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Max E. Ammann
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Standpunkt

Reiten für zwei Länder

12.10.2021 11:25
von  Max E. Ammann //

Noch in den 50er-Jahren waren die Zulassungsbestimmungen zu den Olympischen Spielen strikt und undurchlässig. Nicht nur in der Amateur-Profi-Frage, in der nur «blütenreine» Amateure zu den Spielen zugelassen waren. Es gab auch die strikte Haltung des Internationalen Olympischen Komitees gegen jeden Nationenwechsel (mit Ausnahme von Heirat). Selbst als 1956, nach dem Ungarn-Aufstand und der Invasion durch die Sowjetunion, viele Sportler flohen, hiess es: Sie dürfen nur für Ungarn starten. So kam es in Melbourne zum denkwürdigen Wasserballspiel zwischen Ungarn und der Sowjetunion, in dem die ungarischen Spieler ihre ungeliebten Gegner unter Wasser blutig kratzten.
Dies alles wurde später gelockert. 1992 waren die amerikanischen Basketballprofis die Sensation der Olympischen Spiele in Barcelona. Das «Dream Team», das natürlich die Goldmedaille gewann, wurde zum geflügelten Wort. Noch früher, in den 70er- und 80er-Jahren, kam es zu unangefochtenen Nationenwechseln, nicht zuletzt bei den Springreitern.

Hugo Simon

Der erste derartige Nationenwechsel, der Aufsehen erregte, betraf den in Deutschland geborenen Hugo Simon, der dank einer österreichischen Grossmutter auch den österreichischen Pass hatte. Hugo, der für Deutschland einige Nationenpreise bestritten hatte, fand mit seiner sehr unorthodoxen Reitweise kein Gehör bei den deutschen Selektoren – nur an seiner Stute Fair Lady waren sie inte­ressiert. An den Olympischen Spielen von 1972 in München wurde der Österreicher Hugo Simon mit dem Ersatzpferd Lavendel Vierter – ex aequo mit dem besten Deutschen Hartwig Steenken. Bei den in den 70er-Jahren einsetzenden Nationenwechseln erstaunte, ja amüsierte, dass sich einige der Reiter für Länder mit eher bescheidenem Pferdesportinteresse entschieden: Plötzlich ritten sie für Luxemburg oder die Niederländischen Antillen.

Vermehrte Startmöglichkeiten

Fragte man nach Gründen für diese Nationenwechsel, so gab es eine breite Auswahl an Antworten. Da waren nicht zuletzt Reiter, die in ihrem Geburts- und Heimatland nur zweite oder gar dritte Garnitur waren. Sie versprachen sich mit dem Nationenwechsel vermehrte internationale Startmöglichkeiten. Dies auch, weil internationale Organisatoren stolz auf möglichst viele Flaggen teilnehmender Nationen waren. Der CHIO Aachen, zum Beispiel, wies immer wieder auf die grosse Zahl der Länder hin, die ihre Flaggen in der Soers als Teilnehmer aufhängen durften. Ein anderer Grund für einen Nationenwechsel waren Konflikte mit der nationalen Federation. In mehreren Fällen spielte auch die Heirat eine Rolle, indem der Ehemann nicht nur ins Land seiner Angetrauten zog, sondern gleich auch deren Nationalität annahm.

Niederländische Antillen statt Niederlande

Das wohl bizarrste Pferdeneuland jener Jahre waren die Niederländischen Antillen in der Karibik. Für sie interessierten sich natürlich die Niederländer. Pionier war der Militaryreiter Eddy Stibbe, der sich trotz einer Bronzemedaille bei der EM 1993 vom niederländischen Pferdesportverband zu wenig res­pektiert fühlte. 2000 und 2004 ritt er für die Niederländischen Antillen bei den Olympischen Spielen. Fast zur gleichen Zeit hatten zwei niederländische Viererzugfahrer die gleiche Idee. Bei der übermächtigen Konkurrenz mit Tjeerd Velstra, IJsbrand Chardon, Ton Monhemius, Mark Weusthoff, Ad Aarts etc. (alles WM-Medaillengewinner) sahen sie keine Chance, je zu einem Auslandsstart bei einer WM oder in Aachen zu kommen. Dank ihres Nationenwechsels konnten sie tatsächlich bei einer Vierspänner-WM für die Niederländischen Antillen starten.

Kroatien, Bulgarien, Ukraine

Der deutsche Unternehmer und Hobbyreiter Hermann Weiland fand die zu den USA gehörende Pazifikinsel Guam in Mikronesien mit seinen 160000 Einwohnern. Er erhielt eine Lizenz, merkte aber bald, dass mit Guam wenig zu machen war und so fand der Golfanlagenbetreiber Weiland mit Kroatien eine neue Heimat. 1992 ritt er mit dem neuen Pass an den Olympischen Spielen in Barcelona und 1995 bei der EM in St. Gallen. Der Schweizer René Amstutz ritt anfangs der 90er-Jahre für Kuba. Ende der 90er-Jahre, im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2000, trat Bulgarien in die Szene. In der Folge ritten der in der Schweiz lebende Deutsche Cesar W. Lüthi, Schwiegersohn von Günter Orschel, und die Neuseeländerin Samantha McIntosh in Sydney für ihr neues Land, zusammen mit einem talentierten jungen Bulgaren.
Acht Jahre später lockte die Ukraine, wo der Neureiche Ale­xsandr Onischenko pferdesportliche Ambitionen hatte. In Hongkong 2008 ritten so, neben Onischenko, der Belgier Jean-Claude van Geenberghe und die beiden Deutschen Björn Nagel und Katharina Offel für die Ukraine. In den darauffolgenden Jahren stiessen die Deutschen René Tebbel und Ulrich Kirchhoff (1996 Olympiasieger), der Ungare Ferenc Szentirmai, der Brasilianer Cassio Rivetti und der Belgier Gregory Wathelet zum ukrainischen Springteam. Mit Ausnahme von Wathelet kamen alle zu Olympiastarts für ihr neues Land. Wathelet wechselte später wieder zurück nach Belgien (auch das ist möglich) und ritt 2012 für sein altes und neues Heimatland bei den Olympischen Spielen.

Rückkehrer

Es gibt weitere solcher Rückkehrer: Da ist Mario Delauriers, Weltcupfinalsieger 1984 und Olympiareiter für Kanada, bevor er den amerikanischen Pass erhielt. Heute reitet er wieder für Kanada. Peter Charles wurde 1995 in St. Gallen Europameister für Irland. Dann ritt er über ein Jahrzehnt für Grossbritannien, bevor er wieder die irischen Farben trug. Armand Leone, der älteste der drei reitenden Leone-Brüder, startete als US-Amerikaner bei einigen Weltcupfinals. Dann heiratete er die australische Millionärstochter Susan Bond und bestritt mit der australischen Equipe mehrere Nationenpreise. Heute, nach dem Drogentod seiner Ehefrau, reitet er wieder für die USA.

Luxemburg und Österreich

Für Luxemburg ritten zuerst der belgische Medaillengewinner von 1976, Edgar-Henri Cüpper, und sein Landsmann Christian Huysegoms, dann der Deutsche Jürgen Kenn und schliesslich dessen Landsfrau Maria Haugg. Auch Österreich verstärkte sich nach dem Zuzug von Hugo Simon weiter. Aus den Niederlanden kam Henk Hulzebos (er kam 1976 zu einem Olympiastart) und aus der Tschechoslowakei Boris Boor, der gar mit der österreichischen Spring­equipe 1992 in Barcelona olympisches Silber gewann. Später wurde der Schweizer Viererzugfahrer Chris­tian Iseli, WM-Zweiter von 1974, zum Österreicher.

USA und Kanada

Mehrere Viererzugfahrer wechselten in die USA, so der Niederländer Sem Groenewoud, der Deutsche Emil-Bernard Jung und der Brite David Saunders. Auch Amerikaner wurde der britische Springreiter Tim Grubb nach dessen Heirat mit der Amerikanerin Michelle McEvoy. Ebenfalls nach seiner Heirat wechselte der Dressurreiter Sven Rothenberger von Deutschland in die Niederlande. Nach Kanada zog es Neckermann-Tochter Eva-Maria Pracht, die mit der kanadischen Dressurequipe in Seoul 1988 Bronze gewann. Auch der US-Springreiter Mac Cone wurde Kanadier.

Lansink und Sloothaak

Bleibt der Wechsel von Jos Lansink von den Niederlanden nach Belgien. 1988 bis 2000 ritt er viermal für die Niederlande bei Olympischen Spielen (Mannschaftsgold 1992), dann 2004 bis 2012 dreimal für Belgien. Ein früher Wechsler war Franke Sloothaak. Als Junior ritt er für die Niederlande 1974 bei der Junioren-EM in Luzern. Später, nun im Stall Schockemöhle, wurde er Deutscher. Zu erwähnen weiter der Wechsel des Australiers Jeff McVean zu Neuseeland, des Belgiers Lionel Collard-Bovy zu Argentinien und des Australiers Phillip Dutton zu den USA.

Theodorescu und Turi

Georghe Theodorescu kam 1956 als Mitglied der rumänischen Dressurequipe an die Olympischen Spiele in Stockholm. Er blieb im Wes­ten und wurde deutscher Staatsbürger. Joe Turi kam als ungarischer Flüchtling nach England. Dort wurde er ein erfolgreicher Springreiter. 1988 nahm er als Brite an den Olympischen Spielen teil. 1996 kehrte er in das nun nicht mehr kommunistische Ungarn zurück, wo er 2003 nach einem Unfall starb.

Ehefrauen

Eine separate Kategorie sind die Ehefrauen, die nach der Heirat die Nationalität ihres Ehemannes erhielten: Helena Weinberg, geborene Dickinson, von Grossbritannien zu Deutschland, Anneli Wucherpfennig, geborene Drummond-Hay, von Grossbritannien zu Südafrika, Ninna Swaab, geborene Stumpe, von Schweden zu den Niederlanden und Meredith Beerbaum, geborene Michaels, von den USA zu Deutschland und weitere.

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 41/2021)

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