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Max E. Ammann
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Standpunkt

Von Buchstaben im Viereck und den Schleifen

20.02.2018 11:16
von  Max E. Ammann //

Immer wieder erhalte ich Anfragen von Pferdefreunden, die sich über die Gründe von Eigenarten im Pferdesport erkundigen. Einige kann man aufgrund der Lektüre von FEI-Dokumenten beantworten, bei einigen kann man nach Fotoindizien eine mögliche Erklärung geben. Weitere bleiben ein Rätsel.

Im Juli letzten Jahres kam aus den USA die Anfrage, wann das Mindestgewicht abgeschafft wurde. Die Lektüre alter FEI GV-Protokolle gab die Antwort: Im Dezember 1982 beschloss die­se, alle Gewichtseinschränkungen abzuschaffen. Das bedeutete kein Blei mehr für die Amazonen. Dies war eine einfache Anfrage.
Schwieriger, ja unlösbar, ist die Frage nach den Buchstaben um das Dressurviereck. Vor mir liegt eine Anfrage aus Deutschland aus dem Jahre 1982 und eine aus den USA von 1991, mit Kopien meiner Antworten. Dem Herrn Meyerding antwortete ich 1982, dass bereits 1912, bei den ersten Olympischen Reiterspielen, Buchstaben verwendet wurden – andere als heute, und mit etwas mehr Logik. Die vier Ecken trugen die Buchstaben A – B – C – D. Jeweils in der Mitte der vier Umrandungen standen U – V – Y – Z und im Viereck selber gab es, imaginär, ein O, ein P und ein X.
1920, bei den zweiten Olympischen Reiterspielen, immer noch ohne FEI, verwendete man keine Buchstaben. 1924 in Paris, drei Jahre nach der Gründung der FEI, wurden sie auf Olympiaebene eingeführt. Das heutige System ist bereits erkennbar, allerdings sind es nur acht Buchstaben in der Umrandung und zwei im Viereck. Aber 1952 erweiterte man den unlogischen Buchstabensalat auf zwölf Buchstaben in der Umrandung und fünf im Viereck.
Als Mr. McLain 1991 seine Anfrage sandte, hatte ich, trotz Lektüre praktisch aller FEI-Dokumente, noch immer keine Ahnung über die Logik in der Anordnung der 17 Buchstaben, vielleicht mit Ausnahme des imaginären X im Mittelpunkt des Vierecks. Warum aber in der Mitte der vier Umrandungen A – B – C – E (und nicht D) stehen? Dafür gibt es keine Erklärung.

Siegerschleifen

Vor einiger Zeit kam eine Anfrage aus Schweden. Die junge Dame wollte wissen, warum bei pferdesportlichen Wettbewerben den Pferden bei der Siegerehrung Schleifen (oder Flots) angehängt werden. Wann, wie und wo begann diese Tradition? Erstaunlicher­weise wurde mir diese Frage in all den Jahrzehnten zuvor nie gestellt. Beim sorgfältigen Durchschauen einiger Bücher, so «Geschichte des Pferdesports» aus dem Jahre 1976 oder den beiden FEI-Büchern von 2006 und 2010 («The FEI Championships» und «Equestrian Sport at the Olympic Games») erkannte ich, dass es Schleifen bereits im 19. Jahrhundert gab.
Da war eine Aufnahme des damals berühmten belgischen Berufsreiters Georges van der Poele aus dem Jahre 1895 und eine des gleichermassen erfolgreichen französischen Herrenreiters Graf Louis d’Havrincourt aus dem Jahre 1898. Auf beiden Aufnahmen trugen die Siegerpferde, Black Rose und Dolly, eine Schleife links am Kopf.
Auf zwei Aufnahmen der Mannschaftssiegerehrung der Vielseitigkeits­prüfung der Olympischen Spiele von 1912 sieht man je drei Reiter von Schweden, Deutschland und den USA; deren Pferde trugen alle Schleifen, teils links, teils rechts. Auf einer Aufnahme der siegreichen russischen Equipe im Nationenpreis von 1913 in der Londoner Olympiahalle trugen die drei Pferde die Schleifen vorne auf der Stirn.
Dann gibt es die oft publizierte Aufnahme der Siegerehrung der ersten FEI-Military von 1927 auf der Hausermatte in Luzern. Vier Pferde sind erkennbar mit grossen weissen Schleifen. Ganz links der Sieger, Prinz Sigmund von Preussen, der drei Tage später nach einem Sturz im Training auf der Luzerner Allmend verstarb. Daneben, ebenfalls zu Pferd, der Däne Jensen, der Schweizer Ernest Haccius und der Bulgare Kroum Lekarsky. Zu Fuss der drittplatzierte ungarische Capt. Graffi, mit dem Flots und der Stallplakette in seinen Händen.
Ohne Beweise dafür zu haben, kann man annehmen, dass das Anhängen von Schleifen oder Flots mindestens auf die frühen Jahre des 19. Jahrhunderts zurückgeht, also Jahrzehnte, bevor es in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts erste verbürgte Springprüfungen gab.
Bei den damals populären Pferdeschauen – daher der heute noch gebräuchliche englische Name «Horse Show» – führten der Landadel und die wohlhabenden Bauern ihre Pferde vor, die nach «Conformation and Manners» gerichtet wurden (Körperbau und Manieren). Dem Siegerpferd wurde eine Schleife angehängt (to pin the ribbon). Von England aus ging der Brauch in die USA und auf den Kontinent. Wahrscheinlich zuerst nach Frankreich, Belgien und die Niederlande. In den USA ist noch heute der Akt des Anhängens der Schleife (to pin the ribbon on the horse) der symbolische Beweis für den Sieg des Pferdes. Dabei muss die Siegerschleife blau sein. Des Öfteren werden in den USA bei der Aufzählung von Erfolgen nicht die Siege gezählt, sondern die Zahl der «blue ribbons».

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 7/2018)

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