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Max E. Ammann
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Standpunkt

Die Interalliierten Spiele (Interallied Games) von 1919

07.11.2017 13:43
von  Max E. Ammann //

Der wohl aussergewöhnlichste Grossanlass in der Geschichte des internationalen Sports waren die Interalliierten Spiele von 1919 – also vor bald 100 Jahren. Teilnahmeberechtigt bei diesem Anlass waren nur die Siegermächte des Ersten Weltkriegs. Als Austragungsort baute man ausserhalb von Paris, beim Bois de Vincennes, speziell ein Stadion, das man zu Ehren eines US-amerikanischen Generals des Ersten Weltkriegs «Stade Pershing» taufte.

Während zwei Wochen, vom 22. Juni bis 6. Juli 1919, wurde das gesamte damalige olympische Sportprogramm geboten, ergänzt durch einige zusätzliche Schiesswettbewerbe sowie, als einmalige sportliche Kuriosität, einen Wettbewerb im Handgranatenwerfen. 1500 Sportler aus 18 Nationen nahmen teil. 28 Nationen waren eingeladen – zehn verzichteten auf eine Teilnahme, darunter Polen und die neugeschaffene Sowjetunion, die in einen Krieg verwickelt waren. Zu den eher obskuren Teilnehmerländern gehörten die heutige kanadische Provinz Neufundland (damals eigenständiges Dominion im britischen Weltreich) und das Königreich Hejaz oder Hedschas, damals mit einem haschemitischen König, heute mit den Städten Mekka, Dschidda und Medina zum Königreich Saudi-Arabien gehörend. 19 Sportarten waren auf dem Programm, darunter der Pferdesport mit drei Prüfungen: Einzelspringen, Paarspringen sowie Vielseitigkeit (Einzel und Mannschaft).

Nur Soldaten zugelassen

Sämtliche Teilnehmer mussten ehemalige oder aktive Soldaten der eingeladenen Siegermächte sein. Alle waren in Uniform und untergebracht wurden sie in den Kasernen in und um Paris. Deutschland, als Verlierer des Ersten Weltkrieges, fehlte. Es dauerte bis Mitte der 20er-Jahre, bis Deutschland wieder in die internationale Sportfamilie aufgenommen wurde. Die Olympischen Spiele von 1920 und 1924 fanden ohne deutsche Beteiligung statt. Natürlich fehlte auch die Schweiz, die sich als neutrales Land aus dem Krieg ferngehalten hatte.

Französischer Vielseitigkeitssieg

Die Vielseitigkeitsprüfung im Bois de Vincennes war, nach der olympischen Military von 1912 in Stockholm, der zweite grosse internationale Wettbewerb. 22 Reiter aus sieben Ländern nahmen teil – die Medaillen gingen an Frankreich, die USA, Belgien und Italien, also die vier Nationen, die – abgesehen von Schweden – zu jener Zeit im internationalen Pferdesport führend waren. Wie auch im Jahr darauf bei den Olympischen Spielen in Antwerpen gab es keine Dressur. Die Vielseitigkeit begann im Bois de Vincennes mit einem 50-Kilometer-Dauerritt, gefolgt vom Cross Country über fünf Kilometer mit zwölf Sprüngen bis einem Meter Höhe. Die erlaubte Zeit für die fünf Kilometer war 15 Minuten. Am nächsten Tag folgte das Springen im «Persh­ing Stadion». Sieger wurde der auch als Springreiter erfolgreiche französische Major Joseph de Soras auf Le ­Minottier vor dem US-Amerikaner Harry D. Chamberlin auf Nigra und dem belgischen Cmdt. Edouard Morel de Westgaver. Oberstleutnant Chamberlin, der in den Jahren darauf an drei Olympischen Spielen teilnahm und 1932 in Los Angeles mit der US-Equipe die Goldmedaille in der Military gewann, gehört als Verfasser der Reitvorschrift der US-Kavallerie zu den Grossen des amerikanischen Pferdesports. Frankreich gewann auch Mannschaftsgold vor USA und Italien.

Italiener dominieren Springprüfungen

Die Italiener dominierten die beiden Springprüfungen, vor allem der damals überragende Ruggero Ubertalli. Mit Treviso und Ernani platzierte er sich als Erster und Dritter im Einzelspringen. Dazu gab es für ihn zusammen mit Ettore Caffaratti Platz zwei im damals populären Paarspringen. Der Ru­mä­ne Filip Jacob wurde Zweiter im Einzelspringen, die Italiener Giacomo Antonelli und Alessandro Alvisi siegten im Paarspringen – zwei Franzosen wurden Dritte. Im Einzelspringen starteten 29 Reiter aus sechs Nationen, die total 55 Pferde ritten, also praktisch jeder Reiter mit zwei Pferden.

Mut für Olympische Spiele

Das damalige Königreich Hedschas, im Westen der arabischen Halbinsel gelegen, entsandte drei Reiter. Ihre Vollblutaraber konnten im 50-Kilometer- Dauerritt mithalten. Aber bei den ein Meter hohen Hindernissen im Cross Country scheiterten sie. Capt. Fowzi war mit dem Araberschimmel Masaud Siebter nach den 50 Kilometern, schied aber im Cross aus. Man kann annehmen, dass der organisatorische Erfolg dieser einmaligen Interalliierten Spiele von 1919 dem Internationalen Olympischen Komitee den Mut gab, bereits 1920 wieder Olympische Spiele zu veranstalten. Zwar hatte das IOC bereits am 3. April 1919 entschieden, die Offerte der belgischen Hafenstadt Antwerpen anzunehmen, die siebten Olympischen Spiele zu organisieren. Aber die Zweifel waren weit verbreitet und gross. Es dauerte dann auch fast ein Jahr, bis im Februar 1920 aus Antwerpen ein Programm­entwurf kam, der sich auf Stockholm 1912 und die Erfahrungen der interalliierten Spiele abstützte. Alles in allem wurden die Olympischen Spiele in Antwerpen erfolgreich durchgeführt, darunter auch die Reitwettbewerbe. Die wichtigsten Kritikpunkte waren der lokale Transport, fehlende Werbung und zu hohe Eintrittspreise.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 44/2017)

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