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Überglücklich mit WM-Bronze (v. l.): Andrea Amacher, Sonja Fritschi, Barbara Lissarrague, Equipenchefin Evi Münger.
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Team-Bronze und Einzel-«Leder»

02.09.2014 11:42
von  Sascha P. Dubach //

Das Schweizer Team gewann überraschend an den 15. Weltmeisterschaften der Distanzreiter im Rahmen der WEG in der Normandie die Bronzemedaille hinter Sieger Spanien und Frankreich. Einzelgold eroberte Scheich Hamdan bin Mohammed Al Maktoum aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Barbara Lissarrague verpasste das Podest nur ganz knapp und wurde Vierte. Nur knapp 38 Prozent der Starter haben das Ziel erreicht.

Schwierige Passage: Barbara Lissarrague und Preume de Paute.

Das 1500-Seelen-Dorf Sartilly im Département Manche in der Basse-Normandie, dessen Wappen ein Schimmel ziert, war Austragungsort der Endurance-WM. Manch ein Einwohner des rund fünf Kilometer von der Küste entfernten Touristendörfchens dürfte am vergangenen Donnerstag ziemlich überrascht gewesen sein. Ein Tross von Begleitfahrzeugen, Bussen, Polizisten, Helfern, vielen Zuschauern, Grooms, insgesamt 166 Reiter aus 46 Nationen und noch viele mehr «überfielen» quasi im Morgengrauen ihr beschauliches Dorf. Noch nie nahmen an einer WM so viele Reiter aus unterschiedlichen Nationen teil. An den Weltreiterspielen 2010 in den USA waren es zum Vergleich noch 108 Paare aus 21 Ländern. Die Grenze des Bewältigbaren ist erreicht, für die Zukunft müssen auch hier Veränderungen gemacht werden.
Die Strecke, aufgeteilt in fünf Schlaufen mit 38, 36, 32, 33 und 21 Kilometern, realisierte der Franzose Jean-Louis Leclerc. Der Endurance-Spezialist, der auch immer wieder das Schweizer Team trainiert, konzipierte eine sehr anspruchsvolle und vor allem technische Strecke. Kein «Renner-Parcours» für die Speed-Spezialisten, vorzugsweise aus Nahost, sondern ein Kurs, der Köpfchen und grosses Einfühlungsvermögen für das Pferd verlangte. Wechselnde Bodenverhältnisse – Asphalt, Kies, Sand, Lehm, Schlamm, Gras – sowie viele Richtungswechsel verlangten eine hohe Konzentration.
Zu Schaffen machte den Organisatoren aber vor allem der viele Regen in den Wochen und Tagen vor dem grossen Rennen. «Das Groom-Village stand beispielsweise komplett unter Wasser», erzählte Equipenchefin Evi Münger. Die Bodenverhältnisse unterwegs waren zu Beginn sehr sumpfig und klebrig, was vor allem die Hufschmiede beschäftigte und schon früh zu unschönen Bildern und vielen Ausfällen führte, da einmal mehr zu schnell – und eben teilweise auch ohne Köpfchen – geritten wurde. Um Punkt 7 Uhr in der Früh starteten die Teilnehmer bei leichtem Regen in ihr Abenteuer, begleitetet von bereits hunderten anwesenden Fans entlang der Rails im Start-/Zielgelände. Die Schweizer Team-Order war klar. Vorneweg Barbara Lissarrague mit ihrer elfjährigen Schimmel-Stute Preume de Paute, dahinter sollten die weiteren Reiterinnen quasi die Teamwertung absichern.

Andrea Amacher mit Rustik und Sonja Fritschi mit Okkarina d’Alsace trugen zur Bronzemedaille bei.

Horrorunfall

Bereits beim Start kam es zu Stürzen und reiterlosen Pferden. Einen Horrorunfall erlebte dabei Claudia Romero Chacon aus Costa Rica mit ihrem zwölfjährigen Wallach Dorado. Scheinbar stolperte er kurz vor dem ersten Betreuerpunkt in einem Waldstück derart unglücklich, dass er kopfvoran in einen Baum prallte und seine Reiterin unter sich begrub. Der Vierbeiner war – vermutlich durch einen Genickbruch – auf der Stelle tot, die Reiterin schwer verletzt. Als einer der Ersten war der Schweizer Hufschmied Philippe Bertholet zur Stelle und leistete Erste Hilfe. «Wir mussten das Pferd auf die Seite ziehen, damit wir die Reiterin bergen konnten. So etwas zu erleben, ist nicht einfach; ganz, ganz schwer zu verdauen.» Die Ambulanz konnte ebenfalls nicht optimal zur Unfallstelle fahren. Die Reiterin selbst dann aber doch gleich in das Spital überführt werden, wo nebst Prellungen und Schürfwunden der Bruch des Handgelenkes festgestellt wurde.

Podest der WM-Einzelwertung (v. l.): Marijke Visser (NED, Silber), Scheich Hamdan bin Mohammed Al Maktoum (VAE, Gold) und Abdulrahman Saad Al Sulaiteen (KAT, Bronze).

Verheissungsvoller Start

Das erste Vet-Gate passierten alle fünf Schweizer Pferde, auch Sharimo von Sandra Bechter. Doch die Aargauerin gab danach auf. Was war passiert? «Auf der ersten Schlaufe hat Sharimo unglücklich ein Eisen verloren. Bis jemand vor Ort war und es wieder aufnageln konnte, verging enorm viel Zeit. Aufgrund des grossen Rückstandes nach der bestandenen Veterinärkontrolle, habe ich beschlossen zugunsten meines Pferdes zurückzuziehen. Angesichts der Zeitlimite, sie war noch bei 15 km/h, hätte ich mit einem derart hohen Tempo weiterreiten müssen. Das konnte und wollte ich nicht verantworten», meinte Bechter zwar enttäuscht, dem vierbeinigen Partner gegenüber aber erleichtert. Pech hatte auch die 48-jährige, in der Nähe von Bordeaux (FRA) lebende Barbara Lissarrague. Bei etwa der Hälfte der zweiten Schlaufe rutschte ihr Pferd in einer Linksabbiegung derart unglücklich aus, dass es stürzte und Barbara auf den harten Asphaltboden knallte. Dem Vierbeiner passierte bis auf eine kleine Schürfwunde nichts, die taffe Reiterin stand auf, ging ein paar Schritte, schwang sich in den Sattel und ritt weiter, als ob nichts passiert wäre. Nach bestandener zweiter Vet-Kontrolle nahm sich ihr dann Edmond Pradervand an. Der Arzt der Schweizer Delegation diagnostizierte mindestens eine heftige Rippenprellung: «Ich denke sogar, die Rippen sind gebrochen.» Lissarague dachte aber nicht ans Aufgeben. Mit erlaubten Schmerzmitteln und «auf die Zähne beissen» ritt sie auf die dritte Schlaufe.
Auf diese durfte der 17-jährige Jannik mit seiner Reiterin Veronika Münger nicht mehr. Auch er verlor ein Eisen und lief im Re-Check dann lahm und wurde entsprechend eliminiert. Dieses Verdikt geschah bei vielen Pferden, schon früh wurden zahlreiche Eliminationen gemeldet. Auch Okkarina d’Alsace von Sonja Fritschi erhielt einen neuen «Turnschuh» aufgenagelt; gemeinsam mit Rustik d’Alsace und seiner Reiterin Andrea Amacher ging es auf die dritte Schlaufe.

Überlegen zu Gold vor toller Kulisse: Scheich Hamdan bin Mohammed Al Maktoum (VAE).

Schritt vorwärts

Erstmals funktionierte an einer WM die Übertragung der GPS-Signale der einzelnen Paare. So hatten die zahlreich im Vet-Gate erschienenen Zuschauer stets die Übersicht, welches Paar an welcher Stelle ritt und klassiert war. Zudem wurde das gesamte Rennen im Fernsehen übertragen. Bilder aus dem Helikopter lieferten spektakuläre Ansichten über die gesamte Strecke. Was hingegen nicht funktionierte, war die Darstellung des Team-Klassementes. In Zeiten von Olympischen Spielen in hunderten von komplizierten «Timing»-Sportarten sollte man dies eigentlich mittlerweile auch beim Distanzreiten erwarten.
Sehr zur Freude der Reiter standen viele hunderte Zuschauer in den Dörfchen, am Strand und an den Wegen Spalier und feuerten die Athleten an. Endlich kam das lange ersehnte Tour-de-France-Feeling auf, welches beispielsweise in Kentucky vor vier Jahren so vermisst wurde. Denn da fand das Rennen auf Privatgrund quasi unter Auschluss der Öffentlichkeit statt.

Einzel-Silber und den «Best-Condition»-Preis erhielt die Holländerin Marijke Visser.

Nur neun Sekunden

Lissarrague schob sich trotz Handicap stetig nach vorne. Von Rang zehn auf fünf und vor der letzten, 21 Kilometer langen Etappe gar auf die vier – knapp hinter dem Bronzeplatz. An der Spitze setzte sich Scheich Hamdan bin Mohammed Al Maktoum mit der 15-jährigen Stute Yamamah ab. Mit der Araber-«Dame» wurde Rashid Dalmook Al Maktoum vor zwei Jahren noch Zweiter an der WM in Grossbritannien. Nach einer Gesamt-reitzeit von 8 Stunden, 8 Minuten und 28 Sekunden überquerte der «Emiratie» die Ziellinie und feierte seine erste Goldmedaille. Der Juniorenweltmeister von 2001 ist nun der Dritte in der Familie Al Maktoum, der einen Einzeltitel gewann. 2002 war sein Bruder Ahmed in Jerez erfolgreich, 2010 gewann Vater Mohammed – Herrscher von Dubai und Vizepräsident der Vereinigten Arabischen Emirate – in Euston Park in Grossbritannien.
Mit knapp elf Minuten Abstand eroberte die Holländerin Marijke Visser mit Laiza de Jalima die Silbermedaille. Die zehnjährige Araber-Stute gewann zudem den prestigeträchtigen Titel «Best Condition». Um den Bronzeplatz wurde es nun ganz spannend. Abdulrahman Saad Al Sulaiteen aus Katar ritt mit Koheilan Kincso kurz vor Lissarague in Richtung Ziel. Die Pace war nicht mehr hoch, sein Pferd müde – so stieg er ab und lief einen Teil der Strecke neben seinem Pferd. Er bat Lissarague zu warten, um gemeinsam zum Ziel zu reiten. Eine nicht selten vorkommende Konstellation im Distanzreit­sport. Die Schweizerin willigte ein – der Katari schwang sich später wieder in den Sattel und preschte los, Barbara gezeichnet von ihren Rippenschmerzen, konnte kaum mehr folgen – im Ziel trennte sie dann nur läppische neun Sekunden zur Bronzemedaille. Was für eine Enttäuschung, «nur» Leder. «Bei meinem Sturz habe ich sicher vier, fünf Minuten verloren», so die Weltmeisterin von 2004 – damals noch unter französischer Flagge. «Das Rennen begann schnell, sehr schnell. Es ist einer der schwierigsten Strecken, die ich je geritten bin. Meine Stute ist sehr stark und intelligent», meinte sie im Ziel. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war der aktuelle Stand in der Teamwertung. Erst als es schon eindunkelte und auch Sonja Fritschi und Andrea Amacher nach 160 Kilometer die Schluss­kontrolle bestanden hatten, stand fest, was im Vorfeld niemand für möglich gehalten hatte. Das Schweizer Team gewann die Bronzemedaille. Dank intelligenter Taktik sicherten sie sich ein Dreier-Team im Ziel. Dies gelang ausser der Schweiz nämlich nur noch den Spaniern, die verdient die Goldmedaille gewannen und Frankreich, die sich über Silber freuten.
Die Schweiz ist eben doch eine «Endurance-Nation». Nach Team-Bronze 1996 in den USA – damals noch auf geliehenen Pferden – und Silber 2006 in Aachen ist dies die dritte Teammedaille an Weltmeisterschaften. Dazu gesellen sich zahlreiche EM-Medaillen.
Andrea Amacher, die am Schluss den 26. Rang belegte, meinte zur Strecke: «Die Gegend ist genial, zwischendurch konnte man es schon geniessen – inklusive Blick auf den berühmten Mont-Saint-Michel. Es war aber auch sehr anstrengend.» Und Sonja Fritschi, 25. im Endklassement, meinte: «Man musste den Kopf schon sehr bei der Sache haben. Wir haben hier auch als Team gewonnen, die Stimmung war während der ganzen Zeit perfekt. Die Grooms der beiden ausgefallenen Reiterinnen haben sich sofort auch um uns gekümmert.»
Von den 166 gestarteten Paaren kamen nur deren 38 in die Endwertung. Eine hohe Ausfallquote, die aber auch auf die strikte Reglementsauslegung der verantwortlichen Veterinäre und der technisch äusserst anspruchsvollen Strecke zurückzuführen ist. Der FEI ist ein grosser Schritt in puncto Verbesserung der Bedingungen gelungen. So wurden Regeln, beispielsweise die Anzahl Betreuer im Vet-Gate, rigoroser als auch schon umgesetzt, ebenfalls gab es in sensiblen Bereichen erstmals eine Kameraüberwachung. Sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Noch gibt es aber viel, sehr viel zu tun, um das Renommee der Endurance zu steigern respektive wieder herzustellen.

20000 bei der Siegerehrung

Vor Ort in Sartilly – rund eine Autofahrstunde von Caen entfernt – wurde unmittelbar nach dem Zieleinritt eine sogenannte «Flower-Zermonie» abgehalten. Die richtige Siegerehrung fand dann tags darauf im Hauptstadion in Caen in der Pause der Dressur-Kür vor 20000 Zuschauern statt. Diese applaudierten kräftig und zwar für alle Athleten. Alle? Nein, nicht ganz – aufgrund der teils generell katastrophalen Organisation schaffte es ein Teil der Spanier nicht rechtzeitig ins Stadion und so stand am Schluss nur ein einziger Reiter auf dem Teampodest.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 35/2014)

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