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In eigener Sache

Unsere neue Kolumnistin Olga Kuck wohnt in Lenzburg und studiert Publizistik und Kommunikation an der Universität Zürich. In ihrer Freizeit schreibt sie sehr gerne, doch ihre grösste Leidenschaft ist das Reiten. Seit vier Jahren wird sie von ihrem Wallach Cornet’s Yuri begleitet, dessen Heldentaten ihr immer wieder Geschichten für die Kolumne liefern, die ihr gerade zu lesen beginnt. Sie freut sich sehr darauf, euch in ihre kleine Welt mitzunehmen.

 

 


Mittwoch, 2. Mai 2018

Krieg auf dem Abreitplatz

Turniere zu reiten ist ein harter Job. Was sich da zwischen Anhänger und Jurywagen zuträgt, ist teilweise an Absurdität nicht zu toppen. Weltweit gelingt es bis heute nicht, den Frieden dauerhaft zu bewahren und dieses Naturgesetz macht selbst vor der Pferdewelt nicht Halt. Auch die zwischenreiterliche Harmonie ist ein zartes Pflänzchen und oft genügt ein kleines Detail – zack, schon kommt es zum Ausbruch einer hysterischen Pöbelei. Erleben möchte man es eigentlich nicht immer, aber es macht rückblickend immer Spass, darüber zu erzählen. Mein Lieblingsthema: das Warmreiten auf Springturnieren.

Manchmal kommt es mir so vor, als würde der Wettbewerb schon auf dem Abreitplatz beginnen. Hier werde ich knallhart für meinen Optimismus abgestraft und ab und zu sogar im wortwörtlichen Sinn auf den Boden der Tatsachen geholt. Es ist sandig hier unten. Dort angekommen frage ich mich jedes, wirklich jedes einzelne Mal, warum ich mir die Turnierreiterei überhaupt antue. Wieso kann ich mich nicht einfach damit zufriedengeben, mit Cornet gemütlich durch Wald und Wiese zu schleichen? Aber «au contraire», das wäre mir dann wahrscheinlich wieder viel zu leicht.

Ja, manchmal komme ich mir auf dem Abreitplatz vor wie auf einem Tretminenfeld. Die Gründe sind eigentlich immer dieselben: Mangel an Platz (sobald der letzte Sprung der Prüfung steht, versammelt sich Kraut, Rüebli und die dazugehörende Sippschaft auf dem Viereck), Mangel an Material (alle wollen auf der A-Volte reiten, wir haben aber nur eine), Mangel an Denkkapazität (nach den Kunstwerken, die gewisse Reiter aus ein paar Stangen und Böcken hinpflanzen, müsste man eine neue Kunstära benennen und wo war nochmal rechts?). Der helle Wahnsinn!

Wenn die Gemüter immer gereizter werden, die Peitschen immer lauter knallen und die Ersten schon durch die Tücken des Lebens ausselektioniert wurden, gilt es, sich die eigene Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. «Survival of the fittest» schiesst es mir dann jeweils durch den Kopf, du bist eine kämpferische Natur, du darfst keine Schwäche zeigen! Pferde riechen Angst und auch die sind froh drum, das schwächste Glied mit einem gezielten Huftritt aus dem Platz zu mobben, um sich dann endlich in Ruhe warmreiten zu lassen.

Zügellos wird die ganze Geschichte, wenn die Prüfung eingeläutet wird. Oft bilden sich zu diesem Zeitpunkt die ersten Zwecksfraktionen: Eltern, TTs oder Pferdebesitzer (wenn man Pech hat, wird alles durch eine Person verkörpert) gegen die Konkurrenzparteien. Mistboys werden zu Lanzen, Abschwitzdecken zu Abwehrdämpfern, Gelnägel der Mamis zu Nahkampfwaffen. In jedem Reiter keimt plötzlich der kriegerische Wunsch auf, sofort den Oxer reiten zu müssen und mir und meinem ahnungslosen Ross bleibt nur noch die hinterste Ecke der Bahn, um dem Schussfeuer aus Hufen, Flüchen, fliegenden Hindernisstangen und – wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist – auch Reitern zu entgehen.

Meist ist das der Moment, in dem ich meine patentierwürdige Geheimwaffe einsetze: altmodische Anstandswerte. Hobbycholeriker sind so schockiert über ein «Sorry, ha di nid gse», dass sie sich beschämt selbst heilen, die Tränli trocknen, so rasch wie sie losgeflossen sind und das Karma der laufenden Prüfung scheint gleich ein bisschen sauberer. Entschuldigungen oder Vortritte sind zwar ganz offensichtlich nicht mehr hip und trendy, weil uns wegen #yolo für solche Belanglosigkeiten keine Zeit bleibt, aber das Resultat ist fantastisch, versprochen.

Vielleicht trete ich mit diesem Text ja einen Anstands-Hype aus, das wäre schön. Bis zum Eintritt einer globalen Wirkung werde ich aber vermutlich keine Turniere mehr reiten. Ganz entgehen lassen kann ich mir dieses Schauspiel endslebens wahrscheinlich nicht. Dann sitze ich am Rand und geniesse das Ganze mit gesundem Sicherheitsabstand. Mental wie physisch. Erleben möchte man den Krieg auf dem Abreitplatz vielleicht nicht immer, aber es macht rückblickend immer Spass, darüber zu schreiben. Irgendjemand muss es doch tun.


Mittwoch, 21. März 2018

Vier Jahre voller Cornet Teil 2

Letzte Woche hatte ich im Stall einen kleinen Erleuchtungsmoment. Als ich Cornet über das frisch gebürstete Fell strich, wurde mir wieder mal bewusst, dass ich mein Pferd schon vier ganze Jahre besitze. Es wäre hart untertrieben zu sagen, dass ich während der vier Jahre dazugelernt habe. Das erste eigene Pferd, das verändert einen komplett, das sage ich euch. Heute bin ich ein anderer Mensch. Ich glaube, dass dasselbe ebenso für Cornet gilt, denn auch er ist an seiner Aufgabe als reitbarer Untersatz und Zentrum des «Olgaversums» gewachsen. Diesen Gedanken spinnte ich weiter und kam zu ein paar Erkenntnissen, die ich in vier Jahren als praktizierende Cornet-Besitzerin gelernt habe. Heute mit den beiden letzten Teilen 3 und 4.

Teil 3: Fehler machen Meister

Früher hatte ich Angst vor dem Scheitern. Wenn mir vor einem Concours durch die Gedanken waberte, dass dies oder jenes schiefgehen könnte, war meine Laune im Keller. Was passiert, wenn ich einen Fehler mache? Das sieht ja praktisch die ganze Welt? Dank Cornet und seiner Ausbildung hat sich meine Sicht massiv aufgetan, denn Fehler und Missverständnisse wurden zur Tagesordnung. Ich verstehe nicht immer, was in seinem Kopf passiert, genauso versteht auch er mich manchmal (okay: sehr oft) nicht. In den vier Jahren habe ich nicht nur gelernt, geduldiger mit ihm zu sein, sondern auch mit mir selbst. Und ich muss­te einsehen: Zuoberst auf dem Siegertreppchen zu stehen, ist super, aber Erfolge machen mich bequem und phlegmatisch, Fehler und neue Ziele dagegen sehr hungrig.
Frage: Muss man überhaupt zwingend erfolgreich sein, um glücklich zu werden? Ich glaube nicht. Solange man etwas oder jemand hat, bei dem man sich zu Hause fühlt, wird man doch geschenkt glücklich. Das sollte der Ansporn sein, nicht die Schleife (kommt übrigens auch günstiger). Ich habe noch nie etwas mit so einer bedingungslosen Hingabe getan, wie die Arbeit mit Cornet und ich würde jedem Einzelnen da draussen wünschen, dass er oder sie auch so etwas findet. Wahrscheinlich werden mir einige nicht glauben, welchen Einfluss Cornet der Fellknäuel auf mein Leben hatte und bestimmt noch haben wird. Und wisst ihr, was? Manchmal glaube ich es selbst kaum.

Teil 4: Airolo–Göschenen

Standardisierten Moralpredigten über das Geld in der Pferdewelt, die angeblich totalitäre Herrschaft der guten Abstammung und die grundlegende Unfairness des Lebens – ich kann das alles nicht mehr hören. Ja, viele Reiter sind garstige Grossmäuler, die sich gerne selbst bejubeln (man findet aber solche Exemplare der Gattung Mensch auch ausserhalb der Stallgasse), worüber ich mich tief im Inneren schon seit Jahren herrlich amüsiere. Ein Weltuntergang ist das aber nicht und es ist mir mittlerweile zu mühsam, alles und jeden so nah an mich ranzulassen. Reiter zu sein, bedeutet, dass man in eine riesige, soziale Nische geworfen wird, gemeinsam mit vielen anderen Menschen, welche zwar einen gemeinsamen Nenner haben, die aber sonst wenig bis absolut nichts miteinander verbindet. Kurz: der ideale Nährboden für Konfliktherde.

 

 

 


Wenn ich zurückschaue, bin ich fast ein bisschen erstaunt, dass gerade ich, die gefühlt harmoniebedürftigste Person der Welt, diese dauernden Unstimmigkeiten unter den Pferdemenschen aushalte. Wer behauptet, dass der Reitsport ein lässiger Ausgleich zum hektischen Alltag ist, stand noch nie auf dem Abreitplatz vor einer Springprüfung. Oder stolperte im Stall mitten in ein fremdes, östrogengeladenes Geplänkel. Seit ich zum ersten Mal den Fuss in den Steigbügel gesetzt habe, war mir auf jeden Fall nie mehr langweilig. Wird die Reiterwelt ihrem Wendy-Image gerecht? Niemals. Ist sie imstande, auch dem geduldigsten Menschen den letzten Nerv zu rauben? Auf jeden Fall. Lohnt es sich trotzdem, dabeizubleiben? Absolut. Hilfe für den Ernstfall: Augen schliessen, auf siebentausend zählen und das Geschehene durch den Tunnel im Titel ziehen lassen.
Wahrscheinlich werden mir einige nicht glauben, welchen Einfluss Cornet auf mein Leben hatte und bestimmt noch haben wird. Und wisst ihr, was? Manchmal glaube ich es selbst kaum. Es würde mich freuen, von euren Erlebnissen zu lesen. Schreibt uns auf @kurzkehrt oder kuck@pferdewoche.ch!


Mittwoch, 14. März 2018

Vier Jahre voller Cornet Teil 1

Gestern hatte ich im Stall einen kleinen Erleuchtungsmoment. Als ich Cornet über das frisch gebürstete Fell strich, wurde mir wieder mal bewusst, dass ich mein Pferd schon vier ganze Jahre besitze. Es wäre hart untertrieben zu sagen, dass ich während der vier Jahre dazugelernt habe. Das erste eigene Pferd, das verändert einen komplett, das sage ich euch. Heute bin ich ein anderer Mensch. Ich glaube, dass dasselbe ebenso für Cornet gilt, denn auch er ist an seiner Aufgabe als reitbarer Untersatz und Zentrum des
«Olgaversums» gewachsen. Diesen Gedanken spinnte ich weiter und kam zu ein paar Erkenntnissen, die ich in vier Jahren als praktizierende Cornet-Besitzerin gelernt habe. Heute Teil 1 und 2 von 4.

Teil 1: Ade Mutti-Modus

Als Cornet im späten 2013 zu mir kam, war ich nebst der obligatorischen Oktobererkältung anderweitig krank: nämlich krank vor Sorge. Jedes ausgefallene Schweif­haar habe ich als Symp­tom für eine Krankheit diagnostiziert. Mindes­tens tödlich. Dann wurde gegoogelt bis die Tasten brannten (bei Pferdekrankheiten gilt: es gibt nichts, was es nicht gibt) oder der leere Akku meinem Wahnsinn ein Ende setzte. Mein Umfeld fand es total unterhaltsam, dass ich zu so einer Henne mutiert war. Ich fand es anstrengend, denn ich erkannte mich teilweise selbst nicht mehr. Wer das Herz an etwas verliert, verliert gleichzeitig auch ein biss­chen den Verstand.

 

Kolumnistin Olga Kuck mit Cornets Yuri.

Heute habe ich mir eine angenehme Gelassenheit und ein dickes emotionales Fell wachsen lassen. Oh, wieder zwei Quadratmeter Fell bei irgendeinem Gerammel weggeschranzt? Passiert, er ist ein Bub. Eisen ab? Okay, ist erst das 13423. Mal. Wer die ers­ten drei Tierarztrechnungen bezahlt und den dazugehörenden Weltschmerz überlebt hat, den kann auch im nichtpferdigen Alltag mental nichts mehr killen. «Huut und Hoor wachst s ganz Johr.» ist zu einem meiner Lebensmantras geworden.

Meine Gelassenheit bezieht sich aber auch auf andere Bereiche. Ich habe gelernt, dass es sich nicht immer lohnt, an Sachen festzuhalten. Manchmal können noch viel, viel schönere Dinge passieren, wenn man den Mut hat, loszulassen. Sei­en das die Zügel oder das Leben allgemein.

Teil 2: «Bad Boys» sind out

Damals, als ich noch jung war (genial, das wollte ich schon immer mal schreiben), hatte ich eine Schwä­che für schwierige Pferde. Irgendetwas in mir fühlte sich von Bock­ern und all den Unnahbaren angezogen und dadurch fanden auch genau solche Pferde ihren Weg zu mir. Es ging mir nie darum, meine Fähigkeiten als Mustang­streichler unter Beweis zu stellen, die Gründe waren eher pragmatischer Natur. Manchmal wurde ich angefragt, da ich mich in meinem jugendlichen Leichtsinn auf alles draufgesetzt hatte, was mir unter den Sattel kam (je mehr und vor allem je arschiger, desto spannender). Manchmal war es das Inte­resse an der Situation, denn ich mag die Momente, wenn ich den Knopf im Pferdekopf verstehe. Gerade in Bezug auf das Reiten glaube ich, dass mir diese Neugier viel Demut beibrachte.
Heute weiss ich: Ich hatte Schwein, dass mir bei all den Aktionen nie etwas Gröberes passiert ist. Jetzt geniesse ich es, den Luxus zu haben, mich nur auf Cornet konzentrieren zu können – der auch regelmässig den «Bad Boy» raushängen lässt, aber beim eigenen ist es eine ganz andere Sache. Seit vier Jahren inves­tiere ich alle blauen Flecke in eine feste Beziehung und der Rest interessiert mich nicht mehr. Wenn schon leiden und an sich arbeiten, dann nur für den einen, ganz besonderen Pony-Herzbuben, dessen Blick mich jeden Tag schachmatt setzt.
Wahrscheinlich werden mir einige nicht glauben, welchen Einfluss Cornet auf mein Leben hatte und bestimmt noch haben wird. Und wisst ihr, was? Manchmal glaube ich es selbst kaum. Es würde mich freuen, von euren Erlebnissen zu lesen. Schreibt uns auf @kurzkehrt oder kuck@pferdewoche.ch.


Mittwoch, 14. Februar 2018

Willkommen bei «kurzkehrt»

Hallo lieber Reiter!

Ich freue mich, dass du bei «kurzkehrt» Halt gemacht hast! Dürfen wir uns vorstellen? Das Team dieser Kolumne bilden mein Wallach Cornets Yuri und ich – der die Ehre gebührt, sich als dazugehörende Menschin bezeichnen zu dürfen. Seit vier Jahren wird der Oldenburger von mir schonungslos geliebt, rücksichtslos bemuttert und nach seiner Lust und Laune ausgebildet.Mit seinen 162 Zentimetern ist Cornet ein ganz handliches Pferd, was für mich viele Vorteile mit sich bringt: Die Putzfläche ist auf einen ge­mütlichen Rahmen beschränkt und durch den Jö-Effekt generiert mein Pferd Sympathie am Laufband. Ausserdem kann ich runterfallen, wo immer ich will, denn ich komme auch überall wieder problemlos ohne Aufstiegshilfe aufs Pferd.

Kolumnistin Olga Kuck mit Cornets Yuri.

Cornets Hobbys sind es, hübsche Muster in sein Sattelfell zu fressen, fest verknotete Stricke zu lösen und mir voll Übereifer alles Mögliche zu apportieren, das nicht niet- und nagelfest ist. In seiner übrigen Freizeit springt Cornet schon einen sauberen R1-Parcours, je nach Tagesform mit oder ohne Reiter. Ausserdem hat er genauso wie ich eine Schwäche für Bananen-Chips und einen Hang zu friedlichen, aber entschlossenen Diskussionen.

Zu Cornet habe ich einen ganz besonderen Bezug, der tiefer geht als Freundschaft. Ich kann das nicht beschreiben, aber das ist eigentlich auch gut so, weil uns das Raum lässt, alles Verschiedene sein zu können und uns trotzdem immer wieder zusammenzufinden. Und dafür schlägt mein Herz, genau darüber möchte ich schreiben. Dieses Spiel zwischen zwei so unterschiedlichen Wesen, das auf wunderbare, unerklärliche Art und Weise funktioniert. Ich möchte weiche Texte schreiben und Sätze, die nach Heu, Mähnenspray, dem Alltag und der grossen Liebe riechen. Die grundlegenden Dinge eben, denn das, was ich durchlebe, erlebt ihr auch.

Du möchtest uns besser kennenlernen? Das freut mich, man liest sich bald wieder. Unterdessen tun Cornet und ich das, was wir nicht lassen können: Er spinnt und ich schreibe darüber.