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Shona Roth, Luk und Simone Jäiser.
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Voltigieren als hilfreiche Therapie

10.05.2016 15:46
von  Peter Wyrsch //

Shona Roth hat einen seltenen Vornamen und leidet an einer seltenen Krankheit. Das zwölfjährige Mädchen aus Ganterschwil im Toggenburg leidet seit frühester Kindheit am ADHS-Syndrom, einem Aufmerksamkeitsdefizit und einer Hyperaktivitätsstörung. Seit sieben Jahren ist die äusserst bewegliche Shona begeistertes und aktives Mitglied bei der Voltige-gruppe Bazenheid, investiert viel Zeit in ihren Lieblingssport und startet dieses Jahr auch im Einzel. Welch ein Glücksfall für Shona, dass sie einen Tag mit der Schweizer Voltige-Königin Simone Jäiser in Bietenholz verbringen durfte.

S­­chon kurz vor neun Uhr erwartete die nach ihrem Weltcupsieg in Dortmund zurückgetretene Simone Jäiser das Nachwuchstalent. Die Europameisterin von 2015 und WM-Dritte von 2014 hat ihre Aktivkarriere Mitte März auf dem Höhepunkt beendet. Den Rücken hat sie ihrem geliebten Sport aber nicht gekehrt. «Ich habe nur die Seiten gewechselt. Über 15 Jahre war ich Spitzensportlerin, nun bin ich aus­schliesslich Trainerin und Longenführerin.»

Seit ihrem vierten Lebensjahr hat die Zürcherin auf Pferden geturnt. Ab der Jahrhundertwende startete die ehemalige WM-Zweite mit St. Gallens Gruppe (2004) auch als Einzelvoltigiererin. Seit 2010 nahm sie an internationalen Wettkämpfen teil und hat sich nach zahlreichen Ehrenplätzen hochgedient. Medaillen rückten immer näher und wurden schliesslich Wirklichkeit. «In den letzten zwei Jahren habe ich meine grössten Ziele erreicht. Auf dem Zenit höre ich als Aktive auf. Am 24. Oktober werde ich 29-jährig. Ich werde nicht jünger und die jungen Voltis drängen nach. Wenn ich dabeigeblieben wäre, hätte ich noch vermehrt üben müssen und wäre vielleicht von der Spitze verdrängt worden.»

Stress am Arbeitsplatz

In Zukunft wird die gelernte Kauffrau vermehrt im Büro des Pferdetransportunternehmens Aebi/ Jäiser sitzen und sowohl die Buchhaltung der Interhorse AG als auch des Voltigereitstalls in Bietenholz führen. Aber auch als Trainerin wird sie weiterhin aktiv bleiben. «Ich bilde Einzelvoltis aus und betreue ein eigenes Junioren-Team.» Mit diesem war sie am Wochenende vor Shonas Besuch in Holland an einem Turnier und führte ihre Junioren-Gruppe auf Platz drei.

Eine leichte Übung für Shona: Die Fahne führt sie «zum Aufwärmen» auf Luk aus.

Vor dem Training putzen die Mädchen gemeinsam Voltigepferd Luk.

In der Montagnacht war sie aus Holland zurückgekehrt und fuhr am gleichen Tag und nach wenigen Stunden Schlaf gleich nach Ungarn weiter. Sie hatte einen Pferdetransporter abzuholen. «Ein Weg war eine Zehn-Stunden-Fahrt», gibt sie etwas müde preis. «Aber Geschäft ist Geschäft. Von etwas müssen wir auch leben. Vom Voltigieren können wir dies nicht.»

Simone hat ihre Mutter, die erfahrene Longenführerin Rita Blieske, als Ausbildnerin angestellt. Von ihr wird sie noch einiges abgucken können. Rita Blieske hatte seinerzeit den Voltige-Club Harlekin gegründet, der inzwischen über 100 Voltis umfasst, und im März aus Freudwil nach Bietenholz disloziert ist.

Voltige ist Sucht

Shona staunt ob den ehrlichen, offenen Worte der extrovertierten Zürcherin. Die nur 157 cm kleine Simone, die Lebenspartnerin des Pferdetransportun­ternehmers Markus Aebi, verrät der neugierigen Nachwuchsvoltigierin einiges über ihren gebliebten Sport. «Du musst immer Ziele vor Augen haben, fleissig üben, kräftig und beweglich sein. Sprünge brauchen allerdings wenig Kraft. Entscheidend ist die Technik und die Balance. Voltigieren ist nicht nur Kinderturnen, sondern für viele ein idealer Einstieg zum Reiten und zum Bezug zu Pferden. Für mich ist Voltigieren eine Sucht. Freude pur. Reich wird man dabei nie. Das höchste Preisgeld bekam ich einmal an einem Wettkampf in Doha/Katar. 1000 Euro betrug die Summe. Da habe ich fast ungläubig die Augen gerieben.»

500 Euro netto für Weltcupsieg

Als weiteres Beispiel sei aufgeführt, wie wenig Voltigierer für internationale Spitzenleistungen erhalten: Simone Jäiser blieben für ihren Weltcupsieg im März in Dortmund netto um die 500 Franken. Das verdient ein Springreiter als Platzierter in nationalen Prüfungen – und dies nicht einmal als Sieger. Wer voltigiert, hat nicht Zahlen vor Augen, sondern Spass mit Pferden, Freude an Gymnastik und Bewegungen. Und wer Ziele vor Augen hat, muss Geduld aufbringen und Zeit investieren. Ohne Fleiss kein Preis – auch im Voltigieren – das nicht Zirkus, sondern echter Spitzensport ist, wenn Sprünge und Figuren auf dem galoppierenden Pferd in Perfektion dargeboten werden.

Shona wie Jurymitglied

Shona hört aufmerksam zu. Die Ausführungen scheint die Sechstklässlerin, die ab dem Sommer die Oberstufe in Bütschwil besuchen wird, aufzusaugen. Simone ist Shonas Vorbild. Ihren seltenen Namen trägt sie wegen Shona Fraser. Mama Manuela, angehende Voltige-Trainerausbildnerin, und Papa Roth, Karosseriespengler im thurgauischen Rickenbach bei Wil, waren sich lange uneinig, wie sie ihre Tochter zwei Jahre nach der Geburt von Sohnemann Sandro taufen sollten. Mama Manuela erzählt: «Michelle stand lange zuoberst auf der Wunschliste, bis wir einmal im TV auf die RTL-Talent-Show <DSDS> (Deutschland sucht den Superstar) zappten. Da sass eine gewisse Shona Fraser in der Jury. Ihr Name gefiel uns auf Anhieb. So sollte unsere Tochter heissen.»

Voltigieren empfohlen

Shona zeigte mit Beginn ihrer Kindheit Verhaltens­auffälligkeiten. Sie hat Probleme mit der Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Lernschwierigkeiten. «Sie ist hyperaktiv von klein auf», bemerkt ihre Mutter. Da riet ihr eine Fachkraft zum Voltigieren, da das Mädchen Tiere mochte, stets voller Tatendrang und immer am Turnen war. «Wir meldeten Shona bei der Voltige-gruppe Bazenheid an. Da war sie von Beginn weg in ihrem Element. Sie hat viel Energie und ist äusserst beweglich. Wir haben sogar einen Bock zu Hause im Garten. Die Therapie hat geholfen. Shona ist in ihrem Element und kontrollierbarer geworden.»

Danke Luk! Loben nach dem gelungenen Training ist selbstverständlich und wird ausgiebig gemacht.

Shona bekommt zur Erinnerung einen Flots vom Weltcupturnier in München geschenkt.

Beim Aufwärmen in der Reithalle unterhält die anhängliche Katze aus dem Stall Fuchs die Mädchen aufs Beste.

Das Warmlaufen vor der Trainingssequenz auf dem Pferd gehört immer dazu.

Ziel einer Behandlung von ADHS ist, das individuell vorhandene Potenzial auszuschöpfen und soziale Fähigkeiten auszubauen. Und siehe da: Der Tag mit Simone Jäiser im Stall Fuchs in Bietenholz erfüllte die Zielsetzung. Sofort gliederte sich Shona in die kleine Gruppe mit den Einzelvoltis Marina Mohar (19) aus Gutenswil und Sarah Linder (17) aus Madetswil ein. Beide gehören dem Voltige-Club Harlekin an, den Simone Jäiser und ihre Mama, Rita Blieske, umsichtig und seit Jahren führen. Marina und Sarah standen als Juniorinnen schon auf dem Treppchen der Schweizer Meis­terschaften. Marina besucht in Zürich eine Sportschule und strebt einen KV-Abschluss an. Beide trainieren regelmässig am Mittwochmorgen mit Simone Jäiser – und diesmal auch mit Shona Roth.

Training mit Luk

Ihr Pferd ist Luk, das in Deutschland gezogene Voltige-Klassepferd von Simone Jäiser. «Er ist noch nicht in den Ruhestand getreten. Er ist erst 13-jährig und hat noch einige Aktivjahre vor sich», wirft Simone ein, während Shona den zuverlässigen Fuchs für das Training vorbereitet. Sie läuft sich im Trainingsanzug mit dem Weltcupsieger und Europa­meis­ter warm. Die Teenies turnen sich auf einer Matte über dem Sandboden in der Halle ein. Es wird gedehnt und gestreckt. Der Spagat ist auch bei Shona kein Problem. Sie sprüht vor Tatendrang.

Grosses Talent

Die spezielle Lektion beginnt. Simone führt Luk an der Longe. Die erfahrenen Voltis sind zuerst an der Reihe, Shona danach. Sie springt auf, richtet sich auf, sitzt ruhig. Fahne, Flanke, kein Problem. Simones Kommandos und Kommentare folgen: «Streck die Arme. Die Fahne muss vorne tiefer sein. Leg mehr Gewicht auf die Füsse beim Stehen und lande auf den Fussballen.» Shona hört genau zu und setzt um. Die Longenführerin lobt: «Shona ist für ihr Alter schon weit und hat grosses Talent und viel Freude. Sie hat ihren Körper gut im Griff, muss aber noch ihre Haltung verbessern und den Körper mehr spannen. Sie ist beweglich und mit viel Fleiss ist für sie in Zukunft vieles möglich.»

Lobesworte, die Shona gerne hört und die ihr Selbstvertrauen stärken. «Ich habe in der kurzen Zeit einiges gelernt und von den Anweisungen profitiert. Simone hat mir einiges verständlich erklärt. Ich werde üben, üben und üben und versuche, die Anregungen umzusetzen.»

15 Voltigepferde

Nach einer Stallvisite und Besichtigung der Boxen, in der nicht weniger als 15 Voltigepferde hausen, wurde Shona nach dem gemeinsamen Mittagessen, mit Fleischspiessli, Gemüserisotto und Salat, von Simone nochmals belohnt. Sie durfte einen Flot von einem Weltcupturnier aussuchen, der in ihrem Mädchenzimmer sicherlich einen Ehrenplatz finden wird. Kein Zweifel: Der Jokertag, den Shona von der Schule einzog, hat sich gelohnt. Und Simone durfte sich auch für die engagierte und talentierte Schülerin gefreut haben, die ihr als Dank ein nettes Briefli schrieb und «Schöggeli» überreichte.

Mit Simone Jäisers Hilfe klappt das Stehen auf dem Pferd plötzlich bestens – sichtbarer Erfolg nach der Trainingsstunde in Bietenholz.

Simone Jäiser zeigt Shona ihre beeindruckende Medaillensammlung.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 18/2016)

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