Zeitpunkt nicht einmal den Alarmknopf am Spitalbett drücken konnte. Doch es hat geklappt und Nicole Geiger sitzt seit Jahren wieder fest im Sattel – trotz ihres Handicaps. «Ich kann Zügel schlecht nachfassen. Meine Finger der linken Hand lassen sich weder öffnen noch spreizen und es fehlt mir links auch an Kraft. Deshalb reite ich nun mit einer speziellen Zügelführung.» Der Sattel müsse auch perfekt passen und bequem sein, sonst seien ihre Muskeln ständig angespannt, was sehr unangenehm sei. Am Anfang ist Geiger im Regelsport gestartet, immer mit Trense, da sie die Zügel der Kandare nicht gut halten konnte. Jetzt reite sie mit der «Para-Equestrian Identity Card», was einiges erleichtert. Es ist erlaubt, individuell nötige Hilfsmittel zu nutzen, wie Spezialzügel, Gerte, Stimmhilfe, Leichtreiten im Trab oder nur Kopfnicken zum Grüssen und so weiter. «Das wissen viele nicht, dass man mit einer solchen Karte im Regelsport gewisse Hilfe nutzen kann», sagt die Aargauerin. So sollten ihrer Meinung nach mehr Leute mit Handicap auf ihre Möglichkeiten aufmerksam gemacht werden. «Bei einer Therapie hat der Physiotherapeut als Letzter einen engeren Kontakt zum Patienten. Er kann ihm dabei aufzeigen, welche Sportarten er noch ausüben könnte, da dies für Patienten manchmal unmöglich erscheint.» Schon jetzt gebe es einige Parareiter. Sogar eine Mannschaft für die grossen Championate könnte gebildet werden. Gemäss Reglement braucht man aber mindestens einen Reiter in einem unteren «Grade». Und diese Reiter verfügen im Moment nicht über die richtigen Mittel, wie Nicole Geiger sagt. Aber es würden sich immer wieder Möglichkeiten öffnen.

Nicole Geiger beim Reiten an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro (BRA).

Den Traumberuf nicht verloren

Ihren Traumberuf als Physiotherapeutin konnte Nicole Geiger die erste Zeit nach dem Unfall nicht mehr ausüben. Sie machte eine Zweitausbildung als Kaufmännische Angestellte in der Futtermittelbranche. Doch dies machte sie nicht wirklich glücklich. So tes­tete Geiger aus, wie viel sie mit ihrem Handicap machen kann. Sie sei damals angefragt worden, ob sie als Physiotherapeutin mit in ein Trainingslager einer Fussballmannschaft gehen wolle. Dort habe sie gemerkt, dass es eben doch das ist, was sie gerne macht. Physiotherapie bedeute nicht nur massieren, sondern man könne viel mit einer guten Analyse, einem Trainingsplan und Übungen erreichen. Deshalb arbeitet Geiger auch gerne mit Reitern in Form von Sitztrainings. Seit einigen Jahren arbeitet sie nun als selbstständige Physiotherapeutin und kann so ihr Patientengut selber wählen. Als Angestellte wäre dies nicht gleich möglich. «Ich schätze die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken. Es ist auch schön zu sehen, dass die Patienten froh sind, wenn ich wieder da bin nach einem Auslandsaufenthalt. Ich liebe meinen Beruf und möchte auch nicht damit aufhören. Auch nicht, um nur noch zu reiten und auch nicht, wenn ich einen Sechser im Lotto hätte.» 

 Nicole Geiger mit ihrem Wallach Phal de Lafayette (oben).

Die reiterlichen Anfänge

Obwohl Nicole Geiger aus einer Nichtreiterfamilie aus Oberwil BL stammt, war sie schon als Schulmädchen mit dem Pferdevirus infiziert. Nur der Grossvater hatte Bezug zu Pferden und hatte daher auch Verständnis für die Pferdenärrin. «Ich ging jeweils mit meiner Nachbarin zum Ponyreiten, doch dies endete oft in einem Sturzflug», erzählt Geiger lachend. Heute weiss sie, dass die Ponys wahrscheinlich gar nicht richtig angeritten waren. «Oft schlich ich mich während der Kirche mit meiner Freundin zu den Ponys und wieder zurück, da wir wuss­ten, wann wir wieder dort sein mussten.» Geiger erzählt, dass sie damals dachte, niemand rieche den Duft der Pferde, aber da habe sie sich wohl getäuscht. Irgendwann merkten die Eltern, dass eine seriöse Ausbildung Sinn macht und finanzierten ihr Reitstund­en. Mit 16 Jahren erwarb sie die Rennlizenz und zwei Jahre später die Trainerlizenz. So hat sie verschiedene Disziplinen des Pferdesports näher kennengelernt. Durch die Hippotherapie, die sie anbietet, hat sie die Arbeit mit Islandpferden kennen- und schätzen gelernt. Und mit der Mutter von Ry de Lafayette habe sie die Vielseitigkeit entdeckt, was ihr sehr zusagte. Es sei halt eben die Königsdisziplin. «Dieses Gefühl, das man dort auf dem Pferd entwickelt und wie stark man als Team mit dem Pferd arbeitet, fasziniert mich wahnsinnig. Der Name Königsdisziplin hat schon einen Grund.» Und nun sei sie in der Dressur gelandet. «Ich ritt sehr gerne den Dressur- und Geländeteil, Springparcours dagegen sind nicht meine Stärke.» Man müss­te viel springen, um ein Auge dafür zu entwickeln, meint die 54-Jährige. «Und das lag mir wirklich nicht, deshalb bleibe ich nun lieber bei der Dressur.» Eine Zeit lang hat Nicole Geiger bei dem Olympiareiter Otto Hofer gearbeitet. Später habe sie in einem Zuchtstall die Stute Rodina getroffen. «Ich fragte den Stallbesitzer, was das für ein Pferd in der ers­ten Boxe sei, es hat mich angewiehert», erzählt Geiger. Der Züchter habe ihr geantwortet, dass dieses Pferd niemanden anwiehere. Aber es war so, auch beim zweiten Mal, als sie vorbeigegangen sei. Dann fragte ich: «Verkaufst du sie? Wie viel willst du?» Die Stute galt eigentlich als «Fegnest» und nicht ganz einfach. Aber sie sei einfach eine sehr starke Stute gewesen, sehr dominant. «Sie hat für mich gekämpft, aber hat nicht mit sich kämpfen lassen.» Sie habe ihr sehr viel beigebracht. Nach dem Rückzug aus dem Sport war die Schweizer Stute bis 24-jährig auf einer Weide in Frankreich. Geiger hat sich nach einer tollen Sportzeit mit Rodina für Nachkommen entschieden. Während dieser Zeit war auch die Stute Lulu de Lafayette bei ihr. Beide Stuten wurden gedeckt und waren dann in einer Herde zum Abfohlen. Die beiden Nachkommen Phal de Lafayette und Ry de Lafayette durften dann bis vierjährig Hengst bleiben und sind sehr robust auf der Hengstweide aufgewachsen. Beide habe sie erst spät angeritten und trotzdem seien sie nun sehr einfach im Umgang und sehr auf den Menschen bezogen. «Ry war schon immer sehr umgänglich. Phal war etwas schwieriger. Er hatte wie seine Mutter etwas Gurtzwang und war schon immer sehr skeptisch, obwohl er noch nie etwas Schlechtes erlebt hat. Da er so sensibel ist,  sattle ich ihn wenn möglich selbst, damit es so abläuft, wie er es kennt», erzählt die Bronzemedaillengewinnerin.

Nicole Geiger vor ihrem Transporter.

Abwechslungsreiche Trainings

«Das Reitenlernen ist ein langer Weg, den man geht, und jeder Abschnitt wird von interessanten Menschen geprägt», sagt Geiger. Nur ein paar Beispiele: Im Rennsport habe sie viele Leute kennengelernt, die ihr viel beigebracht haben, und auch bei den Islandpferden in der Hippotherapie konnte sie viel mitnehmen. «Sehr lange durfte ich mit Georg Wahl arbeiten», sagt sie und bezeichnet ihn als Koryphäe, von der sie viel Wissen mitnehmen durfte. Für ihn sei jedes Pferd gut gewesen und hatte seine Qualitäten, die gefördert werden sollten. Auch Lorenz Rageth und Markus Graf waren Schüler von Wahl und prägen noch heute das Reiten von Nicole Geiger. «Markus Graf ist reiterisch engagiert und hat eine gute Art, das rüberzubringen. Er kann mir sagen, wie ich etwas machen soll, nicht nur, was falsch ist», so die Paradressurreiterin. Der Züchter und Besitzer von Phal, Romuald Kaiser, habe sie in der Vielseitigkeit geprägt. «Ein Leben genügt ja nicht zum richtig Reiten lernen, so genügt auch ein Trainer alleine nicht», so Geiger.  «Wenn ich Gelegenheit habe, in einem anderen Training mitzureiten oder auch zuzuschauen, bin ich dabei, denn ich denke, man kann immer etwas mitnehmen.» Ein Leben genüge ja nicht zum richtig Reiten lernen. Bei ihr sei einfach vieles auf die Saison hin geplant. Das heisst, Geiger muss auch schon lange im Vo­raus den Hufschmied planen. Das Training sei aber vielseitig, die Pferde gehen in die Natur, arbeiten an der Hand oder über kleine Hindernisse. 

In ihrer Sattelkammer bereitet Nicole Geiger alles für ihre Turnierstarts vor.

Europa­meisterschaft

Nicole Geiger hat an der EM in Göteborg (SWE) zwei Bronzemedaillen geholt. Dies sei für sie ein sehr spezielles Erlebnis gewesen. Vor allem auch, da sie vorher wegen einer Ellbogenverletzung ausfiel. Doch auf den letzten Drücker hat alles geklappt, auch dank Unterstützung des ganzen Teams und der Verbände. «Alle haben mitgeholfen, Besitzer, Grooms und Ersatzreiter. Sie haben mitgezogen und mir zugesichert, dass sie die Pferde bis zur EM fit halten.» Aufgrund der Ellenbogenfraktur anfangs Juni sei sie nur ein Selektionsturnier geritten, an dem sie alle Selektionskriterien erfüllte. Aber die anderen beiden Bestätigungsturniere konnte sie nicht mehr reiten. Trotzdem sei sie für die EM nominiert worden. «Dieses Vertrauen der Selektions­kommission und der Swiss Paralympic schätze ich sehr», sagt die 54-Jährige. Sie habe vorab mit Leuten aus dem Stall Mentaltraining gemacht, was ihr nochmal einen richtigen Push gegeben hat. Der Traum einer Medaille stand fest. «Man muss das Bild vor Augen haben. Der Kindergärtner findet das ja schon toll, wenn jemand auf das Podest steigt. Und das Gefühl, das ‘yeeees, ich habe es geschafft’, muss man haben.» Wenn man das nicht mehr könne, sei der Moment da, wo man mit dem Leistungssport aufhören sollte, denkt Geiger. «Wenn ich nicht alles gebe, ist es gegenüber allen, die irgendwie mithelfen, nicht fair. Ich bin froh, dass Phal und ich zwei Medaillen gewonnen haben, denn eine wäre wenig, um sie mit allen, die mitgeholfen haben, zu teilen.» Es müsse bei ihr alles gut organisiert sein und auch den Pferden muss es gut gehen, sonst gehe es nicht, sagt Geiger.  «So bin ich auch den Stallbesitzern, die diesen Hof betreiben und 365 Tage im Jahr bereitstehen, um die Pferde zu betreuen, sehr dankbar.» Der Besitzer und Züchter von Phal unterstütze sie das ganze Jahr über und ist bei den meis­ten Trainings und Turnieren mit dabei. Er hat stets an uns geglaubt und sich wahnsinnig über die zwei Medaillen in Göteborg gefreut. So hat Nicole Geiger ein gutes Team um sich und kann sich auch weiterhin mit ganzem Herzen dem Para­reitsport widmen.

Nicole Geiger bei ihrem Erfolgsritt an der EM in Göteborg mit Phal de Lafayette.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 46/2017)

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