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Die über 50 Pferde umfassende Herde hat auf dem grosszügigen Hof viel Bewegungsfreiheit mit zahlreichen Fress- und Liegemöglichkeiten in verschiedenen offenen Stallungen.
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Punjabs Getreideanbau veränderte ihr Leben

08.01.2019 09:04
von  Katja Stuppia //

Vor 18 Jahren gründeten Claudia Steiger und Christof Zimmerli «Stinah – Stiftung Tiere in Not – Animal Help» und setzen sich insbesondere für Nutztiere ein. Inzwischen leben über 53 Pferde, Schafe, Hühner, Katzen und Hunde auf ihrem Hof in Trasadingen, weitere Tiere sind extern untergebracht. Mit Tierschutz befassen sich die Anwältin und der Jurist aber schon seit Jugendjahren.

Neugierig löst sich die kleine Mila aus der Herde und kommt interessiert näher. Mila ist ein Freibergerfohlen, in Trasadingen auf dem Hof von Claudia Steiger und Christof Zimmerli zur Welt gekommen. Und Mila ist etwas Besonderes. Ihre Mama Shelby nämlich wurde mit Mila tragend aus dem in die Schlagzeilen geratenen «Quälhof» in Hefenhofen gerettet.

Christof Zimmerli und Claudia Steiger setzen sich seit Jahrzehnten für den Tierschutz ein.

Heute leben Mutter und Tochter in der über 50 Pferde umfassenden Herde in Trasadingen. Beiden geht es ausgezeichnet, wie auch allen anderen Pferden, die alle eine traurige Geschichte und bei Claudia Steiger und Chris­tof Zimmerli das Pferdeparadies gefunden haben.

Es begann mit einem Vortrag

Alles begann damit, dass ich in der Schule einen Vortrag über Getreideanbau im Punjab halten musste», erzählt Steiger. Sie habe sich gewissenhaft vorbereitet und sei erstmals bewusst mit Ungerechtigkeiten in der Welt in Berüh­rung gekommen. «Dort angebautes Getrei­de wurde für Tiere nach Europa exportiert, die Menschen dort aber litten Hunger.» Die Schülerin traf einen folgenschweren Entscheid: Sie wurde Vegetarierin. Gleichzeitig begann sie, sich während des Gymnasiums bei einem Tierschutzverein zu engagieren.

Es «funkte» bei der Flughafenpolizei

Claudia Steiger wuchs im Emmental und in Zürich auf und war seit Kindsbeinen den Pferden zugetan, genoss Reitstunden bei Carlo Meier und Christian Steinmann. Während ihres Jurastudiums arbeitete sie als Werkstudentin bei der Zürcher Flughafenpolizei und lernte dort 1988 ihren heutigen Partner Christof Zimmerli kennen. «Über Tierschutz hatte ich mir bis dahin keine ernsthaften Gedanken gemacht, und zu den Pferden kam ich erst durch Claudia», erklärt Christof Zimmerli. Zimmerli, der zuerst einige Semester Architektur studiert hatte und danach ebenfalls ein Studium der Rechtswissenschaften in Angriff nahm, stand bald gemeinsam mit Steiger für Tiere im Einsatz. Durch ihr Studium und das damit erlangte Wissen um die Gesetze und deren ungenügender Vollzug im Bereich des Tierschutzes wurde ihnen mehr und mehr bewusst, dass insbesondere Nutztiere zu wenig Schutz geniessen.

2001: Gründung von «Stinah»


Die beiden entschlossen sich, eine Stiftung zu gründen, um genau hier anzusetzen. Bald aber wurde ihnen klar, dass dies mit wenig finanziellem Background kaum möglich sein würde. «Wir benötigten einige Jahre, bis wir ‘Stinah’ endlich ins Leben rufen konnten», erinnert sich Claudia Steiger. 2001 war es dann so weit. Bereits vorher aber hatte das Paar die ersten geretteten Pferde und Kühe auf Höfen untergebracht und im Jahr 2000 konnten die beiden in Buch gar einen Hof pachten und Teile davon zu einem Offenstall umfunktionieren.

Weitere gerettete Nutztiere geniessen ein schönes Zuhause bei Claudia Steiger und Christof Zimmerli.

Bis zu zwölf Pferden konnten sie dort fortan ein Zuhause bieten. Weil der Hof im Jahr 2007 umstrukturiert werden musste, stand fest: Es muss­te ein neues Zuhause für die Tiere gefunden werden. «Die Suche ging los, und einige Zeit später erfuhren wir über Kollegen von diesem Hof in Trasadingen», erinnert sich Steiger. Im Februar 2008 wurde man handelseinig und nach ersten Umbauarbeiten konnten die Pferde im Juni einziehen.

Hochwasser verwüstete alles

Von Ungemach wurden die Tierschützer aber auch dann nicht verschont. Nach dem Spatenstich für weitere Neu- und Umbauten verwüstete ein Hochwasser im Jahr 2010 alles, mehrere Pferde erlitten als Folge des verschmutzten Wassers eine Kolik, eines starb. Aber Steiger und Zimmerli gaben nicht auf. Zu gross war und ist ihr Antrieb, den geretteten Tieren bestmögliche Bedingungen zu bieten. Bleibt zu sagen, dass die beiden den Hof aus eigenen Mitteln erwarben, umbauten und unterhalten. Wer nun nämlich denkt, dass es einfach ist, Spenden für Pferde zu bekommen, der irrt. Steiger und Zimmerli analysieren dies nüchtern: «Die Menschen sehen Pferde als edle Freizeitpartner oder Sportfreunde. Effektiv sind sie aber Doppelnutztiere: zunächst für Sport und Freizeitbeschäftigung und hernach für die Fleischproduktion. Weil aber die Mehrheit der Bevölkerung eine grosse Dis­tanz zu Pferden hat, erkennen viele nicht, dass das Pferd ein Nutztier ist. Vegetarier und Veganer ohne direkten Pferdebezug, also die meisten, engagieren sich, wenn überhaupt, für Kühe oder Schweine, eben für jene Tiere, die man landläufig als Nutztiere (er)kennt.» Sie jedoch seien der Überzeugung, dass jedes Lebewesen ein Recht auf Leben hat.

Auch während den Wintermonaten ist rund um den Hof für ausreichend Bewegung auf verschiedensten Bodenbeschaffenheiten gesorgt.

In Spitzenzeiten erhielten sie alljährlich bis zu 140 Anfragen und Hinweise, nicht alle Pferde oder Nutztiere konnten und können sie aufnehmen. «Wir  wollen den Geretteten ein gutes Leben bieten und den Menschen eine möglichst artgerechte Haltungsform zeigen. Wenn es uns gelingt, nach und nach eine Veränderung im Denken herbeizuführen, dann haben wir schon viel erreicht.»

Heuanlage für Heimpferde

Die Arbeitstage von Claudia Steiger und Christof Zimmerli sind lang. Beide sind zu 100 Prozent berufstätig. So sind sie bereits um vier Uhr morgens im Stall anzutreffen. Unter vielem anderem füllen sie mit zwei Angestellten und einem Praktikanten täglich 100 (!) Heunetze, was mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Weil viele (ältere) Pferde besondere Bedürfnisse haben und Heu «ad libidum» vor allem für die Freiberger nicht förderlich ist, wird seit Dezember innerhalb einer Crowdfundingaktion Geld für eine automatisierte Heu­fütterungsanlage gesammelt.

Ein erster kleiner Teil der automatisierten Heufütterungsanlage ist bereits eingebaut. Wirklich in Betrieb genommen kann sie erst werden, wenn die gesamte Anlage für alle Pferde realisiert ist.

«Einen grossen Teil haben wir bereits selbst finanziert. Nun sind wir auf Spenden angewiesen, um das letzte Drittel noch zu schaffen», erklärt Claudia Steiger. Bei einer Crowdfundingaktion besonders heikel: Wird das anvisierte Ziel – in diesem Fall 51000 Franken – nicht erreicht, wird das gespendete Geld den Unterstützern zurückgezahlt, die Bittsteller gehen leer aus. Wer Claudia Steiger und Christof Zimmerli bei der Crowdfundingaktion unterstützen möchte, findet hier Informationen und die Möglichkeit, zu spenden:
wemakeit.com/projects/heuanlage-fuer-heimpferde

«Stinah» und ihre Tätigkeiten

Seit 2001 bietet die «Stiftung Tiere in Not – Animal Help (Stinah)» Tieren in Not eine Unterkunft, Betreuung und auch Vermittlung an neue Lebensplätze. Im Fokus steht die Hilfe für Nutztiere wie Hühner, Kühe, Schafe, Schweine und Pferde. Stinah eröffnet gesunden Pferden, denen die Schlachtung droht, wie auch Pferden, die als Opfer von Vernachlässigung oder gar Tierquälerei beschlagnahmt werden müssen, die Möglichkeit auf ein zweites Leben ohne Nutzungsansprüche. www.stinah.ch

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 1/2019)

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