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Eine Altersweide wird oft in Betracht gezogen.
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Wenn der Abschied naht

13.06.2017 14:18
von  Heidy Dietiker //

Auch bei guter Pflege kommt irgendwann der Tag, an dem wir über den Tod unseres geliebten Pferdes entscheiden müssen. Der Entschluss, ein Tier einzuschläfern, fällt uns schwer. Den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, ist noch schwieriger. Wer sein Pferd liebt, sollte ihm jedoch am Ende unnötiges Leiden ersparen.


Das alte Pferd – das ist ein weites Themenfeld. Nur schon die Abgrenzung gestaltet sich schwierig. Wann ist ein Pferd alt? Es gibt kein festgelegtes Rentenalter. Pferde altern individuell sehr unterschiedlich. Dies bestätigt auch Pferdefacharzt Dr. Martin Kummer von der Pferdeklinik Thurland in Uzwil: «Es kommt sehr auf die Rasse an. Tatsache ist, dass Warmblüter grundsätzlich schneller altern als beispielsweise Isländer. Ein Warmblüter ist ab ungefähr dem 20. Lebensjahr ein altes Pferd. Isländer sind oft mit 25 Jahren noch sehr fit und können gut bis 35 Jahre alt werden.» Bei den Warmblütern hingegen sei es eher selten, dass sie 30 Jahre und älter werden. «Aber genau definieren kann man das nicht – es gibt einerseits das Alter anhand der Papiere und andererseits das Alter anhand des Zustandes des Tieres.» Aber auch bei bester Pflege ist es irgendwann so weit: Das Ende naht. Der Pferdebesitzer hat die Verantwortung, zu entscheiden, wann sein Pferd aus dem Leben scheidet. Denn nur selten sterben Pferde friedlich und plötzlich von alleine. Der Entschluss, ein Tier einschläfern zu lassen, fällt uns meist sehr schwer. Wir hängen an ihm und unsere Gefühle lassen sich nicht damit vereinbaren, seinem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen.

Herz und Verstand im Zwiespalt

Meistens geht dem Zeitpunkt des Todes ein schwieriger Entscheidungsprozess voraus. Und oft tragen unser Verstand und unser Herz einen schmerzhaften Kampf miteinander aus. Das Pferd kann zu einem genauso wichtigen Partner werden wie der beste Freund. Diese starke Bindung führt oft zu komplizierten Situationen, in denen sich unser Beschützerinstinkt, unser Verantwortungsgefühl und unser Sinn für Loyalität gegenüber unserem treuen Begleiter gegen unseren Verstand wehrt.

Der Senior geniesst den täglichen Weidegang.

Der Verstand sagt: «Mein Pferd ist alt, es leidet, sein Gesundheitszustand ist aussichtslos. Ich sollte das Tier erlösen.» Das Herz hält dagegen: «Ich liebe ihn, er braucht mich, ich kann mich nicht von ihm trennen.» In dieser Zeit tauchen immer wieder die gleichen Fragen auf: Ist jetzt der richtige Moment gekommen? Ist es nicht zu früh? Ist es nicht zu spät? Wenn sich die Frage nicht stellt, dann meist, weil die Antwort offensichtlich ist: Das Tier ist entweder nicht mehr zu retten oder dem Besitzer fällt es leicht, es zu ersetzen. Insbesondere beim alten Pferd sind wir aber gezwungen, über Leben und Tod zu entscheiden. Wir wählen an Stelle unseres Tieres das, was in unseren Augen das Beste ist. Und diese Wahl, diese Entscheidung, fällt uns meist unheimlich schwer. Zögert man die Entscheidung zu lange hinaus, so verwischen sich die Grenzen zwischen künstlicher Lebensverlängerung, Miss­handlung und guten Absichten. Wartet man nicht lange genug, könnte man es später bereuen.

Lebensqualität an erster Stelle

Massstab für diesen Zeitpunkt sollte immer die Lebensqualität des Pferdes sein. Zwar verbringen unzählige alte Pferde den Rest ihres Lebens auf einer Altersweide. Doch ist dies immer die beste Lösung für das Tier oder zögern wir aus Egoismus einfach die Entscheidung hinaus? Dr. Martin Kummer sagt dazu: «Es gibt Altersweiden und Altersweiden. Wenn eine riesige Gruppe auf kleinstem Raum und auf graslosem Untergrund gehalten wird, so ist das bestimmt fragwürdig.»  Wenn aber eine vernünftige Gruppengrösse besteht, die sozial zusammenpasst und der Betreiber ein seriöses Weidemanagement betreibt, so könne die Altersweide durchaus etwas sehr Schönes sein. «Aber», fügt Kummer an, «man muss sich im Klaren sein, dass nicht a priori jedem Pferd gedient ist, wenn es auf die Altersweide gestellt wird.» Für ihn persönlich müsse auch das alte Pferd auf der Altersweide im Schritt noch ohne Lahmheit gehen können und nicht humpeln, sonst werde die ethische Grenze überschritten. Für das Fluchttier Pferd ist Bewegung nicht nur wünschenswert, sondern unverzichtbar.

Auch der Entscheid zu einer Altersweide sollte gut überlegt werden.

Ständige Schmerzen machen dem Tier das Leben zur Qual. «Wenn der Punkt erreicht wird, an dem eine Lahmheitsproblematik nicht mehr vernünftig behandelt werden kann, so ist der Punkt der Entscheidung erreicht. Ebenso wenn ein Tier stark abmagert, weil es nicht mehr fressen kann, oder wenn es Mühe hat, aufzustehen, weil es muskulär schon so stark abgebaut hat. «Leider würden immer mehr Pferdebesitzer die Altersweide als «Abschied in Raten» missbrauchen und damit das Einschläfern aus Egoismus zu lange hinauszögern. «Wir dürfen nicht vergessen, dass wir das Pferd domestiziert haben und deshalb den natürlichen Tod, wie er in der Wildnis eintritt, damit grösstenteils ausschliessen», so der Uzwiler Tierarzt. Wer sein Pferd liebt, wird ihm auch am Ende unnötiges Leiden ersparen. Für den seriösen Pferdebesitzer sollte  deshalb stets Lebensqualität über Lebenszeit stehen.

Geld und Zeitaufwand

Ein weiterer, oft nicht gern erwähnter Grund für eine Entscheidung gegen das Tier kann die finanzielle Situation sein. Hundesportler beispielsweise können neben dem aktiven Sporthund meist eher noch zwei, drei Hunde im Rentenalter betreuen. Finanziell ist dies zwar eine Mehrbelastung, jedoch im Normalfall tragbar. Bei Pferdesportlern ist dies in vielen Fällen nicht möglich. Insbesondere dann nicht, wenn die Pferde nicht auf dem eigenen Hof gehalten werden können, sondern im Pensionsstall respektive auf der Altersweide untergebracht sind. Hier übersteigen die Kos­ten sehr schnell die finanziellen Grenzen der Pferdebesitzer. In diesem Fall muss sich der Tierbesitzer oftmals zwischen einem Verkauf oder gar der Tötung des Tieres oder aber  dem Verzicht auf die sportliche Karriere entscheiden. Mit in die Waagschale fallen auch unsere Fähigkeit und unser Wille, das alte Tier aufwendig zu pflegen und die Kosten einer Behandlung zu tragen.
Bewusst gegen die weitere Ausübung des Turniersportes und für die Betreuung ihres Seniors entschieden hat sich Brigitte Engeler aus Wald. Ihr mittlerweile 31-jähriger Akteur ist bereits seit beinahe 24 Jahren in ihrem Besitz. Vor sieben Jahren hat sie ihn zum letzten Mal an einem Turnier eingesetzt. «Akteur wegzugeben, kam für mich nie in Frage», sagt Engeler. Da sie sich aber zwei Pferde weder zeitlich noch finanziell leis­ten wollte und konnte, habe sie sich aus Überzeugung dafür entschieden, den Springsport aufzugeben. Seither wird der braune Hannoveranerwallach regelmässig geritten und er geniesst täglichen Weidegang. Zur leichten Arthro­se, die er seit ein paar Jahren hat, sind seit letztem Dezember noch Herz- und Nierenproble­me gekommen. Trotzdem zeigt er noch sehr viel Lebensfreude und Vorwärtsdrang. «Er ist ein Pferd, das beschäftigt und bewegt werden will. Auch wenn wir jetzt nur noch ab und zu kurze Ausritte oder Spaziergänge machen, blüht er jeweils richtig auf und man spürt, dass er noch will.»
Solange es ihm körperlich und seelisch gut gehe, werde sie sich nicht von ihm trennen. «Ich würde auch medizinisch noch einiges versuchen, solange sein Leben noch lebenswert bleibt und er keine Schmerzen hat.» Eine Operation käme für sie jedoch nicht mehr in Frage. «Einen längeren Klinikaufenthalt und grosses Leiden will ich Akteur keinesfalls mehr zumuten.»

Das Wohl des Pferdes an erster Stelle

Engeler geniesst die Zeit, die ihr mit ihrem Senior noch bleibt. Sie ist sich aber bewusst, dass jeden Tag der Moment der Entscheidung kommen könn­te. Den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, liege ihr sehr am Herzen.

Brigitte Engeler und der 31-jährige Akteur.

«Ich habe mich schon lange und intensiv mit dem Gedanken befasst und ich bin darauf vorbereitet», sagt die Pferdebesitzerin. Klar ist für sie, dass er auf der heimischen Weide eingeschläfert werden soll. «Ich will bei ihm sein bis zum Schluss.» Danach will sie ihr Pferd kremieren lassen. Doch nicht alle Pferdebesitzer machen sich bereits zu Lebzeiten ihres Tieres Gedanken über dessen Tod. Sie schieben die Entscheidung vor sich hin, haben Angst davor, nicht das Richtige zu tun. In diesem Fall rät Dr. Martin Kummer, eine externe, objektive Meinung einzuholen. «Das muss nicht zwingend ein Tierarzt sein. Oft leistet ein Bekannter mit vernünftigem Pferdeverstand ebenso gute Dienste.» Denn Tatsache sei, dass der direkt Betroffene im entscheidenden Moment einfach nicht mehr ganz so objektiv ist. Eine externe Meinung könne dabei sinnvoll und sehr wertvoll sein. «Gerade in ethisch grenzwertigen Fällen hat aber auch der Tierarzt Verantwortung zu übernehmen. Das Tier soll nicht nur Wirtschaftsobjekt sein», so Kummer. Ein Tierarzt sei verpflichtet, die ethischen Grundsätze einzuhalten und für das Tier zu handeln. «Oft aber ist es für einen Tierarzt leichter, weitere Behandlungen zu empfehlen, als dem Besitzer zum Einschläfern zu raten.» Für Martin Kummer jedoch ist eines klar: «Ein Entscheid darf niemals auf Kos­ten des Tierwohls gefällt werden.»

 

Nachtrag
Die Altersbeschwerden des Hannoveranerwallachs Akteur haben sich in den vergangenen Wochen stark verschlimmert. In Absprache mit der Tierärztin hat sich seine Besitzerin Brigitte Engeler entschieden, den 31-Jährigen zu erlösen. Akteur durfte zu Hause auf seiner Weide, im Beisein seiner Besitzerin, friedlich einschlafen.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 23/2017)

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